„Wir brauchen eine Politik der Spaltung“

Nancy Fraser zählt zu den bedeutendsten Philosophinnen der Gegenwart. Theorie und Engagement gehören für sie zusammen. Als Antwort auf den weltweiten Rechtsruck plädiert sie für einen progressiven Populismus.

Das Gespräch führten Nils Markwardt und Dominik Erhard / Aus dem Englischen von David Döll und Nils Markwardt / Fotos von Malte Jäger



Nancy Fraser in 6 Daten

Als kürzlich an der TU Berlin die internationale Konferenz „Emanzipation“ stattfand, durfte Nancy Fraser nicht fehlen. Die Professorin für Philosophie an der New Yorker New School University ist eine der weltweit profiliertesten Vertreterinnen der Kritischen Theorie, die sich bereits als Studentin in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung zu engagieren begann. Dem politischen Aktivismus ist sie bis heute treu geblieben, zuletzt als Mitinitiatorin des International Women Strike, bei dem Frauen weltweit für einen „Feminismus der 99 Prozent“ demonstrierten. Und auch ihr theoretisches Werk kreist um brennende politische Probleme: Wie lässt sich der Kampf um soziale Gerechtigkeit mit dem identitätspolitischen Verlangen nach Anerkennung verbinden? Inwiefern untergräbt der Kapitalismus seine eigenen Existenzbedingungen? Und wie kann man dem Rechtsruck wirksam entgegentreten? Ihre dichten philosophischen Analysen verbindet sie dabei mit einer klaren Forderung: Als Reaktion auf Trump, AfD & Co. brauche es einen progressiven Populismus. Ob Fraser dessen Verwirklichung in der neuen linken Sammelbewegung „Aufstehen“ sieht, ist eine von vielen Fragen, denen sich die Denkerin im Gespräch offen und geduldig stellt.

Philosophie Magazin: Frau Fraser, Sie haben einmal gesagt, man könne Sie zwar als Philosophin bezeichnen, Sie selbst würden sich aber eher als Gegenwartskritikerin verstehen. Warum?

Nancy Fraser: Ich habe Philosophie studiert und immer an der philosophischen Fakultät unterrichtet. Aber mich hat auch der linke Aktivismus tief geprägt. Als 68erin fühlte ich mich natürlich zur Frankfurter Schule hingezogen. Mich faszinierte die Idee einer interdisziplinären Kritischen Theorie, die die grundlegenden Ursachen sozialer Ungleichheit klären und überwinden will. Diese Idee bestimmt mein ganzes Werk. Ich bin also mitnichten eine Salonphilosophin. Nichtsdestotrotz spiegelt sich in meinen Schriften unweigerlich meine philosophische Ausbildung wider.

Wie entdeckten Sie die Frankfurter Schule?

Zum ersten Mal stieß ich im College auf sie, als wir in einem Seminar Herbert Marcuses „Der eindimensionale Mensch“ lasen. Das Buch haute mich um: Seine Darstellung der konformistischen Tendenzen der „spätkapitalistischen Gesellschaft“ charakterisierte jene intellektuelle und politische Kultur in den USA, die ich so hasste! Allerdings war mir schon damals klar, dass sich Marcuses Argumentation selbst widersprach. Einerseits behauptete er, der Gesellschaft seien jegliche
kritische Impulse ausgetrieben worden. Andererseits war er aber selbst in der Lage, diese Situation zu beschreiben. Dennoch wurde das Buch von der Neuen Linken begeistert als Kampfaufruf aufgenommen – eine Rezeption, die der Diagnose des Buches widersprach. Das hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck und motivierte mich, mehr zu lesen. Allerdings entdeckte ich Horkheimer, Adorno und Habermas erst, als ich meine Dissertation begann. Doch die Frankfurter Schule war und ist ein zentraler Einfluss für mein Denken.

In Ihrem 1989 erschienenen Buch „Widerspenstige Praktiken“ plädieren Sie für einen „demokratischen, sozialistischen und feministischen Pragmatismus“. Deutsche Leser mag das irritieren, da der Pragmatismus hier nicht mit einer linken Position assoziiert wird.

