Augustinus und die Zeit

Was ist Zeit? Zu spät! Denn sobald man sich die Frage stellt, weiß man es nicht mehr. Es scheint eine Eigenart der Zeit zu sein, uns durch die Finger zu gleiten, sich nicht fassen zu lassen, im Leben wie im Denken. Diesen unergründlichen Charakter der Zeit stellt Augustinus schon im 4. Jahrhundert heraus und umreißt damit eine grundlegende Frage.

Von Étienne Klein. Illustration von Dorian Jude


Das Wort Zeit ist wohl einer der geläufigsten Begriffe, dennoch erklärt es in keiner Weise die Realität, die es bezeichnet. Je intensiver man sich damit beschäftigt, umso weniger gibt es das Bezeichnete preis. Während es keinerlei Schwierigkeiten bereitet, wenn der Begriff in einem gewöhnlichen Satz vorkommt, wird es sehr verwirrend, sobald man ihn für sich zu betrachten versucht. Handelt es sich bei der Zeit um eine besondere Substanz? Existiert sie an sich? Ist sie nicht im Gegenteil lediglich eine sekundäre Entität, die aus der Beziehung zwischen Ereignissen hervorgeht? Hängt sie von uns ab? Jede einzelne dieser Fragen reicht aus, um einem den Kopf schwirren zu lassen …

Augustinus ist der Erste, der dieses Gefühl der Verwirrung angesichts der Zeit zum Ausdruck bringt. Denn trotz des Bewusstseins, das wir von ihr haben, bleibt sie abstrakt und lässt sich nicht fassen: „Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es; wenn ich es jemandem auf seine Frage hin erklären will, weiß ich es nicht.“ Wenn es um die Zeit geht, scheint der Verstand zu kapitulieren: Er begreift sie sowohl als das, was vergeht, als auch als unveränderliche Hülle jeglicher Chronologie, als Raum ebenso wie als Gegenteil von Raum, als Bewegung ebenso wie auch als Gegenteil von Bewegung (das Unbewegliche, Ewige), als rein physisches Wesen ebenso wie als ein Produkt des Bewusstseins.

Mit seinen kritischen Überlegungen war Augustinus ein Vorreiter, dem es gelang, Fragestellungen zu entwickeln, von denen einige noch heute aktuell sind; und zwar sogar noch, nachdem Galilei, Newton, Einstein und andere die Art, wie wir die Beziehungen der Zeit zu Raum, Bewegung und Veränderung verstehen, grundlegend verändert haben. Augustinus war der Erste, der bemerkte, dass unser Verständnis von Zeit unter der missbräuchlichen Verwendung von Sprache leidet: „Wir drücken uns ohnehin selten genau aus. Vieles sagen wir ungenau.“ Man kann ihm nur recht geben. Das Wort Zeit wird benutzt, um einfach alles zu bezeichnen: die zeitliche Aufeinanderfolge ebenso wie Gleichzeitigkeit, Dauer, Veränderung, Zukunft, Dringlichkeit, Warten, Abnutzung, Schnelligkeit, Altern sowie die Erdumdrehungen, die Spuren in unserem Gesicht hinterlassen und sogar Einfluss auf Geld oder Tod haben … Eine semantische Entschlackung ist also notwendig: Paul Valéry nannte dies „die Reinigung der sprachlichen Situation“.

Trügerische Verkürzung

Ein Beispiel: Wenn wir heutzutage feststellen, dass sich alles beschleunigt, schreien wir: „Die Zeit vergeht immer schneller!“ Als ob die Zeit unsere Hektik annähme und vor allem, als ob die Zeit eine Schnelligkeit oder gar Beschleunigung erfahren könnte. Nun drückt Schnelligkeit die Art und Weise aus, mit der eine gewisse Größe variiert – und zwar im Verlaufe der Zeit! Beispielsweise entspricht die Schnelligkeit eines Autos seiner zurückgelegten Wegstrecke im Raum im Verhältnis zur Dauer dieser Bewegung. Doch wie soll man dann die Geschwindigkeit der Zeit definieren? Man müsste sagen können, um wie viel sich der Verlauf der Zeit im Verhältnis zum Verlauf der Zeit verschiebt, also im Verhältnis zu sich selbst. Von Schnelligkeit könnte man dann nur tautologisch sprechen, wenn man zum Beispiel sagt, dass die Zeit so schnell ist, dass sie um 24 Stunden vorrückt … und zwar genau alle 24 Stunden. Das bringt uns nicht wirklich weiter.

