„Die Ausschlachtung des Alten macht Reiche noch reicher“


Die Soziologen Luc Boltanski und Arnaud Esquerre diagnostizieren in ihrem jüngsten Buch eine neue Form des Kapitalismus. Dieser konzentriert sich auf die Verwertung des Vergangenen – und verschärft damit die sozialen Ungleichheiten.


Das Gespräch führte Nils Markwardt



Philosophie Magazin: Herr Boltanski, Herr Esquerre, in Deutschland gibt es eine Reihe populärer TV-Shows – „Bares für Rares“, „Lieb & teuer“, „echt antik?!“ –, die nach demselben Prinzip funktionieren: Angereichert mit nostalgischen Geschichten präsentieren Menschen private Antiquitäten, um diese dann von Experten auf ihren Verkaufswert schätzen zu lassen. Nach der Lektüre Ihres Buches hat man den Eindruck, dass es sich hier nicht nur um einen TV-Trend handelt …

Luc Boltanskii: Tatsächlich kann man innerhalb der westlichen Gesellschaften eine Verschiebung des Kapitalismus beobachten. Ist die Produktion industrieller Güter heute weitestgehend in Niedriglohnländer ausgelagert, basiert ein wesentlicher Teil der Wertschöpfung in Europa nicht mehr auf der Herstellung neuer Produkte, sondern auf der Bewirtschaftung von Gütern und Waren, die schon da sind oder in Bezug zur Vergangenheit stehen: touristische Landschaften, Antiquitäten, Denkmäler, Kulturerbe, Kunst, antike Möbel, hochpreisige Nahrungsmittel oder Luxusartikel, die auf „althergebrachte Art“ hergestellt werden oder eine bestimmte „Lebensart“ widerspiegeln sollen. Diese ökonomische Neuausrichtung, in der Profite weniger durch den Massenkonsum als durch die Abweichung von den Standardartikeln erzeugt werden, nennen wir l’économie de l’enrichissement, Bereicherungsökonomie. Wobei enrichissement im Französischen sowohl Bereicherung als auch Anreicherung bedeutet. Denn in der Bereicherungsökonomie erfolgt die Bewirtschaftung der Vergangenheit durch deren Aufwertung.

PM: Güter und Dienstleistungen innerhalb der Bereicherungsökonomie – Qualitätstourismus, Luxushandtaschen oder Vintage-Möbel – müssen also über ein Maß an Originalität und Authentizität verfügen. Um reicher zu werden, müssen sie mit einem Narrativ der Vergangenheit angereichert werden. Aber wie geschieht das?

Arnaud Esquerre: Waren werden auf bestimmte Weisen präsentiert. Bei standardisierten Gütern geschieht das über eine analytische Präsentation. Wenn Sie etwa eine Flasche Wasser nehmen, wie sie hier vor uns steht, dann ist in der standardisierten Variante darauf zu lesen, dass sie einen Liter Wasser enthält, und vielleicht noch aus welcher Quelle es stammt. Wollen Sie eine Flasche Wasser jedoch in der hochpreisigen Sammlerform verkaufen, muss es mit einer narrativen Präsentation versehen werden. Sie müssen etwa erklären, dass diese Quelle eine besonders lange Tradition hat oder dieses Wasser bereits von berühmten Philosophen getrunken wurde. Wobei ein Narrativ der Vergangenheit allein nicht reicht, denn es gibt ja noch weitere Hersteller, die sich so präsentieren. Um einen höheren Preis zu rechtfertigen, muss man zusätzlich immer den Unterschied zu anderen Wassern deutlich machen.

PM: Und wer bürgt für diese historische Anreicherung?

Boltanski: Viele Menschen, die für die Bereicherungsökonomie von Bedeutung sind, verfügen über ein bestimmtes Expertenwissen. Oft sind sie dabei auch mit legitimationsstiftenden Institutionen verbunden: Museen, Universitäten, Akademien oder Instituten. Nehmen wir das Beispiel der Kunst. Wenn Sie zwei Werke haben, die absolut identisch aussehen, ergibt sich eine enorme Preisdifferenz, wenn eines von beiden durch einen Kunstexperten als authentisch eingestuft wurde.

PM: Welche Rolle spielt der Staat in der Bereicherungsökonomie?

Esquerre: Viele Theoretiker konzentrieren sich darauf, dass der Staat im Neoliberalismus gegenüber dem Markt geschwächt wurde. Die Sache ist jedoch komplexer. Tatsächlich braucht die Wirtschaft den Staat nach wie vor – und dieser ist hier auch relativ stark engagiert. Die Art der staatlichen Präsenz hat sich jedoch verändert. In der Bereicherungsökonomie geht es weniger um Sozialpolitik, sondern der Staat stellt vor allem eine Infrastruktur der Sicherheit und Beglaubigung bereit. Will man etwa Touristen mit berühmten Kunstwerken anlocken, braucht es dafür Museen. Zudem gewährleistet der Staat auch bestimmte Kennzeichnungen, etwa für die Herkunft von Luxuslebensmitteln.


