Das Virus als Prozess

Bild: Pixabay


Politiker sprechen vom „Krieg“ gegen das Coronavirus. Der Systembiologe Emanuel Wyler plädiert dafür, Viren nicht als „Feinde“, sondern als Prozess zu verstehen. Das helfe auch beim Umgang mit der Pandemie.


Politiker wie der französische Präsident Emmanuel Macron oder der britische Premierminister Boris Johnson behaupteten, wir befänden uns in einem „Krieg“ mit dem Coronavirus SARS-CoV-2. Und auch im Alltag hört man oft, dass das Virus etwas „mache“ oder gar „wolle“. Für einen effektiveren Umgang mit der Pandemie wäre – auch aus molekularbiologischer Sicht – ein anderer Denkansatz angemessener: Man sollte Viren nicht als lebendige „Feinde“, sondern als biochemische Prozesse begreifen.

In den Naturwissenschaften wird schon lange diskutiert, ob Viren Lebewesen sind oder nicht. Definiert man Lebewesen auch und vor allem darüber, dass sie sich fortpflanzen können, ist weitestgehend unbestritten: Bakterien gehören dazu. Sie können sich nämlich selbst teilen und sind deshalb auch in der Lage im Labor in Nährkulturen zu wachsen. Viren hingegen können das nicht, da sie für ihre Ausbreitung stets Wirtszellen benötigen. So braucht das Coronavirus SARS-CoV-2 etwa Zellen in der Lunge oder im Rachen, um sich zu vermehren.

Innerhalb der Forschung hat sich diese Diskussion in den vergangenen Jahren nun begrifflich verschoben. Wir fragen jetzt, ob Viren Entitäten oder Prozesse sind, so wie es die Wissenschaftstheoretiker John Dupré und Stephan Güttinger in ihrem 2016 erschienen Aufsatz „Viruses as living processes“ skizzierten*. Versteht man Viren als Lebewesen, wären sie im Grunde Entitäten, also eine Art lebendiges Ding. Begreift man sie jedoch nicht als Lebewesen, wofür aus molekularbiologischer Perspektive sehr viel spricht, wären sie eher Prozesse. Also etwas Nicht-Lebendiges, das aber trotzdem über eine Dynamik verfügt, sich ausbreitet und vermehrt.


Viren sind keine ‚unsichtbaren Feinde‘, die fintenreich gegen uns ‚kämpfen‘, sondern biochemische Prozesse, auf die wir Einfluss ausüben können


 

Diesen Unterschied zwischen Entität und Prozess kann man am Beispiel eines Flusses verdeutlichen. So galten Flüsse innerhalb der griechischen Mythologie oft als Götter oder zumindest beseelte Wesen. In dieser Vorstellung waren sie Entitäten, also etwas, dass wütend werden konnte und deshalb über die Ufer trat, sodass man sie beschwichtigen musste. Heute begreifen wir Flüsse selbstverständlich nicht mehr als Entitäten, sondern als Prozesse. Das Wasser fließt den Berg hinunter, ob es will oder nicht. Denn die Gesetze der Schwerkraft lassen sich nicht aufheben. Was man jedoch machen kann: den Fluss in eine andere Bahn lenken.

Entsprechend lassen sich auch Viren nicht als Entitäten, sondern als biochemische Prozesse verstehen. Kommt eine hustende Person einer anderen zu nah, wird ein Infektionsprozess in Gang gesetzt. Die andere Person wird angesteckt. Hält man jedoch genug physischen Abstand, wird dieser Infektionsprozess unterbrochen. Im Zusammenhang mit Epidemien ist dieses Verständnis deshalb wichtig, weil wir so besser mit Viren umgehen können.

