Dialektik der Sensibilität

Illustration: © Sébastien Thibault


Die Sensibilisierung des Selbst ist der Motor des Fortschritts. Inzwischen aber schlägt die positive Kraft moderner Empfindsamkeit ins gerade Gegenteil um: Die Kultur der Sensibilität droht den sozialen Raum zu zerstören. Der Soziologe Andreas Reckwitz erläutert in seinem Essay die Gründe.

Von Andreas Reckwitz


Als sensibel zu gelten, ist im Alltag nicht unbedingt ein Kompliment. Sensibel – heißt das nicht schwach, verletzlich und wenig belastbar zu sein? Der Begriff der „Empfindsamkeit“ – dem des Sensiblen eng verwandt – war bereits um 1800 nicht selten abwertend gemeint: Die Empfindsamen – sind dies nicht die Rührseligen und Gefühlsduseligen, denen es an Klarheit und Vernunft fehlt? Aber diese kritischen Kommentare können leicht darüber hinwegtäuschen, wie wirkungsmächtig in der Kultur der Moderne das ist, was man die Sensibilisierung des Subjekts nennen kann. Sie hat in unserer Gesellschaft, das heißt der Spätmoderne seit den 1980er-Jahren, einen Höhepunkt erreicht. Mittlerweile muss man sich fragen, ob sie sich bereits gegen sich selbst kehrt. Dies ist meine These: Die Sensibilisierung des Subjekts war und ist zunächst ein fortschrittlicher Prozess – mittlerweile droht er aber destruktiv zu wirken. Ähnlich wie Adorno und Horkheimer von einer „Dialektik der Aufklärung“ sprachen, kann man eine Dialektik der Sensibilisierung beobachten: Die Sensibilisierung hat in der Gegenwartsgesellschaft einen Punkt erreicht, an dem sie riskiert, den Subjekten und dem Raum des Sozialen zu schaden – und dies nicht durch eine bloße „Übersensibilisierung“, sondern durch eine widersprüchliche Kultur der Sensibilität, die versucht, Negativität und Ambivalenz auszuschließen.

Um die Sensibilisierung des Subjekts zu begreifen, muss man jedoch kulturhistorisch einen Schritt zurücktreten und den großen Rahmen der gesellschaftlichen Wandlungsprozesse erkennen. Die moderne Gesellschaft, wie sie im 18. Jahrhundert mit der Industrialisierung, Urbanisierung und Kapitalisierung ihren Siegeszug in den westlichen Gesellschaften begann, bedeutete – mit Max Weber gesprochen – zunächst eine tief greifende „Entzauberung“ der Welt. Das Leitprinzip der Moderne war und ist hier Rationalität und Rationalisierung, ein Triumph des Verstandesmäßigen und Geregelten in Wirtschaft, Wissenschaft, Staat und Recht. Effizienz und Optimierung sind die Fluchtlinien dieses Rationalisierungsprozesses, der spätestens im 20. Jahrhundert die gesamte Gesellschaft erfasste. In diesem Prozess der Entzauberung wird auch das Subjekt entsprechend „rational“: berechenbar, seinen Interessen und den Funktionsrollen der Gesellschaft folgend, in seinen Emotionen versachlicht und in seinen Wahrnehmungen auf die Funktion der Information beschränkt.

Aber die Moderne war nie derart eindimensional. Es hat von Anfang an auch eine gegenläu ge Bewegung gegeben. Hier kommt die Sensibilisierung ins Spiel. Bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstand im Zusammenhang mit der Aufklärungsphilosophie und ihrer Literatur eine Kultur der Empfindsamkeit. Man denke an den tief greifenden Ein uss der Schriften Rousseaus zur modernen Subjektivität, etwa „Julie oder Die neue Héloïse“ oder „Die Träumereien des einsamen Spaziergängers“. Man denke zuvor an die einflussreiche britische Romanliteratur, so an Samuel Richardsons „Pamela“. Die gesellschaftlichen Sensibilisierungsprozesse gehen aber noch über die Empfindsamkeit hinaus. Tatsächlich kann man feststellen, dass die Kultur der Moderne von Anfang an das Subjekt nicht nur rationalisieren wollte, sondern auch zu sensibilisieren versuchte. Sensibilität – darin steckt der lateinische sensus, das heißt die Sinne. Die sinnliche Wahrnehmung ist dabei immer mit den Gefühlen und Affekten verbunden. Sensibilität bezieht sich somit auf eine psychische, aber auch eine körperlich-leibliche Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit. Sensibilisierung heißt dann: Das Subjekt wird systematisch darin trainiert, seine Wahrnehmungs- und seine Empfindungsfähigkeit immer mehr zu differenzieren, sie immer komplexer werden zu lassen.

