Die neue Normalität

Foto: © Nikita Teryoshin


Für moderne Gesellschaften bedeutet die Pandemie den Beginn einer „großen Transformation“. In welche Richtung diese verlaufen wird, ist die zentrale politische Zukunftsfrage.

Essay von Nils Markwardt


Das Coronavirus hat einen gesellschaftlichen Kollaps verursacht, wie es ihn historisch noch nie gegeben hat und die meisten Menschen ihn vermutlich auch nicht für möglich gehalten hätten. Ein Shutdown von Wirtschaft und Sozialleben gleichermaßen. Und zwar weltweit. Doch so einzigartig dieser Zusammenbruch an sich auch sein mag, wird er, ähnlich wie bei Umweltkatastrophen, Kriegen oder wirtschaftlichen Depressionen zuvor, irgendwann vorbei sein. Es wird eine Rückkehr zur Normalität geben. Das ist keineswegs leichtfertig oder gar krisenromantisch gesagt. Denn die Pandemie zerstört unzählige Existenzen: kostet Menschen das Leben, Angehörige oder den Job. Deshalb wird die zukünftige Normalität auch eine neue, eine andere sein. Für viele auf ganz persönliche, in jedem Fall aber auf gesellschaftliche Art. Denn der Kollaps von sozialen Systemen ist historisch eben nie das Ende im eminenten Sinne, sondern vielmehr der Beginn gesellschaftlicher Transformationen.

Den Pendelschwung nutzen

Genauer gesagt: Verändert der Kollaps bereits selbst in rasanter Weise die Gesellschaft, weil er die herkömmlichen Prozesse still stellt, provoziert er auch stets die Frage, unter welchen Prämissen die Rückkehr zur neuen Normalität erfolgen wird. Wird die Gesellschaft nach Corona tendenziell demokratischer, ökologischer und solidarischer oder autoritärer, konkurrenzorientierter und ökonomisch noch stärker gespalten sein? Um diese Frage zu beantworten, braucht es keine Kollapsologie, sondern vielmehr eine Transitologie: eine Theorie der Transformation. Den Grundstein hierfür findet man in Karl Polanyis 1944 erschienenem Klassiker „The Great Transformation“. Darin hat der österreichisch-ungarische Soziologe nachgezeichnet, wie der moderne Kapitalismus im 19. Jahrhundert alte Feudalstrukturen ablöste und sich in der Folge immer wieder selbst wandelte. Polanyis zentrale Beobachtung: Moderne Gesellschaften befinden sich stets im Spannungsfeld der Bedürfnisse des freien Marktes sowie seiner Regulierung aufgrund kollektiver Schutzbedürftigkeit. Denn eine ökonomische Liberalisierung mag zwar Dynamik und Innovation erzeugen, produziert für viele Menschen aber auch strukturelle Unsicherheiten wie Armut oder medizinische Unterversorgung, sodass, werden derlei Unsicherheiten zu groß, eine „Pendelbewegung“ hin zu mehr Regulierung eintritt. Diese Regulierungstendenz erwächst dabei nicht nur aus der Logik des Marktes selbst, sondern kann auch durch externe Schocks verursacht werden. Vollzog sich etwa Franklin D. Roosevelts „New Deal“ (eine Reihe von linksgerichteten Sozialreformen in den 1930er-Jahren) als Ergebnis der Großen Depression, war die Gründung vieler europäischer Wohlfahrtssysteme wiederum eine Reaktion auf die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs. Diese historischen Gegenbewegungen zum Laissez-faire-Kapitalismus offenbarten sich indes nicht, wie in klassisch marxistischer Vorstellung, allein als Werk des Proletariats, sondern vielmehr als Ergebnis klassenübergreifender Allianzen. Denn die Regulierung des Marktes war durchaus unterschiedlich motiviert. Wollten manche damit den Kapitalismus überwinden, bestrebten andere, ihn gerade dadurch zu retten.


Die Logik des Marktes wurde zum Schutz der Bevölkerung hintangestellt. Jetzt muss es darum gehen, auch die kommende Transformation solidarisch zu steuern


 

Blickt man mit Polanyi nun auf die Coronakrise, wird deutlich, dass Letztere auf geradezu exemplarische Weise einen solchen Ausschlag des Pendels in Richtung Schutz darstellt. Angesichts der tödlichen Bedrohung durch die Pandemie haben Regierungen weltweit, und zwar parteipolitisch übergreifend, durch den Shutdown die Logik des Marktes zum Schutz der Bevölkerung hintangestellt. Nicht nur wurde die Wirtschaft aufs Nötigste heruntergefahren, auch der Staat selbst erlebt durch seine Rettungspakete und verstärkten Regulierungsleistungen gerade ein ungeahntes Comeback.

Es bleibt indes die Frage, wo das hinführt, wenn die Pandemie vorbei ist. Schon Polanyi war sich sehr bewusst, dass (Gegen-)Transformationen, die aus kollektiver Schutzbedürftigkeit entspringen, in zwei sehr unterschiedliche Richtungen laufen können. Nicht nur in die solidarisch-sozialrefomerische, sondern eben auch in die autoritär-ausgrenzende. Zeigte sich dies historisch bereits in Form des italienischen Faschismus und des deutschen Nationalsozialismus, so nutzen auch dieser Tage manche Regierungen den pandemischen Ausnahmezustand, um einen neuen Autoritarismus zu zementieren. Allen voran etwa Viktor Orbán, der Ungarn – zumindest für den Moment – durch weitreichende Notstandsgesetze zur De-facto-Diktatur gemacht hat. Und auch in anderen Ländern wird abzuwarten sein, inwiefern nationale Abschottung, ein Ausbau digitaler Überwachung sowie die Konzentration exekutiver Befugnisse tatsächlich nur pandemische Übergangsmaßnahmen sind oder womöglich den Ausgangspunkt eines fortdauernden Schwenks zum Autoritarismus bilden.

Im Kontrast dazu lassen sich derzeit aber auch gegenteilige Bewegungen beobachten, die wiederum eher an die New-Deal-Politik erinnern. Betonte hierzulande Finanzminister Olaf Scholz, dass einmalige Bonuszahlungen an Pflegekräfte nicht ausreichten, sondern diese auch nach der Krise einen höheren Lohn bekommen müssten, wurde in den USA erstmals landesweit ein Anspruch auf bezahlte Krankheitstage eingeführt. In Spanien bahnt sich wiederum die Einführung eines Grundeinkommens an, in Portugal wurde Asylsuchenden unbürokratisch Zugang zum Medizin- und Sozialsystem gewährt. Die Chefredaktion der Financial Times, gemeinhin eine Hüterin des Marktliberalismus, betonte in einem kürzlich erschienenen Text sogar, dass nun „radikale Reformen“ nötig seien, die die Liberalisierungspolitik der letzten vier Dekaden beenden müsse. Demnach bedürfe es jetzt öffentlicher Investitionen und einer aktiven Rolle des Staates in der Wirtschaft, damit die Arbeitsmärkte „weniger unsicher“ werden. Selbst Grundeinkommen und Vermögenssteuer sollten deshalb bedacht werden.

So wird deutlich: Polanyis Pendel schwingt dieser Tage stark in Richtung Schutz. Wo es aber schließlich genau stehen bleiben wird, ist offen – weshalb es gerade jetzt darauf ankommt, die kommende Transformation solidarisch zu steuern. Denn es wird alsbald eine neue Normalität geben. So oder so. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe Nr. 4 / 2020

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