„Das Christentum selbst hat Gott abgeschafft“


Die Moralkritik in Nietzsches Spätwerk ist von heftigen Angriffen sowohl auf die überkommenen christlichen Moralvorstellungen als auch auf die moderne, egalitäre Vorstellung vom Menschen geprägt. Welches sind ihre wichtigsten Motive – und kann sie auch heute noch fruchtbar sein?

Gespräch mit Andreas Urs Sommer von Catherine Newmark


Nietzsche fordert eine „Umwertung der Werte“ – was meint er damit? Was ist an den moralischen Werten seiner Zeit seiner Meinung nach falsch?

ANDREAS URS SOMMER / Nietzsche ist der Auffassung, dass mit dem Christentum eine völlige Umkehrung einer „ursprünglichen“ Werteordnung stattgefunden hat, die bis in die Gegenwart fortwirkt, obwohl für Nietzsche seine Zeit nicht mehr im religiösen Sinne stark christlich ist. Aber sie ist es im moralischen Sinne. Hier ist die Christentumskritik verbunden mit der Kritik der Moralität. Obwohl sich die Moralität vom christlichen Gott emanzipiert glaubt, ist sie für Nietzsche in ihrer Tiefenstruktur nach wie vor durch die christliche Moral bestimmt, die das Schwache in den Vordergrund rücke. Dieses Problem sieht Nietzsche auch in der politischen Ordnung der Moderne, in der er eine verhängnisvolle Tendenz zur Gleichheit erkennt, die der natürlichen Ungleichheit der Menschen, von der er überzeugt ist, entgegensteht. Auch wenn es uns etwas erstaunen mag, dass Nietzsche das Wilhelminische Reich als Triumph der Demokratie und der Gleichmacherei wahrnimmt …

Was genau ist für Nietzsche das Problem mit dem Schwachen, welches das Christentum seiner Meinung nach zu stark macht?

/ Für Nietzsche wäre die ursprüngliche Ordnung diejenige, in der die Starken über die Schwachen herrschen. Was in der christlichen Moral seiner Meinung nach nun passiert, ist, dass die Schwachen die Starken mittels des schlechten Gewissens in die Knie zwingen. Das Modell ist etwas kompliziert zu rekonstruieren, denn ganz offensichtlich sind die Starken zunächst in der Position, wo sie sich durch nichts und niemanden ein schlechtes Gewissen machen lassen müssen; die sozial Zurückgesetzten, die Deklassierten, die Sklavenschichten können ihnen eigentlich herzlich egal sein. Eine Schwächung durch schlechtes Gewissen kann erst in dem Augenblick einsetzen, wenn offensichtlich das Selbstvertrauen dieser aristokratischen, vornehmen Klassen schon geschwächt ist. Im „Antichrist“ bringt Nietzsche das in Verbindung mit der Christianisierung der Germanen, die besiegt wurden und sich in dieser Situation keinen anderen Rat mehr wussten, als ihre eigentlich starken Triebkräfte gegen sich selber zu richten. Und da waren dann die christlichen Priester zur Stelle, so die Rekonstruktion bei Nietzsche, und haben es geschafft, ihnen das schlechte Gewissen einzupflanzen. In der „Genealogie der Moral“ ist das historische Setting sehr viel vager. Die Frage, wie denn die Schwachen dazu kommen, die Überhand zu gewinnen, warum sich die Starken ein schlechtes Gewissen einreden lassen, wird bei Nietzsche systematisch nicht vollständig geklärt. Entscheidend ist aber sicher die Überlegung oder die Beobachtung, dass schlechtes Gewissen nicht etwas immer schon Gegebenes ist, das uns etwa unser natürlicher Moralhaushalt eingepflanzt hätte, sondern etwas, das gemacht und historisch geworden ist. Dass man sich also durchaus Menschen denken kann, die vom Wurm des schlechten Gewissens, um Nietzsches Metapher zu benutzen, nicht angefressen sind.

Ist das eine psychologische Analyse oder tatsächlich ein politisches Ideal?