Ende des 18. Jahrhunderts sind es vor allem zwei Bereiche, in denen dieser Komplexitätsgewinn von Wahrnehmung und Emotionen kultiviert wird: die Ästhetik und die Ethik. Die moderne Ästhetik setzt voraus, dass das Subjekt sein sinnliches Vermögen kultiviert, dass es „feiner“ hört, liest und betrachtet, es subtiler auf ästhetische Besonderheiten achtet, um die Kunst, Musik und Literatur wirklich wertschätzen und auf sich wirken lassen zu können. Aber auch die moderne Ethik setzt voraus, dass man dem anderen gegenüber sensibler ist, dass man ein empathisches Vermögen ausbildet und sich in die Perspektive des anderen hineinzuversetzen vermag, in seinen Schmerz und seine mangelnde Anerkennung. Die Historikerin Lynn Hunt weist so darauf hin, dass die Entstehung des modernen Ideals der Menschenrechte ohne die Empfindsamkeit gar nicht denkbar wäre. Auch die Geburt des modernen „Individuums“, das heißt des Subjekts als etwas Singuläres verstanden, setzt diese Sensibilisierung des Wahrnehmens und Empfindens voraus: ohne Sensibilität – die eigene und die gegenüber dem anderen – keine Individualität.

Schwindende Coolness

Zwar erhielt die bürgerliche Kultur der Sensibilität in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kräftigen Gegenwind. Auf dem Höhepunkt der industriellen Moderne – einschließlich ihres Umschlags in totalitäre Systeme – schien die Sensibilisierung des Subjekts eher ein bürgerliches Relikt zu sein und einer umfassenden Desensibilisierung zu weichen. Die Subjekte schienen im Zuge der neuen Massentechnologien ihre Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeiten zu verlernen – ein Wandel, der von den einen als Siegeszug des „neuen Menschen“ in seiner Härte und Kühle gefeiert, von den anderen als Verlust von Individualität beklagt wurde. Helmut Lethen hat in „Verhaltenslehren der Kälte“ die Prominenz von Programmen einer solchen Desensibilisierung des Subjekts im Diskurs der Weimarer Republik – politisch von links bis rechts – anschaulich dargestellt. Diese Desensibilisierung ist jedoch Geschichte. Auch wenn das Ideal der „Coolness“ bis heute Einfluss hat, etwa in der Jugendkultur, so ist der eigentlich wirkungsmächtige Prozess der letzten Jahrzehnte ein ganz anderer: Seit den 1980er-Jahren lässt sich in den westlichen Gesellschaften ein erneuter, breitflächiger Schub der Sensibilisierung der Subjekte beobachten.


Die moderne Ethik setzt voraus, dass man ein empathisches Vermögen ausbildet


 

Ihr wichtigster sozialer Träger ist die „neue Mittelklasse“, sind die gut ausgebildeten, liberalen Großstadtbewohner, die ein Interesse an Selbstentfaltung und herausgehobenem Lebensstil miteinander vereinen. Die neue Mittelklasse kultiviert eine besondere Differenzierung ihres Wahrnehmungs- und Empfindungsvermögens, und die Ökonomie, die Politik, die Medizin und Psychologie stützen diesen Prozess, ja treiben ihn weiter voran. In den persönlichen Beziehungen, der engen, gefühlvollen Symbiose zwischen Eltern und Kindern und der auf Gleichberechtigung und Empathie beruhenden Paarbeziehungen kann man die Sensibilisierung besonders gut erkennen. Die Ästhetik und die Ethik sind erneut zentrale Pfeiler der Sensibilisierung. Die spätmodernen Subjekte der neuen Mittelklasse betreiben eine ausgesprochen komplexe Ästhetisierung aller ihrer Lebensbereiche, eine Verfeinerung ihrer Wahrnehmung und entsprechender Empfindungen. Dies betrifft weniger Kunst und Literatur, sondern die Alltagswelt, Bereiche wie das Wohnen mit seinem Vintage-Geschmack, das Essen mit seinem ausgefeilten kulinarischen Sinn für die global verbreiteten lokalen Traditionen, das Reisen mit seinem Anspruch auf individuelle Erkundung und den eigenen Körper, der mithilfe diverser Bewegungskulturen von Tai-Chi bis Tango vielfältig sich spürend in Form gebracht wird – oder schließlich für die ästhetischen Feinheiten von Fernsehserien wie „House of Cards“ oder „Game of Thrones“. Sensibilisierung heißt hier Versinnlichung, die Ausbildung eines ästhetischen Differenzierungsvermögens.

