„Auf einmal sind wir nicht mehr die Gejagten“

Bild: © Maria Sturm


Vielleicht erinnert uns die Epidemie daran, dass die Welt letztlich unverfügbar ist, dass wir sie nie ganz beherrschen können, wenn wir keine Monster erschaffen wollen? Das meint der Soziologe Hartmut Rosa, mit dem wir sprachen, während er sich selbst in Quarantäne befand.

Das Gespräch führte Alexandre Lacroix / Übersetzung von Grit Fröhlich


Als Kritiker der Beschleunigung sehen Sie die Covid-19-Epidemie als Entschleunigung?

Hartmut Rosa: Auf jeden Fall. Im Gegensatz zu anderen Entschleunigungen in den letzten Jahren – wie die Finanzkrise von 2008 oder auch 2010 der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjöll, der den Flugzeugverkehr zeitweilig lahmlegte – sind es dieses Mal die Entscheider verschiedener Institutionen, die die Entschleunigung selbst angeordnet haben, als Vorsichtsmaßnahme. Im Falle des Vulkanausbruchs könnte man sagen, dass die Aussetzung der Flüge ebenfalls eine präventive Maßnahme darstellte, doch wir waren tatsächlich nahe an einer technischen Unmöglichkeit und außerdem war der Einfluss auf das globale Wachstum vernachlässigbar. Was den Börsencrash von 2008 angeht, so geschah dieser völlig unbeabsichtigt. Dieses Mal ist der Grund eine wahrgenommene, aber diffuse Bedrohung, so dass sowohl die öffentlichen als auch die privaten Akteure auf ihre Reisen und ihre Veranstaltungen verzichten, und das ist interessant. Mit dem Ergebnis, dass viele Menschen plötzlich unerwartet Freizeit haben, entweder, weil eine Reise oder Veranstaltung ausgefallen ist oder weil sie sich in Quarantäne oder in einer abgesperrten roten Zone befinden. Ich staune noch immer, dass innerhalb so kurzer Zeit in einem so großen geografischem Ausmaß so viele Prozesse ausgesetzt wurden. Es gibt eine gewaltige wirtschaftliche und soziale Verlangsamung, doch diese ist verbunden mit einer physischen Verlangsamung, die körperlich spürbar ist.

Sie sind persönlich betroffen, da Sie gerade jetzt, wo wir am Telefon diskutieren, selbst in Quarantäne sind.

HR: Ja, ich habe eine Art Grippe und mir wurde verboten, das Haus zu verlassen, ehe ich nicht das Ergebnis meines COVID-19-Tests habe, das heute Nachmittag kommen sollte. Ich musste leider auf eine Reise nach Los Angeles verzichten, wo ich an der University of California einen Preis in Empfang nehmen und zwei Vorträeg halten sollte. Wenn mein Test positiv ist, was ich nicht hoffe, dürfte ich meine Wohnung für mindestens vierzehn Tage nicht verlassen. Das kommt mir vor wie eine Art Geschenk, die Aussicht auf diese freie Zeit! Doch ich bin gespalten. Einerseits habe ich, um es mit Pierre Bourdieu zu sagen, den Habitus eines aktiven Mannes, ich will so schnell wie möglich losrennen; außerdem habe ich das Gefühl, ich müsste diese freie Zeit nutzen, sie ausfüllen. Stellen Sie sich vor, ich habe sogar eine Liste gemacht mit allem, was ich endlich tun könnte in diesen zwei Wochen erzwungenem Rückzugs! Andererseits sind die technischen Verlockungen heutzutage ständig präsent, es besteht die Gefahr der Zerstreuung, wenn ich den ganzen Tag Netflix schaue und die sozialen Medien lese. Ich bin auch in Versuchung, ständig die Informationen zu verfolgen – die mediale Berichterstattung über das Fortschreiten der Epidemie in Echtzeit füllt gerade symptomatisch die Leere aus. Insgesamt habe ich den Eindruck, das soziokulturelle Leben spaltet sich gerade in ein physisch entschleunigtes ‚realweltliches‘ und ein hyperventilierendes digitales Leben.

