Die einfachste Sache der Welt

Die Chinesische Mauer bildet ein beliebtes Reiseziel für Touristen, Pilger und Wanderer 
Bild: © BY CC 2.0 Vin Crosbie

Warum wandern wir? In der ursprünglichsten Form, um von A nach B zu gelangen. Um einen Wohnort zu suchen, Arbeit, Nahrung, soziale Kontakte. Doch darüber hinaus kann Wandern auch ein komplexer kommunikativer Akt sein. Als solcherart Gehende lassen wir die Gefilde der simplen Fortbewegung zu Fuß weit hinter uns: Wir werden zum Pilger, zum Philosophen, zum Politiker, zum Künstler.

Von Florian Werner



Bild: © Johanna Ruebel

Florian Werner

ist Schriftsteller, promovierter Literaturwissenschaftler und Kolumnist des Philosophie Magazins. Seine Sachbücher, darunter „Die Kuh. Leben, Werk und Wirkung“ (Nagel & Kimche, 2009), wurden mehrfach ausgezeichnet. Im Sommer erscheint sein Wanderbuch „Der Weg des geringsten Widerstands“ bei Nagel & Kimche

Gehen ist kinderleicht. Die meisten Menschen lernen es im Alter von einem Jahr, ungefähr zur selben Zeit, wenn sie zu sprechen beginnen. Aber anders als der Spracherwerb ist das Gehtraining schnell abgeschlossen. Mit etwa zwei Jahren ist jene Fortbewegungstechnik perfektioniert, die uns fortan relativ unverändert durchs Leben tragen wird: Auftreten, Abrollen, Abstoßen von der Erde, Heben des Schenkels, nächster Fuß. Gehen ist keine Kunst, es ist noch nicht einmal eine Sportart.

Gehen ist kein Kinderspiel. Es ist hochkompliziert. Über dem scheinbar so einfachen motorischen Akt erhebt sich ein Gebirge aus möglichen Signifikationen, symbolischen Gesten, stummen oder bisweilen auch weithin hörbaren Sprechakten. Je nachdem, wer wann wohin und in welcher Gesellschaft geht, wandert, marschiert, kann es fast alles bedeuten: Es kann ein spiritueller Akt sein, ein Pfad zu innerer Einkehr und Meditation, ein politisches Statement oder eine künstlerische Geste. Religion, Philosophie, Politik, Kunst: Alle wesentlichen Dimensionen des Menschseins werden von dieser Bewegung durchquert. Gehen wir sie gemeinsam ab, in mehr oder minder historischer Reihenfolge. Schritt für Schritt.

PILGERSCHAFT

Die wohl älteste Form der Wanderschaft, die nicht der blanken physischen Notwendigkeit – also der Jagd, der Nahrungs- oder Wohnortsuche – dient, ist die Pilgerschaft. Seit der Antike stellt dabei die Stadt Jerusalem das bedeutendste Pilgerziel dar: Es ist ein Wallfahrtsort für Anhänger aller drei großen Buchreligionen. Für Juden, weil sich dort – in Form der Klagemauer – die Überreste des zweiten Israelitischen Tempels befinden. Für Christen, weil es der Ort von Jesu Leiden, Tod und Auferstehung sein soll. Und für Muslime, weil der Prophet Mohammed vom Plateau des Tempelbergs aus seine Himmelfahrt angetreten haben soll, sein letzter Fußabdruck ist heute noch sichtbar. Ab dem achten Jahrhundert kam für christliche Pilger, als letzte Ruhestätte der Apostel Petrus und Paulus, noch Rom als Wallfahrtsziel hinzu. Etwas später das mutmaßliche Grab von Jakobus dem Älteren in Santiago de Compostela, das nicht zuletzt wegen des spektakulären Wegs über die Pyrenäen und der guten Infrastruktur heute von Gläubigen und Ungläubigen jeglicher Couleur angesteuert wird.

