Die Maske als Ritual


Wer das Tragen seiner Mund- und Nasenbedeckung im Sinne George Batailles als Maskierungsritual versteht, kann darin eine lustvolle Überschreitung gesellschaftlicher Normen entdecken. Ein Denkanstoß von Theresa Schouwink.


Fährt man in Berlin am Wochenende mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, lässt sich eine mit fortschreitender Uhrzeit zunehmende Nachlässigkeit beim Masken-Tragen beobachten: Oft baumeln sie nur noch an einem Ohr oder sind keck unters Kinn geschoben. Die Botschaft scheint klar: Eine ausgelassene Wochenendstimmung und die medizinischen Masken passen nicht zusammen.

Es zeigt sich hier ein deutlicher Kontrast zu rituellen Masken, die wir etwa vom Fasching kennen und die selbst eine ausgesprochen lustvolle Komponente haben. Das zeigt sich schon an der Wortbedeutung: „Maske“ kommt von arabisch masḫara: „Posse“, „Witz“. In rituellen Kontexten ermöglicht die Maske den Trägern eine freudvolle Überschreitung sozialer Konventionen: Man denke an die enthemmte Aggression beim Krampuslauf oder die lockere Erotik des Karnevals.


Die zeitweilige Enthemmung, die das Ritual erlaubt, hat entscheidende gesellschaftliche Bedeutung


 

Für George Bataille ist die Maske ein „Schwellenobjekt“. Sie ermöglicht den Übertritt von unserer profanen, auf Zweckrationalität getrimmten Alltagswelt in die sakrale Sphäre. Im Sakralen findet sich alles, was gewöhnlich ausgeschlossen ist: Transzendenz, Feierlichkeit, animalische Triebe. Die Maske erscheint „auf der Schwelle dieser durchsichtigen und vertrauten Welt der Langeweile als undurchsichtige Fleischwerdung des Chaos“, so Bataille in „Le masque“. Die zeitweilige Enthemmung, die das Ritual erlaubt, hat entscheidende gesellschaftliche Bedeutung: Sie befreit und entlastet den Einzelnen und stärkt zugleich die Gemeinschaft.

Die Bataille‘sche Beschreibung liest sich wie das genaue Gegenteil dessen, was unsere „Alltagsmasken“ bewirken: Diese isolieren die Individuen voneinander und sollen drohendes Chaos verhindern. Die eingangs beschriebenen Fahrgäste scheinen deshalb zu schlussfolgern: Wer die Überschreitung sucht, setzt die Maske ab. Leider schaden sie damit jedoch potenziell ihren Mitmenschen. Wünschenswert wäre stattdessen eine lustvolle Umdeutung der Schutzmasken in Ritualmasken: Das würde bedeuten, sie weniger als Hindernis denn als Vehikel bei Kontaktaufnahmen und Flirts zu sehen. Es hieße, mit Stoff und Form zu experimentieren. Und es würde bedeuten, maskenlose Mitmenschen nicht strafend anzufunkeln. •

Erstveröffentlicht am 05.06.2020

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