Auch wenn jeder Tod dramatisch ist, so ist doch die Bilanz der Epidemie mit 4000 Toten bis heute relativ klein. Im Vergleich dazu gibt es jedes Jahr weltweit ca. 1,2 Millionen Tote durch Autounfälle, durch Zigaretten sterben 8 Millionen, ohne dass wir dagegen aktiv werden. Wie erklärt sich, dass 4000 Tote einen so großen Einfluss auf die chinesische Wirtschaft und die weltweiten Aktivitäten haben, ist das irrational?

HR: Das ist der Punkt, den ich bei dem aktuellen Phänomen am interessantesten finde. Wir wissen alle, dass das Fortschreiten des Klimawandels, dass unser Wettstreit nach unbegrenztem Wachstum nicht nachhaltig ist, dass wir auf Katastrophen zusteuern und doch, trotz dieser Einsicht, waren wir nicht in der Lage, den geringsten Kurswechsel auf kollektiver Ebene vorzunehmen, die kleinste Veränderung an unserer Lebensweise einzuführen. Und nun entdecken wir plötzlich, dass es beinahe einfach ist, alles zu drosseln, dass die Emission von Treibhausgasen von heute auf morgen in China um 30-40% gesunken ist – was man strukturell für ausgeschlossen hielt. Warum kann ein so schwacher Grund so riesige Auswirkungen haben? Ich glaube, es hängt mit der These zusammen, die ich in meinem Buch Unverfügbarkeit entwickelt habe. Greifen wir mal Ihre Beispiele auf: Im Falle von Tabak oder dem Auto befinde ich mich in einer Lage, in der ich die Kontrolle habe, oder zumindest glaube, selbstwirksam auf mein Schicksal einwirken zu können. Da liegen die Zigaretten, sie sind für mich verfügbar, ich bin es, der entscheidet, ob ich rauche oder nicht. Ebenso entscheide ich, ob ich ein Auto kaufe und mich damit fortbewege. Ich bleibe also in der typisch modernen Logik, eine unbegrenzte Herrschaft über die Welt auszuüben. Wenn ich krank werde oder einen Unfall habe, so sind das Risiken, die ich wissentlich in Kauf genommen habe.


In einer Welt, die auf Wachstum beruht, können wir nicht langsamer werden, ohne das Gleichgewicht zu verlieren


 

Doch im Fall von Covid-19 ist eine solche Beherrschung ausgeschlossen. Das Virus ist im höchsten Maße unverfügbar. Wir ertragen es nicht, dass wir unfähig sind, die Folgen der Ereignisse vorherzusagen, dass wir nicht über ein Gegenmittel verfügen. Das erklärt diese sinnlose Welle von Bemühungen, die Kontrolle wieder zu erlangen. Wir können die Krankheit weder sehen noch hören. Wir wissen nicht, ob dieses junge Mädchen, das gerade neben uns auf der Straße gehustet hat, Überträgerin des Virus ist; vielleicht weiß sie es selbst nicht. Der Virus ist vielleicht in meinem Körper, ohne dass ich es bemerke. Diese Ohnmacht macht uns verrückt. Die Covid-19-Epidemie bestätigt meine Überzeugung, dass das Risiko besteht, dass in unseren Gesellschaften das Unverfügbare als Monster zurückkehrt: Als das Unheimliche, das wir technisch nicht in den Griff kriegen, politisch nicht zu steuern vermögen, wissenschaftlich noch nicht einmal wirklich erkannt haben, und dem wir persönlich erst Recht machtlos gegenüberstehen: Wir können es mit unserem Sinnesapparat noch nicht einmal wahrnehmen.

Läuft man Gefahr, in eine gewisse Schadenfreude über die Vollbremsung der globalen Wirtschaft zu verfallen, wenn man eine ökologische oder antikapitalistische Einstellung hat?

