Wo ist das Kind, das ich war?


Während die einen die Infantilisierung der Gesellschaft beklagen, fordern andere eine heilende
Rückkehr zum inneren Kind. Ist der Weg ins Erwachsenenleben notwendig der einer Desillusion
und Selbstentfremdung? Und was könnte das überhaupt heißen: erwachsen sein?

Von Wolfram Eilenberger



Bild: © Trevor Good

Wolfram Eilenberger war von 2011 bis 2017 Chefredakteur des Philosophie Magazins

„Jedes Kind ist ein Künstler. Das Problem ist nur, wie man Künstler bleibt, wenn man größer wird.“ Dieser Satz Pablo Picassos stimmt mehr als nur nachdenklich. Er stimmt vor allem traurig. Erscheint das Erwachsenwerden aus dieser Perspektive doch als ein Prozess unvermeidlicher Kreativitätseinbußen, des Ambitionsverlusts, ja der Selbstentfremdung. Die Frage nach dem Schicksal des Kindes, das jeder von uns einmal war, wird so gleichbedeutend mit der Frage, warum aus dem eigenen Leben letztlich nicht das geworden ist, was man sich einst erträumt hatte. Und tatsächlich: Was würde man als Erwachsener heute nicht geben für den Zauber, die utopische Überschüssigkeit, vor allem aber die selig geborgene Selbstvergessenheit, die jedes Vorschulkind, wenn man es nur lässt, täglich spielend verkörpert! Gerade so, als sei es das Natürlichste der Welt.

Paradise lost

Doch eignet der Frage nach dem inneren Kind, jenseits der mit ihr verknüpften Verlusterfahrungen, auch eine tief erkenntnistheoretische Dimension. Denn allein als Kind vermag man die Realität mutmaßlich noch so zu erfassen, wie sie wirklich ist: unmittelbar, unverstellt, rein. Fern allen kalten Kalkulierens, sozial aufgesetzter Rollenerwartungen und ideologisch getränkter Leitbegriffe. Bis hin zu der tiefsten und rätselhaftesten Erfahrung, zu der Wesen wie wir fähig sind: Die Rede ist von dem tiefen Staunen darüber, dass überhaupt etwas ist – und nicht vielmehr nichts. Von der spontanen Dankbarkeit, dass es diese Welt schlicht und einfach gibt. Und uns in ihr. Mit anderen Worten also vom Anfang des Philosophierens selbst.

Man denke nur an die tatsächlich unbändige Erregung eines Zweijährigen, der plötzlich, aus heiterem Himmel – wie aus dem Nichts! –, einen Apfel oder einen Luftballon erblickt, um mit ausgestrecktem Zeigefinger sogleich die gesamte Restwelt auf das Wunder dessen schierer Existenz aufmerksam zu machen: „Da! Da!“

Eine elementarere, ursprünglichere Freude am bloßen Sein und Dasein ist nicht vorstellbar. Was wiederum auf die Frage führt: Wo genau blieb diese Begeisterung im Verlauf des Erwachsenwerdens auf der Strecke? Schließlich ist es ja nicht so, als ob das Wunder der schlichten Existenz von allem, was ist, mehrere Jahrzehnte in die eigene Biografie (oder mehrere Jahrtausende in die Philosophiegeschichte) hinein auch nur einen Deut weniger rätselhaft geworden wäre.

Ein Gutteil der religiösen Weisheitslehren wie auch des vormodernen Philosophierens zielt deshalb darauf, diese urkindliche Freude am schlichten Sein im Geiste des Erwachsenen wachzuhalten. Sei es mit dem Ziel ehrfürchtiger Unterwerfung unter religiöse Dogmen oder aber einer alltäglich erfahrenen Dankbarkeit. So ist es auch kein Zufall, dass die zentralen Ursprungserzählungen unserer Kultur letztlich ein und demselben Schema folgen: Auf die Phase der seligen Aufgehobenheit im Sein (dem Paradies, der Fruchtblase) folgt ein irritierendes Stadium fragender Bewusstwerdung (des „Falles“ bzw. Nennen- und Sprechenlernens), das schließlich von einer weitgehend staunensfrei gewordenen Form des Existierens abgelöst wird, die sich dem Wunder der Schöpfung fortan mit mutmaßlich ganz und gar selbst gesteckten Zielen nähert. (Brudermord, Revolte, Raub „des Feuers“). Der Verlauf der gesamten Menschheitsgeschichte wird in diesen Mythen also mit der entwicklungspsychologischen Reifung eines jeden einzelnen Menschen parallelisiert.

