„Das Zwerchfell besitzt rebellische Fähigkeiten“

Bild: © Monika Höfler


Alexander Kluges umfassendes Werk aus Filmen, Literatur und Theorie kreist immer wieder um unser vielschichtiges Körperwissen. Für den Denker birgt der Leib nicht nur eine zweite Vernunft. Sondern auch: ein unstillbares Maß an Eigensinn.

Das Gespräch führte Nils Markwardt



Jahrhundertelang privilegierte die Philosophie die Seele gegenüber dem Leib. Friedrich Nietzsche kehrte dieses Verhältnis radikal um, indem er konstatierte: „Das Geistige ist nur die Zeichensprache des Leibes“. Würden Sie das unterschreiben?

Das unterzeichne ich blind. Aber man muss diesen Satz auch als Aufforderung verstehen. Wenn Nietzsche sinngemäß sagte, er gehe, wenn er denke, er also im Engadin marschierte und sich im Rhythmus des Pulsschlags seine Gedanken entwickelten, dann hörte er seinem Körper zu.

Er lauscht dem Leib wie Musik.

Immanuel Kant bemerkte einmal, es gäbe drei Cousinen der Vernunft, die zwar in ihrer Umgebung oft vorkommen, aber selber nicht Vernunft sind: die Spielleidenschaft, das Reden nach Tisch und die Musik. Kant spricht von allen drei leicht abwertend. Genau das, so würde Nietzsche wahrscheinlich sagen, bekommt der Vernunft aber nicht. Sie wird dadurch altjungferlich.

Weiß der Körper deshalb manchmal mehr als der Verstand?

Hier trifft man in jedem Fall auf eine reiche Welt von Metaphern. Einem deutschen Soldaten, dem eine riesige Blase an der Fußsohle wuchs, hinderte ihn daran, nach Stalingrad weiter zu marschieren – und hat ihn gerettet. Da war der Fuß offenkundig klüger als der Kopf. Nun ist das eine Metapher, keine psychologische Ableitung. Und ich würde mich im Ernstfall auch nicht auf das Deuten von Körperweisheiten verlassen. Das wäre dem antiken Wahrsagen aus Schafslebern sehr ähnlich. Dennoch würde ich im selben Moment behaupten, dass die Darmzotten und die dort siedelnden vier Kilo Mikroben, die sich mit allem Penicillin nicht niederringen lassen, dass die auch eine Klugheit besitzen. Auch der Darm ist klüger als der Kopf.

Sie bemerkten einmal, dass wir Menschen eine longue durée in uns tragen, beispielsweise sei die richtige Mischung an Darmbaktieren, die wir zum verdauen brauchen, über 30 000 Jahre alt. Angesichts einer radikal wandelnden Umwelt könnte diese evolutionäre Trägheit jedoch zunehmend zum Problem werden. Während manche Tiere sich extrem schnell anpassen können – Großstadtschwalben bekommen kleinere Flügel, um dem Verkehr schneller auszuweichen; New Yorker Mäuse vertragen mittlerweile besser fetthaltiges Essen – fällt uns die Anpassung schwerer.

Aber es gibt sie ebenfalls. Meine Vorfahren waren Schmiede auf dem Land. Dann kamen sie irgendwann als Uhrmacher nach Eisleben. Später wird der eine Pfarrer, der andere Arzt. Mein Vater war schon ein halber Städter. Mit der Hälfte seines Körpers blieb er als Landarzt in der Provinz verwurzelt, mit der anderen arbeitete er als Theaterarzt in der Stadt.. Und ich bin nun ein ganzer Städter, denn ich kann auf dem Land gar nicht lange leben. So gesehen, ist die evolutionäre Tendenz, uns verhältnismäßig schnell anzupassen, beispielsweise unsere Nervositäten zu verändern, schon vorhanden. Wobei die „longue durée“ ja nicht nur in die Zivilisation hineinreicht, sondern auch in die Evolution.

Inwiefern?

Nehmen Sie die Nase eines wilden Hundes. In der Fähigkeit zwischen Gerüchen zu unterscheiden, ist die wilde Nase der unsrigen weit überlegen. Und auch der Geruchssinn unserer Vorfahren war wesentlich differenzierter. Der Hirnforscher Wolf Singer erklärte mir einmal, dass die damit verknüpften Gehirnzonen überhaupt nicht überflüssig geworden sind, sondern aus ihnen wurde bei uns das Assoziationszentrum. Wir riechen also gewissermaßen, wenn wir denken – denn letzteres geht ohne Assoziationskraft gar nicht. Dabei verläuft das Assoziieren jedoch nicht linear, sie können es nicht wirklich absichtlich machen. Wir assoziieren deshalb mindestens im Dreisprung. Indem wir etwas verwechseln, uns ganz leicht irren, entsteht eine Assoziation mit der Sie auf einen anderen Gegenstand kommen – und dann plötzlich ein Begriffsfeld haben. Und all diese Einfälle passieren dort, wo früher ein Teil des Riechzentrums war.