Die Behauptung, dass sich die Schnelligkeit der Zeit erhöht, ist eine trügerische Verkürzung mit weitreichenden Folgen, die unsere psychische Beziehung zur Gegenwart schleichend verändert: Wir haben ständig das Gefühl, zu spät zu kommen im Hinblick auf irgendeinen Rhythmus, den die heutige Welt angeblich hat.

Die Ewigkeit des Gottesreiches


410 wird Rom durch die Goten unter der Führung Alarichs geplündert. Dieses Ereignis markiert den Untergang einer ganzen Kultur. Zwar hat sich das Machtzentrum von Rom als der einstigen „Hauptstadt der Welt“ (caput mundi) schon zuvor nach Konstantinopel verlagert. Doch die Zerstörung der Stadt symbolisiert das Ende einer Welt, das von allen römischen Bürgern als Trauma erlebt wurde – allen voran von Augustinus.

Die Christen, deren Religion seit 30 Jahren Staatsreligion des Reiches ist, werden für die Katastrophe verantwortlich gemacht und beschuldigt, die Rache der Götter heraufbeschworen zu haben. Von Hippo aus, einer Stadt im von Rom beherrschten Teil Afrikas, wo Augustinus Bischof ist, bemüht dieser sich, dem Leid der Gegenwart einen Sinn zu geben. Dabei stellt er der gepeinig
ten Zeitlichkeit der Welt die Ewigkeit des Reiches Gottes gegenüber. Ob man nun Gläubiger oder Atheist ist: Augustinus’ Überlegungen über die Relativität der menschlichen Zeit haben nichts von ihrer Aktualität verloren.

In seiner Predigt „De excidio urbis Romae“, die er kurz nach der Katastrophe hält, ruft Augustinus seine Gemeinde auf, nicht an der Gegenwart zu verzweifeln. Denn wer vermag den Willen Gottes zu verstehen? Auch wenn uns der Sinn des fatalen Ereignisses verborgen bleibe, so zeige es dennoch, dass in dieser Welt, wo der Mensch auf Sand gebaut hat, Flüchtigkeit ein Charakteristikum der Zeit ist. Wenn Sodom, die in der Genesis beschriebene Stadt der Unzucht, vom göttlichen Zorn dem Erdboden gleichgemacht wurde, so ist Rom eher verschont geblieben. Und letztlich sieht Augustinus im Leid der Gegenwart eine gerechte Strafe, die den Entkommenen die Möglichkeit gibt, sich in Zukunft zu bessern …

Vor allem aber stellt Augustinus der Zerstörung Roms die Perspektive gegenüber, dass eine andere, ewige Stadt kommen wird – der Staat Gottes. In dem Werk „Vom Gottesstaat“, das 22 Bücher umfasst, entwickelt der Bischof von Hippo die Unterscheidung zwischen dem irdischen Staat der Menschen und dem Gottesstaat im Himmel. Keineswegs stellt er dabei Diesseits und Jenseits gegenüber, sondern er zeigt, dass das Göttliche dem Leben der Sterblichen innewohnt, wenn sie nur an das ewige Leben der Seele und an die Auferstehung des Leibes glauben. Wir sind auf dieser Erde nur kurz zu Gast und die Jahrhunderte sind nichts im Vergleich zur Ewigkeit.

„Die Welt ist alt geworden und wird weiterhin von Übeln geplagt“, schreibt der Philosoph. Dieser sich ständig wiederholende Untergang von Welten, die der Mensch errichtet hat, bildet einen zentralen Aspekt, der Augustinus’ Denken auch heute noch aktuell macht.

Von Mathilde Lequin

 

In seinen „Bekenntnissen“ kommt Augustinus zu dem Schluss, dass die Paradoxa der Zeit vor allem den Status der Gegenwart betreffen. Wir können behaupten, dass die Gegenwart vorübergeht, da sie niemals ganz genau dieselbe ist, doch ebenso können wir behaupten, dass sie nicht vorübergeht, da wir, sobald wir einen Moment der Gegenwart hinter uns lassen, gleich wieder dem nächsten begegnen. Die Gegenwart hat also die Eigenheit, ewig und zugleich nur ein Augenblick zu sein, immer da und stets schon im Verschwinden begriffen. Da sie nur geschieht, indem sie zu existieren aufhört, zeigt sie sich nur in negierter Form.

