Brauchen wir eine Care Revolution?


Fürsorgetätigkeiten werden schlecht oder gar nicht entlohnt. Aber warum bewerten wir die Produktion eigentlich höher als die Reproduktion? Höchste Zeit für ein Umdenken.

Von Svenja Flaßpöhler



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Es gibt Ungerechtigkeiten, die lassen sich am besten am eigenen Leben veranschaulichen. In diesem Falle also an meinem. Während ich meine Vollzeitstelle in führender Position ausfülle und mein Mann seiner Arbeit als Schriftsteller nachgeht, kümmern sich Erzieherinnen und Erzieher um unseren Sohn in der Kita, die auch schon seine große Schwester besucht hat. Je nach Bedarf wird der Kleine nachmittags von unserer Babysitterin abgeholt, die uns seit einem guten Jahrzehnt den Rücken freihält. Ebenfalls einmal die Woche beseitigt unsere Putzfrau den Dreck von vier Menschen.
Was die genannten Personen eint: Ohne sie wäre unser Leben nicht möglich. Und: Sie alle verdienen weit weniger als ich. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Der 50-jährige Erzieher unseres Sohnes bekommt 1400 Euro netto. Wobei die Bezahlung aus seiner Sicht gar nicht das vordringliche Problem ist, sondern vielmehr der, so seine Worte, „miserable Betreuungsschlüssel“: Zu viele Kinder, zu wenig Personal. Es ist so wie in den meisten Fürsorge-Berufen, auch „Care“-Berufe genannt: Die, die sie ausüben, werden unbedingt gebraucht. Trotzdem sind sie unterbezahlt und notorisch nah am Burnout.

Was sich hier zeigt, ist ein Jahrhunderte altes Kernproblem, auf das Feministinnen wie die italienische Philosophin Silvia Federici seit den 1970er Jahren hinweisen: Honoriert wird die Produktion, nicht die Reproduktion. Reproduktive Tätigkeiten, das sind, um es mit Karl Marx zu sagen, keine warenförmigen, sondern rein gebrauchswertorientierte Handlungen wie Kochen, Putzen, Pflegen, Sorgen. Handlungen also, die kein Produkt hervorbringen, sondern auf Wiederholung angelegt sind, weshalb sie noch heute zu einem großen Teil nicht entlohnt werden – und das, obwohl sie das Fundament unserer Gesellschaft und auch unseres Wirtschaftssystems bilden. Selbst Marx war blind für die Tatsache, dass der Mensch, um seine eigene Arbeitskraft zu erhalten und seine Familie zu ernähren, nicht nur Waren braucht, sondern auch jemanden, der das Essen kocht, der liebt, tröstet, wickelt und so kleinen Menschen den Weg ins (Arbeits-)Leben ebnet. Warum also zählte Marx die Haus- und Erziehungsarbeit nicht als Lohnarbeit, zumal der Ökonom doch einen Blick dafür hätte haben müssen, dass die Wertschöpfung des von ihm so leidenschaftlich kritisierten Kapitalismus maßgeblich auf der unbezahlten Reproduktion fußt? Doch Marx war bei weitem nicht der einzige, der die historisch vor allem von Frauen geleistete Fürsorgearbeit gering schätzen. So nahm die Philosophin Hannah Arendt das repetitive Tun zwar durchaus in den Blick und widmete sich ihm eingehend in ihrem Werk „Vita activa“. Doch bilden all jene wiederkehrenden Tätigkeiten, die vorgenommen werden müssen, um den Fortbestand der Gattung zu sichern, auch für Arendt letztlich die denkbar niedrigste Stufe menschlicher Aktivität. Wie Marx wertete sie das „Herstellen“ höher.

Im traditionellen Familienernährermodell war diese Unwucht systembildend. Die Aufteilung: er leistet Lohnarbeit, sie unbezahlte Hausarbeit funktionierte erstaunlich lange ohne nennenswerte Erschütterungen. Heute ist das Modell überholt. Das Ernährermodell wurde vom Doppelverdienermodell abgelöst – und zwar keineswegs nur aufgrund emanzipatorischer Kämpfe von Frauen um die Möglichkeit, sich ebenfalls im Beruf verwirklichen zu können. Der Familienlohn mit seinen hohen Sozialversicherungskosten wurde für Unternehmen im Zuge der 1970er Jahre immer untragbarer; gut bezahlte Vollzeitstellen, von denen eine ganze Familie gut leben kann, gibt es immer seltener. Heißt konkret: Frauen müssen sich heute oft aus rein finanziellen Gründen auf dem Arbeitsmarkt behaupten.