Für mich folgt aus dem Pragmatismus keine bestimmte politische Orientierung. Ich halte ihn eher für eine Art, auf der „Weltlichkeit“ des Denkens zu beharren: Denken ist immer in einem historischen Kontext verankert und muss auf die spezifischen Sackgassen seiner Zeit reagieren. Es sollte nicht gottgleich über der Welt schweben. Das Ziel muss vielmehr sein, die Aporien der Gegenwart zu verstehen und daraus Möglichkeiten der Veränderung abzuleiten. Philosophisch gesagt: Der Pragmatismus ähnelt eher dem Linkshegelianismus und teilt damit auch etwas vom Geist der Kritischen Theorie. Letztere unterscheidet sich jedoch insofern von ihm, als sie nicht nur scheinbar unverbundene Gesellschaftsprobleme, sondern auch die ihnen zugrunde liegende Struktur in den Blick nimmt. Anders als Mainstream-Pragmatisten verfolgen Kritische Theoretiker Probleme bis zu den systematischen Widersprüchen der sozialen Ordnung.

Kommen wir zu Ihrer Gegenwartsdiagnose. Ihnen zufolge erleben wir gerade eine tiefe Krise des „progressiven Neoliberalismus“. Was meinen Sie damit?

Wir durchleben gerade einen dieser seltenen historischen Momente allgemeiner Krisenhaftigkeit, in der die gesamte Gesellschaftsordnung den Anschein der Normalität verliert und sich als dysfunktional erweist. Das zeigen der Vertrauensverlust in traditionelle Parteiensysteme und das Erstarken neuer politischer Alternativen. Beispiele dafür sind Trump und Bernie Sanders, der Brexit und die Neuausrichtung der Labour Party unter Corbyn, Mélenchon und der Front National, Podemos oder die AfD. Ich spreche hier bewusst von rechten und linken Populismen, da sie alle Ausdruck derselben Sache sind: der hegemonialen Krise des progressiven Neoliberalismus. Wir wissen alle, was Neoliberalismus ist: das Projekt der Liberalisierung, Globalisierung und Finanzialisierung der kapitalistischen Weltwirtschaft, der Entfesselung der Marktkräfte von staatlicher Kontrolle und des absoluten Vorrangs der Interessen von Investoren. Aber es ist wichtig zu verstehen, dass es unterschiedliche Spielarten des Neoliberalismus gibt. Eine neoliberale „Verteilungspolitik“, die das Kapital begünstigt und die Wohlhabenden bereichert, kann sich mit verschiedenen Formen der Anerkennungspolitik verbinden.

Und diese Verbindung bezeichnet der Begriff „progressiver Neoliberalismus“? Können Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen wir die USA: Bis in die siebziger Jahre gab es hier ein starkes, an den Ideen des New Deal orientiertes Denken und einflussreiche progressive Bewegungen. Ein aggressives Deregulierungsprojekt hätte in dieser Situation überhaupt nichts erreicht. Damit das
erfolgreich sein konnte, musste es neu verpackt und mit etwas anderem verbunden werden, um eine ethische Legitimation zu erhalten. Die Lösung bestand darin, eine regressive Verteilungspolitik mit einer progressiven Anerkennungspolitik zu kombinieren. So entstand der „progressive Neoliberalismus“ als ein seltsames Bündnis zweier Kräfte: auf der einen Seite die dynamischsten, postindustriellen, symbolisch aufgeladenen Teile der US-Wirtschaft – Silicon Valley, Wall Street und Hollywood. Auf der anderen Seite der liberale Mainstream der „Neuen sozialen Bewegungen“ – liberaler Feminismus und LGBTQ-Rechte, Multikulturalismus und Umweltschutz. Obwohl Letztere in diesem Bündnis die Juniorpartner waren, steuerten die „Progressiven“ etwas Unentbehrliches bei: eine emanzipatorische Fassade, die als Alibi für die Raubzüge des Kapitals diente. Auch wenn es den Begriff damals noch nicht gab, begann der progressive Neoliberalismus die US-Politik vor 30 Jahren zu dominieren: Er festigte sich unter Bill Clinton, blieb während des Bush-Interregnums einflussreich, kehrte mit Obamas Präsidentschaft an die Macht zurück und fand schließlich eine perfekte Verkörperung in Hillary Clinton. Einer Politikerin, die zwar die Sprache des Feminismus spricht, aber der Agenda von Goldman Sachs folgt.


Es erstaunt, dass der Aufstieg des Populismus so lange dauerte


 

Der progressive Neoliberalismus hat also den Aufstieg des Rechtspopulismus ermöglicht?

