„Die Welt war noch nie so gut wie heute!“

Bild: © Christophe Boulze


Der Harvard-Professor und Bestsellerautor Steven Pinker scheut sich nicht vor kontroversen Auseinandersetzungen. In seinem bald erscheinenden Buch bietet er dem herrschenden Pessimismus abermals die Stirn: Er findet, dass wir freier und sicherer als je zuvor leben.


Das Gespräch führte Alexandre Lacroix




Steven Pinker in sieben Daten

• 1954
Geburt im kanadischen Montreal

• 1979
Doktortitel auf dem Gebiet der Experimentalpsychologie an der Harvard-Universität

• 1982–2003
Professor am Fachbereich Hirn- und Kognitionswissenschaften des Massachusetts Institute of Technology (MIT)

• 2003
Berufung zum Psychologieprofessor in Harvard

• 2004
Pinker steht auf der Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten des Time Magazine

• 2005
Er unterstützt Lawrence Summers, den Präsidenten der Harvard University, in der Behauptung, Frauen seien in Naturwissenschaften weniger begabt als Männer

• 2011
Sein Buch „Gewalt“ ist ein Erfolg bei Kritikern und Lesern und wird in 17 Sprachen übersetzt

Laut einer Liste des amerikanischen Time Magazine gehörte er 2004 zu den hundert einflussreichsten Menschen der Welt. Denn Steven Pinker ist sowohl renommierter Harvard-Psychologe als auch erfolgreicher Bestsellerautor. Mit seinem im Herbst auf Deutsch erscheinenden Buch „Aufklärung jetzt“ fügt er seinem Werk ein weiteres Manifest des Optimismus hinzu. Eine ungewöhnliche Rolle für einen Intellektuellen, scheint doch sonst kaum noch jemand ernsthaft daran zu glauben, dass wir in der besten aller Zeiten leben. Pinker hingegen lässt sich weder von der Krise der liberalen Demokratie noch vom langen Schatten der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts – ja nicht einmal vom Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus beirren. Er beharrt darauf, dass die Aufklärung ihren Zielen kontinuierlich immer näher kommt. Unsere Gattung hat Menschenopfer und Sklaverei hinter sich gelassen, die Zahl der Morde ist seit dem Mittelalter drastisch gesunken, Kriege werden eingedämmt: Auch in seinem neuen Buch feiert Pinker diese jahrhundertelange Entwicklung als Triumph von Empathie und Vernunft. Bis heute hält er überdies an seiner hochkontroversen Ansicht fest, dass Männer und Frauen, Afrikaner und Europäer mit ungleicher Begabung und Intelligenz geboren werden. Seine zuerst in dem Buch „Das unbeschriebene Blatt“ (2003) entwickelte Argumentation ist gegen jene Humanisten gerichtet, die meinen, dass Menschen nur von der Kultur geformt würden. Pinker zufolge existiert nicht nur eine menschliche Natur, sondern uns sind auch genetische Determinationen eingeschrieben. Kann man also progressiv sein und zugleich einen in seinen Konsequenzen höchst fragwürdigen Naturalismus vertreten? Oder ist Pinker ein Intellektueller, dem es in erster Linie um die Kontroverse geht?

Philosophie Magazin: Schon immer stand für Sie die Erforschung der menschlichen Natur im Mittelpunkt. Bereits zu Beginn der 1980er-Jahre vertraten Sie eine sogenannte „komputationale“ Theorie, die das Gehirn als Maschine oder Supercomputer betrachtet. Können Sie das erläutern?

Steven Pinker: Ich halte die komputationale Theorie des Gehirns für eine der großen Entdeckungen der Moderne. Sie reicht bis zu Leibniz zurück. Doch ihren eigentlichen Aufschwung erlebte sie erst mit der „kognitiven Revolution“ der 1950er- Jahre und den frühen Arbeiten von Alan Turing. Die Ausgangsidee ist relativ einfach: Menschliches Denken ist eine Art Rechnen. Unser Gehirn ist eine sehr komplexe Maschine, die nichts anderes macht, als Informationen zu verarbeiten. So funktioniert das Sehen – das Gehirn entschlüsselt elektrische Signale, die vom Sehnerv übertragen werden –, aber auch die Erinnerung, die Sprache oder unsere Fähigkeit, uns in die Zukunft zu versetzen. Diese Feststellung führt uns zu einigen sehr fruchtbaren Fragen. Ist die Architektur des Gehirns darauf angelegt, mehrere Daten parallel zu verarbeiten? Falls ja, wie viele verschiedene Algorithmen koexistieren, und wie interagieren sie? Gibt es verschiedene Datenkategorien im Gehirn? Haben wir Text- und Bilddateien, die in unserem Kopf herumschwirren?

