Ende der Ewigkeit

Bild: © WFilm/Philip Gröning

Seit dem 22. November läuft Philip Grönings „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ in den Kinos. Ein radikales Werk über das Erwachsenwerden und die Bedeutung der Zeit.

Von Manuel Scheidegger



 

Ein Bild blitzt auf: Es zeigt die Zwillinge Elena und Robert auf einer Wiese, Elena büffelt für ihre Abiturprüfung im Fach Philosophie. Doch was so harmlos beginnt, endet drastisch: Rund drei Stunden später werden die Zwillinge jemanden gefoltert, hingerichtet und miteinander geschlafen haben. Grönings Film beleuchtet auf radikale Weise den bedeutendsten Einschnitt im Leben eines Menschen: jene Phase der Existenz, in der wir, im umfassendsten Sinne, zu Handelnden werden. Handeln heißt, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen. Den unendlichen Horizont von Möglichkeiten immer weiter einzuengen. Elena und Robert sehen plötzlich die Zeit auf sich zurasen. „Was ist die Zeit?“, fragt Elena. Eine Anspielung auf Augustinus, der in seinen „Bekenntnissen“ bemerkt, dass wir zwar intuitiv wissen, was Zeit ist, aber doch nicht imstande sind, ihr Wesen auf den Punkt zu bringen. Umso bedeutsamer Roberts Antwort: „Der Grund der Zeit ist die Hoffnung.“ In diesem Satz heideggert es heftig.


Starkes Kino – und eine eigensinnige, radikale Phänomenologie der Zeit


 

Die zentrale Einsicht von Martin Heidegger bestand darin, dass der Mensch wesentlich von der Zukünftigkeit seines Handelnkönnens bestimmt ist. Die damit verbundene Herausforderung: im Vergehen der Zeit die Verantwortung dafür zu übernehmen, wer man wird. Wenn Elena am Ende einen Vortrag zur Melodie hält, meint sie zugleich diesen Film: mehr musikalische Montage als klassisches Erzählkino, immer wieder kontrapunktisch durchbrochen von starken Bildern in ihrer Eigenzeit, großartige Musiksequenzen bis zum kaum hörbaren Puls, der den Film beendet. Starkes Kino – und eine eigensinnige, radikale Phänomenologie der Zeit.•

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 1 / 2019