Eine Gesellschaft, die der Sphäre der Reproduktion nicht einen ebenso großen Wert beimisst wie der Produktion, ist nicht nur ungerecht. Sie verspielt ihre Zukunft


 

Der Vorteil des Doppelverdienermodells liegt klar auf der Hand: Frauen werden nicht länger in die Sphäre des Privaten zurückgebannt, sie stehen in der Öffentlichkeit, gestalten, produzieren. Den Männern wiederum wird nicht länger eine absolut zentrale Dimension des Menschseins vorenthalten: Die Fürsorge. Der Nachteil hingegen ist der alltägliche Wahnsinn, den die Soziologin Arlie Hochschild in ihrem Buch „Der 48-Stunden-Tag“ minutiös analysiert und den ich selbst bestens kenne: Nach einem anstrengenden Arbeitstag muss noch eingekauft, Wäsche gewaschen, mit der Tochter für die Englischarbeit gelernt werden. Und spätestens wenn ein Kind krank wird, kracht das fein austarierte Modell mit Getöse in sich zusammen. Denn: Care-Arbeit lässt sich nun einmal nie ganz auslagern. Und wäre das – im eigenen wie auch im Interesse des Kindes – überhaupt wünschenswert? Ist reproduktive Arbeit wirklich nur langweilig, dröge, dumpf? Oder würde sich, wie auch Silvia Federici meint, das Leben gerade umgekehrt wieder „verzaubern“, wenn wir uns fürs Sorgen – übrigens auch für die Selbstsorge – wieder mehr Zeit lassen könnten? Kurzum: Brauchen wir eine Care Revolution?

„Care Revolution ist eine politische Transformationsstrategie, die anknüpfend an die Erkenntnisse feministischer Politik die grundlegende Bedeutung der Sorgearbeit ins Zentrum stellt und darauf abzielt, das gesellschaftliche Zusammenleben ausgehend von menschlichen Bedürfnissen zu gestalten.“ So bringt die Soziologin Gabriele Winker die feministische Forderung in ihrem Buch „Care Revolution“ auf den Punkt . Schluss damit, „Care-Arbeit weiterhin insbesondere Frauen in Familien aufzubürden, ohne dass ihnen die hierfür nötigen zeitlichen und materiellen Ressourcen zur Verfügung stehen.“ Schluss damit, dass Frauen wie ich und Männer wie mein Mann den größten Teil der Reproduktionsarbeit an Menschen weiterreichen (müssen), die unterbezahlt sind.

So weit, so nachvollziehbar – doch sind diese Forderungen auch unter Feministinnen nicht unumstritten. Speziell der Ruf nach bezahlter Hausarbeit ist umkämpft. Seit Jahrzehnten wird hierzulande die Einführung eines Erziehungsgeldes diskutiert, von Gegnern verächtlich „Herdprämie“ genannt: Frauen würden durch eine solche Maßnahme in den Privatraum zurückgedrängt. Zudem zeige sich, dass in skandinavischen Ländern, in denen ein Erziehungsgeld gezahlt wird, vor allem einkommensschwache Familien mit Mitgrationshintergrund das Geld in Anspruch nähmen. Was bedeutet, dass ausgerechnet jene Kinder, die Nutznießer öffentlicher Bildungseinrichtungen sein sollten, diesen fernbleiben. Zu guter Letzt: So zentral Care für das Gelingen von Gesellschaft ist, Produktion und Innovation sind es auch, ganz abgesehen davon, dass Wettbewerb genau so ein menschliches Bedürfnis ist wie Kümmern. Eingedenk all dieser Einwände aber ist klar: Eine Gesellschaft, die der Sphäre der Reproduktion nicht einen ebenso großen Wert beimisst wie der Produktion, ist nicht nur ungerecht. Sie verspielt ihre Zukunft. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 4 / 2019