Wir sagen von der Zeit, dass sie vergeht. Aber vergeht sie von selbst? Oder handelt es sich nicht um einen Eindruck, der lediglich uns selbst entspringt? Um das zu verstehen, müsste man den „Motor der Zeit“ genauer charakterisieren: Was ist das für eine geheimnisvolle Kraft, die bewirkt, dass sobald ein Moment der Gegenwart da ist, ein anderer Moment der Gegenwart auftaucht und so weiter? Ist dieser Motor der Zeit physisch und objektiv oder intrinsisch an uns als bewusste Subjekte gebunden?

Diese Frage hat die Philosophie in gegensätzliche Systeme gespalten. Für die einen (Aristoteles, Leibniz …) muss die Zeit als einfache Ordnung von vorher und nachher gedacht werden, ohne dass es einen Bezug zum Subjekt oder zur Subjektivität gäbe. Das Einzige, was existiert, sind zeitliche Beziehungen zwischen Ereignissen. Die Zeit ist eine Ordnung, die objektive und endgültige chronologische Abfolgen entwickelt. Für die anderen (Augustinus, Bergson, Husserl …) ist die Zeit keine Ordnung, sondern ein

Verlauf, dessen Dynamik nur beschrieben und gedacht werden kann, wenn man die Anwesenheit eines Subjekts hinzudenkt: „In dir, mein Geist, messe ich die Zeiten“, schreibt Augustinus, der Zeit als bloße Ausdehnung der Seele versteht.

Was sagen die Physiker über den „Motor der Zeit“? Manche antworten, dass die Zeit ihr eigener Motor ist, das heißt, dass es keinen Motor gibt, das heißt, dass die Zeit selbst lediglich eine Illusion ist. Andere erklären, dass die Zeit ihre unaufhörliche Bewegung nicht sich selbst verdankt, sondern einer Art Infrawelt, die auf einer winzigen Skala existiert und von der sie eine Eigenschaft sein soll. Wiederum andere denken, dass der Motor der Zeit einfach wir Menschen sind als Beobachter, die mit einem Bewusstsein ausgestattet sind.

Um Letzteres zu verstehen, stellen wir uns vor, wir seien in einem Zug und schauten aus dem Fenster. Wir sehen die Landschaft, die vorüberzieht, und sagen uns: „Da zieht die Landschaft vorbei.“ In Wahrheit ist es unsere Bewegung, genauer noch die Bewegung des Zuges, die den trügerischen Eindruck schafft, die Landschaft ziehe vorbei. Jene Physiker, die glauben, dass wir der Motor der Zeit sind, stellen sich vor, dass dasselbe mit der Raumzeit geschieht: Sie ist wie die Landschaft, die der Zug durchquert: Sie wäre einfach da, statisch, ohne eigene Zeitlichkeit. Und es wäre unsere Bewegung in der Raumzeit, die in uns das Gefühl schafft, dass die Zeit vergeht. Wer an diese Konzeption des Blockuniversums glaubt, ist davon überzeugt, dass alle Ereignisse, ob sie vergangen, gegenwärtig oder zukünftig sind, in der Raumzeit koexistieren, dass sie dort genau dieselbe Wirklichkeit haben, ebenso wie verschiedene Städte Deutschlands im Raum koexistieren.

Während ich in Berlin bin, existieren Münster und Freiburg genauso wie die Hauptstadt, der einzige Unterschied zwischen diesen drei Städten ist, dass ich in Berlin anwesend bin, während dies bei Münster und Freiburg nicht der Fall ist. Ebenso existiert, nach dem Verständnis des Blockuniversums, alles, was einmal existiert hat, noch immer in der Raumzeit und auch alles, was in der Zukunft existieren wird, existiert bereits. Die sogenannten Ereignisse der Gegenwart sind genau wie die anderen, nur mit dem Unterschied, dass es sich um Ereignisse handelt, die dort geschehen, wo wir in der Raumzeit anwesend sind.


