„Die Natur muss ins Parlament“

Die Erde, ein atmendes Lebewesen? Aufnahme eines Flussdeltas.
Bild: NASA

Bruno Latour fordert, dass wir die Erde nicht länger nur als Objekt politischen Handelns begreifen. Vielmehr ist sie selbst ein lebender Organismus.

Das Gespräch führte Alexandre Lacroix


Bild: © CC-by-SA 4.0 KOKUYO

Bruno Latour

Bruno Latour ist Soziologe, Anthropologe und Wissenschaftsphilosoph. Er gehört zu den zehn meistzitierten Autoren in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Latours Werk steht für eine Erneuerung der Reflexion über Wissenschaft und Ökologie, wie er sie zum Beispiel in dem zum Klassiker gewordenen „Wir sind nie modern gewesen“ (Suhrkamp, 1998) oder in „Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie“ (Suhrkamp, 2001) darlegt.

Im Dezember trafen sich die 195 Vertragsstaaten des UNFCCC (United Nations Framework Convention on Climate Change) in Paris und beschlossen eine weltweite Absenkung der CO2-Emissionen. Aber warum, fragt Bruno Latour, sitzen eigentlich bei Klimakonferenzen nur Repräsentanten der Länder am Tisch und nicht Vertreter der Wälder, der Gewässer, der Gletscher? Für den Philosophen ist die Natur kein Gegenstand, über den es zu verhandeln gälte, kein passives Etwas, das der Mensch sich zunutze macht. Vielmehr vertritt er – im Anschluss an den Biophysiker James Lovelock – die sogenannte Gaia-Hypothese: Die Erde ist ein Lebewesen, mächtig und gebärend wie die Große Mutter der griechischen Mythologie. Latour fordert mithin nicht weniger, als dass der Mensch sein Verständnis der Natur radikal überdenke: Für den französischen Philosophen ist sie weder klar von der Kultur zu trennen, noch ist sie an sich gut, wie Umweltschützer gern glauben. Wie aber wäre dann mit ihr umzugehen? Ein Gespräch über eine der größten Herausforderungen unserer Zeit.

In Ihrem neuesten Buch nehmen Sie sich der Gaia-Hypothese an, die 1970 von James Lovelock formuliert wurde. Nun ist Lovelock eine Ikone der Hippie-Generation. Woher kommt Ihre Begeisterung für Lovelock?

Ich interessiere mich nicht für den zum Weisen stilisierten Lovelock, der zur Ikone einer New-Age-Religion gemacht wurde, die ein Wesen namens Gaia zelebriert. Was mich interessiert, ist, dass dieser Forscher eine Tatsache sehr präzise formuliert hat, die bereits andere vor ihm erahnten, aber die er als Erster umfassend dokumentiert hat: Die Erde ist nicht leblos. Das ist seine große Entdeckung. Die Umwelt ist keine passive Umgebung für Lebewesen, die versuchen, darin zu überleben. Im Gegenteil, unsere Umwelt besteht komplett aus Lebendigem.

Können Sie Beispiele nennen?

Das offensichtlichste Beispiel ist die Zusammensetzung der Atmosphäre: Der Sauerstoff, den wir einatmen, wurde von Pflanzen erzeugt, durch Photosynthese. Wir wissen, dass die Baumkronen des Regenwaldes in Amazonien die chemische Zusammensetzung der Wolken verändern. Kürzlich wurde entdeckt, dass noch in vier Kilometern Tiefe Mikroorganismen leben, in Poren von Vulkangestein bei Temperaturen, die teilweise bis zu 70 Grad Celsius erreichen. Was wir also bislang für leblos hielten – die Luft, die Wolken, die Felsen –, ist voller Leben, das sich ständig wandelt. Darin besteht die Gaia-Hypothese.

Sie vergleichen Lovelock sogar mit Galilei. Welchen Bezug gibt es zu Galilei?