Die Industrie ist eigentlich ein verkleideter Mensch


 

Das heißt, der Körper ist ein großer Möglichkeitsraum der Vernunft?

Ja, das sehen Sie auch an der Haut. Mittels Allergien sagt sie uns pünktlich, wenn etwas unerträglich wird, sodass sie beinahe wie die Lampe eines Notausgangs im Theater funktioniert. Und diesem größten der Organe keine Vernunft zuzusprechen, wäre eine Verkürzung unserer Fähigkeiten. Wenn Blaise Pascal sagt „Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt“, dann liegt da womöglich ein Irrtum drin, weil es in Wirklichkeit der Solar Plexus sein mag, der denkt und fühlt, während das Herz nur eine Blutpumpe ist. Und gleich neben dem Herzen liegt dann schon das Zwerchfell, das wiederum eine rebellische Fähigkeit besitzt. Man kann eine „Zwerchfellerschütterung“, das Lachen, im Ernst nicht unterdrücken, wenn die Komik reizt. Es geht nicht, denn das Zwerchfell ist ein unbeherrschbarer, eigensinniger Rebell.

In Anspielung auf „Antigone“ bemerkten Sie einmal, dass es zwei Welten gibt: Einerseits die Welt des Kreon, also die Welt der Herrschaft, der Macht, der Globalisierung. Wir würden jedoch oft vergessen, dass es andererseits auch noch die Welt der Antigone gibt, die der Nahbeziehungen, der Familie und des Hautkontakts.

Das stimmt, aber man darf hier nicht parteiisch werden. Oder man muss die Partei des Haimon, Kreons Sohn, ergreifen. Das wäre also nicht die Partei Antigones, die ja gegenüber Kreon insofern im Unrecht ist, als dass es ohne diesen kein Gemeinwesen gäbe. Denn Antigones alte, hochadlige Familie ist höchst unheilvoll und bringt Unglück über die Stadt. Ergreift man die Partei Antigones allein, gäbe es also eine ewige Wiederholung von Unrecht. Sie können aber auch den Reformator Kreon nicht feiern, diesen homo novus, der auch Sanscoulotte sein könnte, denn dieser verweigert den Respekt vor der Vergangenheit. Deshalb müssen wir nach Aushilfen suchen.

Was hieße das für unsere Welt?

Stellen Sie sich vor, ein Kind bricht im Eis ein. Was tun Sie? Hingehen können Sie nicht, dann brechen Sie auch ein. Tun sie nichts, stirbt das Kind. Sie müssen also mehrere Menschen wie an einer Leine aneinander hängen, die sich gegenseitig an den Füßen festhalten, sodass einer bis an die Grenze des Eises kriechen und das Kind vielleicht herausholen kann. Wenn es also darum geht, dieses Kind zu retten, braucht es gleichzeitig ernsthaftes Denken und ernsthaftes Tun. Sie können das Denken hier vom Tun nicht trennen, indem sie sich an den Rand des Gewässers stellen und zu philosophieren beginnen.

Die Welt nicht nur zu interpretieren, sondern sie auch zu verändern, war bekanntlich auch das Credo von Karl Marx. In dessen Denken gibt es auffällig viele körperliche Metaphern, etwa wenn er davon spricht, dass der Arbeiter „seine Haut zum Markt tragen“ müsse. An anderer Stelle bemerkt er, dass „das Kapital von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend“ geboren werde. Und an noch anderer Stelle heißt es, dass das variable Kapital „sich sozusagen in das Fleisch und Blut der Arbeiter, in das lebendige Arbeitsmaterial“ verwandle. Muss man Marx also womöglich vielmehr von der körperlichen Seite her lesen?