Das Bestechende am Gedanken der Wallfahrt zu Fuß liegt darin, dass sie eine eigentlich schier unlösbare spirituelle Aufgabe in die Körperlichkeit überführt. „Eine Pilgerschaft macht es möglich, dass man sich physisch, durch die Anstrengungen des eigenen Körpers, Schritt für Schritt auf jene immateriellen spirituellen Ziele zubewegt, die sonst nur so schwer zu fassen sind“, schreibt die amerikanische Kulturhistorikerin Rebecca Solnit in ihrem Buch „Wanderlust. A History of Walking“: „Wir stehen immer vollkommen ratlos vor der Frage, wie man Vergebung oder Wiedergutmachung oder die Wahrheit erlangen kann – aber wir wissen, wie man von A nach B geht, ganz gleich wie beschwerlich der Weg auch sein mag.“ Anders gesagt: Die Pilgerwanderung konkretisiert ein Abstraktum; sie füllt eine geistige Aufgabe mit Knochen, Sehnen und Muskelmasse. Wer sich vier Wochen lang durch die glühende Hitze Galiziens bis nach Santiago geschunden hat, der kann sich plausibel einreden – ganz im Sinne des alten Seneca-Diktums per aspera ad astra –, dem Himmel ein klein wenig näher gekommen zu sein.

Es geht beim Wan­dern nicht darum, sein ‚wahres Selbst‘ zu finden, eine wie auch immer ge­artete Identität wiederzuerlangen. Es geht vielmehr darum, diese hinter sich zu lassen


 
PHILOSOPHISCHE GEDANKENGÄNGE

Oder er hat sich zumindest, durch die körperlichen Strapazen der Wanderung, auch psychisch verändert. Das mystische Ideal des Pilgers, so der französische Philosoph Frédéric Gros, sei die innere Verwandlung – weshalb sich in der Nähe der Pilgerziele meist Quellen, Bäche oder Flüsse befinden. In sie kann der Pilger eintauchen, sich äußerlich und innerlich reinigen. Mit den Kleidern streift er sein überkommenes Selbst ab, das Wasser wäscht ihn von alten Fehlern rein, zusammen mit dem Schweiß und Staub des Tages. Dieser Prozess der Metamorphose und Regeneration mag in der Regel erst am Zielpunkt erreicht sein – er beginnt aber bereits unterwegs mit dem schleichenden Prozess des Selbstverlusts, der beim Wandern einsetzt. Mit der Reduktion des Gehenden auf seine Füße, seine Beine, sein urtümliches Dasein als anonymer homo viator, ein Wallfahrer unter vielen: Beruf, sozialer Stand, Titel und Nachname spielen auf dem Pilgerweg keine Rolle. Es geht beim Wandern also nicht darum, sein „wahres Selbst“ zu finden, eine wie auch immer geartete Identität wiederzuerlangen. Es geht vielmehr darum, diese hinter sich zu lassen, ja, der Vorstellung, es gäbe so etwas wie ein authentisches Ich, zu entfliehen. Wenn wir mehrere Tage oder gar Wochen zu Fuß unterwegs sind, dann lassen wir nicht nur unser gewohntes Umfeld, sondern auch unsere sozialen Rollen, Codes und Masken zu Hause. Wir können uns (zumindest für die Dauer des Marschs) der Vorstellung hingeben, dass wir als neuer Mensch von unserer Wanderung zurückkehren werden.

Hinzu kommt: Wir haben unterwegs Zeit zum Nachdenken. Wohl kaum eine körperliche Tätigkeit ist besser dazu geeignet, das Meditieren oder Philosophieren zu befördern, als das Wandern. Seit der Renaissance wurde diese Vorstellung eines ganzheitlichen, Körper und Geist gleichermaßen stimulierenden Gedanken-Gangs immer wieder beschworen. „Meine Gedanken schlafen ein, wenn ich sitze“, notierte etwa der humanistische Philosoph Michel de Montaigne, „mein Geist rührt sich nicht, wenn meine Beine ihn nicht bewegen.“ „Ich kann nur beim Gehen denken“, sekundierte der leidenschaftliche Wanderer Jean-Jacques Rousseau: „Bleibe ich stehen, tun dies auch meine Gedanken.“ Und der österreichische Autor Thomas Bernhard schreibt: „Wenn wir gehen (…), kommt mit der Körperbewegung die Geistesbewegung (…). Wir gehen mit unseren Beinen, sagen wir, und denken mit unserem Kopf. Wir könnten aber auch sagen, wir gehen mit unserem Kopf.“ Physiologisch plausibel: Der Vorgang des Gehens bringt den Kreislauf in Schwung, ohne dabei selbst zu viel Aufmerksamkeit zu beanspruchen; die Gedanken können sich im Rhythmus der Schritte entfalten. Nicht von ungefähr ist die Metaphorik des Denkens bis heute eng mit jener des Gehens verbunden: Wir folgen einem „Gedankengang“, gehen „Schritt für Schritt“ vor, und müssen allenfalls achtgeben, dass wir uns nicht zerebral „verlaufen“.