Genau. Bis vor kurzem bestand der größte Gegenspieler des progressiven Neoliberalismus im reaktionären Neoliberalismus der US-Republikaner. Diese hatten eine ähnliche Wirtschaftspolitik, aber eine andere Anerkennungspolitik: gegen Einwanderer, ethnonational und prochristlich. Es gab eigentlich nur zwei Arten des Neoliberalismus: Man konnte zwischen Ethnonationalismus und Multikulturalismus wählen, war aber stets auf Finanzialisierung und Deindustrialisierung festgenagelt. Diese Kombination war für die Lebensbedingungen von zwei Dritteln der Bevölkerung verheerend. Deshalb ist es rückblickend erstaunlich, dass es so lange dauerte, bis sich der Aufstieg des Populismus vollzog. Ist es verwunderlich, dass Angehörige der Arbeiterklasse und Mittelschicht ihre Probleme dem progressiven Neoliberalismus anlasteten? In ihren Augen waren die progressive Anerkennungspolitik und die neoliberale Verteilungspolitik ein und dasselbe. Da sie zwischen beidem keinen Unterschied sahen, lehnten sie einfach das ganze Paket ab. Was durch Trump entstand, war dann eine reaktionär-populistische Alternative, die sich gegen die neoliberalen wie auch die progressiven Elemente zu richten schien.

Es gab aber auch die Kampagne von Bernie Sanders.

Richtig, Sanders steht für etwas anderes: für eine progressive populistische Alternative zum progressiven Neoliberalismus. Wie erwähnt gab es zuvor nur progressiven Neoliberalismus und reaktionären Neoliberalismus. Mit Sanders und Trump kamen zwei weitere Optionen hinzu: reaktionärer und progressiver Populismus. Diese Erweiterung des politischen Koordinatensystems forderte den Neoliberalismus grundlegend heraus. Damit bestreite ich keineswegs, dass die neoliberale Wirtschaftspolitik auch heute noch bestimmend ist. Der exemplarische Fall ist Trump: Er regiert nicht als reaktionärer Populist, sondern eher als ultrareaktionärer Neoliberaler. Dennoch hat der progressive Neoliberalismus seine herrschende Stellung eingebüßt, da er seine moralische Überzeugungskraft verloren hat.

Wie kann man dem globalen Aufstieg des reaktionären Populismus entgegenwirken? Der US-Historiker Timothy Snyder schrieb jüngst das viel beachtete Buch „Über Tyrannei“, in dem er fordert, alle Demokraten – von konservativ über neoliberal bis links – müssten zusammenstehen, um die liberalen Institutionen zu verteidigen.

Ich schätze Timothy Snyder sehr. Aber ich stimme weder seiner Analyse noch der strategischen Schlussfolgerung zu. Snyders Vorschlag läuft darauf hinaus, die alte Matrix politischer Möglichkeiten wiederherzustellen: die liberal-individualistische Anerkennungspolitik unter Ausschluss progressiver Formen des Populismus zu stärken und die Verteilungspolitik weiter dem Kapital zu überlassen. Damit übersieht er einen entscheidenden Punkt: Es ist gerade die Hegemonie des progressiven Neoliberalismus, die den Aufstieg Trumps ermöglichte. Wenn der „Widerstand“ nur darauf abzielt, liberale Institutionen zu verteidigen, und sich nicht auch mit der politischen Ökonomie des Neoliberalismus befasst, stellt das bestenfalls den status quo ante wieder her. Aber das bedeutet, den Boden für zukünftige und noch schlimmere Trumps zu bereiten! Anstatt der Linken zu empfehlen, die Reihen zur Verteidigung des Liberalismus zu schließen, würde ich genau das Gegenteil machen: Wir brauchen eine Politik der Spaltung, um eine neue progressiv-populistische Mehrheit zu schaffen.

Was meinen Sie mit Politik der Spaltung?

Zum einen geht es um die Aufspaltung der progressiv-neoliberalen Allianz. Also darum, die Masse an weniger privilegierten Frauen, Immigranten und People of Color von jenen zu trennen, die ihre Belange vereinnahmt haben: meritokratische Feministen und Antirassisten, die Prediger der Corporate Identity und die Apologeten eines „grünen“ Kapitalismus. Zum Zweiten geht es aber auch darum, den reaktionär-populistischen Block aufzuspalten, Arbeiter und Angestellte von den ökonomischen und sozialen Kräften zu trennen, die Militarismus, Fremdenfeindlichkeit und Ethnonationalismus propagieren, jenen also, die sich als Vertreter des „kleinen Mannes“ ausgeben, aber lediglich kryptoneoliberal sind.

