Familienrat


Streit gibt es in jeder Familie. Die Frage ist nur, wie man ihn führt. Und vor allem: mit welchen Argumenten. Klassische Hilfestellungen für den nächsten Megaknatsch – von den Vätern (ja, Entschuldigung) kluger Gedanken. Im aktuellen Magazin finden sich dazu Antworten, formuliert von Dominik Erhard und Nils Markwardt, auf diese Fragen: Ist Zorn auf die eigenen Eltern normal? Hält Liebe eine Familie zusammen? Und direkt hier:

Ist die Familie ein Bollwerk gegen den Kapitalismus?

 

Sennett (*1943):

Bild: © CC-by-SA 4.0 Ot

Ja,

wir alle erfahren es täglich am eigenen Leib: Die Moderne fördert Egomanie.

Hier wird der Ellenbogen in der U-Bahn ausgefahren, um als Erster aus der Türe zu kommen, dort die Idee eines Kollegen als die eigene angepriesen, um sich mit fremden Federn zu schmücken. Wie Sennett in seinem Buch „Zusammenarbeit“ anmerkt, leben wir in einer Zeit, in der die Balance zwischen Kooperation und Konkurrenz zugunsten Letzterer kippt. Der einzige Bereich, den der soziale Verteilungskampf und der Imperativ des Konsums noch nicht vollständig durchdrungen haben, ist die Familie. Dieses Refugium zwischenmenschlicher Nähe, ist der letzte Schutzwall gegen die Härten der modernen Gesellschaft. Und das in zweifacher Hinsicht.

Der einzige Bereich, den der soziale Verteilungskampf noch nicht vollständig durchdrungen hat, ist die Familie

Zum einen bietet sie auch heute noch das, was im alten China unter dem Namen guanxi bekannt war: ein Prinzip, das verschiedene Generationen zur gegenseitigen Hilfe verpflichtet. Der andere Grund, warum sich die Familie als Bollwerk gegen die Zumutungen des Finanzkapitalismus verstehen lässt, zeigt sich etwa in dem aus der christlichen Lehre stammenden Begriff der agape , der gemeinsamen Mahlzeit im Kreise der Liebsten. Hier wird in ritueller Manier der Vereinzelung entgegengewirkt. Und Sennett weiß, wovon er spricht. Als Sohn einer alleinerziehenden Sozialarbeiterin in einem Armenviertel Chicagos aufgewachsen, hat er den Wert familiärer Unterstützung zu schätzen gelernt. Wie der weltweit erfolgreiche Soziologe in seinem Buch „Civitas“ bemerkt, sind es besonders die Mütter, die den Haushalt zu eben jenem Ort des Rückzugs machen, der Schutz vor den Zumutungen der Welt liefert und von dem alle Beteiligten profitieren.

Quellen: Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält“, „Civitas. Die Großstadt und die Kultur des Unterschieds

Hegel (1770-1831):

Bild: Public Domain

Nein,

die Familie als bloßen Rückzugsort vor der Welt der Arbeit und Konkurrenz zu verstehen, wäre ein fataler Fehler.

Mehr noch: Dies würde dem Sinn der Familie sogar widersprechen. Machen wir uns nämlich keine Illusionen, auch die Familie ist von jenen Machtstrukturen durchzogen, wie wir sie in allen anderen Bereichen des Lebens finden. Auch hier geht es oft genug um Geld, Macht und Rivalitäten. Wie sonst sind Erbschaftsstreitigkeiten zu erklären? Was wäre der Grund für Lieblingstöchter und schwarze Schafe? Weshalb werden Kinder verstoßen und Kontaktabbrüche zu den Eltern vollzogen? Nur ist das keinesfalls ein Beweis dafür, dass die Familie etwas Dysfunktionales wäre. Ganz im Gegenteil. Wie Hegel in den „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ darlegt, ist die Familie nämlich als eine Art Trainingslager zu verstehen, das die Jüngsten auf die Aufgaben des späteren Lebens vorbereitet.

Die Familie ist ein Trainingslager, das auf das spätere Leben vorbereitet

Nun sind Kinder an sich natürlich frei und haben das Recht auf eine Erziehung zur selbstständigen Persönlichkeit. Dennoch wird Letzteres nach Hegel in erster Linie dadurch erreicht, den natürlichen, instinkthaften Eigenwillen des Kindes, wenn nicht zu brechen, so doch zumindest zu korrigieren. Sobald das Kind zur selbstständigen Rechtsperson geworden ist, die Eigentum erwirbt und eine eigene Familie gründen kann, kommt es dann zur Auflösung des alten Familienbunds. Wobei die Familie nach Hegel auch immer eine politische Funktion hat. Wird diese nämlich durch Liebe, Fürsorge und Vertrauen getragen, verdeutlicht das ihren Mitgliedern en passant, dass die Einheit der Gemeinschaft einen höheren Stellenwert besitzt als die Eigenständigkeit der einzelnen Individuen. Die Familie ist die Keimzelle menschlicher Sozialität und somit das Fundament eines funktionierenden Staates.

Quelle: Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse


Dieser Beitrag wird in Ausgabe Nr. 1 / 2017 veröffentlicht.

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