Rast, Verschnaufpause, kurzes Innehalten. Das Wandern kann also den Weg zu spiritueller Erlösung weisen – dies wäre die religiöse Dimension. Oder es kann zu intellektuellem Gewahrwerden führen – dies wäre die säkulare, gewissermaßen psychosomatische Nebenwirkung des Gehens. Beide Vorgänge zielen auf den Wandernden selbst: Sie sind introspektiv, auf das Individuum bezogen, auch wenn sie häufig, etwa im Falle der Pilgerreise, in einer Gruppe erfolgen. Ganz anders das politische Wandern: Es erfährt seine Wucht erst durch das Kollektiv: durch eine Gruppe, die im Lauf der Zeit immer mehr anschwillt und sich schließlich wie eine Welle auf einen neuralgischen, geografischen, politisch bedeutsamen Punkt zubewegt.

 
POLITISCHE PROTESTMÄRSCHE

Die Blaupause des modernen Protestwanderns stellt der sogenannte Salzmarsch des indischen Politikers Mahatma Gandhi dar. Im Frühjahr 1930 wanderte Gandhi mit einer Gruppe satyagrahi im Gefolge knapp 400 Kilometer bis ans Ufer des Arabischen Meers, um gegen die Besteuerung des Grundnahrungsmittels Salz durch die britische Regierung zu protestieren. Die gewaltlose Aktion läutete den Anfang vom Ende der Kolonialherrschaft in Indien ein. Zudem wurde sie zum Vorbild für zahllose weitere Protestwanderungen, etwa den berühmten March on Washington von 1963, an dessen Ende der Bürgerrechtler Martin Luther King seine legendäre „I Have a Dream“-Rede hielt. Oder den Million Man March von 1995, bei dem sich vorwiegend afroamerikanische Männer auf den Weg in die US-amerikanische Hauptstadt machten, sowie den Million Woman March von 1997. Inzwischen ist das kollektive Wandern zu einer globalen Form des politischen Protests geworden: Im Sommer 2017 etwa machte sich der türkische Oppositionspolitiker Kemal Kılıçdaroğlu zu Fuß auf den Weg von Ankara nach Istanbul, um gegen die Politik von Staatspräsident Erdoğan zu protestieren; angeblich wurde er auf seinem „Gerechtigkeitsmarsch“ von bis zu zwei Millionen Menschen begleitet. Und im März 2018 wanderte der armenische Oppositionsführer Nikol Paschinjan aus Gumri, der zweitgrößten Stadt der Kaukasusrepublik, in die Hauptstadt Eriwan, um den Machthaber Sersch Sargsjan zu stürzen; in der Tat trat der Premierminister kurz darauf zurück.

„Das Gehen selbst hat zwar nicht die Welt verändert, aber das gemeinsame Gehen ist zu einem Ritual, einem Werkzeug, einer Selbstversicherung der Zivilgesellschaft geworden, die sich gegen Gewalt, Angst und Unterdrückung wendet“, schreibt Rebecca Solnit. „Tatsächlich kann man sich nur schwer eine funktionierende Zivilgesellschaft vorstellen, die nicht über das freie Spiel der Vorstellungskräfte und das geografische Wissen verfügt, das man beim Gehen erlangt.“ Für die liberale kalifornische Theoretikerin stellt das Wandern den progressiven, pazifistischen Akt per se dar: Das Herz des politischen Wanderers schlägt links. Allerdings kann sich ein solcher Protestmarsch natürlich auch in sein reaktionäres, Gewalt und Angst propagierendes Gegenteil verkehren: Man denke an die montagabendlichen, von ihren Veranstaltern euphemistisch als „Spaziergang“ bezeichneten Aufmärsche „besorgter Bürger“ in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden.

