Da geht’s lang! Wie treffe ich eine gute Entscheidung?


Nie zuvor musste der Mensch so viele Entscheidungen treffen wie heute. Und nie zuvor nahm er so viel professionelle Unterstützung in Anspruch. Partnervermittlung, Motivationstraining, Wahrsagerei: Eine Reise durch die Welt der Wahlhelfer.


Eine Großstadt am Morgen. Menschen bevölkern die Bürgersteige, einige beißen in Backwaren, manche nippen an Heißgetränken, andere hören über Kopfhörer Musik. Dort schiebt jemand einen Kinderwagen in den anbrechenden Tag, hier nimmt ein anderer seinen Rucksack ab, um Platz in der überfüllten Bahn zu finden. Was so alltäglich anmutet, bedarf noch vor Tagesbeginn einer Vielzahl getroffener Entscheidungen. Lässt man das kränkelnde Kind heute noch mal zu Hause? Nimmt man die Bahn oder das Fahrrad zur Arbeit? Kaffee oder Cappuccino, für hier oder zum Mitnehmen? Hört man den Podcast weiter oder doch diese neue Playlist?

Morgens halb zehn in Deutschland. Zeit für eine Pause? Von wegen. Der Entscheidungsmarathon fängt gerade erst an. Gilt es doch im Laufe eines Lebens und bisweilen eben auch Tages viel Schwerwiegenderes zu entscheiden als nur den Brötchenbelag. Zum Beispiel: Woran man in Zeiten notorischer Optionenvielfalt den Partner fürs Leben erkennt.

Entscheidungshilfe I: Der Partnervermittler

Arne Kahlke ist jemand, der es wissen muss. Der 49-Jährige hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, „Menschen zusammenzubringen, die zusammengehören“. Viele Jahre war der groß gewachsene Hamburger mit dem akkurat geschorenen Kopf und den stechend blauen Augen Mitarbeiter der größten deutschen Online-Partnervermittlung Parship, gründete 2004 ElitePartner und ist seit vergangenem Jahr CEO der noch jungen Plattform LemonSwan. „Die Fragebögen aller ernst zu nehmenden Partnervermittlungsplattformen basieren auf psychologischen, also wissenschaftlichen Erkenntnissen“, erklärt er. Die Fragebögen: Das sind Persönlichkeitstests, auf deren Basis ein Algorithmus anschließend passende Partner vorschlägt.

Neben unmittelbar einleuchtenden Fragen wie „Was ist Ihnen an Ihrem Partner wichtig?“ („Humor“, „Erscheinungsbild“, „Bildung“ …) erschließen sich andere nicht auf Anhieb. „Welche Klänge sprechen Sie am meisten an?“ ist eine davon. Was, bitte, sagt eine Antwort wie „Saxofon“, „Geigenklänge“ oder „Klavierspiel“ über die Qualität einer Person als Partner aus? Nun, erklärt Kahlke, nur durch solch scheinbar abwegige Fragen dringe man tief ins Wesen eines Menschen vor und enthüllt, was sie selbst von sich nicht preisgeben wollen oder können.


Für die Frage, ob man sich mit einer vorgeschlagenen Person trifft, ist die eigene Intuition unerlässlich

— Arne Kahlke (Gründer von ElitePartner und LemonSwan)


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Bild © LemonSwan

Derartige Entscheidungshilfen, wie unter anderen Kahlke sie anbietet, sind nachgefragt wie nie. Waren im Jahr 2000 in Deutschland noch weniger als 250 000 Menschen online auf der Suche nach kurz- oder längerfristiger Zuwendung, beträgt die Zahl der aktiven Nutzer von Singlebörsen und Partnervermittlungen im Internet heute knapp neun Millionen. Menschen würden nicht unbedingt glücklicher, wenn sie selbst alles zu entscheiden hätten, so Kahlke. Zumal die Art der Entscheidungsfindung auf dem heutigen Liebesmarkt, fügt er bedeutungsvoll hinzu, eine erstaunliche Warenförmigkeit annehme. Kahlke richtet sich auf, der Punkt ist ihm wichtig: Viel zu sehr dächten Menschen darüber nach, „ob Kooperationen mit anderen Profit abwerfen“, weshalb sie, um dieser Falle zu entgehen, professionelle Partnerbörsen in Anspruch nähmen. Kurz, ganz kurz, reibt man sich die Augen: Wird eine Entscheidung wirklich weniger instrumentell, wenn man sie an einen Dienstleister delegiert, der pro Jahr im Vollpreis eine dreistellige Summe kostet und Partnervorschläge auf der Grundlage eines Matchingalgorithmus macht? Kann Amor Pfeil und Bogen tatsächlich gegen einen Laserpointer tauschen?