Was hieße das konkret?

Im ersten Fall bedeutet es, jene liberal-individualistische Anerkennungspolitik aufzugeben, die sich nur auf Diversifizierung von Hierarchien konzentriert, anstatt Letztere zu verringern oder gar abzuschaffen. Anstatt also nur für Meritokratie zu sorgen, muss für tatsächliche Gleichheit gestritten werden. Im zweiten Fall ist das Ziel, jene Arbeiter- und Mittelklassefamilien für einen progressiven Populismus zu gewinnen, die zuletzt für reaktionäre Populisten stimmten, aber nicht hoffnungslos rassistisch, homophob oder frauenfeindlich sind. Das bedeutet nicht nur, diese von den neoliberalen Stichwortgebern zu lösen, sondern auch von den wirklichen Rassisten und Islamophoben. So sind einige Trump-Wähler zweifellos waschechte Rassisten, aber die Mehrzahl der Wechselwähler nicht. Das sind vor allem Leute aus der weißen Arbeiterklasse, die hart von der Deindustrialisierung getroffen wurden. 8,5 Millionen der Trump-Wähler stimmten 2012 noch für Obama. Das zeigt, dass sie eher aus Opportunismus denn aus Prinzipientreue bereit sind, einen Rassisten zu wählen, nämlich dann, wenn dieser Dinge sagt, die ihnen gefallen – und wenn es gleichzeitig keinen antirassistischen Kandidaten gibt, der diese Dinge ebenfalls sagt. Diese Trump-Wähler kann und sollte man für einen progressiven Populismus gewinnen. Während Timothy Snyder also eine Wiederbelebung des progressiven Neoliberalismus will, bin ich für die Entwicklung eines progressiven Populismus. Es geht keineswegs darum, die Reihen zu schließen, sondern ich bin für eine Spaltung zugunsten der Bildung eines neuen, gegenhegemonialen Blocks.

In Deutschland wird genau das gerade durch die von Sarah Wagenknecht initiierte Sammlungsbewegung „Aufstehen“ versucht. Letztere richtet sich dabei auch dezidiert an potenzielle AfD-Wähler. Mit Blick auf Wagenknechts migrationskritische Positionen sehen Kritiker darin jedoch die Gefahr einer Annäherung an rechte Positionen.

Ich fürchte, dass ich nicht genug über die deutsche Situation weiß, um etwas Konkretes zu „Aufstehen“ zu sagen. Sollten die Vorwürfe der Kritiker stimmen, wirkt es wie die Kehrseite von Timothy Synders Position: Wo er bereit ist, Umverteilung zugunsten der Anerkennungspolitik zu opfern, würde im Fall von „Aufstehen“ die Anerkennungspolitik zugunsten der Umverteilung geopfert werden. Wie gesagt: Ich kann nicht beurteilen, ob das eine faire Einschätzung von „Aufstehen“ ist. Aber solch eine Position würde ich strikt ablehnen. Denn man kann diese beiden Dimensionen nicht voneinander trennen. Versuche, soziale Ungerechtigkeiten hintanzustellen, gehen genauso fehl wie Versuche, Ungerechtigkeiten in puncto Ethnizität hintanzustellen. Keine dieser Ungerechtigkeiten kann für sich alleine überwunden werden. Sie müssen stets zusammen bekämpft werden.

Ein wichtiger Aspekt in ihrem Werk ist der Feminismus. Nicht nur in theoretischer, sondern auch in aktivistischer Hinsicht. Sie haben sich beispielsweise unter dem Stichwort des „Feminismus für die 99%“ engagiert. Was hat es damit auf sich?

