Das Entgleiten der Welt


Weltweit leiden Menschen psychisch unter der Corona-Krise. Kein Wunder: Die Situation gleicht strukturell einer Depression. Ein Denkanstoß von Theresa Schouwink.


Die Corona-Krise belastet auch die Seele massiv, wie neueste Statistiken belegen. Laut einer Studie des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung in Mainz zeigen in Deutschland inzwischen 37 Prozent der Befragten „Anzeichen psychischer Nöte“. „Wuhan-Syndrom“ und „Corona-Blues“ sind die Schlagworte, mit denen die weltweit zunehmenden Angstzustände, Depressionen und Einsamkeit bezeichnet werden. Angesichts von Isolation, Krankheits- und Existenzängsten verwundert dies kaum. Tatsächlich wirkt die Corona-Krise geradezu wie die Realisierung eines depressiven Seelenzustandes in der Außenwelt.

Typisch für die Schwermut ist der Eindruck, die Welt nicht erreichen zu können und das Geschehen nur aus Beobachterperspektive zu verfolgen. Bewegt man sich derzeit durch den öffentlichen Raum und hält dabei die geforderten 1,5 Meter Abstand zu anderen, verzichtet darauf, Freunde zu umarmen und Bekannten die Hand zu drücken, verwirklicht sich die melancholische Kontaktlosigkeit ganz buchstäblich. Selbst die Dingwelt rückt in die Ferne, gilt es doch, Berührungen mit infektiösen Oberflächen zu vermeiden. Mit Heidegger ließe sich sagen, dass unsere normale Alltagserfahrung, in der wir ganz selbstverständlich „in“ der Welt und „mit“ anderen sind, radikal durchbrochen ist. Wir bewegen uns nicht mehr in einer Welt, in der uns die Dinge selbstverständlich „zuhanden“ sind und in der wir in unseren Beschäftigungen und sozialen Beziehungen aufgehen. Anstelle einer berührbaren und antwortenden Wirklichkeit ist etwas getreten, das wie ihr virtuelles Abbild anmutet und lediglich beobachtet werden kann. Die schweigenden, weit voneinander entfernt sitzenden Passagiere in den öffentlichen Verkehrsmitteln, deren Gesichter bis auf die Augen verdeckt sind, wirken geradezu wie Allegorien der Melancholie.


Zurückgeworfen auf sich selbst, stellt sich die Frage, was man eigentlich will, jetzt und in Zukunft


 

Auch das Zeiterleben verändert sich durch die Corona-Krise: Zukunftspläne schmieden wird unmöglich, angesichts der Reisebeschränkungen lässt sich noch nicht einmal der Sommerurlaub buchen, Hochzeitsfeiern müssen auf unbestimmte Zeit verschoben werden und der Wirtschaftseinbruch macht die beruflichen Perspektiven äußerst unsicher. Derweil dehnt sich die Gegenwart mit ihren massiven Beschränkungen des öffentlichen Lebens ins Ungewisse aus. Genau diese Zeitstruktur – eine gedehnte Gegenwart ohne gestaltbare Zukunft – ist ebenfalls Kennzeichen eines depressiven Zustands.

So bedrückend all dies ist – Philosophen wie Heidegger haben in melancholischen und angstvollen Stimmungen immer auch existenzielles Potenzial gesehen. Zurückgeworfen auf sich selbst, stellt sich die Frage, was man eigentlich will, jetzt und in Zukunft. Gerade weil wir aus den alltäglichen Routinen, dem öffentlichen Leben und seinen Ablenkungsmöglichkeiten herausgerissen werden, bietet sich die Chance der Neuorientierung. Dass diese letztlich gelingt, ist natürlich keineswegs sicher. Ebenso möglich ist, dass Kontakt- und Zukunftslosigkeit zu anhaltenden und verbreiteten Grundstimmungen werden. 5,3 Prozent der Psychotherapiepatienten geht es übrigens einer Studie des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie zufolge durch die Corona-Krise besser als zuvor. Es mag daran liegen, dass Innen- und Außenwelt der Melancholiker gerade recht gut übereinstimmen. •

Erstveröffentlicht am 11.05.2020

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