/ Was das für eine Gesellschaft wäre, die nicht unter Werteverkehrung litte, bleibt bei Nietzsche unterbelichtet. Es gibt in seinen späten Schriften Hinweise auf die Kastenordnung des hinduistischen Manu-Gesetzbuches als Idealgesellschaft, die aber auch widersprüchlich sind. Es ist klar, dass Nietzsche mit der Provokation autoritärer politischer Ordnung spielt. Man kann Nietzsches Hang zum Autoritären auf keinen Fall nur als nachträgliche, böswillige, faschistische Interpretation verharmlosen. Aber ein konkretes politisches Programm hat er nicht vorgelegt. Es bleibt ungeklärt, welche Staatsform ihm vorschwebt, ob Oligarchie, Aristokratie oder Tyrannis. Nietzsche war in der Problematisierung des Gegebenen, des für wahr Gehaltenen, des Geglaubten viel erfolgreicher als in der Planung positiver politischer Utopien oder gar einer praktisch umsetzbaren politischen Theorie.


Immer dann, wenn man denkt, man sei mit Nietzsche zurande gekommen, dann liest man eine Seite, von der man hochgradig irritiert ist und welche alle Begriffe wieder auf den Kopf stellt


 

Es bleibt also bei der reinen Kritik ohne weiterreichende Lösungsansätze für das diagnostizierte Problem?

/ In der Tat – die Frage ist ja sowieso, ob Philosophen jemals Lösungen bieten. Das Problem ist bei Nietzsche dann natürlich, dass er sich die Philosophen als Gesetzgeber vorstellt, da nimmt er das platonische Modell der Philosophenkönige auf. In „Jenseits von Gut und Böse“ wird das explizit gemacht. Die Frage, die man sich dann stellen kann, ist, was das mit Blick auf Nietzsches eigenes philosophisches Tun bedeutet. Ist er bloß der Prophet für Philosophen, die künftige Gesetzgeber sein sollen? Und was soll das heißen, „künftige Gesetzgeber“? Heißt das, dass man ein Wirklichkeitsverständnis vorgibt, das die Menschen prägt, so wie Platon ein Wirklichkeitsverständnis erfunden und der Nachwelt vorgegeben hat? Was der Philosoph als Gesetzgeber tatsächlich für Gesetze gibt, bleibt unklar. Ist der Philosoph schon Gesetzgeber, wenn er Begriffe prägt, die unsere Denkgewohnheiten bestimmen?

Dieser moralkritische Rundumschlag – ist das überhaupt noch eine Moralphilosophie? Oder steht am Ende schlicht Amoralismus?

/ Nietzsche benutzt den Ausdruck Immoralismus und spricht von sich als Immoralisten. Es ist klar, dass bei ihm der Ausdruck Moral häufig als Kollektivsingular für die überlieferten Werthaltungen in der christlich-abendländischen Tradition, von der er sich abgrenzt, benutzt wird. Er kennt aber auch Moralen im Plural und würde behaupten, dass es vor dem Christentum eine kriegerische Moral gegeben habe, die eben anders war. Es ist in der Forschung umstritten, ob seine Umwertung aller Werte eigentlich ein Zurück meint, zu vorchristlichen und vorplatonischen Moralkonzepten oder ob die Umwertung aller Werte zu etwas Neuem führt, das wir noch nicht abschätzen können. Eine Weiterentwicklung als ein Zurück – da rächt sich, dass Nietzsche in seinen letzten Schaffensjahren vorwiegend im Modus der Verneinung bleibt und kundtut, was er nicht will, aber unklar lässt, was seine politischen Forderungen wären, was der positive Effekt sein soll, den er sich vorstellt. Und da hat man als Interpretin oder als Interpret natürlich auch weitreichende Lizenzen, die sich die Rezeptionsgeschichte ja auch genommen hat, diese Leerstellen auszufüllen, quasi die Löcher im Putz zu stopfen und zu behaupten, man habe da eine glatte Wand. Die hat man aber nie – es gibt überhaupt nichts Glattes bei Nietzsche. Immer dann, wenn man denkt, man sei mit ihm zurande gekommen, dann liest man eine Seite, von der man hochgradig irritiert ist und welche alle Begriffe wieder auf den Kopf stellt.

