Die Kunst der Quarantäne?


Vieles, was für gewöhnlich Lebensfreude verheißt, ist gerade nicht möglich. Grund genug, um mit Sören Kierkegaard über den Genuss in der Beschränkung nachzudenken. Ein Denkanstoß von Theresa Schouwink.


Die Räume der Geselligkeit, des Genusses, der Unterhaltung und der Bildung sind geschlossen, Bewegungsfreiheit und Zusammenkünfte mit Freunden eingeschränkt. Viele Menschen sitzen zuhause zwischen Kindern, Computer und Klopapiervorräten fest. Lässt sich da überhaupt ein Leben gestalten, das über eine notdürftige Einrichtung der Existenz hinausgeht?

Jemand, der schon früh eine Kunstfertigkeit im Quasi-Quarantäne-Leben entwickeln musste, ist der dänische Philosoph Sören Kierkegaard. Dessen Vater war ein streng religiöser und weltabgewandter Mann, der mit Sören auf dem Dachboden auf- und abging, anstatt mit ihm im Freien zu spazieren. Geprägt von solchen Erfahrungen lässt Kierkegaard in „Entweder-Oder“ eine Figur „A“ darüber nachdenken, wie Genuss auch in der Beschränkung möglich sein kann.

Kierkegaard entwickelt hierfür den Begriff der „Wechselwirtschaft“. Der herkömmliche Hedonismus, den A „exzentrische Zerstreuung“ nennt, suche nach immer neuen äußeren Reizen. Er bedarf daher häufiger Orts- und Partnerwechsel oder neuer Besitzgegenstände. Eine solche Lebensform setzt, in Kierkegaards landwirtschaftlichem Bild gesprochen, auf einen Austausch des Bodens. Die „Wechselwirtschaft“ hingegen wechselt Bewirtschaftungsverfahren und Fruchtfolgen: Sie setzt auf kreative Handlungs- und Wahrnehmungsweisen innerhalb äußerer Grenzen. Es gilt, Routinen zu durchbrechen und eine Sensibilität für das Unverfügbare, das unverhofft Schöne und Witzige zu entwickeln. So schildert A etwa das Vergnügen daran, seine Mitmenschen danach zu beurteilen, ob sich Reime auf ihre Namen finden lassen.


Die ästhetische Lebenskunst bietet angesichts der Krise einen notwendigen Schutz gegen Schreckensnachrichten und ausufernde Betriebsamkeit im Home Office


 

Ausgezeichnete Übungsmöglichkeiten in Sachen „Wechselwirtschaft“ bieten Erfahrungen des Eingeschlossenseins. A erinnert an den Erfindungsreichtum von Schülern, die ihre Zeit in Klassenzimmern fristen: „Wie unterhaltsam kann es doch sein, auf die eintönige Dachtraufe zu lauschen. Was für ein gründlicher Beobachter wird man doch, nicht das leiseste Geräusch oder die leiseste Bewegung entgeht einem.“ Übersetzt auf unsere derzeitige Lage kann dies bedeuten, die eigene Wohnung und Umgebung aus völlig neuen Blickwinkeln zu betrachten, sich durch das Abstandsgebot die Räumlichkeiten des Supermarktes bewusster zu machen und die Ausweichmanöver als Choreografien zu begreifen. Die allgemeine Ruhe kann die Geräusche des anbrechenden Frühlings bedeutender werden lassen, die Atemschutzmasken die darüberliegenden Blicke, das Telefonieren den Klang der Stimmen. Ganz im Sinne der Wechselwirtschaft sind auch kreative Beschäftigungsformen, wie sie diejenigen betreiben, die derzeit auf Dächern tanzen, an Fenstern musizieren oder in ihren Wohnungen berühmte Gemälde nachstellen.

Der naheliegende Einwand gegen solche Überlegungen liegt freilich darin, dass sie eine unangemessene Romantisierung einer ernsten Lage darstellen. Dem ließe sich jedoch entgegnen: Die skizzierte ästhetische Lebenskunst bietet gerade angesichts der Krise einen notwendigen Schutz gegen Schreckensnachrichten und eine ausufernde Betriebsamkeit im Home Office. Und nicht nur das: Sie könnte auch für die Zeit nach der Epidemie eine ethisch verträglichere Alternative zu Konsumismus oder Flugreisen sein. Denn die „exzentrische Zerstreuung“ des herkömmlichen Hedonismus führt nicht nur oft zu Überdruss und Langeweile, sie schädigt auch Mitmenschen und Umwelt.•

Erstveröffentlicht am 17.04.2020


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