Befragt man einen der liebesverwirrtesten Denker des 20. Jahrhunderts, wäre dessen Antwort eindeutig: auf keinen Fall. So bemerkt Walter Benjamin in seiner Schrift „Goethes Wahlverwandtschaften“, dass eine Beziehung, die auf einer Wahl beruht, nicht auf wahrer Liebe begründet sein kann. Und damit nicht auf dem, worauf sie dringlichst begründet sein sollte. Ist sie doch nichts, was man wählen könnte, sofern „Wahl“ hier für so etwas wie eine bewusst getroffene Auswahl aus fest vorgegebenen Alternativen steht. Wie etwa die Wahl zwischen zwei Paar Socken oder zwei Profilen. Die vollkommene Ausblendung des Aspekts des Schicksalhaften aus dem Liebesgeschehen scheint die Auslöschung der Liebe selbst zu bedeuten.

Nun, meint Kahlke. Eigentlich zögen er und Benjamin doch an einem Strang. Letztendlich gehe es bei Partnervermittlungen ja schlicht um eine Erhöhung der Chance, den richtigen – ergo: vorherbestimmten – Partner auch wirklich zu finden. Und: „Ob man sich mit einer vorgeschlagenen Person trifft, muss man immer noch selbst entscheiden. Da ist die eigene Intuition unerlässlich.“

Die Intuition also. Was aber, wenn die innere Stimme aus unergründlicher Tiefe immer nur flüstert, dass es der oder die doch bitte jetzt aber wohl noch nicht ist? Schon der Daimon des Sokrates war ein notorischer Skeptiker. Nie riet er zu, immer nur ab. Könnte man sich die algorithmisierte Hilfestellung also nicht sparen und die Sache von vornherein selbst in die Hand nehmen? Im Grunde, so scheint es, geht es doch einzig darum, inmitten des Optionenwahnsinns nicht herumzueiern, sondern sich einfach mal zu entscheiden. Aber wie?

Entscheidungshilfe II: Der Motivationstrainer

Ein Businesshotel in Frankfurt. Der Vortragsraum ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Überall im Plenum wird über „Goals“, „Learnings“, „Entscheidungskompetenz“ und eigene Projekte gesprochen, um deren „Skalierbarkeit“ man sich keine Sorgen mache. Was wie ein Klischee klingt, ist mancherorts tatsächlich Realität. Dann kommt Hermann Scherer auf die Bühne, einer der erfolgreichsten Motivationstrainer Deutschlands. Er wirkt wuchtiger als auf den Bildern seiner Website, hat mittellanges, dickes Haar und trägt einen gut sitzenden, anthrazitgrauen Anzug. Der Vortrag beginnt mit seiner persönlichen beruflichen Laufbahn, an deren Anfang eine Fehlentscheidung steht. „Ich übernahm die Schulden meiner Eltern. Fünf Millionen Euro in der Kreide.“ Allerdings habe ihn eben diese „Katastrophe“ überhaupt erst dazu gebracht, so hart zu arbeiten. „In den ersten Jahren hatte ich nur ein einziges Ziel: Dass die Bank mich nicht mehr anruft.“ Das Plenum lacht erleichtert. Na also. Selbst falsche Entscheidungen sind für etwas gut.

Knapp drei Stunden dauert Scherers Vortrag. Mit gesteigerter Emphase und immer neuen Sprachbildern beschwört der Speaker seine Kernthese. Ja, das Leben ist komplex. Und deshalb ist es umso wichtiger, dass du deine lähmenden Zweifel überwindest, um nicht wie Buridans Esel zwischen zwei Heuhaufen zu verhungern. Entscheide dich! Womit wir abermals bei der Frage des Wie angelangt wären. Doch Scherer wäre nicht Scherer, hätte er nicht den ultimativen Tipp. Natürlich weiß er, was zu tun ist. Zur Pause weist der noch immer vom einen zum anderen Bühnenrand tigernde Motivationstrainer auf die beiden Türen des Vortragsraums hin. Die eine sei für die „Götter“ unter uns. Die andere für die „Schäfchen“. Durch Erstere dürfe gehen, wer einen seiner Kurse bucht und sich „für sich entscheidet“. Die andere sei für den Rest. Respekt. Selten gelingt Selbstmarketing wie hier, greifen doch Gegenstand und Zweck der Rede so perfekt ineinander wie Yin und Yang.