Allein als Kind vermag man die Realität mutmaßlich noch so zu erfassen, wie sie wirklich ist: unmittelbar, unverstellt, rein


 
Vorwärts oder zurück?

Diese Engführung von Welt- und Individualgeschichte regt in der Regel zu zwei einander entgegengesetzten Wertungen an. Sie prägen unser Weltempfinden bis heute tief: Nach dem einen Entwicklungsideal gilt es, die Sehnsucht nach dem einst staunenden Kinde produktiv und emanzipierend zu überwinden. Nach dem anderen hingegen, die Ahnung für die paradiesische Güte dieses Zustands der Aufgehobenheit wachzuhalten. Und sei es nur, um ein Gespür dafür zu bewahren, mit welchen Kosten, Gewalttaten und Verlusten der Prozess des Erwachsenwerdens unseres Geschlechts notwendig einherging und -geht. Die erste Linie kann man mit Immanuel Kant oder Ernst Cassirer die progressive oder auch aufklärerische nennen. Aufklärung bedeutet hier schlicht: „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“. Im Sinne eines bewussten und jedem Vernunftwesen möglichen Überwindens des kindlichen Weltzugangs, eines befreienden Auszugs des Menschen aus einem mythisch beschränkten und damit letztlich unfreien Weltverhältnis.

Die zweite Linie stärkt eher romantische und konservative Intuitionen. Wie etwa bei Jean-Jacques Rousseau neigt sie zu einer verklärenden Seligsprechung ursprünglicher Lebensformen in Form des Kindes und des „edlen Wilden“. Oder aber sie beklagt, wie etwa im Werk Martin Heideggers, eine tief greifende „Seinsvergessenheit“ des modernen Denkens und fordert einen heilenden Rückgang zum alles schöpfenden Staunen – und damit auch der lauschenden Ausgesetztheit ans Sein – im Sinne der alten und ältesten Griechen.

Das „innere Kind“ entdecken?

Bereits der schlichte Impuls hinter der Frage, was wohl aus dem Kinde geworden sein mag, das wir alle einst waren, ist deshalb politisch keineswegs unschuldig. Vielmehr verweist er auf ein regressives Bedürfnis nach Urgeborgenheit und Verzauberung, das sich in klarem Gegensatz zu den eigentlichen Leitwerten des sogenannt modernen Lebens beendet. Der Markt für diese Sehnsucht ist übrigens riesig. Tendenz wachsend.

Kritisch hinzufügen wäre in diesem Zusammenhang, dass die zentrale Erfahrung des kindlichen Daseins in Wahrheit keineswegs die einer Verzauberung und Geborgenheit sein dürfte, sondern vielmehr die der machtlosen Geworfenheit und angstbelegten Orientierungsarmut. Kind zu sein, so viel erinnert jeder ehrliche Mensch, das bedeutet: Wesentliches nicht verstehen. Wesentliches nicht vermögen. Wesentlich dem Willen anderer unterworfen zu sein. Kind zu sein, das heißt nicht zuletzt: Sklave sein. Auch und vor allem der eigenen, da allzu unmittelbaren Wünsche und Bedürfnisse.

Wer dies nicht glaubt, der nehme sich nur 30 Minuten auf einem Kinderspielplatz. Das dort gängig gezeigte Maß an Brutalität, narzisstischem Eigensinn und blinder Zerstörungswut sollte jedem wachen Geist als mahnendes Regulativ dienen: Alles kleine Trumps! Nicht zu reden von der geradezu weltzernichtenden Unbedingtheit, mit der sich ein Gutteil der völlig übermüdeten Kleinen dann weigert, gen Abend den langen Weg nach Hause anzutreten. Wo das Kind ist, das ich einst war? Hoffentlich möglichst weit weg! Hoffentlich überwunden! Hoffentlich ein für alle Mal besiegt!

In Anbetracht dieser Dialektik (aufgehoben vs. geworfen, fraglos vs. orientierungslos, Paradies vs. Horror) hat sich allerdings noch eine dritte Traditionslinie der Kindheitsphilosophie ausgebildet. Die Hauptaufgabe des (philosophischen) Erziehungsprozesses erkennt sie nicht etwa in dem Erreichen allgemein anerkannter Bildungsideale, sondern vielmehr in einem konzentrierten Bemühen der erinnernden Ent-Bildung. Ihre Mündigkeitsbewegung führt weg von den Worten und Ansichten, die alle „vernünftigen Erwachsenen“ gedankenlos im Munde führen. Weg also von einer bürgerlich verstandenen Autonomie, hin zu einer wahrhaft befreiten und damit individualisierenden Selbsterkenntnis.

