Das vermeintlich Gute, das Böses schafft

Bild: © CC-by 2.0 Nadia Hatoum

Was, wenn sich das Böse gar nicht immer selbst als Böses versteht, sondern oft selbst sogar als Gutes missversteht? Gerade bösester politischer Fanatismus hält sich gern für die Rettung der Menschheit. Umgekehrt beruht unser Wirtschaftsliberalismus auf der im 18. Jahrhundert entwickelten Idee, dass durch die entfesselte Konkurrenz im freien Markt aus lauter individuell schlechten Absichten ein gesamthaftes Gutes macht.

Von Nils Markwardt



Image

Wer auch nur hin und wieder Actionfilme schaut, der kennt folgende Konstellation in vielfachen Variationen: Das Gute kämpft gegen das Böse. Oder genauer gesagt: Der sympathische (Super-)Held stellt sich gegen den sinistren Schurken, der findige Kommissar ermittelt gegen den skrupellosen Verbrecher, die engagierte Umweltanwältin legt sich mit dem geldgierigen Chemiekonzern an. Und in der Regel wird dabei nicht nur Zuschauern schnell klar, dass es sich hier um ein Ringen zwischen Licht und Dunkelheit handelt, sondern auch den Protagonisten selbst ist ihr moralisches Positionsspiel überaus bewusst. Sprich: Der Held, mag er noch so spröde sein, weiß dennoch, dass er für die Sache der Gerechten kämpft, während der Bösewicht sich gewahr ist, dass er den Pfad der Tugend längst verlassen hat, selbst wenn er seine Niedertracht und Kaltherzigkeit nicht immer so ostentativ zur Schau stellt wie Mildred Ratched in „Einer flog über das Kuckucksnest“ oder Saruman in „Herr der Ringe“.

Sind derlei Geschichten vom manichäischen Kampf zwischen Gut und Böse eine Art anthropologische Erzählkonstante, die von den ältesten Menschheitsmythen bis zum Hollywoodkino reicht, so ist es auch kein Wunder, dass solche Narrative immer wieder auf unser Verständnis der Wirklichkeit durchschlagen und wir gerne in genauso deutlichen Gegensätzen denken: die freie Welt gegen die Achse des Bösen, der dekadente Westen gegen den potenten Osten, das arbeitende Volk gegen die korrupte Elite. Tatsächlich ist die Trennung von Gut und Böse aber natürlich wesentlich komplizierter. Und zwar nicht nur, weil pauschale Wir-sie-Gegensätze einer populistischen bis totalitären Logik politischer Feindbestimmung gehorchen, sondern auch, weil die Grenze zwischen Gut und Böse an sich oft weniger kategorial als vielmehr osmotisch verläuft. Mehr noch: Das Gute und das Böse fließen mitunter sogar dialektisch zusammen. Und zwar in zweifacher Hinsicht.

VOLLSTRECKER DES GUTEN

Im ersten Fall ist dieses Zusammenfließen rein subjektiver Art. Es zeigt sich vor allem dann, wenn jene, die Terror, Angriffskriege und Genozide entfesseln, sich im Glauben wähnen, dies als Vollstrecker des Guten zu tun. Das relativiert nichts an der menschenverachten- den Bösartigkeit dieser mörderischen Projekte, vermag aber zumin- dest ihre willfährige Umsetzung mit zu erklären. Denn nicht selten beruht die barbarische Entgrenzung von Gewalt im Kern auf einer Art ideologischen Autohypnose, einer radikalen Form der moralischen Selbstverkennung. Wenn die Nationalsozialisten bürokratisch präzise den Holocaust organisierten, NKWD-Offiziere sorgsam die Todeslisten der stalinistischen „Säuberung“ abarbeiteten oder heute Dschihadisten nach langer Vorbereitung mit Lastwagen in Menschenmengen fahren, so hängen sie nicht selten dem Glauben an, den Heilsplan einer politischen Theologie zu exekutieren. Ob der nationalsozialistische Rassenwahn, die stalinistische Zwangskollektivierung oder die salafistische Eschatologie: Sie alle vermögen sich selbst das Schlachten als ehrenvolle Tat vorzustellen.