Profite werden heute weniger durch den Massenkonsum als durch die Abweichung von Standardartikeln erzeugt
– Luc Boltanski


 

PM: Bei der Bereicherungsökonomie geht es jedoch nicht nur um die bloße Aufwertung von Vergangenheit, sondern auch um das, was der Historiker Eric Hobsbawm „erfundene Traditionen“ nannte. Mit dem Dorf Laguiole geben Sie in Ihrem Buch ein Beispiel: Heute werden in dem Ort im Aubrac vermeintlich traditionelle „Laguiole“-Messer verkauft. Nur gab es diese Tradition eigentlich gar nicht, sie wurde vielmehr als eine Art Marketingtrick erfunden.

Boltanski: Das stimmt, wobei die Erfindung von Traditionen an sich seit der Französischen Revolution existiert. Dort wurden sie aber vor allem von Nationen und Regionen zur Herstellung politischer Einheit benutzt. Erfundene Traditionen, man denke an die von den Revolutionären gestifteten Monumente und Feiertage, hatten das Ziel, Nationen oder Regionen eine „Seele“ zu geben. In der Bereicherungsökonomie hat die Erfindung von Traditionen jedoch zuvorderst einen wirtschaftlichen Zweck, indem Objekte innerhalb eines Marktes angereichert werden. In die Dinge wird eine bestimmte Vergangenheit implementiert, um damit Profit zu erzeugen.

PM: Wer profitiert insgesamt von der Bereicherungsökonomie?

Esquerre: Diese Frage hat zwei Dimensionen. Dort, wo durch die Deindustrialisierung viele Arbeitsplätze verloren gingen und sich in der Folge eine Verschiebung zur Bereicherungsökonomie vollzog, konnte das zum Abbau der Arbeitslosigkeit beitragen.

Boltanski: Im Falle Frankreichs sind das etwa das Département Gard im Süden oder auch die nördliche Provence. Beide Regionen waren lange verarmt, werden nun jedoch reicher, nicht zuletzt, weil viele wohlhabende Pariser, Deutsche oder Niederländer sich dort Ferienhäuser zugelegt haben.

Esquerre: Dann gibt es aber noch die zweite Dimension. Denn innerhalb der Bereicherungsökonomie herrschen große Ungleichheiten. Wenn die Ökonomie auf der Ausschlachtung des Alten beruht, profitieren vor allem jene, die über Erbschaften und Besitz verfügen. Oder andersherum: Jene Menschen, die von der Bereicherungsökonomie profitieren, entwerfen auch die Narrative der Vergangenheit, in denen es dann vor allem um jene geht, die vermeintlich schon immer an diesem Ort waren. Menschen, die nicht in dieser Vergangenheitsbeschreibung vorkommen, etwa Migranten, werden dann tendenziell ausgeschlossen.

PM: Jemand mit einer hybriden Einwanderungsidentität kann von seiner Vergangenheit also weniger stark profitieren?

Boltanski: In Bezug auf die Bereicherungsökonomie macht es natürlich einen Unterschied, ob sie von ihren Eltern ein Schloss im Burgund geerbt haben oder als junger Einwanderer neben einer Moschee wohnen. In dieser Form der Wirtschaft ist es für Immigranten in der Tat wesentlich schwieriger, ihre eigene Vergangenheit zu verwerten. Letztlich ist die Bereicherungsökonomie eine Ökonomie für die Reichen, die die Reichen noch reicher macht.

PM: Die Bereicherungsökonomie beruht auch auf der Kultivierung homogener Identitäten. Die Erzeugung touristischer Attraktivität oder der Verkauf traditionell hergestellter Produkte setzt ja voraus, dass dort lebende Menschen sich mit den jeweiligen Traditionen und Orten identifizieren, also eine atmosphärische Kulisse für die entsprechenden Produkte bilden. Ist also nicht nur die Politik, sondern auch der Kapitalismus selbst nach rechts gerückt?

Esquerree: Zumindest hat die Bereicherungsökonomie gewisse politische Konsequenzen. Insofern sie Migranten tendenziell ausschließt, ist sie natürlich mit nationalistischen Diskursen verbunden.

Boltanski: Früher zog der Kapitalismus seine Identität aus der Entwicklung des Neuen. Heute ist die Idee des Fortschritts hingegen in einer tiefen Krise, weshalb sie selbst für kapitalistische Interessen nicht mehr so gut taugt. In gewisser Hinsicht macht der Kapitalismus deshalb nun Anleihen beim Antikapitalismus. Denn das Bewahren von Traditionen hatte früher oft eine kapitalismuskritische Note.

PM: Die Bereicherungsökonomie spielt den Rechtspopulisten also in die Hände, weil sie einem konservativen Zeitgeist Vorschub leistet?

