Durchbrecht die Reflexe


Apokalyptische Mahner versuchen aufmerksamkeitsökonomischen Profit aus der Corona-Krise zu schlagen. Dabei käme es gerade jetzt darauf an, mit solch eingespielten Mustern zu brechen. Ein Denkanstoß von Andrea Geier.


Zwei konkurrierende Zeitdiagnosen liegen momentan im Streit: Die Einen sagen, die Einigkeit in der Bekämpfung der Pandemie führe dazu, dass eine notwendige demokratische Auseinandersetzung ausbleibe. Soziale Probleme in der Gesellschaft verschärften sich und ihre Kritik werde verhindert, weil sich fast alle politischen Akteur*innen allzu harmonisch auf Maßnahmen zur Eindämmung des Virus verständigten. Die Anderen erklären: Wir erleben gerade wegen der Pandemie einen lebendigen Streit über gesellschaftliche Grundfragen. Durch die Corona-Krise würden Ungleichheitsverhältnisse klarer sichtbar, ebenso der grundsätzliche Wert von Freiheit und Demokratie.

Dass es diese beiden Diagnosen gibt, ist eigentlich eine gute Nachricht. Starke Thesen, die einen ernsthaften Kern haben und manches richtig treffen, können Impulse für notwendige Debatten über Gesellschaftsordnungen, ihre bloß proklamierten oder tatsächlich gelebten Werte setzen. Es ist aber doch erstaunlich, dass jemand die Covid-19-Pandemie benötigt, um zu erkennen, dass es soziale Ungleichheit gibt.


Im Wettbewerb um die schnellste und weitreichendste Vorhersage gesellschaftlicher Entwicklungen Punkte machen zu wollen, bedeutet, die Krise zu überspielen, statt sie zu thematisieren


 

Wer jetzt erst feststellt, dass „systemrelevante“ Berufsgruppen nicht gleichzusetzen sind mit denen, die in einem neoliberalen Wirtschaftssystem ‚Leistungsträger‘ genannt werden, sollte womöglich die eigene Kompetenz zur Welterklärung hinterfragen. Dasselbe möchte man allen raten, die mit ausgeprägter Angstlust apokalyptisch-dystopische Szenarien entwerfen: Wenn die Bewegungsfreiheit und das Versammlungsrecht beschnitten sind, ist weder „die Freiheit“ eingeschränkt noch „die Demokratie“ gefährdet. Maßnahmen auf Zeit, die auf klarer rechtlicher Grundlage stehen, zeichnen nicht den Weg in den Totalitarismus vor.

Wir erleben eine Ausnahmesituation, von der wir zwar heute noch nicht wissen, wie lange sie andauern wird, von der wir aber sicher sagen können, dass sie nicht morgen vorbei sein wird. Wer sich in diesem frühen Stadium der Epidemie als apokalyptischer Mahner profilieren will, bedient bewährte Modi der medialen Aufmerksamkeitslogik, trägt aber schlussendlich nichts zur Diskussion derjenigen Probleme bei, die uns im Moment beschäftigen. Wenn in der Krise eine Chance liegen soll – Achtung: Klischeewarnung –, dann läge sie darin, habitualisierte Reflexe der Eskalation zu durchbrechen, wie sie sich in den Debatten über angebliche „Zensur“ und „Verbote“ und „Sprachpolizei“ seit Langem zeigen. Statt solche kommunikativen Logiken fortzusetzen wären vorsichtigere, möglichst konkrete Problembeschreibungen hilfreich. Im Wettbewerb um die schnellste und weitreichendste Vorhersage gesellschaftlicher Entwicklungen Punkte machen zu wollen, bedeutet, die Krise zu überspielen, statt sie zu thematisieren. Eine reflektierte Gegenwartsdiagnostik: Das wäre ein starkes Zeichen für die Zukunft nach der Krise. •

Erstveröffentlicht am 03.04.2020


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