Eines der perversesten Beispiele dafür lieferte Heinrich Himmler in seiner „Posener Rede“ vor SS-Soldaten im Jahr 1943. Im Angesicht des Holocausts erklärte er: „Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammenliegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von menschlichen Ausnahmeschwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht und ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.“ Dass Himmler den Vollstreckern des größten Verbrechens der Menschheitsgeschichte eine außergewöhnliche „Anständigkeit“ attestiert, ist rational buchstäblich nicht zu fassen, aber gerade deshalb ein radikaler Ausdruck einer subjektiven Gut-böse-Umkehr.

GO, BE EVIL!

Jedoch offenbart sich die Dialektik von Gut und Böse nicht nur darin, dass Letzteres sich in einer fundamentalen Selbstverkennung für Ersteres hält, sondern es gibt auch den entgegengesetzten Fall, bei dem jene mephistophelische Kraft wirkt, „die stets das Böse will und stets das Gute schafft“. Genau diese Kraft beschreibt nämlich nichts Geringeres als das sozialphilosophische Kernversprechen des Kapitalismus. Wird dessen vermeintliche Alternativlosigkeit heute zwar gerne mit seiner Ermöglichung von Kreativität, Erfindergeist, Wohlstand oder gar moralischem Idealismus begründet, man denke etwa an Googles Slogan „Don’t be evil“, beruht sein ideengeschichtlicher Siegeszug jedoch auf einem anderen Argument: Der Markt mag zwar Wohlstand erzeugen, aber vor allem wirkt er auch wie ein ethischer Transmissionsriemen, der das Böse ins Gute verwandelt. Nicht „Don’t be evil!“ ist also der kapitalistische Leitspruch, sondern: „Go, be evil!“ Einer der ersten Denker, der das mit Nachdruck betont hat, war der Arzt und Publizist Bernard Mandeville (1670 – 1733).


Was, wenn aus dem Bösen am Ende gar nicht das Gute wird? Wenn also aus Habgier nur Profit auf der einen, Armut auf der anderen Seite erwächst?


 

1705 hatte der in London lebende Niederländer eine erste Version seiner in Versen verfassten „Bienenfabel“ veröffentlicht, die bei seinen Zeitgenossen reißenden Absatz fand. Der Erfolg war keine Überraschung, denn die zentrale Botschaft, die sich bereits im Untertitel findet, musste in der christlich geprägten Zeit geradezu einen Skandal provozieren. Sie lautete: „Private vices, public benefits“. Sprich: Aus privaten Lastern werden öffentliche Vorteile. Denn eine florierende Gesellschaft, so zeigt Mandeville am fabelhaften Beispiel eines emsigen Bienenstocks, entstehe eben nicht durch das Befolgen tugendhafter Gebote, sondern im Gegenteil dadurch, dass Eitelkeit, Egoismus, Habgier, Niedertracht und Betrug freien Lauf gelassen werde. Es sei nämlich genau die daraus entstehende Konkurrenz, das unbändige Übertreffen-Wollen des anderen, das für den Reichtum des Bienenstocks sorge. Oder wie Mandeville dichtet: „Trotz all dem sündlichen Gewimmel / War’s doch im Ganzen wie im Himmel. / In Krieg und Frieden warb mit Kunst / Manch fremde Macht um ihre Gunst; / Ihr Überfluss an Geld und Leben. / Wie hat’s ein solches Land doch gut, / Wo Macht ganz auf Verbrechen ruht!“ Anstatt das krumme Holz, aus dem Mensch nun mal gemacht sei, mit christlichen Appellen gerade biegen zu wollen, plädiert Mandeville vielmehr dafür, sich die menschlichen Schwächen nicht nur einzugestehen, sondern zunutze zu machen. Genau das egoistische Besser-sein-Wollen wirke als Motor des Fortschritts: „Von Lastern frei zu sein, wird nie / Was anderes sein als Utopie. / Stolz, Luxus und Betrügerei, / Muß sein, damit ein Volk gedeih’.“