Augustinus zufolge gibt es drei Formen der Zeit, die alle mit der Gegenwart verknüpft sind


 

Doch einige Physiker lehnen diese Konzeption des Blockuniversums ab und glauben, dass nur Ereignisse der Gegenwart real sind. In ihren Augen existiert nur das Jetzt. Dieses Verständnis, demzufolge es keine andere Wirklichkeit gibt als die Gesamtheit dessen, was gegenwärtig passiert, nennt sich Präsentismus.

Wer hat nun recht? Es ist zu früh, um eine Antwort auf diese Frage zu geben. Das Blockuniversum stellt uns vor das Problem, dass es nicht mit der Quantenphysik kompatibel ist, die die Welt der Teilchen beschreibt. Und der Präsentismus passt nicht recht zur allgemeinen Relativitätstheorie, die die Geometrie des Universums analysiert. Nun besteht die heutige Physik zugleich aus allgemeiner Relativitätstheorie und Quantenphysik, zwei Theorien, die nur schlecht miteinander vereinbar sind, weil der Status ihrer jeweiligen Raumzeit inkompatibel ist: In der Quantenphysik ist diese statisch und starr, während sie in der allgemeinen Relativitätstheorie flexibel und dynamisch ist.

Ich möchte nicht anachronistisch wirken, doch Augustinus scheint eine Art Synthese zwischen Blockuniversum und Präsentismus vorzuschlagen: Ihm zufolge gibt es drei Formen der Zeit, die alle mit der Gegenwart verknüpft sind: die Gegenwart der Vergangenheit (die Erinnerung), die Gegenwart der Gegenwart (die aktuelle Aufmerksamkeit) und die Gegenwart der Zukunft (die Erwartung) und nur Gott kann die Geschichte in ihrer Gesamtheit wahrnehmen beziehungsweise das Blockuniversum sehen …

Hängt die Zeit vom Menschen ab?

Es gibt allerdings einen Fakt, der eine Schwierigkeit für all jene Thesen darstellt, die das Verstreichen der Zeit vom Bewusstsein des Subjekts abhängig machen: Im Lauf des 20. Jahrhunderts konnte die Wissenschaft feststellen, dass das Universum ein Alter von mindestens 13,7 Milliarden Jahren hat, dass die Entstehung der Erde vor 4,45 Milliarden Jahren erfolgte, das Leben auf ihr vor 3,5 Milliarden Jahren entstand und der Mensch erst vor winzigen 2 Millionen Jahren zum ersten Mal auftrat. Diese Zahlen sagen klar: Es gab unzählige Ereignisse, von denen kein einziges menschliches Bewusstsein Zeuge sein konnte. Das Universum hat die meiste Zeit auf uns verzichten können.

Sobald man diese Daten mit den Theorien konfrontiert, die davon ausgehen, dass die Zeit vom Subjekt abhänge, taucht ein Problem auf: Wenn die Zeit uns unbedingt braucht, um vergehen zu können, wie erklären wir dann, dass sich das Universum über 13,7 Milliarden Jahre entwickeln konnte, als wir noch nicht da waren und unser Bewusstsein das Verstreichen der Zeit hervorbringen konnte? Auf dieses Paradox wurde von zahlreichen Autoren zu Recht kritisch hingewiesen, denn wenn man die Zeit auf das Subjekt beschränkt, wenn man der Zeit nur eine subjektive Realität zuerkennt, bedeutet das nicht, sich der Möglichkeit zu berauben, das Auftauchen des Subjekts in der Zeit zu erklären?

Dennoch bleibt zu fragen, warum für jeden von uns jeder Moment der Gegenwart einzigartig ist. Kann die Physik, die bislang davon ausgeht, dass alle Momente gleich sind, dieses Problem alleine lösen? Das würde voraussetzen, dass sie es schafft, unsere gesamte Erfahrung der Zeit in ausschließlich physikalischen Begriffen zu erklären. Doch wenn der Verlauf der Zeit im Gegenteil von unserer Subjektivität und unserem Bewusstsein abhängt, an welche andere Wissenschaft könnte sie sich wenden? An die Kognitionswissenschaften? An die Neurowissenschaften? Ganz offensichtlich ist die Wissenschaft mit den Fragen des Augustinus noch lange nicht fertig. •

Aus dem Französischen von Grit Fröhlich


Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 2 / 2015