Widerstreit der Werte


Darf ein Mann, der Kriegsverbrechen relativiert hat, aber ein herausragender Schriftsteller ist, geehrt werden? Der Disput über den Literaturnobelpreis für Peter Handke führt ins Zentrum heutiger Irrtümer, meint unsere Kolumnistin Thea Dorn.

Illustration von Studio Nippoldt


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Im 16. Jahrhundert landete ein Buch von Michel de Montaigne auf dem katholischen Index, weil der Humanist es wagte, darin einen Ketzer zu den besten Dichtern seiner Zeit zu zählen. Nachzulesen ist der Vorgang in Montaignes „Essais“, im selben Absatz, in dem der Autor die Frage stellt: „Dürfen wir von einem Dieb nicht sagen, er habe ein schönes Bein?“

Dass die „Essais“ vor knapp 500 Jahren dann ebenfalls auf dem Index landeten, ist keine Überraschung. Frappierender ist, dass Montaigne auch in unserer pluralistischen und Diversity-sensiblen Gegenwart das Recht aufs differenzierte Urteil streitig gemacht werden würde. Vermutlich geschähe dies mit demselben Argument, mit dem die Unterscheidung zwischen Peter Handke als traumwandlerisch trittsicherem Poeten und Peter Handke als verirrtem zoon politikon zur „per den Form der Mülltrennung“ erklärt wurde: Differenzieren sei ein „Luxus,
den man sich leisten können muss“, meint die Feministin Margarete Stokowski.

In der Tat ist es perfide, von einem Opfer zu verlangen, es solle auf die künstlerischen Qualitäten desjenigen achten, der ihm Leid zugefügt hat; oder es solle jemanden rühmen, der sich auf die Seite des Aggressors stellt. Aber was bedeutet es, wenn die gesamte Öffentlichkeit dazu gebracht werden soll, die Welt einzig aus der Opferperspektive zu betrachten?


Jedes Plädoyer für einen moralischen Rigorismus fällt hinter die Prinzipien des modernen Rechtsstaats zurück


 

In den 1970er- und 1980er-Jahren kritisierten einflussreiche, meist angelsächsische Philosophen die Überzeugung, dass „moralische Überlegungen alle anderen Überlegungen außer Kraft setzen“ (Philippa Foot), ja sie verteidigten sogar die Möglichkeit einer „bewundernswerten Immoralität“ (Michael Slote). Bernard Williams vertrat die These, dass Paul Gauguin die Art von Kunst, für die er weltberühmt wurde, nie hätte schaffen können, hätte er seine Familie nicht im Stich gelassen. (Apropos: Heute wäre es eine weit längere Liste an Verfehlungen, die dem in die Südsee und ihre Schönheiten verliebten Maler vorgehalten würden.)

Alle genannten Philosophen sind Anhänger einer Ethik, die davon ausgeht, dass unser Wertekosmos zersplittert ist, dass es nicht die eine Wertsphäre gibt (moralische Rücksichtnahme, Vermeidung von Leiden), die alle anderen Wertsphären (wie etwa künstlerische Exzellenz) atomisiert. Folgt man dieser auf Aristoteles zurückgehenden Geistestradition, ist nicht der differenzierte Blick ein Luxusblick, sondern zeugt der ausschließlich durchs Moralmonokel starrende Blick von einer zivilisatorischen Verarmung.

Noch schwerer als diese Bedenken wiegt die Einsicht, dass jedes Plädoyer für einen moralischen Rigorismus hinter die Prinzipien des modernen Rechtsstaats zurückfällt. Denn dieser beruht auf der Überzeugung, dass es eine Vielzahl von höchsten Rechtsgütern wie etwa Meinungsfreiheit und das Recht auf Schutz vor Verleumdung sowie Kunst- und Religionsfreiheit gibt. Sobald solche Rechtsgüter in Konflikt geraten, hilft kein wie auch immer gearteter kategorischer Imperativ, sondern helfen einzig Richter, die über eine solide Urteilskraft verfügen, um in jedem Einzelfall kritisch abzuwägen, welchem Rechtsgut der Vorrang zu gewähren ist.

Preisfrage: Wie stabil ist ein Rechtsstaat, wenn in der Zivilgesellschaft Welt- und Wertvorstellungen um sich greifen, die Differenzierungsvermögen und Urteilskraft als „Luxus“, somit als über überflüssige bis dekadent-obszöne Untugenden, brandmarken? •


Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 1 / 2020