DIE UNSICHTBARE HAND

Er war schließlich Adam Smith, einer der führenden Köpfe der Aufklärung und Begründer der Nationalökonomie, der Mandevilles Grundgedanken weiterführen sollte und dessen implizite Vorstellung eines ethischen Transmissionsriemens auf einen expliziten Begriff brachte: die viel zitierte „unsichtbare Hand“ des Marktes. Denn der Marktteilnehmer, so Smith in seinem 1776 erschienenen Hauptwerk „Wohlstand der Nationen“, fördere „in der Regel nicht bewusst das Allgemeinwohl“, sondern er strebe lediglich nach seinen persönlichen Gewinnen. „Und er wird in diesem wie auch in vielen anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den er zu erfüllen in keiner Weise beabsichtigt.“

Dass Gier also gut ist, wie Michael Douglas das smithsche Credo 1987 in Oliver Stones Film „Wall Street“ noch einmal auf den Punkt bringen wird, weil sie Wettbewerb und damit Reichtum schaffe, ist für den schottischen Aufklärer aber nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein moralphilosophisches Argument. Das zeigt sich daran, dass der Begriff der unsichtbaren Hand bereits in seiner 1759 erschienenen „Theorie der ethischen Gefühle“ vorkommt, wo er erklärt, dass die „natürliche Selbstsucht und Habgier“ deshalb gut sei, weil sie bei Menschen zwar zum Anhäufen von Gütern führe, da das „Fassungsvermögen seines Magens“ aber in „keinem Verhältnis zu der maßlosen Größe seiner Begierden“ stehe, müsse er das Überschüssige schließlich an seine Mitmenschen verteilen und könne somit deren Bedürfnisse stillen.

Nicht zuletzt ob dieser Frühform der Charity-Ideologie, die sich Bill Gates, Warren Buffett und Jeff Bezos heute auf die Fahnen geschrieben haben, firmierte die mephistophelische Kraft des Marktes für Smith und viele andere Liberale seiner Zeit nicht nur als Anhängsel, sondern geradezu als Zugmaschine der Aufklärung. Schließlich sicherte der Markt nicht nur wirtschaftliche Freiheit, sondern sorgte mittels seiner dialektischen Vermittlung von Gut und Böse vermeintlich auch für einen sozialen Ausgleich.

Aber was, wenn aus dem Bösen am Ende gar nicht das Gute wird? Wenn also aus Habgier nur Profit auf der einen, Armut auf der anderen Seite erwächst? Ja, was, wenn der Markt mittels seiner „unsichtbaren Hand“ nicht nur freiheitliche Interessen koordiniert, sondern auch Ausbeutung und Ungleichheiten befördert? Nicht wenige Aufklärer fanden dafür eine zynische Lösung. Der große Voltaire etwa, der so wirksam die Menschenrechte und Meinungsfreiheit einforderte, rechtfertigte seine überaus ertragreichen Investitionen in den auf Sklaverei basierenden Überseehandel mit dem Argument: „Wir kaufen ausschließlich Neger als Haussklaven. Man wirft uns diesen Handel vor. Ein Volk, das seine eigenen Kinder verkauft, ist noch verdammenswerter als der Käufer. Dieser Handel zeigt auch unsere Überlegenheit; derjenige, der einen Meister akzeptiert, wurde geboren, ihn zu haben.“

Bereits das 18. Jahrhundert zeigt also, dass das mephistophelische Versprechen der Transformation von Bösem in Gutes sich nicht nur als hohl erweisen konnte, sondern dass im Namen von Liberalismus und Freiheit vielmehr auch eine Herrschaft des Bösen gerechtfertigt werden konnte. Theodor W. Adorno und Max Horkheimer sollten genau das später auf eine prägnante Formel bringen: Dialektik der Aufklärung.•

Diesen Beitrag finden Sie in der Sonderausgabe
„Das Böse“