Asozial, autonom, autark!

Bild: © CC-by 2.0 Scott Air Force Space

Gegen Quoten und andere Gerechtigkeitsbestrebungen: Was wahre Elite auszeichnet und warum die restlichen 99 Prozent ohne sie verloren wären. Ein Plädoyer.

Von Wolfram Eilenberger



Lassen Sie mich ganz ungeschützt sprechen: Menschen sind nicht gleich! Jedenfalls nicht, was ihre Fähigkeiten und Motivationen, ihre Handlungsziele und ihre innere Festigkeit betrifft. So gibt es insbesondere stets einen schmalen Prozentsatz von Individuen, die aus ihrer jeweiligen Handlungsgemeinschaft weit und nicht selten störend herausragen. Was diese Individuen herausragen lässt, sind ihre besonderen Talente und Sehnsüchte. Was sie zu sozialen Störenfrieden macht, ist ihr Beharren auf dem Willen zum exzellenten Ausscheren.

Die Wahrheit der Gründer

Diese Individuen – mehr als ein Prozent der Gesamtheit ist es eigentlich nie – lauschen gleichsam ihrer ganz eigenen Daseinsmelodie. Sie folgen höheren Zielen und messen sich selbst an anderen Maßstäben. „Elite“ ist der gängige Begriff für sie, „Gründer“ wäre ein weitaus treffenderer. Denn ihre eigentliche Funktion für das Ganze besteht eben darin: Sie gründen relevante Anfänge – sei es in Form einer Religion, einer Philosophie, einer Technik, eines Unternehmens, eines Stils, eines Systems oder auch nur Standards.Uns allen geläufige Beispiele solcher „GründerInnen“ wären Sokrates und Pep Guardiola, Sophie Scholl und Leonardo da Vinci, Muhammad Ali und Coco Chanel, Shakespeare oder Steve Jobs. Dazu zählen natürlich zudem die (namentlich leider unbekannten) Urindividuen, die einst das Feuer, die Schrift, den Bumerang, das Rad oder den tiefen Teller in die Welt brachten. Und zu ihnen zählt vor allem auch das edle Heer von Alltagshelden, die als Maurer oder Krankenschwester, Berufsschullehrer oder Kommissarin Tag für Tag eben jene Exzellenzstandards verkörpern und damit wahren, die von ihren geschätzten KollegInnen – sei es aus Faulheit, Zynismus oder Selbstsucht – allzu regelmäßig unterlaufen werden.

Eigenschaften der Exzellenz

Wer nun fragt, wodurch sich diese „Gründer“ oder eben „Wahrer“ besonders auszeichnen und damit identifizieren lassen, dem wären insbesondere drei Eigenschaften zu nennen:

Erstens: Gründer sehen das Ziel ihres Wirkens in nichts anderem als dem Werk, das dieses Wirken hervorbringt. Sie arbeiten nicht für „andere“ oder „anderes“. Sie arbeiten insbesondere nicht des Geldes wegen. Und auch nicht für das soziale Äquivalent von Geld, nämlich Anerkennung. Diese Individuen sind also im denkbar produktivsten Sinne asozial und damit unbestechlich.

Zweitens: Gründer lieben Exzellenz um ihrer selbst willen – als markantesten Ausweis dessen, was Menschen möglich ist. Man könnte auch sagen, diese Menschen haben eine besondere Achtung vor der Menschheit, als dessen paradigmatische Verkörperung sie sich selbst erkennen wollen. Diese Individuen sind also im denkbar produktivsten Sinne selbstachtend und autonom.

Drittens: Gründer sind frustrationsresistent und erfolgsimmun zugleich, denn sie haben eine scharfe Wahrnehmung für den vor allem sozialen Abgrund, der die Leistung vom Erfolg trennt. Der Maßstab ihres Erfolges ist mit anderen Worten keiner, den sie in die Hände der „viel zu vielen“ legen würden. Wenn sie scheitern, dann vorrangig an sich. Diese Individuen sind also im denkbar produktivsten Sinne gefestigt und autark.


Der Manager ist die zum Beruf gewordene Verkörperung einer Form systemdominanter Mittelmäßigkeit


 
Erzwungene Abstumpfung

Die Schriftstellerin und Philosophin Ayn Rand spekulierte in ihrem Roman „Der Streik“ (Orig. „Atlas Shrugged“, 1957), was wohl die Folge wäre, würden diese Individuen von heute auf morgen einfach ihre Arbeit einstellen. Die durchaus einsichtige Moral ihres Gedankenexperiments lautet dabei: Ohne dieses eine Prozent läuft gesellschaftlich in Wahrheit gar nichts. Jedenfalls nicht richtig. Ohne sie geht nichts wirklich weiter, nichts voran. Ohne sie erführe sich der gemeine Rest letztlich als ebenso arbeits- wie orientierungslos.

Die 99 Prozent wissen dies im Herzen auch. Doch heißt unter uns Menschen „erkennen“ eben noch lange nicht: „anerkennen“. Zumal ein wahrer Gründer aus Sicht mancher und leider oft auch machtversessener „viel zu vieler“ vor allem eines ist: eine offenbare Kränkung ihres eigenen, schwachen Selbst! Schließlich lebt der Gründer ihnen offen und kompromisslos eben jene Werte und Vermögen vor, die sie zwar ebenfalls als erstrebenswert anerkennen, ohne sie aber selbst tätig einzulösen.

Was tun? Getrieben vom Ressentiment wendet sich ein organisiertes Heer des Mittelmaßes gegen die Hände, die ihnen eigentlich hilfreich sind. Anstatt die Gründer zu preisen, werden sie in der Regel von Kindesbeinen an schikaniert, sanktioniert und nicht selten auch ausgestoßen und geächtet. Anstatt diese Individuen beispielhaft gedeihen und wirken zu lassen, werden sie im Namen einer mehrheitsorientierten Gerechtigkeit institutionell eingehegt, gebremst und in abstumpfende Handlungskontexte gezwungen (gängige Formen: Quoten, Komitees, Meetings, Konsenszwang).

Für alle!

Es ist dabei die große Verstellung unserer Zeit, unter dem Scheinbanner einer „Exzellenz für alle“ faktisch einer Bildungslogik zu folgen, die sich letztlich eben jenen ressentimentgeladenen Nivellierungsbestrebungen verpflichtet sieht. Das gilt derzeit selbst, ja paradoxerweise vor allem für Kontexte, die sich eigentlich als Orte des „freien Wettbewerbs“ verstehen. Schließlich sind die bestbezahlten Jobs in unserer Gesellschaft mittlerweile solche, in denen es gerade nicht darum geht, Neues zu gründen, sondern Bestehendes gewinnbringend zu verwalten. Der (Fonds-) Manager ist die zum Beruf gewordene Verkörperung dieser Form systemdominanter Mittelmäßigkeit. Das letztlich artverwandte Streben nach Prominenz geradezu der Tatbeweis, als Individuum keine selbsttragenden Ziele zu verfolgen.

Als die Occupy-Bewegung 2011 unter dem Slogan „Wir sind die 99 Prozent“ einen Park nahe der Wall Street besetzte, um gegen diese gesamtgesellschaftliche Unwucht zu protestieren, wählte sie also durchaus die richtige Protestadresse. In ihrem ziellos verfranzten Kollektiv aber die falsche Message und vor allem den falschen Prozentsatz. Ein wahrhaft revolutionärer Protest gegen „das System“ nämlich kann heute nur einem Leitspruch folgen: „Wir sind das eine Prozent! Join the crowd!“ •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 6 / 2018