Der Feminismus für die 99% ist sowohl ein politisches Projekt als auch eine aktivistische Intervention. Er steht für eine Alternative zum liberalen „Durchbrich-die-gläserne-Decke“-Feminismus, von dem vor allem Managerinnen profitieren. Der Feminismus für die 99% kämpft hingegen auch für die Belange armer, migrantischer und nicht-weißer Arbeiterinnen und Mittelklasse-Frauen. Einen Ausdruck findet er im „International Women’s Strike“ (IWS), unter dessen Banner in den letzten zwei Jahren Streiks und Demos in verschiedenen Ländern stattfanden. Der IWS begann 2016 in Polen und Argentinien mit Massenprotesten gegen die Verschärfung der Abtreibungsgesetze. Dieser Geist übertrug sich schnell auf andere Länder und zeigte sich auch bei Trumps Amtseinführung. Sie erinnern sich vielleicht an die Frauenmärsche überall in den USA. Diese enorme Mobilisierung erschien vielversprechend, aber es fehlte eine politische Agenda. Ein Netzwerk linker Feministinnen, zu dem auch ich gehöre, entschied sich deshalb zu intervenieren. Am Internationalen Frauentag 2017 riefen wir den „International Women’s Strike“ im Namen des Feminismus für die 99% aus. Die Formulierung soll verdeutlichen, dass es Zeit ist, den Feminismus der Eliten hinter uns zu lassen. Geschlechtergerechtigkeit bedeutet dort nämlich nur „Diskriminierung“ zu beseitigen, damit einige „talentierte“ Frauen Karriere machen können. Solch ein Feminismus ignoriert jedoch die strukturelle Dimension weiblicher Benachteiligung im Kapitalismus. Er vergisst, dass die Sheryl Sandburgs dieser Welt nur deshalb so viel Erfolg haben können, weil dieser auf Kosten jener armen, unterbezahlten Frauen geht, die Haus- oder Pflegearbeit leisten. Der „Feminimsmus für die 99%“ richtetet sich deshalb auch gegen die neoliberale Austerität, die wir als Angriff auf die soziale Reproduktion verstehen. Die Reaktion darauf muss deshalb feministisch und anti-neoliberal zugleich sein, weshalb unsere Kernforderung lautet: Kapitalistische Profitinteressen müssen den sozialen Bedürfnissen untergeordnet werden.


Werke von Nancy Fraser


Widerspenstige Praktiken: Macht, Diskurs, Geschlecht (Suhrkamp, 1994)

In ihrem ersten, im Original 1989 erschienenen Buch setzt sich Fraser unter anderem mit den Sozialtheorien von Jürgen Habermas und John Rawls auseinander, um daraufhin den Ansatz für eine sozialistisch-feministische Kritische Theorie zu entwerfen. Dabei geht sie auch methodisch neue Wege, indem sie Erkenntnisse aus Poststrukturalismus, Feminismus, Pragmatismus und Kritischer Theorie kombiniert.

Umverteilung oder Anerkennung: Eine politisch-philosophische Kontroverse (gem. m. Axel Honneth, Suhrkamp, 2003)

Fraser diagnostiziert eine zunehmende Gegenüberstellung von Forderungen identitätspolitischer Anerkennung und ökonomischer Umverteilung. Dagegen entwirft sie eine Konzeption von Gerechtigkeit, die sowohl Anerkennung als auch Umverteilung einen gemeinsamen normativen Rahmen gibt und beide als notwendig begreift.

Fortunes of Feminism: From State-Managed Capitalism to Neoliberal Crisis (Verso, 2013)

Ein zentrales Problem des Feminismus stellt laut Fraser dessen aktuelle Fokussierung auf identitätspolitische Fragen dar, was nicht zufällig mit dem Rückgang seiner Wirkmächtigkeit und dem Aufstieg des Neoliberalismus zusammenhänge. Fraser plädiert deshalb für eine Wiederbelebung feministischer Radikalität, die in der Lage ist, die Kernaspekte der kapitalistischen Gesellschaft ernsthaft infrage zu stellen.

Capitalism: A Conversation in Critical Theory (gem. m. Rahel Jaeggi, Polity, 2018)

Das Buch erweitert den Blick auf den Kapitalismus, indem es diesen nicht nur als Wirtschafts-, sondern als spezifische Gesellschaftsform analysiert. Neben der Ausbeutung von Arbeit eigne sich das Kapital die Natur, öffentliche Güter und unbezahlte Reproduktionsarbeit an. Damit untergräbt der Kapitalismus jedoch seine eigenen Existenzbedingungen – dies ist der Grund für seine Krisenanfälligkeit.

 

In Ihrem jüngsten Buch „Capitalism. A Conversation in Critical Theory“, das Sie gemeinsam mit der Berliner Philosophin Rahel Jaeggi veröffentlicht haben, sagen Sie, dass der Kapitalismus nicht nur eine Wirtschaftsform, sondern eine Gesellschaftsform ist.