Nietzsche kritisiert auch den Nihilismus, der auf den Tod Gottes folgt. Wie geht das zusammen mit seiner Religionskritik?

/ Nietzsche hat tatsächlich mehrere Begriffe des Nihilismus. Er sympathisiert mit einem starken Nihilismus, der eben das aktiv zerstört, was ohnehin schon im Verfall ist, der die letzten Konsequenzen zieht und es in der Sinnleere und der Gottesleere aushält. Andererseits belegt er auch die Entwicklung des Abendlandes bis zur Gegenwart mit dem Begriff des Nihilismus, der den Menschen alle Lebensenergie entzieht, das wäre also ein schwacher Nihilismus. Der starke Nihilismus schöpft gerade aus der Gottes- und aus der Sinnleere seine eigene Kraft. Das ist sozusagen ein prometheischer Nihilismus, der selber das Feuer bringen will, während der schwache Nihilismus nur Lähmung aus der empfundenen Sinn- und Gottesleere zieht. Und tatsächlich ist der Nihilismus für Nietzsche im Christentum schon angelegt, das kontinuierlich seine eigenen Sinnressourcen abschafft unter dem Signum der Redlichkeit. Die Redlichkeit ist zunächst die des Gläubigen gegen sich selber und des Gläubigen gegenüber Gott, und irgendwann, im Laufe der geschichtlichen Entwicklung, stellt dieser Gläubige fest, dass er seine Redlichkeit auch gegen Gott richten und ihn deshalb abschaffen muss. Die Abschaffung Gottes ist für Nietzsche eine Konsequenz aus dem Christentum. Aber damit ist eben die christliche Moral noch nicht beseitigt, die ist schon zu weit in die Tiefenstruktur des europäischen Menschen eingedrungen und nicht so leicht zu vertreiben wie der christliche Gott.

Und die Verzweiflung des schwachen Nihilismus läge dann darin, dass kein Gegenangebot da ist für die Leerstelle Gott?

/ Nietzsche ist in der Tat hellsichtig, was die Tendenzen der Zerbröselung religiöser, weltanschaulicher Sinnangebote angeht, die keinerlei Motivationskraft mehr entwickeln können. Und gerade im Spätwerk gibt es Ansätze, diese Leerstelle zu füllen. Sein Dionysos, der im Frühwerk als Gegensatz zum Apollinischen auftaucht, im Spätwerk aber alleine steht, ist vielleicht so ein Versuch, einen Gott der Lebensfülle zu erschaffen. Er beklagt ja auch im „Antichrist“, dass die Menschen zweitausend Jahre lang keine neuen Götter erschaffen hätten.


Der Wille zur Macht ist weniger als Lehre, sondern eher als Denkexperiment zu verstehen. Es ist eine Gegenkonzeption zur darwinistischen Selbsterhaltungstheorie


 

Dieses Dionysische, Lebensbejahende – liegen darin auch wieder diese Fantasien von Stärke, Macht, Freiheit?

/ Es gibt bei Nietzsche klare Tendenzen zu einem ungehemmten Individualismus. Das, was bei ihm biologistisch klingt, ist allerdings mit Vorsicht zu genießen. Der Wille zur Macht etwa ist weniger als Lehre, sondern eher als Denkexperiment zu verstehen. Es ist eine Gegenkonzeption zur darwinistischen Selbsterhaltungstheorie: Bei Nietzsche geht es nicht um Selbsterhaltung, sondern um Steigerung des Lebensimpulses … Der Wille zur Macht ist mithin ein Einwurf in die zeitgenössische Diskussion der Biologie und der Physik um Begriffe wie Selbsterhaltung oder Kraft. Man sollte nicht verkürzend Nietzsche als den Philosophen des Willens zur Macht beschreiben, wie das häufiger einmal geschieht.

Inwiefern ist der Wille zur Macht auch psychologisch als Selbstermächtigung zu verstehen? Und gerade nicht politisch?

