Charles Darwin und die menschliche Natur

Die klassische Naturgeschichte wies dem Menschen einen Ausnahmestatus zu. Durch die Entdeckungen Charles Darwins war diese Sicht passé. Der britische Forscher erkannte in den Arten das Ergebnis eines langen Evolutionsprozesses, in dessen Verlauf die am besten Angepassten triumphieren.

Von Philippe Huneman. Illustration: Séverine Scaglia


In „Über die Entstehung der Arten“ (1859) schildert Darwin, dass alles lebenden Arten mit älteren Arten verwandt sind — und allesamt auf einem einzigen Stammbaum angeordnet werden können, der bis zum Urvorfahr Luca (für Last Universal Common Ancestor), der ersten lebendigen Zelle, zurückreicht. Deshalb erklärt der Prozess der natürlichen Auslese zu einem Großteil die Evolution der Arten, ihre Anpassung an ihr Milieu und ihre Diversifizierung. Dieses wissenschaftliche Modell umfasst das Reich aller Lebewesen, darunter auch den Menschen, dem Darwin 1871 ein weiteres Buch widmet: „Die Abstammung des Menschen und die sexuelle Selektion“.

Das darwinsche Denken stellte das bis dahin geltende Menschenbild auf den Kopf. Geht man von einer gemeinsamen Abstammung aller Lebewesen aus, liefert die Untersuchung verschiedener Primaten oder anderer Säugetiere auch Wissen über die entsprechenden Merkmale der Menschen: „Wer den Pavian versteht, würde mehr zur Metaphysik beitragen als Locke“, notierte Darwin 1838, der sich der philosophischen Bedeutung seiner Theorien bewusst war. In „Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren“ (1872) vergleicht er deshalb etwa Mimik und Gestik von Primaten mit denen von Menschen. Darauf aufbauend begannen Psychologen, menschliche Emotionen zu analysieren. So entstand eine Theorie der Basisemotionen, die als Ausdruck unserer ursprünglichsten Gefühle verstanden werden: Furcht, Freude, Traurigkeit, Ekel und Wut.

Besonders fruchtbar war das Konzept der natürlichen Auslese aber für Studien zu Kognition und Verhalten des Menschen. Darwin deutete hierfür zwei Ideen an, die noch heute viele Forschungsprogramme definieren. Einerseits stellte die sexuelle Selektion eine treibende Kraft bei der Entwicklung des Menschen dar; andererseits sind zahlreiche menschliche Züge – Körperbau, Verhalten oder Kognition – Produkte der natürlichen Auslese. Im fünften Kapitel der „Abstammung des Menschen“ wendet Darwin diese Ansichten auf die menschliche Moral an und erläutert, was sich bis heute in den Grundlagen der Kooperationsforschung wiederfindet.

Allerdings sind Altruismus und Kooperation für die ersten Darwinianer lange ein Rätsel gewesen. Wenn im Kampf ums Dasein die Besten den Sieg davontragen und anschließend ihre vererbbaren Eigenschaften verbreiten, warum gibt es dann noch Altruisten, die anderen doch eigentlich zu ihrem eigenen Nachteil helfen? Warum findet man bei allen Tierarten Individuen, die für ihre Herde Risiken auf sich nehmen, wie die Antilopen, die aufspringen, wenn sie einen Löwen entdecken – oder sich opfern, wie die Arbeitsbienen, die sich nicht fortpflanzen, um sich besser um die Königin zu kümmern? Bereits Peter Kropotkin, großer Biologe und bekannter Anarchist, kritisierte Darwin für seine Fokussierung auf den Konkurrenzkampf, wo es doch so erkennbare Beispiele von Kooperation in der Natur gab.

