Autorität in Zeiten von Corona

Foto: CDC (Unsplash)


Krisenzeiten schärfen die Wahrnehmung. Etwa darauf, was wirklich „systemrelevante“ Berufe sind. Aber auch, wie Autorität funktioniert, lässt sich in Zeiten von Corona klarer beobachten. Ein Denkanstoß von Catherine Newmark.


Alle Menschen haben ein Bedürfnis nach Autorität. Wir können gar nicht anders, als anderen Vertrauen schenken und Verantwortung und Macht abgeben. Niemand kann alles alleine, und jeder braucht Orientierung. In den letzten Jahren waren indes erstaunlich viele Bürgerinnen demokratischer Staaten bereit, sich mit diesem Bedürfnis den lauten Inszenierungen von Führungsstärke von Populisten zuzuwenden. Inklusive des miteingekauften Zweifels an demokratischen Institutionen und vor allem an der Autorität wissenschaftlicher Erkenntnis (man denke nur an Impfgegner und Klimawandelleugner). Zweifel, die leider nicht am rechten Rand verblieben sind, sondern sich schon recht weit in die Mitte der Gesellschaft hineingewuselt haben.

In der aktuellen Corona-Krise, die ihrem Wesen nach etwas mit Wissenschaft zu tun hat, insofern sie sich im Kern um ein unsichtbares, nur mit moderner medizinischer Wissenschaft akkurat beschreibbares Virus dreht, scheint dagegen die Autorität der Wissenschaft wieder Aufschwung zu bekommen: in Zeiten der allgemeinen Verunsicherung über das medizinisch Gebotene stehen Wissenschaftler als Experten wieder höher im Kurs denn seit langem.


Der nüchterne wissenschaftliche Blick auf die Gefahren des Virus ist tausendmal beruhigender als jede martialische politische Ansage


 

Leute wie der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité, dessen Corona-Podcast im NDR sehr schnell äußerst populär geworden ist. Drosten führt täglich vor, wie gute wissenschaftliche Autorität sich anhört und anfühlt: sie ist leise, nachdenklich, sie äußert Zweifel am eigenen Wissen, sie betont stets, was sie alles nicht weiß, sie verweigert sich den schnellen und einfachen Antworten. Und es ist genau diese Betonung der eigenen Grenzen, die diese Art der Autorität glaubwürdig macht. Der nüchterne wissenschaftliche Blick auf die Gefahren des Virus ist tausendmal beruhigender als jede martialische politische Ansage. Eine positive Autorität strahlt diesbezüglich in diesen Tagen auch Bundeskanzlerin Angela Merkel aus, mit ihrem Appell an den Gemeinsinn und ihrer Vermeidung jeglicher autoritärer Rhetorik.

Das ist beruhigend, denn gerade in Zeiten des Ausnahmezustandes wird es sehr darauf ankommen, die Demokratie vor populistischen Tendenzen und Politikern mit autoritären Anwandlungen und Starker-Mann-Komplexen zu schützen. Und dazu wird es wichtig sein, dass wir uns – mit Christian Drosten und anderen Experten – daran gewöhnen, uns wieder an leiseren, klügeren, besser fundierten Autoritäten zu orientieren. •

Erstveröffentlicht am 28.03.2020


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