Der Kapitalismus ist eine institutionalisierte Gesellschaftsform, die auch „nichtökonomische“ Beziehungen und Praktiken umfasst, welche für die Aufrechterhaltung der Wirtschaft zentral sind. Erwerbsarbeit, Produktion, Warentausch und Finanzwesen brauchen für ihr Fortbestehen bestimmte Hintergrundbedingungen: Familien, Zivilgesellschaft, Natur, Staaten, politische Organisationen und nicht zuletzt die Unmengen an unbezahlter und enteigneter Arbeit, die zumeist von Frauen und People of Color erledigt wird. All das sind auch konstitutive Elemente des Kapitalismus – und Gründe für seine Widersprüche und Krisen.

Welche Widersprüche wären das?

Der Kapitalismus hat eine institutionelle Struktur, die auf vier Trennungsprinzipien beruht, die man in keiner anderen Gesellschaft findet. Erstens trennt er die „ökonomische Produktion“ von der „sozialen Reproduktion“. Was wir heute als unterschiedliche Sphären wahrnehmen, war in vorkapitalistischen Gesellschaften eng verflochten: Kindererziehung, Hausarbeit und Kochen waren Teil desselben sozialen Raums wie der Landwirtschaft oder des Handwerks. Im Kapitalismus werden diese Aktivitäten jedoch als grundsätzlich verschieden behandelt und unterschiedlichen Geschlechtersphären zugeordnet: Familie contra Fabrik. Zweitens trennt der Kapitalismus die Erwerbsarbeit „freier Arbeitnehmer“ von dem Bereich der erzwungenen, unbezahlten Arbeit. Frühere Gesellschaften kannten diese Trennung nicht. Alle Besitzlosen wurden schlicht als abhängige Subjekte betrachtet. Nur der Kapitalismus unterscheidet zwischen jenen, die „einfacher“ Ausbeutung, und jenen, die brutaler Enteignung unterworfen sind – sei es in Form von Sklaverei, Kolonialismus oder postkolonialer Enteignung durch Schulden. Und zugunsten des Kapitals werden diese beiden Gruppen dann mittels einer „Teile und herrsche“-Logik gegeneinander ausgespielt. Drittens verschärft der Kapitalismus die Trennung zwischen Gesellschaft und Natur. Wo frühere Ordnungen auf der Nähe des Menschen zur Natur basierten, hat der Kapitalismus Letztere zu dem gemacht, was Heidegger „stehende Reserve“ nannte: eine Ressource, über deren Regeneration man nicht nachdenkt. Viertens trennt der Kapitalismus die „Ökonomie“ von der politischen Herrschaft. Früher waren auch diese verbunden. Im Feudalismus regelte die Herr-Knecht-Beziehung auch Arbeit, Produktion und Vertrieb. Der Kapitalismus trennte dies, indem er Arbeit, Produktion und Vertrieb der Macht des Kapitals zuschlug, während Gesetzgebung und Regierung beim Staat blieben. Da diese Trennung den Geltungsbereich des Politischen stark limitiert, schränkt sie auch die Demokratie ein. Die Betonung dieser vier Merkmale des Kapitalismus soll auf seine verborgene Hinterseite aufmerksam machen. Die Widersprüche und Krisen des Kapitalismus betreffen weit mehr Bereiche als die von Marx behandelte Ökonomie.

Zum Beispiel?

Widersprüche bei der sozialen Reproduktion, der Ökologie und der Politik. Hier produziert der Kapitalismus nicht zufällig regelmäßig Krisen. Getrieben vom Streben nach grenzenlosem Profit lebt er nicht nur von der Ausbeutung von Arbeit, sondern eignet sich auch die Natur, öffentliche Güter und unbezahlte Care-Arbeit an. Der Kapitalismus destabilisiert regelmäßig jene Voraussetzungen, die er – und wir alle – zum Leben brauchen. Die Krise ist somit Teil seiner DNA. Deshalb schlage ich ein erweitertes Verständnis des Kapitalismus vor. Eines, das auch die Belange von Feministen, Anti-Rassisten, Umweltschützern und Demokraten berücksichtigt. Denn man kann diese Anliegen nicht getrennt voneinander verfolgen – erst Recht nicht, wenn man nicht den Kapitalismus als Problem benennt. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 6 / 2018