/ Selbstermächtigung ist bei Nietzsche in der Tat ein interessantes Thema. Der Gelehrte, der sich hineinvisioniert in Figuren großer physischer Kraft. Das hat natürlich auch etwas Komisches, was Nietzsche sehr bewusst war. Es war ihm ja völlig klar, dass er eben selber keineswegs zu den dreisten Kraftprotzen gehörte.

Ich würde gerne zum Schluss noch kurz über das Ressentiment reden, das ja in Nietzsches Moralkritik auch eine Rolle spielt. Ist das eine nach wie vor fruchtbare Kategorie? Gerade mit Blick auf aktuelle Politik?

/ Ich finde, da muss man differenzieren – ich halte nichts davon, das als feuilletonistisches Totschlagargument zu verwenden, in dem Sinne, dass alle die, die anders denken oder wählen als man selber, von Ressentiment getrieben sein müssen … Das wird schnell inhaltsleer. Natürlich ist das Ressentiment bei Nietzsche ein Begriff, den er zur Diskreditierung der Christen oder der mit christlicher Moral Infizierten benutzt. Aber man kann durchaus auch, und Nietzsche tut das auch punktuell, nach dem kreativen und positiven Potenzial des Ressentiments fragen. Der ursprüngliche, als frei und wild gedachte Starke, der würde kein Ressentiment kultiviert haben, weil er gleich zurückgehauen hätte und die Sache wäre erledigt gewesen. Ressentiment kultiviert nur der, der nicht direkt zurückschlagen kann. Nun befinden wir uns ja meistens in einem sozialen Kontext und in Situationen, wo wir auf eine als verletzend empfundene Handlung nicht unmittelbar direkt und angemessen reagieren können. Ressentiment schafft ein Gedächtnis für das, was wehtut. Damit entsteht erst, auch da finden wir bei Nietzsche spannende Überlegungen, so etwas wie ein langfristiges Erinnerungsinnenleben des Menschen, weil bestimmte Kränkungen, Verletzungen immer noch da sind. Sie sind deswegen da, weil man nicht unmittelbar reagieren konnte, sei es aus Schwäche, sei es anderen Gründen. Entsprechend wirkt das nach und gräbt sich sozusagen ins Bewusstsein ein, formiert die Persönlichkeit. Aber ist das so schlecht?

Sie lesen das also als eine ganz allgemeine psychologische Kategorie?

/ Ich finde es als solche zumindest interessant. Nicht jede Form von langfristigem, biografischem Gedächtnis ist durch Ressentiment geprägt. Aber die Grundtatsache des Ressentiments, nämlich dass wir nicht alle unsere Triebe ausleben können, ist eine der Grundbedingungen der Sozialisation. Das ist die große zivilisatorische Errungenschaft des Ressentiments. Wenn Sie es freudianisch haben wollen, dann können wir vom Unbehagen in der Kultur reden, also der Tatsache, dass eine Kultur uns und unseren Trieben nie völlige Freiheit lässt, sondern ständig Schranken aufbaut und uns hart in unserem Wollen zurückweist.

Ist Nietzsche für eine heutige Debatte über Werte noch fruchtbar?

/ Ich würde sein kritisches Potenzial nach wie vor als sehr hoch veranschlagen. Er ist derjenige, der uns immer noch fundamental irritieren kann in unseren Alltagsgewissheiten und philosophischen Gewissheiten, gerade auch in der Wertedebatte. Er macht unmissverständlich auf das Gemachtsein der Werte aufmerksam, auf die vielfache Bedingtheit unserer Werteökonomien. Ich glaube nicht, dass wir eine Umwertung aller Werte brauchen, wie Nietzsche sich das vorgestellt hat. Ich würde auch mit seiner Krisendiagnose nicht mitgehen, ich denke vielmehr, wir sollten die Gegenwartskultur auch gegen ihre Verächter verteidigen. Es lohnt sich, sie als Kultur der Möglichkeiten stark zu machen. Das ist auch eine Kultur, die eben schräges Denken wie das Denken Nietzsches möglich macht. Mir sind die Untergangsprophetien bei Nietzsche als Provokation einerseits wertvoll, andererseits als Modell doch im hohen Maße verdächtig – verdächtig im positiven Sinn. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Sonderausgabe „Also sprach Nietzsche“