„Das Recht auf Suizid gehört zu unserer Würde.“

Laut eines Beschlusses des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig, haben schwerkranke Menschen nun Anspruch auf Medikamente zur schmerzlosen Selbsttötung. Kann und darf sich ein Mensch jedoch frei für seinen Tod entscheiden? Durchaus, meint der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel. Ein Gespräch über den Suizid als Grundrecht und gefährlichen Paternalismus in der Sterbehilfe-Debatte

Ein Interview mit Reinhard Merkel von Catherine Newmark

Bild: © CC-by-SA 2.0 Heinrich-Böll-Stiftung

Reinhard Merkel

Reinhard Merkel ist Professor für Strafecht und Rechtsphilosophie an der Universität Hamburg und Mitglied des Deutschen Ethikrats. Bücher zum Thema: „Zur Debatte über Euthanasie“ (Hg. m. Rainer Hegselmann, Suhrkamp, 1992) und „Früheuthanasie“ (Nomos, 2001)

Wird irgendetwas am Tod besser, wenn wir ihn selbst gestalten, wenn wir seine Art und seinen Zeitpunkt selber bestimmen?

Das hängt ab von der individuellen Haltung dazu. Eine lange philosophische und übrigens auch ästhetische Tradition versteht die Freiheit zum Tode als höchste Form der persönlichen Selbstbestimmung – von den Stoikern über Hume bis zu Nietzsche, der im Zarathustra schreibt „Stirb zur rechten Zeit“. Der Freitod wird hier als Form der besonderen persönlichen Unabhängigkeit verstanden. Aber als lebenspraktische Maxime kommt mir das sehr esoterisch vor. Solange ich gerne lebe, ist das eine gänzlich abstrakte Frage, ob ich eine noch höhere Stufe der Freiheit erreichen kann.

Welche Frage beschäftigt Sie denn mehr in diesem Kontext?

Mir stellt sich die Frage nach der Freiheit zum Suizid vor allem im defensiven Sinn: Wann beginnt etwas, das ich definitiv nicht mehr ertragen kann? Was empfinde ich als nicht mehr kompatibel mit meinem Bild von mir selbst, mit der individuellen Maßgabe meiner eigenen personalen Würde? In diesem Sinne wäre Suizid nicht die Erfüllung einer höchsten Freiheit, sondern die Wahl eines kleineren Übels. Aus dieser Einsicht ergibt sich dann die Maxime: Zu entscheiden, ob ein Sterben erträglich oder unerträglich für jemanden ist, möge man bitte ihm selbst überlassen. Es gehört zu seiner Autonomie und damit zu seiner Würde, dass er selbst das ihm Unerträgliche festlegen kann.

Es geht also zentral um Würde?

Ja. In diesem Sinn ist Würde etwas Höchstpersönliches. Es gibt in der öffentlichen Diskussion oft eine suggestive Vermischung: Wenn jemand seinen eigenen Zustand als unwürdig für sich selbst bezeichnet, beschuldigt man ihn, er beleidige alle anderen, die in einem vergleichbaren Zustand sind. Das ist ein Missverständnis. Hier geht es nicht um den Begriff der Menschenwürde als universelles Recht. Abstrakt und objektiv gibt es kein denkbares menschliches Schicksal, das den Verlust der Menschenwürde in diesem grundrechtlichen Sinne nach sich zöge. Aber keiner von uns weiß, in welche Lage er einmal geraten und wie er diese dann erleben wird. Diese Selbstbestimmung über die Grenzen des einem selbst noch Erträglichen gehört genuin zum Kernbereich der Menschenwürde.

Wenn die Frage nach dem Suizid vorwiegend mit Blick auf die Erlösung vom Leiden relevant wird, kann man dann die Frage nach der Legitimität und Legalität des Suizids und derjenigen der Beihilfe zum Suizid überhaupt trennen? Suizid ist ja legal, aber ist er nicht – gerade bei schweren Leiden – letztlich auch auf ärztliche Hilfe angewiesen?

Ja, zumindest auf irgendeine humane Unterstützung. Dieses Problem stellt sich aber nicht nur für Menschen, die aufgrund schwerer Erkrankungen physisch nicht mehr selber in der Lage sind, ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Es gibt ja auch Fälle, in denen jemand eine tödliche Diagnose erhält und durchaus noch selber handeln kann. Aber wenn jede ärztliche Hilfe zur Selbsttötung strafrechtlich verboten wird – welche Optionen hat er denn? Nur solche der Gewalt gegen den eigenen Körper. Wir haben über 100 000 Suizidversuche jedes Jahr in diesem Land. Mehr als 90 000 davon scheitern, und von diesen führen Zehntausende zu schweren, bleibenden Defekten. Das alles ist in hohem Maße kollektiv unwürdig.

Müssten also Apotheken mündigen und sterbewilligen Erwachsenen geeignete Mittel frei zur Verfügung stellen?

