Derrida und die Dekonstruktion

Was wir als Identität begreifen, so lautet die bahnbrechende These Derridas, ist ein nachträglicher Effekt unseres sprachlichen Gebrauchs. Wenn wir also Zeichen anders verwenden, ihre Bedeutungen aufbrechen, verändern wir die Wirklichkeit: Genau dies ist das Versprechen der Dekonstruktion.

Von Svenja Flaßpöhler. Illustration von Bertrand Sallé


Jaques Derrida war nicht nur ein Schreibender. Er war auch und vor allem ein Lesender. Rousseau, Hegel, Marx, Heidegger und viele andere bedeutende Denker der abendländischen Philosophiegeschichte wieder zu lesen und ihren Texten einen anderen, neuen Sinn abzuringen: Das war ein wesentliches Ziel des französischen Philosophen. Entsprechend lassen sich auch Derridas wohl wirkmächtigste Schriften „Grammatologie“ sowie „Die Schrift und die Differenz“ (beide 1967) als Versuche beschreiben, durch die tiefe Auseinandersetzung mit großen Denkern vermeintliche Gewissheiten zu erschüttern – und auf diese Weise eine radikal andere Weltsicht zu ermöglichen.

Zentraler Angriffspunkt dieses Versuchs ist für Derrida die Sprache und ihre innersten Funktionsgesetze. Dies aus dem einfachen Grund, weil wir gelernt haben, durch Sprache auf die Welt zuzugreifen. Ja, die Sprache ist unser Zugang zur Welt. Wenn wir einen Gegenstand betrachten, fällt uns sofort die passende Bezeichnung ein. Und wenn wir beispielsweise „Auto“ sagen, haben wir umgekehrt direkt ein bestimmtes Bild vor Augen. Zeichen und Bezeichnetes wirken unauflöslich miteinander verbunden; wenn wir sprechen, scheint die Bedeutung des Gesagten unmittelbar gegeben.
Dass wir Sprache als unmittelbaren, quasi „durchsichtigen“ Ausdruck – und nicht in ihrer Transformierbarkeit und Materialität – begreifen, ist Derrida zufolge der abendländischen „Metaphysik der Präsenz“ geschuldet. Dieser Metaphysik zufolge beruht das sprachliche System und damit auch unsere Wahrnehmung der Welt auf gegebenen, in ihrer Bedeutung fixierten, hierarchischen Gegensatzpaaren. Gut – böse. Schön – hässlich. Weiß – schwarz. Innen – außen. Männlich – weiblich. Oppositionen, die wir gemeinhin als ganz und gar „natürlich“ wahrnehmen.

Offener Sinn

Die zentrale These Derridas lautet nun: Was ein Wort bedeutet, ist nicht von vornherein fixiert, die Bedeutung eines Zeichens nicht unmittelbar im Zeichen präsent – und schon gar nicht verweisen Zeichen auf eine wie auch immer geartete Natürlichkeit! Vielmehr sind die Zeichen, die „Signifikanten“, wie Derrida sie nennt, prinzipiell offen, veränderbar in ihrem Sinn. Mit dieser Behauptung richtet er sich entschieden gegen seinen Landsmann, den Strukturalisten und Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure. Dieser hat zwar erkannt, dass Sprache nicht Welt abbildet, sondern ein in sich selbst funktionierendes, strukturales System ist. Doch konnte oder wollte Saussure die Veränderbarkeit dieses Systems nicht denken. Aus diesem Grund ordnet man die Dekonstruktion dem „Poststrukturalismus“ zu: Derrida hat den Strukturalismus überwunden und weitergedacht.
Sprache als offenes und veränderbares System zu denken, ist für Derrida weit mehr als eine theoretische Spielerei. Es geht um die knallharte Wirklichkeit, in der sich Machtverhältnisse maßgeblich dadurch herstellen, dass wir hierarchisch angeordnete Begriffspaare als unverrückbar begreifen. Nehmen wir den Gegensatz Mann/Frau, der hier umso wichtiger ist, als das von Macht gezeichnete Geschlechterverhältnis, Stichwort #metoo, im Moment wieder im Zentrum der gegenwärtigen Debatten steht – ganz zu schweigen davon, dass die feministische Philosophie Derridas Denken eingehend rezipiert hat.