Der Vergleich ist zugegebenermaßen ein wenig konstruiert. Dennoch gibt es eine Entsprechung im wissenschaftlichen Handeln der beiden. 1610 macht Galilei seine Beobachtung publik, dass sich die Erde nicht im Zentrum des Universums befindet, sondern um die Sonne dreht. Er zeigt, dass noch andere Sonnen existieren, und schleudert damit auch die Menschheit in den Weltraum hinaus. Mit Galilei beginnt das Abenteuer der modernen Wissenschaft, die unablässig über die Dimensionen und die Möglichkeiten der Erforschung des Universums nachdenkt. James Lovelocks erste wissenschaftliche Arbeit beschäftigt sich mit dem Planeten Mars. Er erforschte in den sechziger Jahren für die NASA, ob auf dem Mars Leben möglich sei. Sein Bericht war eine Pionierleistung, er erklärte, dass der Mars nicht von Lebewesen bewohnt sein könne, da seine Atmosphäre in chemischer Hinsicht zu stabil sei, im Vergleich zu unserer, die ständig in Bewegung ist. Damit hat er uns dazu verholfen, die Einzigartigkeit unseres Planeten zu erkennen, welcher der einzige uns bekannte Ort ist, wo entwickelte Formen des Lebens möglich sind. Galilei inspirierte uns dazu, ins Weltall zu fliegen, Lovelock erinnert uns daran, wie sehr wir doch Erdlinge sind.

Lovelock sagt manchmal, dass Gaia, also die Erde, „lebensfreundlich“ sei, dass sie das Leben schütze. Sind Sie damit einverstanden?

Nein, überhaupt nicht und aus philosophischer Sicht beginnen hier die Probleme! Für mich besteht Lovelocks Genialität darin, dass er erfasst hat, dass unsere Umwelt belebt ist und von lebenden Organismen verändert wird. Doch einige seiner Anhänger, und zuweilen auch er selbst, sind dann sehr schnell einen Schritt weiter gegangen: Sie haben geschlussfolgert, dass die Erde lebendig sei in dem Sinne, dass sie selbst eine Art großer Organismus oder ein Wesen sei. Der konzeptuelle Fehler ist, meiner Meinung nach, dass Lovelock sich das Leben auf der Erde vorstellt als etwas, das gelenkt wird, einer Art Weg folgt, dass es einem beinahe göttlichen Schutz unterstehe. Wenn man sagt, dass Gaia eine einheitliche Entität sei, ein riesiger Organismus, und dass sie lebensfreundlich sei, dann ist man nicht weit entfernt von der göttlichen Vorsehung. Doch das ist ein weitverbreiteter Fehler: Wissenschaftler, insbesondere die Biologen, haben kein alternatives Konzept zur Vorsehung und fallen häufig in eine religiöse Weltsicht zurück, wenn sie allgemeine Schlüsse aus ihrer Forschung ziehen.

Für den Übergang von einem geologischen Zeitalter zum Anthropozän braucht es ein Zeichen, das auf allen fünf Kontinenten messbar ist


 

Gaia ist also nicht lebensfreundlich?

Es macht überhaupt keinen Sinn, Gaia Gefühle oder Absichten solcher Art zu unterstellen! In der griechischen Mythologie ist Gaia sogar eine ziemlich furchterregende Göttin. Sie gebiert Kronos, aber auch eine Menge Ungeheuer, tötet ihren Gatten und mehrere ihrer Kinder. Allein die Lektüre des Mythos sollte uns vor kitschigen Versionen der Gaia-Hypothese warnen. Und wir sollten nicht vergessen, dass sie sich auf einen mythologischen Diskurs bezieht, nicht auf eine offenbarte Wahrheit!

Genau betrachtet war die Entwicklung des Lebens auf der Erde recht brutal. Zum Beispiel als die Sauerstoffmenge in der Atmosphäre stark anstieg – vor etwa 2200 Millionen Jahren –, wurden alle vorherigen Lebensformen, die von CO2 und Schwefel abhängig waren, hinweggefegt …

Lovelock spricht über dieses „Great Oxidation Event“ und sieht darin eine Bestätigung seiner Hypothese: Das Leben verändert die Umgebung und manchmal bringt dies eine unbarmherzige Vernichtung mit sich, wie er sagt. Die Gaia-Hypothese ist auch durch die Forscherin Lynn Margulis erweitert worden. Sie hat die Symbiosen zwischen menschlichen Zellen und denen zahlreicher anderer Lebewesen untersucht, die im Laufe der Evolution entstanden. Margulis’ Arbeiten haben die Unterscheidung zwischen Innerem und Äußerem, zwischen Umwelt und Organismus infrage gestellt: Ihr Körper und meiner sind bereits komplexe Ökosysteme, die zahlreiche Lebensformen beherbergen. Lovelocks und Margulis’ Pionierleistungen lassen sich mit denen von Louis Pasteur im 19. Jahrhundert vergleichen, dessen Entdeckung der Mikroben in der Wissenschaft und der Allgemeinheit enorme Widerstände zu überwinden hatte. Die Leute wollten nicht glauben, dass es so viele Erreger in der Welt gibt! Lovelock und Margulis gehen in dieselbe Richtung, sie regen uns dazu an, die Welt als eine Fülle handelnder Kräfte zu verstehen.