Jedenfalls sollte es keine strafrechtliche Verfolgung derjenigen geben, die solche Vorhaben unterstützen. Es ist natürlich nicht Aufgabe des Staates, diese Beihilfe selbst zu leisten, aber es gibt sehr wohl einen freiheitsrechtlichen Anspruch gegen den Staat, sich nicht einzumischen, wenn ein Arzt dazu bereit ist. In Deutschland versucht man aber gerade, genau das zu unterbinden. Dafür erfindet man eine abstrakte Gefahr: Es käme, wenn man die Suizidhilfe durch Vereine oder durch Ärzte nicht schleunigst verbiete, zu einem erheblichen Druck auf Patienten, sich in bestimmten Situationen selbst zu töten. So schürt man irrationale Ängste vor einer Zunahme nicht autonomer Suizide.

Was in der gegenwärtigen Diskussion um den Suizid viele Politiker nicht zu verstehen scheinen, ist, wie eng Autonomie in diesem Sinne zur personalen Würde gehört.


 

Was wäre denn ein nicht autonomer Suizid?

Ein klarer Fall wären kleine Kinder. Ein anderer klarer Fall sind psychisch schwer kranke Menschen. Ein dritter, schwierigerer Fall sind Patienten mit schweren Depressionen. Meist ist die Depression das Suizidmotiv: Man erträgt die Finsternis des eigenen Leidens nicht mehr. Aber zugleich kann die Depression die Eigenverantwortlichkeit infizieren. Dann ist es gerade das Suizidmotiv, was die Fähigkeit zur Selbstbestimmung einschränkt. Aber hier muss man sehr genau hinsehen. Wenn jemand endogen depressiv ist und deswegen sterben will, heißt das noch lange nicht, dass er nicht autonom entscheiden kann.

Warum nicht?

Dass jemand in einer bestimmten Situation unter erheblichen Druck welcher Provenienz auch immer gerät, heißt nicht, dass er schlechterdings keine frei verantwortlichen Entscheidungen treffen kann. Bei jemandem, der im hochdeprimierten Zustand nicht sich selbst, sondern etwa seine Ehefrau tötete, käme kein Strafrichter auf die Idee, die Schuldfähigkeit zu verneinen. Beim Suizid wird die Autonomieschranke plötzlich substanziell höher gesetzt. Das ist wenig kohärent.
Man darf Autonomie nicht strikt an eine eng verstandene „reine Vernunft“ binden. Emotionen spielen in all unseren Handlungen und Entscheidungen eine Rolle. Oft fungieren sie als unbewusste Wegweiser, als regulative Prinzipien der Intuition – ja, durchaus im Kant’schen Sinne als Teil der Urteilskraft. Wer käme denn auf die Idee, jemanden, der sich aus Liebe für eine Hochzeit entscheidet, deshalb als unfrei zu bezeichnen? Warum sollte das beim Suizid aus einem bedrängenden Motiv anders sein?

Wir haben es hier also mit unterschiedlichen Vorstellungen von Autonomie zu tun?

Mir erscheint hier eine Unterscheidung des amerikanischen Rechtsphilosophen Joel Feinberg wichtig: Es gibt Autonomie als Ideal, als permanente Maxime einer Fortentwicklung der Selbstbestimmtheit im eigenen Leben, als etwas, das nie vollständig erreichbar ist. In diesen Kontext möchte ich, anders als etwa Nietzsche, die Frage der Autonomie einer Selbsttötung nicht stellen. Aber davon unterschieden gibt es Autonomie als Recht, als Abwehrrecht gegen staatliche Einmischung in höchstpersönliche Belange. Die Schwelle zur Autonomie als Recht liegt viel tiefer als die zur Autonomie als Ideal.

Könnten Sie das präzisieren?

Stellen Sie sich eine 20-Jährige vor, die immer die neueste Mode kaufen muss, weil ihre Freundinnen das auch tun. Der Psychologe mag hier sagen, ihre Entscheidungen seien nicht autonom, sie entstammten in Wahrheit dem Druck ihrer Peer Group. Von jeder vernünftigen Autonomie als einem Ideal ist sie weit entfernt. Aber der Jurist wird dennoch insistieren, dass sie ihre Autonomie als Recht sehr wohl ausüben und selbstverständlich wirksame Kaufverträge abschließen könne. Dieses Recht auf Entscheidungen, die vor keinem Vernunftideal von Autonomie bestehen könnten, ist konstitutiv für den liberalen Verfassungsstaat. Das darf man nicht durch paternalistische Gesetze unterminieren. Was in der gegenwärtigen Diskussion um den Suizid viele Politiker nicht zu verstehen scheinen, ist, wie eng Autonomie in diesem Sinne zur personalen Würde gehört. Mit Rechtszwang, hat Ronald Dworkin einmal gesagt, dafür zu sorgen, dass jemand auf eine Weise stirbt, die man selbst für die richtige hält, die er aber als Widerspruch zu seinem fundamentalen Selbstbild empfindet, ist eine düstere Form von Tyrannei. Dem ist nichts hinzuzufügen. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe Nr. 1 / 2016

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