Der Schutz der Anderen

Foto: visuals (Unsplash)


Durch die Corona-Krise sind wir zu gemeinwohlorientiertem Verhalten gezwungen. Das kann der Anfang für eine neue Form des Zusammenlebens sein. Ein Denkanstoß von Gernot Böhme.


„Wir werden nach dieser Krise eine andere Gesellschaft sein.“ Das hat uns der Bundespräsident in seiner Osteransprache prognostiziert. Eine andere Gesellschaft – in welcher Hinsicht? Was von selbst sich durchsetzen wird, ist eine weitgehende Verlagerung des gesellschaftlichen Lebens ins Virtuelle. Doch wird das eine bessere Gesellschaft sein als vorher? Müssen wir nicht fragen: Haben wir etwas gelernt in der Corona-Krise, etwas, das es auch im Nachher zu bewahren gilt? Ja, ich denke an das inzwischen geübte gemeinwohlorientierte Verhalten. Zwei Beispiele dafür: Wir hörten immer wieder von Epidemiologen, dass eine Infektion von etwa zwei Drittel der Bevölkerung zu erwarten sei – weil nämlich dann erst eine Herden-Immunität erreicht werde. Gleichzeitig wurden wir ermahnt, uns in jeder nur möglichen Weise vor Ansteckung zu schützen – nämlich um das Gesundheitssystem vor einem Kollaps zu bewahren. Hätte man aus beidem zusammen genommen nicht folgern müssen, dass man sich als Individuum möglichst bald anstecken sollte? Nämlich, um die Krankheit zu absolvieren, bevor das Gesundheitssystem kollabiert? Nein, sich vor Ansteckung zu schützen, war nicht für einen selber, sondern für die Gemeinschaft gut.


Aus den privaten Lastern resultiert aufs Ganze hochgerechnet das öffentliche Wohlergehen – wir lernen heute, dass das nicht stimmt


 

Zweites Beispiel: Jetzt werden wir angehalten, in allen möglichen Situationen eine Maske zu tragen. Zugleich wird einem jedoch versichert, dass die Maske einen nicht vor Ansteckung schützt – jedoch die anderen, wenn man selbst Träger des Coronavirus ist. Ob man sich infiziert hat, weiß man jedoch in der Regel nicht. Einerseits dauert die Inkubationszeit ca. 14 Tage, andererseits sind die Symptome oft kaum von leichter Grippe zu unterscheiden. Was folgt aus diesen beiden Perspektiven? Man trägt die Maske nicht zum eigenen Schutz, sondern – sollte man sich infiziert haben – zum Schutz der anderen Menschen. Also auch hier: wir üben uns in gemeinwohlorientiertem Verhalten.

Wie sehr solches Verhalten unserem gewohnten widerspricht, daran wird deutlich, in welcher Gesellschaft wir – bisher – lebten: in einer vom Liberalismus geprägten. Das liberalistische Verhalten nahm seinen Anfang mit Mandeville’s Bienenfabel, aus der der Slogan stammt: „Private Vices, Publick Benefits“ – aus den privaten Lastern resultiert aufs Ganze hochgerechnet das öffentliche Wohlergehen. Wir nennen das freie Marktwirtschaft. Wir lernen heute, dass das nicht stimmt, dass zwar das Ausleben individueller Bedürfnisse dem Wirtschaftswachstum dient, nicht aber dem Wohlergehen der Menschen in der Gemeinschaft. Und nun üben wir uns – noch gezwungen zwar – in gemeinwohlorientiertem Verhalten. Wie können wir das auf Dauer stellen – und so eine andere Gesellschaft als vorher zustande bringen? •

Erstveröffentlicht am 15.05.2020

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