Neben Gaia gibt es ein zweites Konzept, das Sie inspiriert hat, der Begriff des Anthropozäns.

Die Geologen sind sich heute uneins darüber, ob auf der geologischen Zeitskala ein neues Zeitalter einzuführen sei. Dieses Zeitalter heißt Anthropozän. Dahinter steckt, dass man einen neuen Namen finden muss für die Tatsache, dass sich derzeit neue, durch menschliche Aktivitäten entstandene chemische Verbindungen im Erdboden ablagern. Die Menschheit ist nicht nur dabei, das Klima zu verändern, sie beeinflusst auch die Gesteinsschichten. Das Neue am Anthropozän ist der Begriff der „großen Beschleunigung“, der von einigen Geologen selbst vorgeschlagen wird: Allen geologischen Epochen ist gemeinsam, dass sie sich über einen großen Zeitraum erstreckten. Das Anthropozän entspräche einer Veränderung der Bodenzusammensetzung in sehr kurzer Zeit, innerhalb weniger Jahrhunderte.

Die Frage, wann das Anthropozän begonnen hat, ist ja sehr politisch.

Natürlich! Je ablehnender man der Ökologie gegenüber eingestellt ist, umso mehr wird der Beginn des Anthropozäns in eine entfernte Vergangenheit verlagert. Manche gehen so weit zu sagen, dass das Anthropozän mit dem Aussterben der Großfauna begann – der großen Säugetiere, der Mammuts –, also mit der zunehmenden Bedeutung des Homo sapiens. Wenn man ein Linker ist, dann tendiert man im Gegenteil dazu zu sagen, dass das Anthropozän erst in allerjüngster Vergangenheit begonnen hat, um damit gegen den globalisierten Industriekapitalismus zu argumentieren.

Und was ist Ihre Position?

Ich höre vor allem darauf, was die Geologen sagen, genauer die Sedimentologen. Um den Beginn des Anthropozäns zu datieren, brauchen sie einen Marker, der überall messbar ist. Die erste industrielle Revolution des 18. Jahrhunderts war begleitet von Kohleverbrennung und diese Emissionen haben Ablagerungen gebildet. Allerdings findet man diese Kohlespuren nur in Europa und Amerika. In Asien gibt es fast gar keine, in Afrika überhaupt nichts. Für den Übergang von einem geologischen Zeitalter zum anderen braucht es ein Zeichen, das auf allen fünf Kontinenten messbar ist: Es scheint, dass die Atombombe und die Nukleartests diesem Kriterium entsprechen. Seit einigen Jahrzehnten gibt es Spuren dieser Radioaktivität auf der gesamten Erde.

Wir brauchen ein Konzept von Natur, das Natürliches wie auch Menschliches umfasst


 

Sie haben unlängst auch ein neues Konzept vorgestellt: „Nat/Cul“. Was steckt dahinter?

Die Abkürzung „Nat/Cul“ steht für „Nature/Culture“. Mein Gedanke ist, dass wir ein anderes Konzept als das problematische Konzept der Natur brauchen. Wenn man sagt, dass ein Phänomen natürlich ist oder man „in der Natur“ ist, schließt man sich selbst aus, man zählt sich nicht selbst zur Natur. Erstes Problem. Andererseits geht man bei der Natur von einer Entität aus, die seit dem Big Bang vermeintlich unveränderlichen Gesetzen gehorcht; man wirft den Entwicklungszyklus der Raupe, die Wolkenbildung oder die Entstehung der Sterne in denselben Topf. Zweites Problem. Auf der einen Seite schließt die Natur also die Kultur aus. Auf der anderen Seite hat der Begriff den Anspruch, alle Phänomene zu vereinheitlichen, die seit 14 Milliarden Jahren an allen Orten des Universums stattgefunden haben, was zu viele Dinge über einen Kamm schert. Und dann wird der Naturbegriff oft politisch missbraucht, zum Beispiel wenn man sagt, dass Homosexualität widernatürlich sei oder dass es eine natürliche Ungleichheit zwischen den Rassen gäbe. Wir brauchen einen Begriff, der sowohl Natürliches als auch Menschliches bezeichnet: wie Nat/Cul. Mit diesem Wort können Sie das bezeichnen, was von der Natur oder von der Kultur abhängt oder von beidem. Nehmen wir den Fall einer außergewöhnlichen Dürre oder starker Regenfälle, die durch den Klimawandel verursacht wurden, also durch menschliche Aktivitäten. Ist das ein Naturphänomen? Nein! Ist es ein Kulturphänomen? Nein! Es ist typisch Nat/Cul.