Zuerst haben Sie erforscht, wie Kinder unregelmäßige Verben lernen. Warum dieses Thema?

Eine Charakteristik der menschlichen Sprache ist ihre Kreativität. Menschen begnügen sich nicht damit, Sätze auswendig zu lernen, sie erzeugen Wortkombinationen und Morpheme, die sie nie zuvor gehört haben. Durch diese Produktivität der Sprache, auf die Noam Chomsky hingewiesen hat, können wir eine potenziell unendliche Zahl von Gedanken zum Ausdruck bringen. Nun gibt es ein berühmtes Experiment, das Jean Berko Gleason in den 1950er-Jahren gemacht hat. Sie erklärte einem Kind, dass sie ein neues Verb erfunden habe, to spow. Dann sagte sie: „Today I spow. Yesterday I …“ „… spowed“, vervollständigte das Kind den Satz, ohne zu zögern. Wie ist es möglich, dass ein vierjähriges Kind ein Verb konjugieren kann, das nicht existiert? Es kann das, weil das Gehirn das mentale Äquivalent von Regeln und Algorithmen anwendet. Es weiß, dass viele Verben im Englischen die einfache Vergangenheit mit dem Suffix „-ed“ bilden. Es hat die Regel auf eine völlig neue Situation angewendet. Dieser Prozess erklärt auch, warum Kinder bei unregelmäßigen Verben Fehler machen, etwa wenn sie sagen „du werfst“ statt „du wirfst“.

Gene haben einen starken Einfluss auf unsere Intelligenz


 

Tatsächlich sind die am häufigsten verwendeten Verben wie „haben“, „sein“ und „gehen“ alle unregelmäßig. Doch Kinder lernen die Ausnahmen schnell. Das Gehirn begnügt sich also nicht damit, Regeln anzuwenden.

Genau! Das bringt uns zu einer faszinierenden Debatte der 1980er-Jahre zurück, an der ich beteiligt war. Damals gab es zwei konkurrierende Modelle. Eigentlich haben wir einen alten Streit aus dem 18. Jahrhundert wiederaufleben lassen, in dem sich Leibniz und Hume gegenüberstanden. Leibniz zufolge funktioniert das menschliche Denken durch die Anwendung logischer Regeln. Hume zufolge arbeitet es mit Erinnern und der Assoziation von Vorstellungen. Zum Beispiel beobachten wir, dass die Sonne jeden Morgen aufgeht oder dass Wasser bei null Grad gefriert, und wir ziehen daraus allgemeine Schlüsse. In den 1980er-Jahren vertraten die Anhänger der komputationalen Theorie, zu denen ich gehörte, wie Leibniz die Ansicht, dass das Gehirn prinzipiell mit der Anwendung algorithmischer Regeln arbeitet. Uns gegenüber hatten die Konnektionisten eine Position, die der Humes ähnelte: Sie besagte, dass das Gehirn zuerst eine sehr große Anzahl von konkreten Äußerungen speichern muss, um selbst Äußerungen hervorbringen zu können. Das Erlernen unregelmäßiger Verben stand im Mittelpunkt der Debatte. Die komputationale Theorie erklärt, warum das Kind „I spowed“ sagt, aber auch, warum es bei „du werfst“ einen Fehler macht. Der konnektionistische Ansatz vertritt die Ansicht, dass man Sprache erlernt, indem man die anderen sprechen hört, und nicht, indem man Regeln anwendet, er zeigt also, warum die Kinder keine allzu großen Schwierigkeiten mit unregelmäßigen Verben haben.

Wer hat damals gewonnen?