Am Anfang meiner Karriere stand eine Fehlentscheidung. Sie brachte mich erst
dazu, so hart zu arbeiten

— Hermann Scherer (Motivationstrainer)


Wer sich als Schäfchen aus sicherer Distanz den Run zum Olymp ansieht, mag sich mithin auf der selbstbestimmteren Seite wähnen. Trifft man jedoch auf der anderen Seite der „Götterpforte“ wieder mit den Auserwählten zusammen, sehen diese das selbstverständlich anders. Erik beispielsweise, der gerade einen Kurs für stattliche 3200 Euro gebucht hat, ist sichtlich stolz. Er wolle sich endlich selbstständig machen. Weil das jedoch besonders in der Anfangsphase und neben einem Fulltime-Job und drei Kindern schwierig sei, würde er immer wieder Veranstaltungen wie diese besuchen. Er weiß, dass er das Potenzial in sich habe, müsse sich nur gelegentlich mit Motivation „druckbetanken“ lassen, um es auch durchzuziehen.

Womit Erik klipp und klar eine Differenz auf den Punkt bringt, die Aristoteles in seiner „Metaphysik“ weitaus weniger leichtfüßig entfaltet: Nämlich die zwischen Potentia und Actus. Die Potentia ist für den Denker eine noch nicht umgesetzte Möglichkeit (Ich kann eine erfolgreiche Firma gründen). Der Actus hingegen ist ihre Realisation (Ich gründe gerade eine erfolgreiche Firma). Das scherersche Versprechen lautet: Ich bringe euch in den Actus. Noch mögt ihr euch wie schlappe, entscheidungsunfähige Würstchen fühlen, doch das Beste liegt noch vor euch. Ihr müsst nur das Mögliche wirklich werden lassen! Die Potenzvorfreude ist den Gesichtern abzulesen, als sich die Plätze nach der Pause wieder füllen.

Am Ende der Veranstaltung dämpft Scherer unvermittelt die Stimme. Bei aller Entscheidungsmacht gebe es Dinge zwischen Himmel und Erde, die niemand erklären könne. Pause. Dann: Seine Frau sei Hellseherin und Heilerin und er habe Sachen erlebt, die Rätsel aufgeben. Das Plenum ringt sich ein verständnisvolles Raunen ab, ist jedoch sichtlich verwundert ob der argumentativen Rolle rückwärts. Wer entscheidet denn jetzt: Wir – oder doch das Schicksal?

Allerdings hätte man es ahnen können. Wo von „Götterpforten“ die Rede ist, kann das Unverfügbare nicht weit sein. Kommt es also letztlich darauf an, den ganzen großen Plan zu kennen, um richtig zu entscheiden? Oder hat sich, wenn dieser Plan wirklich existiert, vielmehr das Problem von selbst erledigt, weil es nichts zu entscheiden gibt? Wenige, sehr wenige Menschen können auf diese Frage eine Antwort wissen. Eine davon ist Gabriele Hoffmann.

Entscheidungshilfe III: Die Wahrsagerin

Wer sich auf ihrem durchgesessenen und dennoch sehr bequemen Sessel wiederfindet, den beschleicht schnell ein Gefühl existenzieller Geborgenheit. Gemütlich ist es in Gabriele Hoffmanns Arbeitswohnung am Berliner Kurfürstendamm, obwohl oder vielleicht gerade weil die handelsüblichen Wahrsager-Accessoires konsequent ausgespart sind. Keine bunten Tücher, keine Glaskugeln, keine Räucherstäbchen. Stattdessen: Hohe Decken, Bilder von Gustav Klimt. Kaffee und Törtchen werden mit einem kleinen Löffel serviert. Selbst der schwarze Rabe ist ein wuscheliger Hund namens Lilie.

Intensiv beobachtet Gabriele Hoffmann ihr Gegenüber, hält außergewöhnlich lang Augenkontakt. Ihre Handbewegungen: groß und raumgreifend. Als würden die Worte mit den Fingern aus der Luft gefischt. Wie ihre Sitzungen für gewöhnlich ablaufen? Am Anfang, erzählt Hoffmann, lege sie ihren Kunden Karten. „Das ist aber eher, damit ich reinkomme. Die Bilder der Vergangenheit und Zukunft meines Gegenübers kommen dann einfach so. Da kann ich gar nichts machen.“

Es gibt im Leben unveränderliche Eckpunkte, aber wie wir das Dazwischen gestalten, liegt ganz bei uns
— Gabriele Hoffmann (Wahrsagerin)


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Bild © Maria Sturm

Wieder diese durchdringenden Blicke. Besitzt Hoffmann vielleicht schlicht eine sehr gute Menschenkenntnis? Ist Wahrsagerei im Grunde geschickt getarnte Mustererkennung?

