Es wird Geister geben


Auch wenn Covid-19 irgendwann aus dem medialen Fokus verschwunden sein wird: die Toten bleiben. An der Frage, wie wir mit ihnen umgehen, entscheidet sich, welche Gesellschaft wir sein werden. Ein Denkanstoß von Fabian Bernhardt.


Dass in anderen Teilen der Welt gestorben wird, massenhaft und Tag für Tag, an den europäischen Außengrenzen, in Syrien und vielen anderen Ländern, gehört seit geraumer Zeit zur Tagesordnung. Dass dergestalt nun aber auch in Europa gestorben wird, vor unserer eigenen Haustür, das ist neu. Krankenhäuser sind überfüllt, das medizinische Personal überarbeitet, Turnhallen werden provisorisch zu Krankenstationen umgewidmet. Da sind zahllose Menschen, die allein sterben, getrennt von ihren Angehörigen, ohne ein vertrautes Gesicht in der Nähe. Besonders hart trifft es derzeit New York. Vor den Krankenhäusern sieht man reihenweise Kühllaster stehen, die darauf warten, die Toten abzutransportieren. Man weiß nicht, wohin mit ihnen. Auf Hart Island werden Massengräber ausgehoben für diejenigen, die keine Angehörigen haben oder deren Familien sich keine Beerdigung leisten können. Die Verwaltung denkt darüber nach, öffentliche Parks vorübergehend zu Begräbnisstätten umzufunktionieren.

Über 220.000 Menschen sind bisher nach einer Infektion mit dem Coronavirus gestorben. Das Sterben, darin sind sich die ExpertInnen einig, wird noch weitergehen, in mehreren Wellen, ehe sich die vielbeschworene ‚Herdenimmunität‘ eingestellt hat. Irgendwann jedoch, auch darin sind sich die ExpertInnen einig, wird die Krise vorbei sein. Das Virus wird aus der globalen Aufmerksamkeit wieder verschwinden. Die Toten aber werden bleiben. Und die Art, wie wir mit ihnen umgehen, wird für die Zukunft von größter Bedeutung sein.


‚Nur der Mensch stirbt‘, heißt es bei Heidegger. ‚Das Tier verendet‘


 

Die Kulturgeschichte lehrt uns, dass es noch nie eine Gesellschaft oder Epoche gab, in der die Menschen dem Faktum des Sterbens vollkommen gleichgültig gegenübergestanden hätten. Der Mensch ist ein Tier, das seine Toten bestattet. Zu den ältesten Zeugnissen menschlicher Kulturtätigkeit gehören Gräber. Alles deutet darauf hin, dass die Menschen dem Sterben schon immer mit einer besonderen Sorge begegnet sind, die in verschiedenartigen Praktiken ihren kulturellen Ausdruck fand. Worin liegt der Sinn dieser Praktiken? Weshalb haben die Menschen es nicht vorgezogen, ihre Toten einfach liegenzulassen? Folgt man dem Kulturwissenschaftler Robert Harrison, bildet die Beziehung zwischen den Lebenden und den Toten das Fundament menschlicher Kultur überhaupt. „Unsere grundlegenden menschlichen Institutionen“, so Harrison, „haben als Urheber immer und von Anfang an diejenigen, die vorher kamen.“ Der rituelle Komplex rund um die Beziehung zwischen den Lebenden und den Toten kündet von dem Bemühen, das biologische Faktum des Sterbens durch eine kulturelle Regel des Übergangs zu bändigen und dem natürlichen Tod dadurch die Signatur des menschlichen Todes zu verleihen. Wer stirbt, ist nicht einfach tot. Vielmehr muss die verstorbene Person durch bestimmte Verrichtungen erst zu einem Toten gemacht werden. Dafür zu sorgen ist Sache der Lebenden. Es geht darum, einen Übergang zu markieren und die Bedingungen zu gewährleisten, unter denen dieser Übergang stattfinden kann. Das ist das mindeste, was wir den Toten schulden.

„Nur der Mensch stirbt“, heißt es bei Heidegger. „Das Tier verendet.“ Angesichts der Bilder, die uns in diesen Tagen aus New York und vielen anderen Städten erreichen, scheint die Sorge nicht unbegründet, dass ebendiese Differenz – zwischen Sterben und Verenden, Kadaver und Leichnam – unter dem Eindruck der Corona-krise im Begriff ist zu kollabieren. Viele Menschen sterben, ohne dass da jemand wäre, der ihnen die Hand hält oder an den sie noch einmal das Wort richten könnten. Nicht nur im Leben, sondern auch im Tod trifft es die Armen und sozial Benachteiligten dabei am härtesten. Es steht zu bezweifeln, dass die Toten in den Massengräbern auf Hart Island ihre letzte Ruhe finden. Das wird Geister geben. Wir werden mit ihnen rechnen müssen.•

Erstveröffentlicht am 01.05.2020


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