Die Debatte war sehr hitzig, doch Anfang der 1990er-Jahre bin ich zu dem Schluss gekommen, dass beide Theorien stimmen: Das Gehirn ist ein hybrides System! Genauer gesagt, ich glaube, dass das Gedächtnis assoziativ ist, wie es die Konnektionisten sagen. Doch das Denken funktioniert nach logischen Regeln. Das Witzige ist, dass wir diese Debatte zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz gerade noch einmal erleben. Einige Computer, wie Deep Blue, der den Schachweltmeister Kasparow geschlagen hat, tun nichts anderes als Rechnen. Sie machen Millionen von Rechenoperationen im Rahmen der Spielregeln. Doch die Algorithmen von Facebook, die ein Gesicht erkennen können, oder AlphaGo, das den Weltmeister im Go besiegt hat, betreiben Deep Learning. Was ist das? Das ist nichts anderes als Konnektionismus auf Maschinen angewandt! Die Maschine begnügt sich nicht mehr damit, die Regeln anzuwenden, sie lernt. AlphaGo hat Millionen Go-Spiele gegen sich selbst gespielt und sich so trainiert. Heute scheint es, als müssten Systeme der künstlichen Intelligenz, um sich weiterzuentwickeln, hybrid sein, so wie das menschliche Hirn.

1990 haben Sie gemeinsam mit Paul Bloom die These vertreten, dass die Sprache eine aktive Rolle bei der Evolution der menschlichen Spezies gespielt hat. Können Sie das noch einmal kurz erläutern?

Damals herrschte die Überzeugung vor, dass die Sprache lediglich eine Art Begleiterscheinung der Evolution der menschlichen Spezies ist, ein Zufall. Das Gehirn des Homo sapiens hätte demzufolge etwa seine heutige Form erreicht und die Sprache sei nachträglich hinzugekommen. Paul und ich hielten diese Konzeption, die Stephen Jay Gould oder auch Noam Chomsky vertraten, für höchst unwahrscheinlich. Nehmen wir das menschliche Auge: Es gibt eine Hornhaut, eine Iris, eine Netzhaut und Muskeln, die die Bewegung steuern. All das ist zu komplex, zu gut angepasst, um allein durch Zufall oder als bloße Abweichung, wie zum Beispiel ein Tumor, entstanden zu sein. Unser Gedanke war, dass dasselbe für die Sprache gilt. Die Sprache ist zu komplex, um einfach so entstanden zu sein, als eine zusätzliche Sache.

Stimmt es, dass Sie im Alter von 13 Jahren zum Atheismus konvertiert sind?

Ja.

Der Glaube an einen oder mehrere Götter ist eine der am meisten verbreiteten anthropologischen Gegebenheiten in allen Kulturen. Was ist die biologische Grundlage für dieses Bedürfnis des Glaubens?

Ich denke nicht, dass die Religion eine biologische Notwendigkeit ist. Sie ist nicht vergleichbar mit Hunger, Durst, Sex oder Angst. Denn wir wissen, dass es für den Menschen möglich ist, an keinerlei Gott zu glauben und sich wohlzufühlen. Die Religion ist also eine Begleiterscheinung, die mit anderen evolutionären Anpassungen zusammenhängt. Woher kommt sie? Mir scheint, dass sie mit unserer Neigung zusammenhängt, anderen Menschen einen Geist zuzuschreiben. Wenn ich mit jemandem interagiere, behandle ich ihn nicht wie einen Roboter. Ich gehe von der Annahme aus, dass er Glaubenssätze, Wünsche, Emotionen, ein Wissen hat, genau wie ich. Diese Gewohnheit ist so tief in uns verankert, dass wir sie übertragen und auch Bäumen, Bergen und Flüssen einen Geist zuschreiben. Und schließlich im weiteren Sinne dem Universum. So kommt man zu Gott.

In „Das unbeschriebene Blatt“ vertreten Sie die These, dass Menschenbabys gerade keine „unbeschriebenen Blätter“ sind, sondern dass sie im Gegenteil stark prägende angeborene Veranlagungen haben.

Ja, ich denke, dass die Gene einen starken Einfluss auf die Intelligenz und die Persönlichkeit haben.

Ausgewählte Werke von Nassim Nicholas Taleb


Der Sprachinstinkt (Kindler, 1996)
Dieses erste populärwissenschaftliche Buch von Steven Pinker legt eine Evolutionstheorie der Sprache dar. Die Sprache ist ein für den Menschen spezifischer „Instinkt“, vergleichbar mit dem Instinkt, der Spinnen zum Weben ihrer Netze oder Biber zum Bau von Staudämmen bringt.

Das unbeschriebene Blatt (Berlin Verlag, 2003)
Es ist das weitaus polemischste Werk von Pinker: Menschen seien bei Geburt keine unbeschriebenen Blätter, auf die die Gesellschaft einwirkt. Das bedeutet für ihn auch: Wir sind nicht im selben Maß intelligent, Männer und Frauen sind ungleich, Erziehung besitzt wenig Einfluss.

