„Ein Ventil für Ängste“

Bild: © BY CC 3.0Frank Schwichtenberg

Es gibt kaum ein beliebteres Genre in der Literatur als Krimis. Wie denkt der derzeit erfolgreichste deutsche Verfasser von Psychothrillern Sebastian Fitzek über das Böse und unsere anhaltende Faszination dafür? Und was sagt es über ihn, dass er sein Leben dem Beschreiben von Verbrechen widmet?

Das Gespräch führte Catherine Newmark



Als Erfolgsautor im Genre des Bösen: Was fasziniert Sie selbst am Bösen? Warum beschäftigen Sie sich literarisch immer wieder mit bösen Taten?


Mich fasziniert weniger das Böse an und für sich, mich beschäftigen noch mehr die Folgen für die Opfer von Gewalttaten, deren Sicht und Umgang mit der Tat. Sie kommen sonst häufig zu kurz, denn in den meisten Filmen oder Romanen geht es vorrangig um die Täter und Kommissare.

Was ist der Reiz solcher Geschichten? Wie kann man die anhaltende Faszination des Publikums für Kriminalfälle und psychopathische Verbrecher erklären?


Das lässt sich sicher ganz klassisch philosophisch als so etwas wie Katharsis beschreiben, also das intensive Durchleben von Emotionen, die man im Alltag nicht haben will – ausgelöst durch das Medium der Literatur, durch die Fiktion. Wohliger Grusel, wenn Sie so wollen. Denn wenn wir uns mit unseren Ängsten beschäftigen, was man sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen von Psychothrillern tut, kann man sie nicht ver-, wohl aber bearbeiten. Problematisch ist es eher, wenn man kein Ventil für seine Ängste hat.

Geht es auch um die Bannung des Bösen zwischen zwei Buchdeckel? Auch für Sie als Schreibenden?


Ganz im Gegenteil, durch das Schreiben sperre ich ja das Thema nicht weg, sondern ich bin damit konfrontiert. Zum Beispiel mit dem Tod, der eigentlich keine Rolle mehr in unserer Gesellschaft spielt. Früher war es selbstverständlich, dass man im Kreise seiner Familie starb, somit waren die Hinterbliebenen damit vertraut. Heute geschieht es meist in Krankenhäusern, Altersheimen oder Hospizen.

Geht es bei Thrillern und Krimis überhaupt um die Beschäftigung mit dem Bösen als solchem? Oder liegt das Vergnügen eher in der intellektuellen Herausforderung, komplexe Tatvorgänge nachzuvollziehen oder aufzuklären? Also um einen Prozess der Wahrheitsfindung?


Mich interessiert, wie sehr sich ein Mensch verändert, wenn er mit Extremsituationen konfrontiert ist. Gewalt zwingt uns zu intuitivem Handeln und legt oftmals unser wahres Ich frei. Wir können lange im angstfreien Raum über Zivilcourage philosophieren. Werden wir mit einem Übergriff in der U-Bahn persönlich konfrontiert, zeigt sich unsere wahre Einstellung.


Leider ist die Realität sehr viel grausamer als die Fiktion. Die Taten real existierender Personen müssen oft sogar abgemildert werden, damit sie geglaubt werden


 

Wie erarbeiten Sie als Schriftsteller böse Figuren und böse Taten? Was sind Ihre Quellen, Ihre Inspirationen? Beschäftigen Sie sich mit realen Kriminalfällen? Oder beobachten Sie einfach das „kleine“ Böse im Alltag und vergrößern es in der Fiktion?

Leider ist die Realität sehr viel grausamer als die Fiktion, die wir Autoren erschaffen. Die Taten real existierender Personen müssen oft sogar abgemildert werden, damit sie geglaubt werden. Aber tatsächlich schöpfe ich wie viele Kollegen und Kolleginnen aus dem wahren Leben. Es kann sein, dass ich wie für meinen Thriller „Passagier 23“ eine Meldung über vermisste Personen auf Kreuzfahrtschiffen in der Zeitung lese und die weiterspinne. Oder wie in meinem ersten Roman, wo ich ein tatsächliches Erlebnis mit meiner damaligen Freundin verarbeite: Sie war beim Arzt im Sprechzimmer und ich habe auf sie gewartet. Es dauerte sehr lange, da hab ich mir überlegt, was passieren würde, wenn sie nicht wieder herauskommt? Daraus ist „Die Therapie“ geworden.

Sie arbeiten als erfolgreicher Autor ja auch an der populären Imagination des Bösen mit, sind also sozusagen auch Mithersteller dessen, was wir uns gesellschaftlich als das Böse vorstellen … Sind Sie sich da einer Verantwortung bewusst?

Da bei mir die Opfer im Mittelpunkt stehen und nicht die Täter, bin ich mir neben der von Ihnen beschriebenen Verantwortung auch der empfindsamen Psyche der Leserinnen und Leser bewusst, die leider sehr oft ebenfalls Erfahrungen mit Gewalt machen mussten. In einem Roman habe ich die Möglichkeit, anders als etwa in einem kurzen Zeitungsartikel, über Hunderte von Seiten eine Entwicklung aufzuzeigen. So ist mir ein differenzierter Blick auf die Auswirkungen, aber auch auf die Motivation des Bösen möglich. Meiner Meinung nach steckt das Böse weder per se in uns allen,
noch gibt es eine Kausalkette äußerer Ereignisse, die uns zwangsläufig böse werden lässt.

Sind böse Figuren interessanter als gute? Und wenn ja: warum?

Das sehe ich nicht so. Ich würde mich nicht entscheiden wollen zwischen Hannibal Lecter und Harry Potter. Zwei extreme Figuren, eine im Negativen, eine im Positiven. Welche ist spannender? Beide! Es kommt darauf an, dass die Figur nicht glatt ist, sie erlebt Hochs und Tiefs, es geht um Schicksale, darum, dass sie uns „anfasst“, neugierig macht, wir nicht mehr von ihr lassen können.

Wer sich die deutschen Bestsellerlisten und das Fernsehprogramm anschaut, kann sich vor Krimis und Thrillern kaum retten. Gibt es eine besondere deutsche Liebe zur bösen Fiktion?

Nein, das sehe ich nicht. Fast überall auf der Welt ist das Spannungsgenre das beliebteste. Menschen brauchen die Auseinandersetzung mit dem Tod, die ja immer auch eine Wertschätzung des Lebens und der Werte darstellt, für die es sich zu kämpfen lohnt.

Wie viel Böses, wie viel kriminelle Energie liegt in Ihnen selbst?

Ich bin ein Weichei, meine kriminelle Energie erschöpft sich daher schon, bevor sie überhaupt auftreten kann, weil ich viel zu viel Angst vor Konsequenzen hätte. Aber auch, weil ich nie jemand anderem schaden wollen würde. •

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