Freiheit statt Identität


Immer wenn mich eine Zugehörigkeit umschreibt, wenn ich so sagen darf, schreit jemand oder etwas ‚Vorsicht, eine Falle, du bist gefangen! Flüchte! Befreie dich!‘“ Derrida oder die Phobie vor dem Gefangensein, die tiefe Angst vor jeglicher Einordnung in Kategorien der Identität. Er will sie sprengen, will die realen oder symbolischen Herrschaftssysteme zerschlagen, um den Menschen zu öffnen für eine Utopie der Gerechtigkeit. Doch das Projekt der Dekonstruktion ist nicht allein eine Angelegenheit seines Denkens, es spiegelt auch sein Leben wider.
Derrida kommt 1930 in El Biar, in den Hügeln vor Algier zur Welt. Damals wird das 100-jährige Jubiläum der französischen Kolonisation gefeiert. Die Sprache, die er erlernt, die Kultur, die ihm übergestülpt wird, all das macht ihn sensibel für die Macht der Zeichen. Auch die Gewalt des Ausgeschlossenseins muss er erfahren: Derrida stammt aus einer jüdischen Familie, ab 1940 nimmt die Verfolgung seiner Glaubensgemeinschaft zu. Mit dem Schuljahresbeginn 1942, als ein drastischer Numerus clausus für jüdische Studenten eingeführt wird, muss er an ein von jüdischen Lehrern geleitetes Gymnasium wechseln. Der junge Derrida ist entsetzt über die Diskriminierung, aber auch über die Abschottung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Das Diktat des Selben, die Politik der Identität – beides wird zeit seines Lebens Gegenstand und Angriffspunkt seines Denkens sein. 1949 siedelt er nach Frankreich über und entwickelt dort seine Philosophie der Dekonstruktion, die herrschende Hierarchien der westlich-metaphysischen Tradition umkehrt. Ab den 1980er-Jahren engagiert sich Derrida auch konkret: im Kampf gegen die Apartheid in Südafrika (er setzt sich für die Befreiung Mandelas ein) und gegen die Willkür der Todesstrafe in den USA. In Frankreich unterstützt er die Demokratische Linke, verteidigt illegale Einwanderer, tritt für das Wahlrecht von Ausländern bei Regionalwahlen ein oder unterstützt Homosexuelle, die heiraten wollen (ohne dabei allzu viel von der Institution Ehe zu halten). Immer geht es ihm darum, die Macht zu erschüttern und den erniedrigten Minderheiten ihre Rechte wiederzugeben: Die Dekonstruktion ist im Kern eine Ethik der Verantwortung, die zum Ziel hat – Derrida war ein großer Bewunderer von Lévinas –, den anderen in seiner Differenz anzuerkennen und anzunehmen. Daher rührt auch sein Plädoyer für ein „Europa, das gerade darin besteht, dass es sich nicht in seiner eigenen Identität verschließt und dass es sich (…) auf jenes zubewegt, was nicht es selber ist“. Sich dem zu öffnen, was uns von uns selbst entfernt, was eine Kluft innerhalb des Selbst eröffnet: Derridas Vermächtnis ist eine Aufgabe, die heute neue Aktualität gewinnt.

Von Martin Duru

 
Wirkmächtige Wiederholung

Wie also verwenden wir die Begriffe Mann und Frau gemeinhin? Wenn wir „Frau“ sagen, meinen wir damit einen Menschen mit ganz bestimmten Geschlechtsmerkmalen. Der Begriff „Frau“ – und auch der Begriff „Mann“ – verweist demnach, so meinen wir zumindest, auf eine biologisch begründete Geschlechtsidentität, die wir mit ganz bestimmten Eigenschaften verbinden. Etwa: Frauen bekommen Kinder und sind deshalb „natürlich“ fürsorglicher, rücksichtsvoller, zurückhaltender als Männer (und also weniger geeignet für Führungspositionen). Derrida nun macht uns darauf aufmerksam, dass ein sprachliches Zeichen in keiner natürlichen und entsprechend auch keiner unveränderbaren Verbindung zum Bezeichneten steht. Der Begriff „Frau“ bildet kein Wesen ab, sondern der Begriff gewinnt seine Bedeutung vielmehr durch seine Bezogenheit auf den gegenüberliegenden Begriff „Mann“. Beide Begriffe stützen sich mithin gegenseitig in ihren Bedeutungen. Und indem wir die Begriffe immer gleich verwenden, also „Frau“ immer und nur dann sagen, wenn wir einen Menschen mit Busen und Vulva vor uns haben, entsteht überhaupt erst der Eindruck von Wesenhaftigkeit. Dies ist die bahnbrechende Erkenntnis Derridas: Identität ist nichts Feststehendes, Natürliches, sondern wird konstruiert durch den immer gleichen Gebrauch von Zeichen.