Gewalt (S. Fischer, 2011)
Ein großer Abriss der Weltgeschichte mit Hunderten Statistiken, die den Rückgang der Gewalt im Laufe der Jahrhunderte zeigen wollen. Schließlich werden die vier „Schutzengel“ der Menschheit gepriesen: Empathie, Selbstbeherrschung, Moral und Vernunft.

Aufklärung jetzt (S. Fischer, 2018)
Unvernunft und Populismus scheinen überall auf dem Vormarsch. In seiner im Herbst auf Deutsch erscheinenden Studie zeigt Pinker jedoch, dass dieser Eindruck falsch ist und wir heute länger, sicherer und wohlhabender leben als je zuvor. Der Grund: Die Aufklärung hat gesiegt.

 

Aber Sie gehen noch weiter und behaupten, dass die Menschen hinsichtlich Begabung und Intelligenz ungleich geboren werden. Was bedeutet das für den Unterschied zwischen Mann und Frau?

Zunächst einmal möchte ich vorausschicken, dass ich mich als Feministen betrachte. Ich bin für die absolute Gleichberechtigung von Männern und Frauen, was übrigens kompatibel ist mit der These, dass Männer und Frauen biologisch verschieden sind. Ich glaube, die Leute weigern sich zuzugeben, dass Männer und Frauen, im Schnitt, nicht dieselben Begabungen haben, obwohl es offensichtlich ist – aus Angst, Diskriminierungen Tür und Tor zu öffnen … Aber das ist weit gefehlt! Zum Beispiel bin ich überzeugt davon, dass Richard Feynman, der Physik-Nobelpreisträger von 1965, intelligenter ist als ich. Aber ich denke trotzdem nicht, dass ich weniger Rechte haben sollte als er.

Welche Unterschiede gibt es in der Begabung zwischen Männern und Frauen?

Sie sind statistisch messbar. Im Schnitt sind Frauen im mündlichen Bereich besser als Männer. Im Schnitt haben Männer ein größeres Talent, mental mit dreidimensionalen Objekten umzugehen. Doch das trifft nicht für alle zu: Manchen Männern fällt das Reden leichter als dem Durchschnitt der Frauen, und manche Frauen können Objekte im Raum besser erfassen als der Durchschnitt der Männer. Es wäre also absurd, manche Studiengänge Frauen vorzubehalten, wie die klassische Philologie, und andere Männern, wie die Mathematik oder die Molekularbiologie.

Sie haben die Mathematik erwähnt: Nur eine einzige Frau hat die Fields-Medaille bekom-
en, das Pendant zum Nobelpreis in dieser Disziplin. Die Schachweltmeisterschaften werden nach Geschlechtern getrennt veranstaltet. Hängen die individuellen Leistungen in diesen beiden Bereichen mit dem Geschlecht zusammen?

Der Unterschied liegt vielleicht nicht in der Intelligenz, sondern im Interesse. Männer beschäftigen sich im Schnitt stärker mit Systemen, die von Regeln beherrscht werden. Der britische Psychologe Simon Baron-Cohen nimmt an, dass es mentale Bereiche gibt, in denen die Interaktion mit Menschen keine Rolle spielt und man lediglich mit abstrakten Entitäten interagiert. Der extremste Fall von Eingeschlossensein in Bereiche ohne Menschen ist der schwere Autismus und wir wissen, dass es weit mehr autistische Männer als Frauen gibt. Mathematik und Schach sind möglicherweise solche Bereiche ohne Menschen.

Ihre These über die ungleiche Verteilung der Intelligenz wird noch unbequemer, wenn man sie auf die Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen bezieht.

Ja, das ist ein gefährliches Terrain.

Vergleichende Studien haben gezeigt, dass es zwischen verschiedenen Teilen der Welt bedeutende Unterschiede beim durchschnittlichen Intelligenzquotienten (IQ) gibt. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder Sie betrachten IQ-Tests als angloamerikanische Erfindung und der Unterschied ist kulturell, das heißt es werden Fähigkeiten gemessen, die in einigen Kulturen relevanter als in anderen sind. Oder Sie halten die Tests für genau und liefern dem Rassismus ein wissenschaftliches Fundament.