Solch ein Begriff hat immense politische Konsequenzen.

Natürlich, denn die Umweltschützer hängen noch viel zu stark am Begriff der Natur und daraus resultieren ihre Fehler. Ich schlage vor, dass wir definitiv auf dieses Wort verzichten. Anders ausgedrückt: Wir sollten aufhören, eine idealisierte Natur bewahren zu wollen, die nie existiert hat, und stattdessen als Teil von Natur/Kultur, eines komplexen Systems von Interaktionen leben.

In Ihrem Artikel „Love your monsters“ behaupten Sie, dass der technologische Fortschritt dabei ist, Monster hervorzubringen, aber dass wir diese nicht verstoßen dürfen.

Der Ausbruch des Vulkans Tambora 1815 in Indonesien hat das Klima so sehr durcheinandergebracht, dass der Sommer des Folgejahrs verregnet war. Mary Shelley war in der Schweiz und konnte den ganzen Sommer über das Haus kaum verlassen. Stattdessen schrieb sie ihren „Frankenstein“. Ein genialer Roman. Der Fehler von Doktor Frankenstein besteht nämlich nicht darin, ein Monster hervorgebracht zu haben, sondern es verlassen zu haben. Kaum hat sein furchtbares Geschöpf den Lebensfunken empfangen, da bekommt Doktor Frankenstein Angst und flieht. Ich glaube, dass wir Menschen dasselbe mit unserer Technik machen: Wir erfinden sie und dann fliehen wir. Wir wollen die Konsequenzen unserer Erfindungen nicht sehen. Nehmen wir Handys oder elektronische Zigaretten: Sie sind eventuell schädlich, wir wissen es noch nicht, aber vor allem wollen wir es nicht wissen! Das ist das Gefährliche, nicht wachsam mit der Technologie umzugehen, sobald sie existiert.

Naomi Klein zitiert diesen Artikel, um Sie zu kritisieren: Sie wirft Ihnen vor, technophil zu sein und Geo-Engineering zu rechtfertigen, also den Ansatz, die Natur mithilfe von Technik zu reparieren.

Mein Appell, auf den Naturbegriff zu verzichten, kostet mich einige Freundschaften bei den Umweltschützern. Allerdings hat sich Naomi Klein nicht die Zeit genommen, meinen Artikel zu Ende zu lesen. Er sagt ganz eindeutig: Wir müssen aufpassen auf unsere Technik, uns um sie kümmern, uns mit ihren Folgen beschäftigen. Was Geo-Engineering betrifft, so ist das der blanke Wahnsinn. Die Ökologie macht die Leute verrückt. Es gibt eine Art von Wahnsinn, wie im Falle der Klimaskeptiker, die darin besteht, in der verleugnenden Haltung des Negationismus zu verharren. Wenn wir innerhalb der Wissenschaftsgemeinde einen Konsens haben und außergewöhnliche klimatische Ereignisse erleben, so scheint es mir mehr als unvernünftig, ja sogar gefährlich, weiterhin zu behaupten, dass das menschliche Handeln ohne Auswirkung auf das Klima sei. Doch am entgegengesetzten Ende gibt es das Geo-Engineering, das ebenfalls Schwachsinn ist und der Logik folgt: Wir haben Mist gebaut, also bauen wir noch größeren Mist!

Wie feine Adern durchzieht der Ganges das Küstenland Indiens
Bild: NASA


 

Der Harvard-Professor David Keith schlägt vor, jedes Jahr 250 000 Tonnen Schwefelsäure in der oberen Atmosphäre zu versprühen, um das Klima für das gesamte 21. Jahrhundert zu stabilisieren.

Wir können die Nebenwirkungen solcher Operationen nicht vorhersehen. Aber das Schlimmste ist: Geo-Engineering gibt der Industrie und der Politik Argumente dafür, nichts verändern zu müssen. Verschmutzen wir die Umwelt ruhig weiter und stoßen Treibhausgase aus, Business as usual! Denn die Technik hat am Ende eine Lösung. Ich halte das für eine Strategie, um uns nicht die richtigen Fragen stellen zu müssen, nämlich solche, die uns zu Veränderungen in der Energiepolitik oder in unserer Art des Konsums führen könnten.