Boltanski: Der Kapitalismus hat bereits bewiesen, dass er mit dem Faschismus kompatibel ist. Ebenso hat er im Fall Chinas gezeigt, dass er im Kontext eines kommunistischen Regimes funktioniert. Und nun sieht es so aus, dass er auch mit dem Rechtspopulismus kompatibel ist.

Esquerre: Wobei es hier aber auch eine gewisse Spannung gibt. Will man Profite machen, müssen immer neue Differenzen erzeugt werden. Deshalb setzt sich die Produktion von Narrativen immer weiter fort, werden immer neue Erzählungen der Vergangenheit geschrieben. Rechte Populisten wollen Differenzen jedoch fixieren. Dass in der Bereicherungsökonomie aber immer neue Differenzen geschaffen werden, zeigt sich etwa am Fall der zeitgenössischen Kunst, die mit Populismus und Nationalismus erst einmal nichts zu tun hat.

Früher zog der Kapitalismus seine Identität aus der Entwicklung des Neuen. Heute steckt die Idee des Fortschritts tief in der Krise
– Arnaud Esquerre


 

PM: Wieso gehört zeitgenössische Kunst eigentlich zur Bereicherungsökonomie? Die repräsentiert doch gerade die Gegenwart, nicht die Vergangenheit.

Boltanski: Diesen Einwand hören wir oft. Unsere Antwort lautet: Wer heute sagt, dass ein bestimmtes Bild ein Meisterwerk der Gegenwartskunst sei, der blickt von einer kommenden Zukunft auf eine Vergangenheit. Er antizipiert jenes zukünftige Moment, in dem das Kunstwerk in einem Museum ausgestellt und in den Kanon aufgenommen sein wird.

PM: Viele Beispiele der Bereicherungsökonomie beziehen Sie aus Frankreich. Ist das Konzept denn wirklich auf Deutschland übertragbar?

Esquerre: Wir beschreiben ein Wirtschaftsmodell, das natürlich in unterschiedlichen Variationen auftritt, so wie es auch bei der Industriegesellschaft war. Sicherlich gibt es Unterschiede in der Luxusindustrie. Während diese in Deutschland vor allem Autos umfasst, stehen in Frankreich und Italien eher Nahrungsmittel oder handwerklich hergestellte Waren im Vordergrund.

PM: In Deutschland scheint auch das Verhältnis zur Natur etwas anders zu sein, wie sich im hierzulande intensiven Nachhaltigkeitsdiskurs zeigt.

Esquerre: Ja, wobei diese Natur aber etwas Produziertes ist. Und diese Fabrikation von Natur funktioniert in Deutschland anders als in Frankreich.

PM: Dennoch ist die Natur vielleicht der Bereich, bei dem man der Bereicherungsökonomie etwas Gutes abgewinnen kann. Die Bewirtschaftung des Alten scheint ökologisch immerhin verträglicher als intensive Massenproduktion.

Boltanski: Einerseits kann man zwar tatsächlich sagen, dass die Bereicherungsökonomie dabei hilft, Parks zu renaturieren und Landschaften zu pflegen. Andererseits gibt es aber auch Schätzungen, wonach allein der Tourismus für acht Prozent der globalen Treibhausgabe verantwortlich ist.

PM: Welche Konsequenzen hat Ihre Analyse für die gegenwärtige Kapitalismuskritik?

Esquerre: In der Tradition der Frankfurter Schule steht Kapitalismuskritik oft in Beziehung zur Kunst, da Letztere als exemplarisches Gut gilt, das dem Markt entzogen sein sollte. Denken sie nur an Walter Benjamins „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“. Dort steht die Standardisierung und Industrialisierung der Kunst im Zentrum der Kritik. In der Bereicherungsökonomie funktioniert die Wertschöpfung jedoch gerade nicht mehr über die Standardisierung von Kunst, sondern ganz im Gegenteil über die Produktion immer weiterer Differenzen. Da diese Form der Kapitalismuskritik also nicht mehr funktioniert, muss man eine neue entwickeln.

PM: Wie sähe die aus?

Esquerre: Wenn man eine gute Kritik formulieren will, muss man zunächst verstehen, in welcher Art von Welt man lebt. Dazu soll unsere Analyse der Bereicherungsökonomie beitragen. Aus ihr ergeben sich dann Fragen und Anknüpfungspunkte für Widerstand. Wie ließe sich etwa ein Narrativ der Vergangenheit verfassen, das sich auf alle und nicht nur wenige bezieht? Wie kann der in der Bereicherungsökonomie generierte Profit umverteilt werden? Wie lassen sich Dinge nur für den Gebrauch herstellen, sodass sie sich weder verkaufen lassen noch in irgendeine Sammlung passen?

PM: Steht Ihre Analyse damit in einer marxistischen Traditionslinie?

Esquerre: Sie ist viel eher eine Auseinandersetzung mit Marx. Dessen gesellschaftliche Analysen aus dem 19. Jahrhundert treffen in vielerlei Hinsicht auf unsere Gegenwart nicht mehr zu. Der Kapitalismus hat sich extrem verändert. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 6 / 2018