Chance der Neugeburt


Die Zukunft hängt von unserem Handeln ab. Der Soziologe Hartmut Rosa deutet die Corona-Krise mit Hannah Arendts Begriff der Natalität. Ein Denkanstoß.


In der Corona-Krise sind die gesellschaftliche Verwirrung und die Deutungsspielräume groß. Klammert man das durch das Virus verursachte millionenfache menschliche Leid und die daraus hervorgehenden politischen, ökonomischen und sozialen Gefahren einmal aus und nimmt einen nüchternen gesellschaftstheoretischen Blick ein, lassen sich ein paar Dinge inzwischen aber als harte Fakten festhalten. Erstens, in der Welt der physischen und materiellen Bewegung, das heißt insbesondere der Produktion und des Verkehrs, lassen sich massive, globale Reduktionen von teilweise über 80% des Volumens beobachten, und auch der Kultur- und Bildungsbetrieb ist vielerorts fast völlig zum Erliegen gekommen. Entschleunigung ist derzeit also ein makrosoziales Faktum, keine rückwärtsgewandte Phantasie, wie Kritiker behaupten. Zweitens, diese Entschleunigung ist das Ergebnis politischen Handelns, und vielerorts des Handelns demokratisch gewählter Regierungen, kein Wirkmechanismus der Viren; es handelt sich also um eine Erfahrung politischer Selbstwirksamkeit: Die Politik hat innerhalb weniger Wochen ungeahnte Handlungsmacht gegenüber der Eigenlogik der Finanzmärkte, der großen Konzerne, den Geschäftsinteressen etc. gewonnen – allerdings auch gegen die Rechte der Bürger und Bürgerinnen. Diese Erfahrung kontrastiert scharf gegenüber der bisher dominanten Ohnmachtserfahrung angesichts der Klimakrise, aber auch angesichts schreiend ungleicher Vermögens- und Verteilungsverhältnisse.


Je komplexer eine Gesellschaft ist, umso schwieriger, gefährlicher und riskanter wird es, die eingefahrenen Gleise zu verlassen


 

Die Annahme, das normativ gebotene Primat der Politik könne gegenüber den Eigenlogiken funktionaler Differenzierung nichts mehr ausrichten, erweist sich damit schlicht als falsch. Drittens: Gesellschaften operieren im „Normalbetrieb“ gleichsam pfadabhängig, das heißt, in fast allen Bereichen herrschen festgelegte Regeln und Routinen, folgen wir im Handeln eingespielten und vorgegebenen Prozess- und Interaktionsketten. Je komplexer eine Gesellschaft ist, umso schwieriger, gefährlicher und riskanter wird es, die eingefahrenen Gleise zu verlassen. Nun aber sind sehr viele Prozessketten unterbrochen, Routinen angehalten, die Räder stillgestellt. Das ist ein historischer Ausnahmepunkt, wie er nur selten erreicht wird. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Gesellschaft versuchen wird, nach dem Abflauen der Krise so schnell wie möglich in die alten Routinen und Gleise zurückzufinden, die Räder wieder anzuschieben. Dennoch stehen wir an einem „Bifurkationspunkt“, an dem ein gesellschaftlicher Pfadwechsel möglich scheint. Wie es jetzt weitergeht, vermag kein soziologisches, ökonomisches oder zukunftswissenschaftliches Modell vorherzusagen, denn es hängt nicht von unserem Wissen, sondern von unserem Handeln ab. Dass wir Interaktionsketten nicht fortsetzen (oder wieder in Gang bringen) müssen, sondern neu anfangen, kreativ werden können: Dies ist nach Hannah Arendt das Spezifikum menschlicher Handlungsfähigkeit. Sie nennt es Natalität.•

Erstveröffentlicht am 27.04.2020


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