Ebenso prominent und wirkungsmächtig ist die ethische Sensibilisierung, die wir in der neuen Mittelklasse erreicht haben. Man hat einen Sinn für die besondere Verletzlichkeit von Individuen einzelner Identitätsgruppen jenseits des „weißen heterosexuellen Mannes“ entwickelt, für die Frauen, die Homosexuellen, die Farbigen und andere ethnische Minderheiten, die Transgender-Personen und solche mit körperlichem oder psychischem Handicap. Insbesondere die schwierige Frage nach der subtilen Benachteiligung von Frauen gegenüber Männern ist mittlerweile im Beziehungsalltag allgegenwärtig. Debatten wie #MeToo sind nur nachvollziehbar vor dem Hintergrund dieser ethischen Sensibilisierungsprozesse. Auch das besondere spätmoderne Bewusstsein für die Verletzlichkeit des Kindes oder für die Bedeutung eines wertschätzenden Klimas am Arbeitsplatz ist hier einzuordnen.

Neben der Sensibilisierung in Ästhetik und Ethik ist heute schließlich die Sensibilisierung des Psychosomatischen augenfällig. Die spätmodernen Subjekte beobachten feiner und bewusster die Reaktionen ihres Körpers. Sie sind „achtsamer“ gegenüber psychischen Beeinträchtigungen (sodass es gar nicht unbedingt mehr Depressionen gibt, sondern die Menschen ihre Depressivität eher erkennen und behandeln lassen). Sie bemerken eher eigene körperliche Symptome – der Verdauung oder Bewegungsschmerzen etwa –, sie entwickeln häu ger Lebensmittelunverträglichkeiten und beobachten genau den „stresshaften“ Zusammenhang von Körperlichem und Psychischem. Die Prominenz des Begriffs des Psychosomatischen selbst ist bereits ein Indikator für diese Sensibilisierung des Selbstverhältnisses.

Das sensible Selbst ist folglich in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es ist der Subjekttypus, der auf die Gesellschaft der Singularitäten zugeschnitten ist. Nicht nur dass die neue Mittelklasse als ihre Trägergruppe gesellschaftlich äußerst einflussreich ist. Genauso bedeutsam ist, dass wichtige etablierte Institutionen die Sensibilisierung stützen: Der ästhetisch-kulturelle Kapitalismus mit seinem subtilen Spiel der Waren, Erlebnisse und Identifikationsangebote verlangt nach sensiblen Konsumenten-Subjekten. Zugleich fördert die Organisationskultur der Projekte und Netzwerke die kommunikative Kompetenz und setzt diese voraus. In die liberale Politik hat die Frage nach der Identität von Individuen und Gruppen, nach Benachteiligung und Restitution Einzug gehalten. Auch die Sensibilität für gesundheitliche oder ökologische Gefährdungen ist zu einem wirksamen politischen Faktor geworden. Schließlich unterstützen die spätmoderne Psychologie und (populäre) Medizin die Selbstbeobachtung der Patienten und ihre Sensibilisierung für Psyche und Körper. Es genügt nicht, nicht krank zu sein, vielmehr wird eine Transformation des Selbst in Richtung psychisch-physischen Wohlbefindens angestrebt. Überall betreibt eine Gesellschaft der Singularitäten, die einen differenzierten Sinn für das Einzigartige und Besondere entwickelt, eine komplexe Sensibilisierung der Subjekte, die nur so dieser Einzigartigkeiten und Besonderheiten gewahr werden.