Eher von der dinglichen Seite. Wenn Marx beispielsweise sagt, dass hunderttausende Stunden menschlicher Lebenszeit in Waren verarbeitet sind, meint er damit, dass diese Dinge menschliche Charaktereigenschaften angenommen haben. In ihnen steckt jene Alchemie, die Menschen in Produkte verwandelt, indem erstere ihre Lebenszeit dafür verausgaben, um letztere herzustellen. Die Industrie ist also eigentlich ein verkleideter Mensch. Bestehen die Metamorphosen bei Ovid in der Formung von Menschen durch Götter, geht es bei Marx um die Formung von Wirklichkeiten, in denen wir mit den Dingen leben. Heute stellen wir uns die Zukunft oft so vor, dass der Mensch auf der einen Seite, das Digitale auf der anderen stehe. Aber das ist nur ein Spezialfall, den sie etwa bei Haushaltsrobotern haben. Die wirkliche Digitalisierung besteht darin, dass ganze Produktions- und Distributionssphären, also die ganze chinesische Industrie oder ganz Siemens und ganz Bosch, in Wechselwirkung treten mit Ganzheiten, die ebenfalls digitalisiert sind. Und das sind immer Menschen mit Maschinen. Es ist niemals eine Maschine allein und niemals ein Mensch allein. Das, was es hauptsächlich gibt, ist immer subjektiv-objektiv. Das Subjektive kann nie auf hundert Prozent gehen, auch nicht bei Dichtern oder Verrückten. Und umgekehrt kann auch die Objektivität nie auf hundert Prozent gehen. Alles hat diese wechselseitige Vermittlung. Deswegen ist der Mensch auch kein homo novus, sondern ein homo compensator.


Wir sind tatsächlich Mängelwesen, Mangelmutanten. Und dadurch entsteht eine Sehnsucht nach Zusammenhang


 

Was heißt das genau?

Wir sind, um ein Ausdruck von Goethe zu benutzen, Gleichgewichtler. Und die Gleichgewichtstätigkeit bezieht sich vor allem auf das Subjektiv-Objektiv-Verhältnis. Man kann also nicht sagen: Hier ist ist ein Einzelner, der der Welt gegenübersteht. Wenn wir einen Kopf haben, sind wir nämlich schon immer mehrere. Oder wie Hegel sagt: Weniger als zwei ist kein Mensch. Und dies richtig zu erfühlen und in Geschichten auszulösen, bedeutet Begriffe von der Besonderheit her auszufüllen und nicht bloß als Allgemeinbegriffe zu sortieren. Wir müssten im Grunde 700 mal gemeinsam Walter Benjamins „Passagenwerk“ mit dem Blick des 21. Jahrhunderts neu schreiben. Genauso müssten wir wieder die Sammelmethode der Gebrüder Grimm aufnehmen. Denn diese Methode unterscheidet sich stark von den Mitteln der Enzyklopädie, welche nur aufnimmt, was nützlich ist und in die Zeit passt. So wie es die Gebrüder Grimm getan haben, müssen wir also sorgfältig zu den Einzelheiten und Besonderheiten nachgehen und sie alle noch einmal aufsammeln.

Der Philosoph Arnold Gehlen beschrieb den Menschen als „Mängelwesen“. Da wir ohne Klauen, Reißzähne oder Fell auf die Welt kommen, müssen wir uns zum Leben buchstäblich Kultur zulegen, anfangs also etwa Kleidung schneidern und Speere schnitzen. Wenn ich Sie richtig verstehe, müssen wir aber auch Sammeln. Und zwar die Besonderheiten, aber auch uns selbst, uns also Zusammentun?

Wir sind tatsächlich Mängelwesen, Mangelmutanten. Und dadurch entsteht eine Sehnsucht nach Zusammenhang. Denn Zusammenhang wärmt. Das hat aber nichts mit „Volksgemeinschaft“ oder dergleichen zu tun. Ganz im Gegenteil. Sie können schon sehr einzeln und dennoch ein Sammler sein. Ein Titel meiner Arbeiten trifft es vielleicht ganz gut: „Die Kenntnis der Notausgänge ist das schönste Welttheater“.

Also müssen wir gemeinsam neue Stücke schreiben?

Es gibt eine schöne Geschichte, die sich auf einen gewissen Tommaso Traetta bezieht, einen italienischen Komponisten am Zarenhof Katharina der Großen. Letztere hatte es satt, die Antigone dauernd mit diesem schrecklichen Ende zu sehen und befahl Traetta, die Oper im Sinne eines glücklicheren Finales umzukomponieren. Und Traetta löste es dann von Haimon her. Dieser, ihr Geliebter und Verlobter, lässt sich zusammen mit Antigone einmauern, wodurch er natürlich seinen Vater, Kreon, bestraft, weil dieser nun seinen Erben verliert. Doch Haimon findet einen Weg aus den Mauern hinaus, indem er mit einem Ring, den ihm Antigone schenkte, den Sandstein mürbe macht und durchdringt. Die Eingemauerten entkommen. Das ist ein anderes Ende der Antigone.

Das ist der Ausweg, der Umweg.

Das ist der Weg. Oder eher ein Tunnel.

Und da wäre man ja auch fast wieder bei Marx, der die Revolution in Der achtzehnte Brumaire mit einem Maulwurf vergleicht.

Ganz genau. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 3 / 2019