Oder eine dritte Möglichkeit: Es kann sein, dass die Tests genau sind, aber dass das Umfeld der entscheidende Faktor ist. Anders gesagt, es geht nicht um ethnische Gruppen, sondern darum, dass es in bestimmten Ländern ein effizientes Bildungssystem gibt, die Ausrottung des Analphabetismus, Bildung für Frauen, Demokratie, die den kritischen Geist fördert und so weiter. Wenn diese Hypothese stimmt, so sind nicht die Gene verantwortlich zu machen, sondern bestimmte politische Organisationsformen. Dennoch besteht die Gefahr, dass diese ethnischen Vergleiche von IQs durch Rechtsextreme aufgegriffen werden. Wir sollten weiterhin vorsichtig sein im Umgang mit solchen Daten!

Kommen wir zu Ihrer zentralen These über Gewalt: Sie sind der Ansicht, dass die Gewalt in menschlichen Gesellschaften langfristig gesehen abgenommen hat. Diese These widerspricht dem Bild einer von Terrorismus und Krieg zerrissenen Welt, wie wir es heute wahrnehmen.

Bestimmte gewaltsame Praktiken, die in der Antike weltweit verbreitet waren, sind de facto verschwunden. So etwa Menschenopfer, Kannibalismus oder die Kastration von Eunuchen. Die Verstümmelung von Dieben und Kriminellen ist nicht mehr geltendes Recht, außer in einigen arabischen Ländern. Die Sklaverei, die mehrere Zehnmillionen Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten betroffen hat, wurde in den meisten Ländern abgeschafft, auch wenn sie in illegalen Formen weiter existiert. Aber auch die Entwicklung der Mordrate zeigt es sehr deutlich: In Europa ist sie von hundert Morden pro Jahr und 100 000 Einwohnern im 14. Jahrhundert auf zehn im 17. Jahrhundert und auf einen heutzutage gesunken. Dasselbe gilt für bewaffnete Konflikte. Der Krieg in Syrien ist der blutigste seit Beginn des 21. Jahrhunderts. Dennoch stirbt weltweit jedes Jahr nur einer von 100 000 Menschen im Krieg. Diese Zahl betrug 20 im Jahr 1940. Mit etwa 55 Millionen Opfern war der Zweite Weltkrieg der blutigste Krieg der Geschichte. Doch die Weltbevölkerung ist 1939 sehr viel größer als im Mittelalter. Vergleicht man nicht die absolute Zahl der Toten, sondern die Proportionen, dann sehen die Dinge anders aus: Die An-Lushan-Rebellion in China im 8. Jahrhundert, die acht Jahre dauerte und 36 Millionen Tote forderte, würde heute das Äquivalent von 429 Millionen Toten fordern! Letztlich sind seit dem Koreakrieg 1953 die Kriege zwischen Staaten selten geworden. Natürlich gibt es immer noch solche Fälle, wie der Einmarsch der USA im Irak 2003, aber zurzeit beobachten wir vor allem Bürgerkriege wie in Syrien, Libyen oder Ruanda. Kriege zwischen Nationen, die früher systematisch waren, scheinen fast überholt zu sein.

Die Analyse von Daten weltweit zeigt uns: die Aufklärung hat ihr Programm verwirklicht


 

Ist das nicht zu quantitativ gedacht? Lässt Sie beispielsweise die Tatsache, dass die Nationalsozialisten in Deutschland – damals eines der fortschrittlichsten Länder der Welt – an die Macht gelangten, nicht befürchten, dass uns der Fortschritt keineswegs vor der Barbarei schützt?

Es waren weder die Erben der Aufklärung noch Albert Einstein, die in Deutschland die Macht ergriffen haben, sondern die Nazis! Seit dem 18. Jahrhundert stehen sich in Europa fortschrittliche Kräfte und Traditionalisten gegenüber, Aufklärung und Gegenaufklärung. Deutschland ist die Geburtsstätte der Romantik, von Schopenhauer, von Nietzsche, einer Revolte gegen die Vernunft, die den Aufschwung von Nationalsozialismus und Faschismus befördert hat.

Kommt der Schoah nicht ein Sonderstatus zu? Ist es in der Geschichte nicht einmalig, dass ein Regime auf der Grundlage einer Rassentheorie entscheidet, ein ganzes Volk auszurotten, ohne dass es dabei einen Territorialkonflikt oder die Gefahr von Unabhängigkeitsbestrebungen gegeben hätte, und dass dazu moderne industrielle Mittel verwendet werden?