Wie ist der Aufstieg des sensiblen Selbst nun zu bewerten? Es mag für manche Kritiker verführerisch sein, in die alte Verachtung gegenüber der Empfindsamkeit zurückzufallen. Im Rahmen des neuen globalen Kulturkonflikts zwischen Liberalismus und (vor allem rechtem) Populismus kann man sich leicht vorstellen, wie die Sensibilisierung der urbanen neuen Mittelklasse zum Gegenstand einer Verächtlichmachung des „Weichen“ im Namen des „Harten“, der „Empfindlichkeit“ im Namen des „Standhaltens“, der verzärtelten Eliten im Namen der Bodenständigkeit des Volkes werden könnte. Die Populisten tendieren dazu, in Carl Schmitt’scher Manier der neobürgerlichen Ästhetik, Ethik und Psychosomatik den unerbittlichen Kampf des Politischen, der Nationen, Kulturen und Klassen entgegenzusetzen. Der Geschlechterdualismus, der das Empfindsame mit dem Weiblichen, das Harte und Rationale aber mit dem Männlichen identifizierte, wird von dieser Seite dankbar aufgenommen. Gegen die populistische Abwertung will ich jedoch grundsätzlich die Fortschrittlichkeit der Sensibilisierung des Subjekts im Rahmen der Geschichte der Moderne insgesamt betonen: Eine Moderne, die lediglich den Maßstäben der formalen Rationalität und Effizienz folgen würde, wäre bestenfalls eine halbe, eine im wahrsten Sinne unbefriedigende Moderne. Es ist nur folgerichtig, dass sich die Moderne nicht mit dieser zufriedengibt, sondern auch eine Differenzierung des Wahrnehmungs- und Empfindungsvermögens vorantreibt. Erst so wird sie über Sachlichkeit und Nützlichkeit auch zu einem ethischen und ästhetischen Projekt kultureller „Selbstvervollkommnung“.


Wer Sensibilisierung will, muss auch Ambiguitätstoleranz trainieren


 

Populismus kann man sich leicht vorstellen, wie die Sensibilisierung der urbanen neuen Mittelklasse zum Gegenstand einer Verächtlichmachung des „Weichen“ im Namen des „Harten“, der „Empfindlichkeit“ im Namen des „Standhaltens“, der verzärtelten Eliten im Namen der Bodenständigkeit des Volkes werden könnte. Die Populisten tendieren dazu, in Carl Schmitt’scher Manier der neobürgerlichen Ästhetik, Ethik und Psychosomatik den unerbittlichen Kampf des Politischen, der Nationen, Kulturen und Klassen entgegenzusetzen. Der Geschlechterdualismus, der das Empfindsame mit dem Weiblichen, das Harte und Rationale aber mit dem Männlichen identifizierte, wird von dieser Seite dankbar aufgenommen. Gegen die populistische Abwertung will ich jedoch grundsätzlich die Fortschrittlichkeit der Sensibilisierung des Subjekts im Rahmen der Geschichte der Moderne insgesamt betonen: Eine Moderne, die lediglich den Maßstäben der formalen Rationalität und Effizienz folgen würde, wäre bestenfalls eine halbe, eine im wahrsten Sinne unbefriedigende Moderne. Es ist nur folgerichtig, dass sich die Moderne nicht mit dieser zufriedengibt, sondern auch eine Differenzierung des Wahrnehmungs- und Empfindungsvermögens vorantreibt. Erst so wird sie über Sachlichkeit und Nützlichkeit auch zu einem ethischen und ästhetischen Projekt kultureller „Selbstvervollkommnung“.

Allein: So wie nach Adorno und Horkheimer die Rationalisierung ab einem bestimmten Punkt vom Nützlichen ins Selbstdestruktive kippt, so unterliegt die Sensibilisierung offenbar einem ähnlichen Risiko. Dies wird in der Gegenwart sehr deutlich. Handelt es sich bereits um eine „Übersensibilisierung“? Führt die ästhetische Sensibilität mittlerweile zur Selbstüberforderung, die ethische Sensibilität zu einer Belastung sozialer Beziehungen durch subjektive Bedenklichkeiten und die psychosomatische Sensibilität zu grassierenden Leiden? Aus meiner Sicht besteht das Problem weniger in einem simplen Zuviel an Sensibilität, sondern vielmehr in einer Kopplung der Sensibilisierung an das Programm einer „positiven Psychologie“. In dieser erscheinen allein positive Gefühle legitim und erstrebenwert, negative, neutrale oder ambivalente hingegen als problematisch.

Die spätmoderne Kultur ist eine massiv psychologisierte Kultur, und die positive Psychologie, die Psychologie des „well-being“, hat seit den 1970er-Jahren ausgehend von den USA kulturprägende Kraft erlangt. Aus der Sicht dieser positiven Psychologie sind Emotionen prinzipiell gut und zu fördern, sie sind die Basis des gelungenen Lebens. Allerdings eben nur bestimmte Emotionen: der Freude, der Begeisterung, der Intensität, der Resonanz, der Befriedigung. Dies ist eine Psychologie der Selbstentfaltung und Authentizität, wie sie mittlerweile als gesunkenes Kulturgut tief in der kulturellen DNA der Spätmoderne verankert ist. Was ist aber mit den negativen Emotionen, der Angst, der Wut, der Trauer – und was mit den Ambivalenzen und Widersprüchen? Sie erscheinen im Rahmen des Denkens der positiven Psychologie wie das abgespaltene Andere der Kultur der Selbstverwirklichung und ihres Projekts des „guten Lebens“.