Was antworten Sie, wenn jemand sagt: „Die Temperatur wird um zwei oder drei Grad ansteigen, na und? Ein paar Küstengebiete werden überflutet, die Versteppung wird hier und da voranschreiten, Gletscher werden schmelzen, aber das ist doch kein Drama.“

Ach, ich treffe oft Leute, die so argumentieren, und ich bin auf jeden Fall bereit, mit ihnen zu diskutieren! Denn an diesem Punkt beginnt Politik. Es geht darum zu erkennen, in welcher Welt wir leben möchten. Wenn Sie eine Welt ohne Venedig wollen, ohne Gletscher, ohne Wale, ohne Wildtiere, ohne Urwälder, dann müssen Sie das begründen können. Was hat eine solche Welt zu bieten? Ich kämpfe für eine Welt mit Walen, Wäldern, Eisbergen und Venedig. Ich möchte nicht, dass sich die unbewohnbaren Flächen auf der Erde vervielfachen. Ich bin bereit zu argumentieren und mich zu streiten, um andere von dieser Vision der Welt zu überzeugen.

Wie bewerten Sie die Klimakonferenz, die im Dezember 2015 in Paris stattfand?

Die Ergebnisse des Klimagipfels sind überaus ermutigend, auch wenn sie erst den Anfang einer umfangreichen Transformation markieren. Aus meiner Sicht werden François Hollandes Worte „Es leben die Vereinten Nationen, es lebe der Planet, es lebe Frankreich“ Geschichte schreiben. Soweit ich sehe, wurde niemals zuvor „Es lebe die Erde“ oder „Es lebe die Natur“ zu solchen Anlässen ausgerufen – weil man glaubte, diese Entitäten seien unserem Handeln gegenüber indifferent. Sich so an eine „neue“ Erde zu wenden heißt, sie vollständig zu politisieren, mit dem Effekt, dass wir unsere politische Philosophie nun an ihr ausrichten. Das ist sehr positiv. Es gibt eine neue Form der politischen Repräsentation, die auf die gesamte Sphäre „politischer Vertretung“ ausstrahlen wird. Wenn unser Planet als Entität angesprochen wird, die so zerbrechlich, divers und politisch ist wie Frankreich, Deutschland oder die Vereinten Nationen, dann gibt es Hoffnung. Und wir brauchen diese Hoffnung, denn wir müssen noch viel weiter gehen!

Was wäre Ihre Vision für die Zukunft?

Zunächst einmal ist die nationale Ebene sicher nicht am sachdienlichsten, wenn es um Probleme der Luftqualität oder um die Versauerung der Ozeane geht. Wie im Falle der Wolke von Tschernobyl sind Umweltschäden grenzüberschreitend. Außerdem finde ich, man müsste diese Verhandlungen auf andere Akteure ausweiten und sich innovative Formen der politischen Vertretung ausdenken. Ich habe vor ein paar Jahren vorgeschlagen, den Senat abzuschaffen und ihn durch ein Parlament zu ersetzen, in dem Vertreter der verschiedenen Gebiete sitzen, die sich im Konflikt befinden. Es gäbe somit einen Repräsentanten für die Wälder, das Wasser, die Küste …

Wären in diesem Parlament auch die verschiedenen Lobbygruppen vertreten?

Natürlich, es gäbe einen Vertreter der Automobilindustrie, für Atomkraftwerke, für genetisch veränderte Organismen, für Düngemittel und so weiter. Es wäre ein Ort, wo man – sicher sehr heftig – über alle Normen und Vorschriften diskutieren würde, die einen Einf luss auf die Ökosysteme haben. Man kann sich zum Beispiel die ziemlich starken Konf likte zwischen dem Vertreter des Ozeans und dem der Fischer vorstellen … Die Politik ist ein Gebiet, auf dem es endlosen Streit und Kämpfe und keinen Schlichter gibt. Es geht am Ende darum, sich durch demokratische Verhandlungen friedlich zu einigen. Eine große Aufgabe!

Geo-Engineering gibt der Politik Argumente dafür, nichts verändern zu müssen


 

Aber reicht denn ein Vertreter pro Einheit aus? Für das Wasser beispielsweise, bräuchte man da nicht eher ein Expertengremium?