Eines zumindest ist sicher. Wahrsagerei und andere Übernatürlichkeiten sind ökonomisch gesehen alles andere als randständige Phänomene. Die Geschäfte von Astrologen, Hellsehern und Heilern blühen. Rund zehn Milliarden Euro geben die Deutschen jährlich für ihr Seelenheil aus. Mit okkulten Riten und spirituellem Zauber wollen sie ihr Leben in die richtigen Bahnen lenken. Einer Forsa-Umfrage zufolge glaubt fast jeder zweite Deutsche an Horoskope und daran, dass die Sterne irgendwie unser Schicksal beeinflussen. Gabriele Hoffmann ist die einzige Vertreterin ihrer Branche, die bei der Industrie- und Handelskammer gemeldet ist. Da es sich bei „Wahrsagerin“ in Deutschland allerdings um keine geschützte Bezeichnung handelt, steht ein solcher Eintrag prinzipiell jedem qualifikationslos offen.

Im berühmten Mythos des Orakels von Delphi sitzt die Priesterin Pythia auf einem Dreifuß über einer Erdspalte, die aufsteigenden Dämpfe versetzen sie in Trance. Im Berliner Altbau macht man um den eigenen Job weitaus weniger Brimborium. Bereits ihre Großmutter, erzählt Hoffmann nüchtern, habe hellseherische Fähigkeiten besessen. Sie selbst habe die Gabe bei sich in frühester Kindheit entdeckt. Und eigentlich, fährt Hoffmann fort, sei jeder Mensch hellsichtig. Jedoch würde unsere Erziehung den Zugang zu unseren eigenen Wünschen nach und nach verstellen. Die Kultur als zu überwindendes Übel, das sich zwischen uns und unser tiefstes Wollen stellt: Steht hier irgendwo Rousseau im Regal? In seinem Erziehungsroman „Émile oder über die Erziehung“ führt der französische Aufklärer eben diese Kulturkritik prominent aus. Zu sich zurück könne demnach der Mensch nur durch Befreiung von der modernen Kultur finden.

Bleibt noch die Frage, wie sich das Handeln nach eigenen Wünschen mit der Tatsache verträgt, dass Hoffmanns Kernkompetenz nun einmal die Vorhersage ist. Wenn es einen vorgezeichneten Plan gibt, kann man schließlich wünschen, so viel man will, es passiert doch alles so, wie es passieren muss, oder? Hoffmann räuspert sich. Auch als Hellseherin glaube sie durchaus an die Existenz eines freien Willens. „Im Leben gibt es zwar für uns unveränderliche Eckpunkte wie zum Beispiel zweimal zu heiraten, eine Pleite zu erleben oder eine große Erbschaft zu machen. Wie wir das Dazwischen und deren Färbung jedoch gestalten, liegt ganz bei uns.“ Umso entscheidender sei deshalb unsere „Intuition“. „Menschen kommen überhaupt nur zu mir“, sagt Hoffmann und schenkt sich noch ein wenig Kaffee nach, „weil ihre innere Stimme verstummt ist.“

Sprich mit mir

Schon wieder: die Intuition. Bezeichnend, dass alle drei Formen der Entscheidungshilfe, die Partnervermittlung, der Motivationstrainer und die Wahrsagerin, letztlich auf das Unverfügbare im Inneren des Menschen zielen. Ist die entscheidendste Entscheidung also eigentlich jene, zu der man sich aktiv nicht entscheiden kann? Geht es im Kern um genau das, was am Tempel von Delphi geschrieben steht: „Gnothi seauton“? Erkenne dich selbst? Am Ende eines langen, eines sehr langen Tages mag man mithin umso angestrengter in sich hineinhorchen: Wer ist meine innere Stimme? Was sagt sie? Sagt sie überhaupt etwas? Gerade dann ist es jedoch gut möglich, dass der Daimon hin und wieder einfach eine Pause braucht. Und anstatt zu entscheiden stumm bleibt. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 2 / 2019