Die spätmoderne Sensibilisierung des Subjekts ist nun eng mit den Begriffen der positiven Psychologie verschaltet: Sensibilität ja, aber bitte nur verknüpft mit positiven Gefühlen! Sensibilität ja, aber als Sinn für wohlgestaltete ästhetische Formen, als Sinn für rücksichtsvolles Miteinander, als Sinn für die Gestaltung des Wohlbefindens von Körper und Seele. Eine Wohlfühlsensibilität. Die Sensibilisierung des Subjekts hat jedoch eine unweigerliche Konsequenz: Wenn die Individuen einen immer feineren Sinn für ihre sinnlichen Wahrnehmungen und Gefühle entwickeln, dann werden sie dabei zwangsläufig in ihrem Innern und in der Außenwelt nicht nur auf Positives treffen. Sie stoßen auch auf viel Neutrales und scheinbar Uninteressantes. Sie stoßen auch auf eindeutig Negatives. Und mehr noch auf Ambivalentes, das Positives und Negatives unberechenbar miteinander verknüpft. Die Sensibilisierungskultur der Spätmoderne ist jedoch nicht bereit, ihre eigenen Folgen zu erkennen und entsprechend zu agieren: Sie versucht zu sensibilisieren, ohne das Ambivalente anzuerkennen. Dies führt in die Sackgasse.

Die Folgen können höchst problematisch sein: Psychosomatisch geschulte Subjekte erkennen in ihren Körpern und Psychen immer mehr ambivalente Regungen, Unwohlsein, Missempfindungen, Unregelmäßigkeiten – und sind erschrocken, da ihr Idealzustand die perfekte Positivität ist. Psychosomatische Hypersensibilität kann am Ende zum massiven Problem für den Einzelnen werden, der den eigenen Empfindungen nicht mehr gewachsen scheint. Ästhetisch sensibilisierte Subjekte können mit dem Unbehagen, den inneren Abgründen, die Kunstwerke in ihnen freilegen, nicht mehr recht umgehen. Entsprechend erscheinen Gedichte oder Romane mancherorts nur noch mit Trigger Warnings versehen zumutbar, da bestimmte Aspekte dieser Texte negative Gefühle hervorlocken könnten. Ethisch sensibilisierte Subjekte schließlich reagieren hil os, wenn sie mit Aggression konfrontiert sind, oder blocken ab, wenn sie es mit der Ambivalenz zu tun bekommen, die soziale Beziehungen – mit Fremden oder Vertrauten –, aber auch ethische Maximen selbst oder kulturelle Artefakte wie Bücher oder Bilder häu g mit sich bringen. Das Ergebnis kann ethischer Rigorismus oder der Gesprächsabbruch mit Andersdenkenden sein: Um die Verstörung durch den unberechenbaren anderen zu vermeiden, verbleibt man lieber im „sicheren Raum“ der Gleichgesinnten.

Notwendige Offenheit

Wohlgemerkt: Das Problem ist nicht, dass man in der Spätmoderne einfach „zu sensibel“ geworden ist. Mehr Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit machen das Leben, machen Individualität und das Soziale reichhaltiger, komplexer, subtiler. Aber wer Sensibilisierung will, muss auch Ambiguitätstoleranz wollen und trainieren, die Bereitschaft, mit Ambivalenzen umzugehen und mit Widersprüchen, am Ende sogar mit dem Negativen, dem Schmerz, der Angst, Wut und Trauer, die sich nicht eliminieren lassen. Gefragt ist also eine reflektierte, eine für Widersprüche offene Sensibilität. Gelingt sie nicht, ist das Leiden vorprogrammiert: das Leiden des Individuums an der Vielschichtigkeit seiner Wahrnehmung und seiner Emotionen, aber auch eine Überforderung des Sozialen durch das, was Richard Sennett die „Tyrannei der Intimität“ nannte, durch die Befindlichkeiten und Ansprüche der Individuen. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe Nr. 6 / 2019