Eine Theorie, die in der Luft lag


Die Urheberschaft der Evolutionslehre wird Charles Darwin zugeschrieben. Dabei vergisst man jedoch, dass 1859, als „Über die Entstehung der Arten“ erscheint, bereits mehrere Forscher den Kreationismus, also den Glauben an eine göttlich geschaffene und unveränderliche Natur, infrage gestellt hatten. Der Franzose Jean-Baptiste de Lamarck legt bereits zu Beginn des Jahrhunderts eine Theorie der Arten vor, um deren Vielfalt und Komplexität zu erklären. Deren absolute Formulierungen – die Giraffe hätte einen langen Hals, um die höchstgelegenen Blätter der Bäume zu erreichen – führen allerdings dazu, dass Darwin Lamarcks Arbeiten als „Nonsens“ abtut.

Seinen berühmtesten Essay veröffentlicht Darwin folglich auch in der Angst, dass man ihm zuvorkommt. Ein von ihm bewunderter Naturforscher, Alfred Russel Wallace, hatte ihm etwa das Manuskript eines Essays zum Ursprung der Arten zugesandt, das Darwins eigenen Arbeiten sehr nahekommt. Die Korrespondenzen und Notizen Darwins belegen, dass dieser über zehn Jahre lang seine Theorie immer weiter verfeinerte und dabei die Entdeckungen der Beagle-Expedition einarbeitete. „Ich war so frappiert über die Verbreitung der Organismen auf den Galapagos-Inseln (…) und über den Charakter der amerikanischen fossilen Säugetiere und so weiter, dass ich mich entschloss, blindlings alle Arten von Tatsachen zu sammeln, welche sich in irgendeiner Weise auf die Frage beziehen könnten, was Spezies sind (…) ich bin beinahe überzeugt (der Meinung, mit der ich an diese Frage herantrat, völlig entgegengesetzt), dass die Spezies nicht unveränderlich sind (mir ist, als gestände ich einen Mord ein).“
Von Thomas Robert Malthus, Verfasser eines Essays mit dem Titel „Das Bevölkerungsgesetz“, entlehnt Darwin dabei die Idee eines „struggle for life“, der einer begrenzten Anzahl von Ressourcen und einer immer weiter steigenden Zahl von Individuen entspringt. Mit dem Prinzip der natürlichen Auslese will Darwin den Fortbestand von Individuen und Arten und das Aussterben anderer erklären. Die Entwicklung eines Merkmals, das Individuen oder ganzen Arten irgendeinen Vorteil verschafft, wird deren Überleben begünstigen: Sie werden „natürlich ausgelesen“ und übertragen dieses Merkmal auf ihre Nachkommen. Die benachteiligten Individuen oder Arten werden ihrerseits tendenziell verschwinden.
Kaum erschienen, findet „Über die Entstehung der Arten“ reißenden Absatz und löst erst in Großbritannien, bald auch jenseits des Atlantiks heftige Debatten aus. Und schon brauen sich über Darwins Haupt die Zornesstürme der Evolutionsgegner zusammen.

Von Victorine de Oliveira

 
Unerklärlicher Altruismus?

Seit den 1960er-Jahren ist die Kooperation allerdings zu einem wichtigen Studienobjekt der Darwinianer geworden. Das 1964 von William D. Hamilton formulierte Konzept der „Verwandtenselektion“ etwa verdeutlicht, dass altruistische Akte selektiv vorgenommen werden, wenn der entsprechende Nutzen, in Abhängigkeit vom Verwandtschaftsgrad zwischen den Individuen, größer ist als die Kosten. So erklärt man den Altruismus der sozialen Insekten, die ihren Geschwistern genetisch näherstehen als ihren Kindern und deshalb ein Interesse daran haben, Letztere für die Königin zu opfern.

Das 1971 von Robert Trivers vorgebrachte Konzept der „Reziprozität“ besagt, dass ein altruistischer Akt dann vorliegt, wenn vom Begünstigten angenommen wird, dass er später seinerseits altruistisch handeln wird, wenn also beide Individuen sehr wahrscheinlich wieder interagieren werden. So versteht man die Gemeinschaften von Krokodilen und jenen Vögeln, die ihnen die Zähne pf legen. Bei den Menschen hingegen ist dieses Problem komplexer; sie können auch gegenüber Leuten, die sie niemals wiedersehen werden, spontan altruistisch handeln; für sie scheint der Kooperationsbereich wesentlich weiter zu gehen.

