Erhabene Unsicherheit


Das Virus bestimmt unser Leben. Höchste Zeit, sich den Begriff des Erhabenen zu vergegenwärtigen – und so ein Stück Souveränität zurückzugewinnen. Ein Denkanstoß von Stefan Willer.


Wohl das Bemerkenswerteste an der Covid-19-Pandemie, an der damit einhergehenden „Corona-Krise“ und auch an den nun ins Werk gesetzten Gegenmaßnahmen ist das Maximale ihres Umfangs. Was derzeit geschieht, betrifft uns alle als Einzelne, in unserer fragilen Leiblichkeit, es betrifft uns als Menschheit in der Gesamtheit unserer globalen Verknüpfungen, und es betrifft alle Bereiche des sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens. Es ist unbegrenzt bis zur Formlosigkeit, schlechthin groß – und erinnert so an einschlägige Bestimmungen des Erhabenen. Kann also möglicherweise der Begriff des Erhabenen zum Verständnis unserer Lage beitragen?

Es wäre nicht besonders hilfreich, das Unerhörte und Unvergleichbare selbst als erhaben zu deklarieren, sich für den Umschlag der Ordnung ins Chaos zu begeistern oder die (pop-)kulturell etablierten Bilder erhabenen Schreckens heraufzubeschwören (Phantasmagorien massenhafter Ansteckung, Visionen einer menschenleeren Welt). Folgt man Kant und Schiller, liegt das Erhabene ohnehin nicht im Furchtbaren selbst, sondern bezeichnet eine bestimmte Art, sich mit ihm auseinanderzusetzen, nämlich eine distanzierte, distanzierende Position einzunehmen, in der das Gefühl von Sicherheit entsteht. Und genau das ist es, was einen beim Wiederlesen der „Analytik des Erhabenen“ in Kants „Kritik der Urteilskraft“ oder ihrer Aneignung in Schillers Schrift „Vom Erhabenen“ eigentümlich berührt: der durchweg mitlaufende Diskurs von Sicherheit durch Abstand. Dies ist allerdings keine Sicherheit, derer ich mir sicher sein könnte. Vielmehr ist sie aufs äußerste affiziert von Gefahr, sie entsteht überhaupt erst bei und durch Gefahr. Nur so sind die beharrlichen Bemühungen zu verstehen, ausgerechnet den Schrecken zur Vernunftidee zu sublimieren – mit den Mitteln der Ästhetik, also durch reflektierende Urteilskraft, durch Veranschaulichung und Darstellung.


Freud empfiehlt vor allem intellektuelle Tätigkeit und Kunstgenuss, um einen ‚Leidensschutz‘ zu bewirken


 

Erhaben ist eine spezifische Weise, sich zur eigenen Unsicherheit zu verhalten, ihr Unfassliches fassbar zu machen. Das Erhabene oder Sublime wäre also prozessual zu verstehen: als Sublimierung, als Arbeit an der Selbsterhebung, so wie sie der Schiller-Leser Sigmund Freud in „Das Unbehagen in der Kultur“ entworfen hat. Freud empfiehlt vor allem intellektuelle Tätigkeit und Kunstgenuss, um einen – wie auch immer unvollkommenen – „Leidensschutz“ zu bewirken.

Mit unserer Situation hat all das insofern zu tun, als auch wir damit beschäftigt sind, Gefahr und Sicherheit im Modus von Involviertsein und Abstandnehmen neu zu verhandeln. Wir stehen mitten im Geschehen, und eben deshalb sind wir gut beraten, uns weder in Sicherheit zu wiegen noch dem Schrecken auszuliefern. Eine „ästhetische Einstellung“ (Freud) scheint hier in der Tat zu helfen. Dass social distancing und ästhetische Distanzierung Hand in Hand gehen, mag man den zahlreichen Lektüretipps für Corona-Zeiten („Decamerone“, „Pest“, „Stadt der Blinden“) ebenso entnehmen wie den auf allen Social-Media-Kanälen zirkulierenden alltagsästhetischen Darstellungen des Lebens in der Quarantäne. Offenbar gehört zum schlechthin Großen der Krise auch eine weltweite Tendenz zur Sublimierung. Sie zeigt, wofür nach Kant das Erhabene im Menschen steht: für die „Unbezwinglichkeit seines Gemüts durch Gefahr“. •


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