Sehen wir Viren nicht als „unsichtbare Feinde“, die fintenreich gegen uns „kämpfen“, sondern als eine Art Gefälle, entlang dessen sich biochemische Prozesse vollziehen, wird nämlich klarer, dass wir diese Prozesse verstehen und beeinflussen können. Sprich: Wir können die Prozesse des Virus – die Übertragung, die Infektion der Zellen sowie die Replikation in den Zellen – begreifen und unterbrechen. Es ist beim Virus also ähnlich wie beim Fluss: Betrachten wir ihn nicht als unverfügbare Entität, sondern als dynamischen Prozess, können wir ihn durch – Anpassung unseres Verhaltens – umlenken.

* Studies in History and Philosophy of Science Part C: Studies in History and Philosophy of Biological and Biomedical Sciences. Volume 59, October 2016, Seite 109-116.

(Erstveröffentlicht am 24.03.20)

Aufgezeichnet von Nils Markwardt


Hier für unseren Newsletter anmelden:


Ihre E-Mail-Adresse wird ausschließlich zum Versand des PhiloMag-Newsletters verwendet.
Sie können sich jederzeit abmelden und somit Ihre Einwilligung für den Erhalt des Newsletters widerrufen.
Eine Weitergabe der Daten an Dritte erfolgt nicht. Unsere Datenschutzerklärung finden Sie hier.


Liebe Leserinnen und Leser,

die Coronakrise ist eine gesellschaftliche Herausforderung ungeahnten Ausmaßes, die den Behörden, dem Gesundheitspersonal oder auch den Mitarbeiter/innen in Supermärkten wenig vergleichbares abverlangt. Gerade weil die aktuelle Situation so außergewöhnlich ist, erfordert sie gleichzeitig aber auch philosophische Reflektion: Was bedeutet das „Social Distancing“ für unser Verständnis von Gemeinschaftlichkeit? Was kann der aktuelle Ausnahmezustand für die Zukunft bedeuten? Wie verändert sich die öffentliche Rolle der Wissenschaft?

Diesen und vielen anderen Fragen wollen wir nachgehen und werden von nun an mehrmals wöchentlich exklusive Texte, Interviews und Denkanstöße zur Coronakrise kostenlos auf unserer Website veröffentlichen. Darüber hinaus laden wir sie herzlich dazu ein, den damit verbundenen Newsletter zu abonnieren. Zweimal wöchentlich präsentieren wir ihnen darin nicht nur unsere neuen Artikel zur Coronakrise, sondern empfehlen auch ausgewählte philosophische Texte aus den internationalen Medien. Und für alle, die auch über etwas anderes als die Corona-Pandemie lesen möchten, gibt es Lektüretipps aus unserem umfangreichen Archiv.

Mit besten Wünschen
Die PhiloMag-Redaktion

Weitere Denkanstöße:


 
 
 

Jene, die sich nicht an die Ausgangsregeln halten, werden in den sozialen Medien geächtet. Ein fataler Fehler, meint die Philosophin Susanne Schmetkamp.

Lesen

Auch Talkshows reagieren auf Corona: kein Publikum und Abstand zwischen den Gästen. Das führt zu einer überraschend neuen Debattenkultur. Ein Denkanstoß von Samira El Ouassil.

Lesen

Die Coronakrise stellt die Systemfrage. Unsere Reaktion auf sie müssen wir deshalb auch vor zukünftigen Generationen verantworten. Ein Denkanstoß von Armen Avanessian.

Lesen
 

Politiker sprechen vom „Krieg“ gegen das Coronavirus. Der Systembiologe Emanuel Wyler plädiert dafür, Viren nicht als „Feinde“, sondern als Prozess zu verstehen. Das helfe auch beim Umgang mit der Pandemie.

Lesen

Abstand halten ist das Gebot der Stunde. Doch gerade dadurch können wir uns näher kommen.
Ein Denkanstoß von Slavoj Žižek.

Lesen

Vielleicht erinnert uns die Epidemie daran, dass die Welt letztlich unverfügbar ist, dass wir sie nie ganz beherrschen können, wenn wir keine Monster erschaffen wollen? Das meint der Soziologe Hartmut Rosa, mit dem wir sprachen, während er sich selbst in Quarantäne befand.

Lesen