Darwin hatte das bereits erkannt, als er schrieb: „Ein anderes, mächtigeres Anregungsmittel für die Entwicklung geselliger Tugenden sind Lob und Tadel unserer Mitmenschen.“ Tatsächlich baut jede Handlung eine Reputation auf – und diese kann mich teuer zu stehen kommen. Letzten Endes kommt es uns also zugute, kooperativ zu sein. Forscher untersuchen mittlerweile Online-Marktplätze wie Airbnb oder eBay, wo die Reputation tatsächlich eine Garantie gegen Betrüger darstellt.

Der Biologe David Sloan Wilson verficht seit 30 Jahren Darwins Intuition über den Ursprung der Moral, so wie Letzterer sie in der „Abstammung“ festhielt: „Wenn zwei auf einem Gebiet lebende Urmenschenstämme in Wettbewerb traten und der eine Stamm (bei sonst gleichen Verhältnissen) eine größere Anzahl mutiger, einander ergebener und treuer Mitglieder besaß, die stets bereit waren, einander vor Gefahr zu warnen, sich beizustehen und zu verteidigen, so wird dieser Stamm erfolgreicher gewesen sein und den andern erobert haben.“ Der Altruismus würde somit aus der Kombination zweier gegensätzlicher Kräfte resultieren: der Konkurrenz innerhalb von Gruppen, bei der die Egoisten immer den Sieg über die Altruisten davontragen, und der Konkurrenz zwischen Gruppen, bei der im Gegenteil die Gruppen mit mehr Altruisten in ihren Reihen obsiegen. Wenn die zweite Form der Konkurrenz ausreichend stark im Verhältnis zur ersten ist, wird die Gesamtquote der Altruisten die der Egoisten übertreffen. Dieses „Multilevel-Selektion“ genannte Modell betrifft alle Lebewesen. Was also macht einen spezifisch menschlichen Altruismus aus?

Die Evolutionspsychologie trat in den 1990er-Jahren die Nachfolge der Soziobiologie an. Sie nähert sich dem Geist als einer Gesamtheit von Fähigkeiten, die im Laufe der Evolution ausgeformt wurden und als Anpassungen begriffen werden. Anstatt sich wie die Soziobiologie für die Verhaltensweisen zu interessieren, richtet die Psychologie ihr Augenmerk auf die menschliche Kognition. Sie fasst den Geist modular auf, zusammengesetzt aus autonomen Systemen, die gleichsam als Antworten auf besondere Umweltanforderungen entstanden sind: nach Partnern suchen, sich den sozialen Manipulationen entziehen, die Erwartungen eines anderen entschlüsseln und so weiter. So nimmt man etwa an, dass ein Modul zur Gesichtserkennung in der Spindelwindung des Gehirns existiert; schließlich musste die Fähigkeit, die Gesichter von Freunden wie Feinden wiederzuerkennen, zum reproduktiven Erfolg unserer Vorfahren beigetragen haben.


Neue Studien stellen die bekannte Erzählung von der prähistorischen Welt als eines Krieges aller gegen alle infrage


 
Wie die Evolution 
die Hypochondrie begünstigt


Die Evolutionspsychologie erklärt somit auch das, was man lange für seltsame Fehlleistungen der Kognition hielt, die „kognitiven Verzerrungen“. Diese stellt sie in einen Zusammenhang mit urzeitlichen Umgebungen, in denen sich bestimmte Verhaltensweisen adaptiv herausgebildet haben. Die Tatsache, dass wir dazu veranlagt sind, vor Schlangen und Spinnen Angst zu haben, nicht aber vor weitaus gefährlicheren Autos und Feuerwaffen, lässt sich evolutionär dadurch erklären, dass nur die Ersteren zur ursprünglichen Umwelt der Hominiden gehörten. Die von Martie Haselton eingeführte „Theorie des Fehlermanagements“ entwickelt ihrerseits die Idee, dass manche Fehler asymmetrische Kosten verursachen. So ist eine positive Falschannahme oft weniger schädlich als eine negative: Zum Beispiel ist es besser, sich grundlos wegen eines eingebildeten Leidens zu sorgen, als eine reale Krankheit nicht zu bemerken. Deshalb hat die natürliche Auslese jene Module begünstigt, die dazu neigen, sich systematisch in eine bestimmte Richtung zu täuschen, zum Beispiel mehr positive als negative Falschannahmen zu begehen (daher auch die instinktive Furcht vor Ansteckung bei Krankheiten, die bekanntermaßen nicht ansteckend sind).