Sich den Erinnerungen jeden Tag wieder staunend zuzuwenden, bedeutet für Wittgenstein und Benjamin Aufklärung
par excellence


 
Wider die Nostalgie

Beispielhaft für diese dritte Linie steht im 20. Jahrhundert das Philosophieren Walter Benjamins und Ludwig Wittgensteins. Nicht zufällig spielt die Figur und Stimme des Kindes in ihren Werken eine zentrale Rolle. Anstatt die Leiter der Kindheit Sprosse um Sprosse emporzusteigen, steigen Wittgenstein und Benjamin auf ihr hinab, indem sie Schlüsselszenen ihrer eigenen (begriffichen) Bildung und damit Selbstwerdung so erinnern, dass sich darin entstandene Missverständnisse, Verstellungen oder Wegscheiden klärend zeigen. Beide Denker sehen das sprechende Kind – und damit jeden von uns – als ein Wesen, das potenziell mündig ist, hingegen durch verfehlte Begriffsverwendungen und Erklärungen der Erziehenden ebenso desillusioniert und selbstentfernt zu enden droht wie die faktische Mehrheit der Erwachsenenwelt. Ihr Kampf um Klarheit ist mit anderen Worten ein Kampf um das Erinnern von fehlleitenden Ursprungsereignissen, die aufgestöbert, noch einmal durchdacht und damit heilsam aufgelöst werden können.

In den Worten Wittgensteins wird Philosophieren deshalb als „Erinnern zu einem Zweck“ verstanden. Und zwar dem Zweck einer autonomiefördernden Erziehung von Erwachsenen zum wahren Erwachsenwerden. So stellt sich Wittgensteins gesamtes Hauptwerk, also seine „Philosophischen Untersuchungen“, als ein albumhaft geordneter Dialog zwischen einer Erwachsenenstimme und der eines Kindes dar, in dessen Verlauf man sich gemeinsam zu erinnern sucht, welche Bedeutung die Begriffe, die unser Leben leiten, in Wahrheit haben und spielen. Nach Wittgenstein nämlich „zerstreut es den Nebel, wenn wir die Erscheinungen der Sprache an primitiveren Arten ihrer Verwendung studieren, in denen man den Zweck und das Funktionieren der Wörter klar übersehen kann. Solche primitiven Formen der Sprache verwendet das Kind, wenn es sprechen lernt.“

Noch einmal deutlich biografischer geht Walter Benjamin in seinen literarischen Selbstanalysen vor, etwa seinen ebenfalls albumhaft gegliederten Erinnerungen „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“. Gleich mit dem ersten Satz feiert er darin die kindestypische Fähigkeit, sich gerade in vertrautesten Umgebungen in kleinsten Details und scheinbaren Abwegen zu verlieren: „Tiergarten: Sich in einer Stadt nicht zurechtfinden, heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, braucht Schulung. Da müssen Straßennamen zu dem Irrenden so sprechen wie das Knacken trockner Reiser und kleine Straßen im Stadtinnern ihm die Tageszeiten so deutlich wie eine Bergmulde widerspiegeln. Diese Kunst habe ich spät erlernt; sie hat den Traum erfüllt, von dem die ersten Spuren Labyrinthe auf den Löschblättern meiner Hefte waren.“

Die „Stadt“, von der Benjamin hier spricht, ist übertragen verstanden nichts anderes als die Stadt der Worte und Erinnerungen, die unsere je eigene Existenz leiten und prägen. Sich als Erwachsener diesem mannigfach verknüpften und verknoteten Netz jeden Tag wieder mit dem Ziel einer Klärung des eigenen Selbst zuzuwenden – und zwar so lustvoll, geduldig und staunend wie ein Kind –, ist gleich Wittgenstein auch für Benjamin Aufklärung par excellence.

Folgt man diesen Anstößen, lässt sich auch der lebenspraktische Imperativ dieses Forschens und Fragens klar formulieren: „Führe und bedenke dein Leben so, dass du dir die Frage nach dem Kind, das du warst, nicht unter dem Aspekt der Nostalgie stellen musst. Und auch nicht unter dem des dauerhaften, schuldbeladenden Bedauerns.“ Schließlich ist jeder Mensch – daran lässt sich schwer etwas ändern – als Kind ein Philosoph. Das Problem aber, wie man dies bleibt, obwohl man älter wird, gar nicht so schwer zu lösen, wie gemeinhin angenommen wird. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 1 / 2018