Wie bei der Pilgerfahrt wird beim Protestmarsch ein schwer fassbares, abstraktes Ziel in die Kohlenstoffwelt verschoben und damit handhabbar gemacht: Die jeweilige politische Forderung wird durch einen konkreten Zielort markiert – sei es das Meer, die Hauptstadt (Washington, Eriwan) oder die größte und liberalste Metropole des Landes (Istanbul). Die Wanderung selbst gleicht einem argumentativen Anlaufnehmen, einem langen gemeinsamen Gedankengang. Die Ankunft der Protestpilger am Zielort schließlich ist mehr als nur ein Ausdruck numerischer Stärke. Sie nimmt auch symbolisch das Erreichen der unterwegs formulierten politischen Ziele vorweg.

Das Kunstwandern kann in alle Himmelsrichtungen führen, in die Irre, hin und her oder im Kreis – aber nie­mals zu einem Ziel


 
KUNSTWANDERN

Diese beiden Formen der Wanderschaft – die Pilgerschaft und der Protestmarsch – sind somit extrem teleologisch, zentripetal. Sie streben ein Zentrum an, einen religiös, historisch oder politisch aufgeladenen Ort, der durch die Macht der Tradition oder der Konvention, meist über Jahrhunderte der gar Jahrtausende hinweg, determiniert ist. Anders die letzte und historisch jüngste Form des symbolischen Gehens: das Kunstwandern. Dieses ist seinem Wesen nach zentrifugal: Es kann in alle Himmelsrichtungen führen, in die Irre, hin und her oder im Kreis – aber niemals zu einem Ziel. Das Kunstwandern erhebt den scheinbar so simplen Akt des Gehens zur ästhetischen Geste.

Man denke an den britischen Land-Art-Künstler Richard Long, der sich seit den 1960er-Jahren dem Gehen als Performance gewidmet hat: Für sein frühes Werk „A Line Made by Walking“ wanderte er so lange auf einer englischen Wiese hin und her, bis seine Fußtritte als sichtbarer Pfad, als Gedankenstrich, als gigantisches Ausrufezeichen in die Landschaft eingeschrieben waren. Man denke an Joseph Beuys, der bei seiner sogenannten „Aktion im Moor“ durch eine niederländische Marschlandschaft ging, bis er bis zur Hutkrempe im Wasser versank. Oder man denke an den amerikanischen Konzeptkünstler Vito Acconci, der im Rahmen seiner Performance „Following Piece“, ganz dem postmodernen Prinzip der Serendipität folgend, wahllos fremde Fußgänger verfolgte, bis diese einen ihm nicht zugänglichen Ort betraten: „I keep following until that person enters a private place (home, office, etc.) where I can’t get in.“

All diese Formen des „artistischen“ Gehens haben kein télos, kein Ziel, das außerhalb ihrer selbst läge. Ursprünglich ist Gehen ja ein extrem heteronomer Akt: Er dient der Fortbewegung von A nach B oder eben, wie wir gesehen haben, der spirituellen Läuterung, der psychischen Stimulation oder der Sichtbarmachung politischer Ziele sowie der Massen, die sie unterstützen. Das Kunstwandern, wie Long, Beuys & Co. es praktizieren, ist von solch klaren Funktionalisierungen abgeschnitten. All art is quite useless, wie Oscar Wilde einst dekretierte. Ein solches Gehen führt nirgendwohin – es macht allenfalls eine Bewegung bewusst und sichtbar, die wir meist als selbstverständlich erachten.

Die wohl radikalste Wanderung dieser Art führten Ende der 1980er-Jahre die serbische Performancekünstlerin Marina Abramović und ihr künstlerischer Partner sowie damaliger Lebensgefährte Ulay durch. Drei Monate lang wanderten sie von den beiden entgegensetzen Enden der Chinesischen Mauer aufeinander zu, jeweils 2500 Kilometer. Als Höhe- und Endpunkt der Performance wollten sich die Künstler in der Mitte des Bauwerks treffen und heiraten. Doch als sie sich schließlich begegneten, hatten sie sich so entfremdet, dass sie einander bloß umarmten, verabschiedeten – und dann weitergingen, jeder seines Wegs. Der motorische Akt des Gehens – Auftreten, Abrollen, Abstoßen von der Erde, Heben des Schenkels – dürfte tatsächlich der einfachste Teil dieser Wanderung gewesen sein. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Sonderausgabe
Nr. 10 Wandern. Die Wege der Gedanken

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