Genau an diesem Punkt setzt die Dekonstruktion an. Es geht darum, Gegensatzpaare aus ihrer vermeintlich ontologischen, das heißt seinsmäßigen Verwurzelung zu reißen und für neue Bedeutungen zu öffnen. Es ist nicht die Natur, die die Sprache hervorbringt und auf ewig festzurrt in ihren Bedeutungen. Sondern es ist die Sprache, genauer: ihr Gebrauch, der den Eindruck entstehen lässt, sie bilde etwas Vorgängiges, Unveränderliches ab. Deswegen ermutigt uns Derrida, Begriffe umzudeuten, indem wir sie anders verwenden, ihnen neue Nuancen und Konnotationen einschreiben. Und er ermutigt uns auch, sehr wachsam zu sein, sobald behauptet wird, eine bestimmte Gruppe von Menschen habe ein ganz bestimmtes „Wesen“. Die neurechte Bewegung etwa propagiert ja genau dies: Frauen und Männer seien wesenhaft verschieden, weshalb die AfD in ihrem Parteiprogramm die Abschaffung der Gender Studies befürwortet – eine Forschungsrichtung, die sich maßgeblich auf Derrida stützt. Der neurechte sogenannte „Ethnopluralismus“ schlägt in dieselbe Kerbe: Die deutsche Kultur sei wesenhaft verschieden von allen anderen, ihre Identität müsse vor fremden Einflüssen geschützt werden. Gegen gefährliche Argumentationen wie diese wendet sich die Dekonstruktion Derridas. Sie hebelt sie gewissermaßen von innen aus, indem sie zeigt, dass jede vermeintliche Identität nichts Vorgängiges, Objektives, Wahres, sondern ein nachträglicher Effekt immer gleicher Bezeichnungspraxen ist.


Derrida zeigt, dass Identität nichts Objektives, sondern ein nachträglicher Effekt immer gleicher Bezeichnungspraxen ist


 
Erschaffung des Neuen

Allerdings wird Derridas dekonstruktiver Ansatz, der die Theoriebildung seit den 1980er-Jahren entscheidend prägt, durchaus auch von linksliberaler Seite kritisiert – und zwar gerade jetzt, in einer Zeit der „Fake News“ und der „Postfaktizität“. Wenn alles Text ist, und Sprache Wirklichkeit konstituiert – was ist dann überhaupt noch wahr? Dürfen wir wirklich jeglichen Begriff von Objektivität aufgeben? Und was ist mit den Geschlechtern? Ist das biologische Geschlecht tatsächlich nichts weiter als ein sprachlicher Effekt? Reine Fiktion? So berechtigt diese Einwände sind, man würde Derrida falsch verstehen, wenn man ihm unterstellte, er negiere die Wirklichkeit. Dagegen spricht allein schon sein politisches Engagement, etwa gegen die Apartheid oder die Todesstrafe in den USA (siehe Kasten, S. 77). Tatsächlich hatte Derrida, der jüdischer Abstammung war, einen ausgeprägten Sinn für menschliches Leid, die wohl wahrste, wirklichste Empfindung überhaupt. Und genau darum ging es ihm: Die tiefen Mechanismen des Leids freizulegen und darauf hinzuweisen, dass unser sprachlicher Gebrauch an seiner Existenz nicht unschuldig ist.
Doch Dekonstruktion meint mehr als nur Zerstörung, mehr als nur eine Destruktion althergebrachter Oppositionen. Es geht immer auch um die Erschaffung des Neuen. Dies gelingt, so Derrida, indem wir versuchen, die traditionell abgewerteten Begriffe aufzuwerten, das Weibliche gegenüber dem Männlichen, die Kopie gegenüber dem Original, aber auch, etwas abstrakter, die Schrift gegenüber der Stimme. In der Metaphysik der Präsenz hat die Stimme eine herausragende Position, weil sie die Materialität der Sprache durch die Präsenz des Sprechers überspielt: Das gesprochene Wort ist das Wort Gottes: wahr, unmittelbar, ursprünglich. Die Schrift hingegen ist Medium, ist sekundär, indirekt, und wurde deshalb traditionell abgewertet. Für Derrida aber weist uns gerade die Schrift darauf hin, dass 1) die Sprache einen Eigensinn hat, der uns Subjekten vorausgeht, und dass 2) ein Zeichen das Bezeichnete nicht unmittelbar präsentiert, sondern zwischen beiden eine Lücke klafft. Diese Lücke ist das, was Derrida mit seiner Wortschöpfung „Différance“ bezeichnet (siehe Schlüsselbegriffe): Wenn wir einen Text lesen, machen wir die Erfahrung, dass Zeichen und Bezeichnetes nicht unauflöslich aneinanderkleben, sondern die Bedeutungen „gleiten“, sie verändern, verschieben sich: Sie sind offen. Das Neue und das Offene, beides gehört für Derrida zusammen. Das Neue ist das, was der Offenheit entspringt. Mit Offenheit ist aber nicht nur die der Sprache gemeint, sondern auch unsere eigene Bereitschaft, Neues zuzulassen. Wir müssen offen sein: offen für den „anderen“ und offen für das „Ereignis“. Gastfreundschaft, so Derrida, besteht darin, das eigene Haus dem „Ankommenden“ zu öffnen – eine Forderung, die durchaus metaphorisch gelesen werden darf und in den Kern der derridaschen Ethik zielt. Nur wenn wir uns selbst nicht als abgeschlossen begreifen, uns nicht eine unveränderbare Identität mit festen Mauern zuschreiben, sind wir bereit für das Neue. Eine Forderung, deren Aktualität und Dringlichkeit in diesen Tagen gar nicht überschätzt werden können. •


Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 3 / 2018