Der Fall des Wassers ist interessant: Heutzutage existieren in Frankreich kleine Wasser-Parlamente, die man lokale Wasserkommissionen nennt. Diese Kommissionen kommen mindestens einmal im Jahr zusammen und vereinen Vertreter der Gebietskörperschaften, der Verbraucher, Grundbesitzer, Berufsorganisationen und so weiter. Mein Parlament der Dinge existiert bereits in der Praxis, doch es ist über eine Vielzahl von Forschungsinstituten und Kommissionen dieser Art verstreut, die sich leider nicht treffen. Philosophisch stelle ich den Gegensatz zwischen Natur und Kultur infrage. Gestatten Sie mir, konsequent zu sein und die politischen Schlüsse zu ziehen, die sich daraus zwingend ergeben: In meinen Augen ist es nicht normal, dass in der Politik nur die Menschen vertreten werden beziehungsweise die Kultur. Es braucht also außer einem Rat, der die Menschen vertritt, einen Rat, der die Nichtmenschen vertritt, zumal das Leben der einen aufs Engste mit dem Leben oder dem Zustand der anderen verknüpft ist! Um ein Parlament der Dinge einzusetzen, müsste man im Prinzip damit beginnen, die Gebiete zu kartografieren, die sich im Konflikt befinden, eine Aufgabe, für deren Umsetzung sich viele mit mir gemeinsam engagieren. Man muss also erkennen, welche entgegengesetzten Kräfte es gibt und welche Gebiete ihnen zugehören. Und dann die Sitzverteilung festlegen.

Bis ein solches Parlament entsteht – es ist ja erst einmal nur eine Hypothese –, haben Sie sich für das Vorsorgeprinzip ausgesprochen, wie es in der französischen Verfassung steht.

Die Wissenschaft gibt einem nie absolute Sicherheiten, aber sie sendet Warnsignale, die man ernst nehmen kann. Nehmen Sie das Beispiel des Kalten Krieges: Beide Blöcke haben versucht, sich gegenseitig zu überbieten, wobei sie sich auf eine einfache Hypothese beriefen – der Gegner könnte versuchen, mein Land anzugreifen. Und sie haben Milliarden für Rüstung ausgegeben. Erinnern Sie sich, wie groß das nukleare Waffenarsenal der Supermächte war. Das zeigt deutlich, dass man die politische Entscheidung treffen kann, Hunderte Milliarden auszugeben, obwohl man von einem nur sehr hypothetischen Szenario ausgeht, nämlich davon, dass eine Atombombe auf New York oder Moskau fällt. Ich glaube, dass man auf dieselbe Weise eine Entscheidung für die Ökologie treffen könnte.

Sehen Sie einen konkreten Fall, in dem das Vorsorgeprinzip genutzt hat?

Theoretisch ermöglicht dieses Prinzip, eine politische Entscheidung besser zu rechtfertigen, die auf eine Warnung von wissenschaftlichen Experten folgt. In der Praxis gibt es in Verhandlungen ein politisches Argument an die Hand, zum Beispiel im Falle gentechnisch veränderter Organismen: Die EU kann sich weigern, bestimmte genmanipulierte Organismen von Monsanto zu importieren, ohne die verschiedenen Freihandelsabkommen zu verletzen, die sie mit den USA geschlossen hat, indem sie sich auf das Vorsorgeprinzip beruft. Sogar wenn Umweltschäden nicht erwiesen sind, ist dieses Prinzip ein juristisches Argument, um kein unnötiges Risiko einzugehen, obwohl es nicht gemessen wurde.

Würden Sie sich als pessimistisch beschreiben?

Wenn Sie mich fragen, so leben wir im 16. Jahrhundert. Unser 21. Jahrhundert ähnelt in vielen Punkten der Epoche der großen Entdeckungen. Ständig eröffnen sich uns neue Welten. Es gibt übrigens eine totale Kluft zwischen der Neugier, Begeisterung und Motivation der Forscher in der ganzen Welt und unseren Intellektuellen beziehungsweise unseren Schriftstellern. Schauen Sie sich Houellebecq an mit seinen pessimistischen Ausfällen zur Zukunft der Menschheit. Er ist dermaßen davon überzeugt, dass der Mensch am Ende ein vereinzelter lustloser Klon ist … Dass wir neue Handlungsinstrumente erfinden, dass sich unsere Technik mit sensationeller Geschwindigkeit verbessert, während sich die Menschheitsgeschichte beschleunigt, bleibt außer Acht. Ich sage: Lasst tausend Blumen blühen! •

Aus dem Französischen von Grit Fröhlich

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 2 / 2016

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