Die Lehre der Leere


Auch Talkshows reagieren auf Corona: kein Publikum und Abstand zwischen den Gästen. Das führt zu einer überraschend neuen Debattenkultur. Ein Denkanstoß von Samira El Ouassil.


Ich muss in diesen Tagen der Quarantäne immer wieder an einen Text von Michel Foucault denken, der für mich zu seinen inspirierendsten zählt und den Titel „Andere Räume“ trägt. In diesem beschreibt der französische Philosoph, dass es inmitten unserer Gesellschaft zwei Arten von Räumen gibt, die zwar in die bestehende Ordnung integriert sind, dieser jedoch entgegenwirken und sich somit gleichzeitig auch außerhalb dieser Ordnung befinden. Zum einen sind das Utopien, also buchstäbliche Nicht-Orte, die eine Verbesserung der Gesellschaft oder gar ihren Gegensatz eröffnen, jedoch stets unwirklich bleiben. Zum zweiten gibt es eben diese „anderen“ Orte, die Foucault Heterotopien nennt.

Bei Heterotopien handelt es sich um Räume, die in unserer Gesellschaft existieren, also um „tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können.” Dies können laut Foucault sowohl unterhaltsame Heterotopien sein, etwa Kinos, Theater, Museen, Bibliotheken oder Festwiesen, aber auch auch sogenannte Abweichungsheterotopien wie psychiatrische Kliniken oder Gefängnisse.

Sind Heterotopien somit Orte, an denen „andere“ Regeln gelten und sonstige Normen aufgehoben werden, lassen sich vor diesem Hintergrund derzeit auch medienphänomenologisch einige Neuerungen beobachten, die Möglichkeitsräume eröffnen. Auf die Ausgangsbeschränkungen haben Medienproduzenten nämlich mit Maßnahmen reagiert, die außerhalb des gewohnten Programms existieren – und aufzeigen, wie eine bessere Berichterstattung und Diskussionskultur aussehen könnten.


Durch die Krise ist eine kommunikative Nähe aufgekommen, ein zurückhaltendes Zuhören und Ausredenlassen, ja ‚echte‘ Gespräche


 

Als solche heterotopischen Medienräume sehe ich gegenwärtig, und zwar zu meiner eigenen Verwunderung, Talkshows wie Anne Will, Hart aber fair oder Markus Lanz. Hier sitzen die Gäste nun in Studios ohne Publikum, mit ordnungsgemäßer Distanz voneinander entfernt, weitere Gesprächsteilnehmer werden über Monitore zugeschaltet. Das Erstaunliche dabei: Durch die Neuordnung der Sitzgelegenheiten sowie die Abwesenheit des Publikums hat sich eine überraschend gute Gesprächskultur etabliert. Gewiss lässt sich diese auch auf jenen respektvolleren Umgang zurückzuführen, den die Ernsthaftigkeit der Lage diktiert. Dennoch möchte ich behaupten, dass wir es hier unerwartet mit heterotopischen Orten einer neuartigen TV-Diskussionskultur zu tun haben, außerplanmäßigen Diskursräumen, die jahrelang viele gefordert haben, aber aufgrund aufmerksamkeitsökonomischer und redaktioneller Entscheidungen nicht eröffnet wurde.

Durch die Krise ist eine kommunikative Nähe aufgekommen, ein zurückhaltendes Zuhören und Ausredenlassen, ja „echte“ Gespräche. Zweifellos wird momentan sichtbar, dass in diesen leeren Studios für bloßes Gerede, parteipolitische Floskeln und szenenapplaushaschenden Populismus kein Platz mehr ist. Selbstverständlich kennt das Fernsehen in seiner Programmvielfalt bereits vergleichbare Anordnungen – ich denke beispielsweise an Volker Panzer nachtstudio –, jedoch haben die Krisen-Ausgaben der besagten Polittalkshows eine andere Qualität. Sie wirken auf eine seltsame Weise dem eigenen Format entgegen – und werden gerade dadurch besonders sehenswert. Ich würde mir wünschen, dass das Fernsehen auch nach der Quarantäne noch Raum für ein derartig heterotopisches Programm lässt. •

Erstveröffentlicht am 27.03.2020


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