Ja, ich kenne dieses Konzept der Einzigartigkeit der Schoah, das Claude Lanzmann vertritt, doch ich bin anderer Meinung. Es hat noch andere Genozide gegeben. Die Invasion der Mongolen auf islamisches Territorium im 13. Jahrhundert führte zum Massaker an 1,3 Millionen Menschen allein in der Stadt Merwund von 800 000 in Bagdad. Shaka, eine Art Hitler bei den Zulu, verantwortete ein bis zwei Millionen Tote bei seinen Eroberungen im südlichen Afrika zwischen 1816 und 1827. Der Tripel-Allianz-Krieg von Brasilien, Argentinien und Uruguay gegen Paraguay hat im 19. Jahrhundert 400 000 Menschen getötet, also 60 Prozent der Bevölkerung Paraguays. Bei der Ausrottung der Indianer gab es 20 Millionen Opfer.

Sie nennen verschiedene Gründe, um den Rückgang der Gewalt zu erklären. Einige sind vorhersehbar, wie die humanistische Revolution oder die Entwicklung des Völkerrechts. Doch ein Grund ist überraschend: der wachsende Einfluss von Frauen.

Ich denke, dass der Wunsch nach Herrschaft und Ruhm ein männlicher Charakterzug ist. Männer neigen eher dazu, gewalttätig auf Beleidigungen zu reagieren. Wir wissen, dass das mit einem Hormon zusammenhängt, dem Testosteron, und dass das Injizieren dieses Hormons bei Primaten brutales Verhalten auslöst. Männer begehen zehnmal mehr Morde als Frauen. Der Umstand, dass Frauen mehr Macht haben, führt zu milderen Umgangsformen. Aber auch Verhütung und Geburtenkontrolle spielen eine Rolle. In den meisten Ländern heiraten Frauen heutzutage später, sie tun dies aus eigener Entscheidung, sie haben auch später Kinder. Diese erwünschten Kinder werden auch besser behandelt und erzogen. Der Rückgang der Polygamie ist ein dritter Faktor für den Rückgang von Gewalt: Da sie manchen Männern erlaubt, mehrere Ehefrauen zu haben, bleiben andere ohne Familie, die dann bereit sind, sich in Gangs oder bewaffneten Gruppen zu engagieren.

Ihr nächstes Buch erscheint im Februar in den USA: „Enlightment Now“ („Aufklärung jetzt“). Können Sie uns vorab etwas dazu sagen?

Es gibt eine Version der neueren Geschichte, die gerade sehr en vogue ist und darin besteht, uns zu erklären, dass die Vernunft und die Moderne uns zwei Weltkriege beschert hätten, die Schoah, die Totalitarismen, und dass dieselben Kräfte im Begriff sind, die Umwelt zu zerstören und die Menschheit ins Verderben zu stürzen. Ich wollte das genaue Gegenteil dieser Schwarzmalerei behaupten. Die Welt ist heute besser, als sie es jemals war. Und zwar unabhängig vom Kriterium, das man betrachtet. Es ist weniger wahrscheinlich, dass man in einem Krieg oder durch Gewalt stirbt. Wenn man eine Frau oder ein Kind ist, so sind Missbrauch und Misshandlung weniger verbreitet. Die Lebenserwartung ist gestiegen, Krankheiten sind besser behandelbar. Ein Kind, das geboren wird, hat viel größere Chancen, sein erstes Lebensjahr zu überleben. Wir sind besser gebildet, wir haben Zugang zu viel mehr Wissen dank des Internets. Es gibt mehr Frauen, die studieren. Sie leben nicht mehr oder zumindest deutlich weniger unter der Fuchtel der Männer. Die Wahrscheinlichkeit, Hunger zu erleiden, ist auch geringer. Noch nie war unsere Ernährung so vielfältig. Man hat die Möglichkeit zu reisen. Der materielle Wohlstand war noch nie so hoch. Wir haben noch nie so wenige Stunden gearbeitet. Eigentlich zeigt die Analyse der quantitativen Daten in allen Bereichen und auf dem gesamten Planeten, dass es besser ist, im Jahr 2017 zu leben als in jeder früheren Epoche. Mit einem Satz: Die Aufklärung hat ihr Programm verwirklicht. •

Aus dem Französischen von Grit Fröhlich

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 2 / 2018