HR: Nein, denn das Problem ist, dass unsere modernen Gesellschaften in ihren gegenwärtigen Verfassungen sich nur mithilfe von Dynamik stabilisieren können. Mit anderen Worten: In einer Welt, die auf Wachstum beruht, können wir nicht langsamer werden, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Wenn ein Fahrrad einfach anhält, fällt es um. Eine Verschlimmerung der Epidemie würde Firmenpleiten zur Folge haben, ein Anwachsen der Arbeitslosigkeit, vielleicht Knappheit sowie die Unterbrechung von Lieferketten und mit dem Börsencrash, der gerade durch die von Saudi Arabien beschlossene drastische Senkung des Ölpreises ausgelöst wurde, sehe ich sogar, wie sich schwarze Rezessionsszenarien abzeichnen, auf die eine gesellschaftliche und politische Krise folgt, abgesehen davon, dass die Mehrzahl der Gesundheitssysteme ernsthaft in Mitleidenschaft gezogen werden… Der Rückgang der weltweiten Wirtschaft 2020 ist vielleicht eine gute Nachricht für die Natur, doch ich kann mir schlecht vorstellen, wer sonst davon profitieren sollte. Außerdem ist es wenig wahrscheinlich, dass aus einer Epidemie wie dieser eine grundlegendere Reform unserer Institutionen und unserer wirtschaftlichen Funktionsweise, unserer Lebensform entsteht. Darum ist es keine gute Idee, an diesem Phänomen Gefallen zu finden.

Die Quarantäne ist also nicht die Gelegenheit für Resonanzerfahrungen?

HR: In Resonanz zu sein, heißt meiner Meinung nach, eine wechselseitige Beziehung mit der Welt und den anderen zu haben; Sie hören, dass Ihre Stimme in die Welt führt und dass jene Ihnen antwortet. Doch mir scheint, dass eine Epidemie wie diese unsere Resonanzachsen angreift. Man kommt in einen öffentlichen Raum, einen Bahnhof, und fragt sich, ob das Virus da ist, in der Luft. Die Luft umhüllt die Erde und ist unabdingbar für die Erhaltung der menschlichen Welt, doch nun ist sie vergiftet. Genauso dieser Türgriff, dieser Tisch im Restaurant. Die Furcht vor der Ansteckung bedroht direkt unsere „ontologische Sicherheit“, um einen Begriff von Anthony Giddens aufzugreifen. Schlimmer noch, wir trauen uns nicht mehr, uns die Hand zu geben, nicht mehr die Menschen zu umarmen, die wir lieben, erotische Abenteuer zu haben. Beziehungen werden suspekt. Vielleicht wird sich dadurch in manchen Gruppen der Gemeinschaftssinn festigen? Ich bezweifle es und sehe vielmehr, wie sich eine wachsende Entfremdung abzeichnet.

Sie meinen also, dass die Covid-19-Epidemie eine Entschleunigung, allerdings ohne Resonanzerfahrung ist?

HR: Ja, genau, diese Gefahr besteht auf jeden Fall. Andererseits bin ich versucht, wieder einmal den guten alten Hölderlin zu bemühen: Wo die Gefahr ist, wächst das Rettende vielleicht auch: Dass die Gesellschaft derzeit so gewaltige Bremsen an das Hamsterrad anlegt, führt für viele Menschen derzeit zu einer radikalen Verkürzung der zeitlichen und der räumlichen Weltreichweite: Der räumliche Horizont beschränkt sich auf den Umkreis der Wohnung, zeitlich denken wir nur noch für ein paar Tage voraus, denn wer weiß schon, was in zwei Wochen sein wird? Das aber ändert die Art und Weise unserer Weltbeziehung: Auf einmal sind wir nicht mehr die Gejagten, wir kommen aus dem Alltagsbewältigungsverzweiflungsmodus, aus der Aggressionshaltung gegenüber der Welt und dem Alltag heraus. Wir haben Zeit. Wir können plötzlich hören und wahrnehmen, was um uns herum geschieht: Vielleicht hören wir wirklich die Vögel und sehen die Blumen und grüßen die Nachbarn. Hören und Antworten (statt beherrschen und kontrollieren): Das ist der Beginn eines Resonanzverhältnisses, und daraus, genau daraus kann Neues entstehen. Da ereignet sich Natalität, Neugeburtlichkeit, im Sinne von Hannah Arendt. Vielleicht erleben wir also einen Moment kollektiver Natalität: In dieser Krisenphase transformiert sich die Form, der Modus unserer Weltbeziehung. Das wäre die optimistische Variante – wir sollten ihr eine Chance geben! •

Erstveröffentlicht am 18.03.2020


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