Der religiöse Glaube und die dazugehörigen Verhaltensweisen könnten ebenfalls Anpassungen sein, deren Nutzen in der augenblicklichen Integration des Individuums in die urzeitliche Gruppe besteht, die ihm die Bestrafungen erspart, die diejenigen widerfahren, die von den Bräuchen abweichen. Selbst der Ursprung der Sprache wird zur Frage nach ihren selektiven Vorteilen: Manche Autoren behaupten, dass sich die Sprache als ein Mittel zum schnellen Austausch von Informationen über Sex und Fortpflanzung herausgebildet habe; andere Hypothesen gehen davon aus, dass die Sprache es erlaubt, seine eigene Fähigkeit zur raschen Beschaffung von Informationen herauszustellen, die für die Gruppe wertvoll sind.

Der Mensch – von Natur aus gut?

Viele Evolutionspsychologen nehmen an, dass in der Prähistorie der Krieg zwischen Stämmen die Norm gewesen sei. Allerdings haben Feldstudien die Vorstellung von der prähistorischen Welt als eines hobbesschen Krieges aller gegen alle jüngst wieder infrage gestellt. Die Welt sei eher rousseauistisch und mithin friedvoll gewesen – gewaltsame Tode gab es sicherlich in großer Zahl, jedoch resultieren diese eher aus isolierten Taten denn aus Clankriegen. Hobbes versus Rousseau, ist die menschliche Natur böse oder gut – diese Debatte wird bis heute geführt.

Die Paläoanthropologie hat ihr Wissen insbesondere in den letzten beiden Jahrzehnten stark erweitert. Wir kennen jetzt Dutzende Hominidenarten, wir wissen, dass der Neandertaler nicht der Vorfahr des Homo sapiens war, sondern sein Vetter – und dass sie sich sichtlich untereinander gekreuzt haben. Es wurden Hominiden gefunden, die älter sind als die 1974 gefundene „Lucy“. Die Auffächerung zwischen Primaten und Menschen unter diesen Hominiden verschiebt sich immer weiter zurück, von vier Millionen (unser Vorfahr „Lucy“) auf sieben Millionen Jahre (unser Vorfahr „Toumaï“).

Neben der Rekonstruktion des Stammbaums der Hominiden stellen sich die Paläoanthropologen Fragen nach den Prozessen, die die Evolution ermöglichten. Ein Beispiel zum Schluss: Man weiß, dass die meisten der mit uns verwandten Menschenaffen in sozialen Gruppen organisiert sind, die von einem Männchen dominiert werden, das sich Ressourcen und Weibchen aneignet. Funde von den ältesten Gesellschaften attestieren nun aber im Gegenteil eine relativ egalitäre Struktur. Der Biologe Sergey Gavrilets hat 2012 ein einfaches mathematisches Modell zum Ursprung der Gleichheit bei den Hominiden vorgeschlagen. Wie schaffen es Individuen, die schwächer sind als der Dominator und ihm deshalb gehorchen, diesen dann schlussendlich doch zurückzuweisen? Antwort: Sie müssen sich verbünden. Das Modell von Gavrilets zeigt: Je bewusster einem Menschen das Selbst und die eigene Kraft sind, desto eher kann der Widerstand gegen dominante Individuen ausbrechen und zum Egalitarismus führen. Fast 150 Jahre nach der „Abstammung des Menschen“ gibt Darwin uns also noch immer zu denken.•

Aus dem Französischen von Till Bardoux


Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 5 / 2018