Wo endet meine Verantwortung?

helping hands

Erinnern Sie sich noch an Reem? Reem Sahwil ist das palästinensische Mädchen, dem Bundeskanzlerin Merkel vor knapp einem Jahr im Rahmen eines Bürgerdialogs erklärte, dass seine aus dem Libanon eingereiste Familie kein Bleiberecht in Deutschland erhalten werde, da der Libanon keine Kriegszone sei und Deutschland aus den dortigen Lagern schlicht nicht alle Menschen aufnehmen könne. Noch während Merkel ihre Begründung ausführte, fing Reem bitterlich zu weinen an. Die Kanzlerin stockte, ging darauf in einer Art Übersprunghandlung auf das im Publikum sitzende Mädchen zu und begann es zu streicheln, weil, wie Merkel, noch immer mit dem Mikro in der Hand, erklärte, „weil ich, weil wir euch ja nicht in solche Situationen bringen wollen und weil du es ja auch schwer hast“.

Von Wolfram Eilenberger

Die Moral auf der Couch

Nicht wenige Beobachter glauben, dies sei der Moment gewesen, in dem sich ein innerer Wandel in Angela Merkel vollzog, der ihr Handeln in der Flüchtlingskrise auf Monate hinaus prägen sollte: der Wandel von der sachlich distanzierten Berufs- zur leidenschaftlich engagierten Berufungspolitikerin. In jedem Fall aber war es ein Augenblick, in dem ihre Rolle als politische Verantwortungsträgerin mit ihrer Rolle als mitfühlende Bürgerin für alle sichtbar kollidierte. Denn jedem im Saal – Merkel eingeschlossen – ging in diesem Moment auf, dass im Angesicht eines offenbar bedürftigen, vollends verzweifelten Menschen eine bestimmte Form moralischer Rechtfertigung ihre dialogische Überzeugungskraft, ihre Schicklichkeit, ja ihre Menschlichkeit selbst einzubüßen droht.

Knapp ein Jahr – und mehr als eine Million aufgenommener Flüchtlinge – später sehen wir in den Nachrichten jeden Abend in die verzweifelten Gesichter der Menschen an den Zäunen von Idomeni oder Lesbos. Die meisten von uns tragen dabei den gleichen inneren moralischen Konflikt mit sich aus wie Merkel damals im Angesicht von Reem. Wir versuchen uns, als die Couchpolitiker, die wir mittlerweile alle geworden sind, moralisch damit zu beruhigen, dass unsere Verantwortung und unser Hilfsvermögen nun einmal vernünftige Grenzen kennen und anerkennen müssen. Und spüren doch gleichzeitig allzu klar, dass jeder konkret benannten Grenzziehung oder Regel ein Moment vollkommener Beliebigkeit, ja geradezu fantastischer Willkür innewohnt – und diese damit selbst eine moralische Unverantwortlichkeit darstellt. Wir können nicht die ganze Welt „retten“, gewiss. Aber diese konkrete Familie, da am Zaun, ohne Zweifel schon. Wo also endet unsere, meine Verantwortung konkret? Und wie, wenn überhaupt, kann diese Grenze verantwortlich gefasst werden?

Unendliche Weiten?

Womöglich hilft es zur Klärung, sich zunächst auf das kritische Wörtchen „Wo“ in der ersten Frage zu konzentrieren. Es kann nach einer zeitlichen Grenze der Zukunft oder der Vergangenheit fragen, wie in Erwägungen um historische Schuld oder auch zukünftige Handlungsfolgen. Bei Zeiträumen von drei oder vier Generationen – etwa im Fall der Schoah und einer besonderen deutschen Verantwortung – scheint ein belastbarer Rahmen intuitiv gewahrt. Doch wie weit reicht solch ein Übernahmeverhältnis, das ja immer auch mit konkreten Hilfs- und Reparationsansprüchen einhergeht, moralisch bindend zurück? Gilt es auch für begangene Gräuel, die 200 Jahre zurückliegen und bis heute sozial nachwirken (wie etwa im Fall der Sklaverei in den USA)? Oder gar ein halbes Jahrtausend hinein in die Vergangenheit, sagen wir, im Sinne einer expliziten Verantwortungsübernahme der heutigen Europäer für den Massenmord an den damaligen Ureinwohnern Amerikas? Wo läge hier eine begründbare Grenze?

Daten, die zu denken geben

beträgt die Halbwertszeit eines ­Iso­tops, das bei der Explosion in Tschernobyl in die Umwelt freigesetzt wurde. Es lagert sich in Blut, Lungen, Knochen und Fortpflanzungsorganen ab und löst Krebs aus.
ist der Anteil der Bevölkerung in Deutschland ab 14 Jahren, die ein Ehrenamt ausüben. Die meisten engagieren sich für Kinder und Jugendliche.
beträgt die Durchschnittshöhe einer Jahresspende in Deutschland im Jahr 2015.
Tier- oder Pflanzenarten sterben nach Schätzungen täglich aus. Die Mehrzahl davon unerforscht.
Kinder unter fünf Jahren sterben jährlich an Unterernährung, das sind mehr als 45 % aller Sterbefälle von Kindern weltweit.
ist der mittlere globale Temperatur- anstieg bis zum Jahr 2100, er erfolgt mit einer Schnelligkeit, wie sie in den letzten 10 000 Jahren nicht vorkam.
aller Alleinerziehenden in Deutsch- land, die Anspruch auf Unterhalt haben, erhalten diesen regelmäßig und in voller Höhe.
aller Pflegefälle werden laut Statistischem Bundesamt zu Hause versorgt, die meisten von ihnen durch Angehörige.

Von der Überforderung in den Zynismus

Ähnlich heikle Fragen werfen Folgeabschätzungen für die Zukunft auf, bei denen sich nach heutigem Stand der Technik und des Konsums leicht Verantwortungszeiträume von 100 (Waldrodung, Staatsschulden), 1000 (Rohstoffe) oder auch 100 000 Jahren (Klimawandel, Atomkraft) öffnen. Begehen wir nicht jeden Tag, und zwar sehenden Auges, unverantwortbare Verbrechen an den Individuen der Zukunft? Andererseits: Eignet in einer offenen Welt nicht jeder konkreten Prognose über mehr als zwei Generationen notwendig ein Moment der Wissensanmaßung und zeigt sie sich damit nicht ihrerseits unverantwortlich gegenüber den konkreten Interessen heute Lebender? Nicht weniger komplex zeigt sich die Frage nach dem „Wo“ der Verantwortungsgrenze, fasst man sie rein geografisch im Sinne der Nähe und Ferne auf. Bei dem faktischen Grad an globaler Verflechtung, den jede nationale Volkswirtschaft, ja selbst alltäglichste Handlungen wie der Obst- oder Sockenkauf erlangt haben, scheint sich eine durchgängige Verantwortungsbegrenzung auf den Kreis der eigenen Familie, Gemeinde, des Landes oder auch nur Kontinents moralisch von selbst zu verbieten (siehe das Gespräch mit Stefan Gosepath). Andererseits droht eine permanente Ausweitung der individuellen Verantwortungszone auf den gesamten Globus in einen diffusen, mitunter gar narzisstischen Modus moralischer Selbstüberschätzung zu kippen. Sofern das Phänomen der Verantwortung immer schon ein kommunikativ bedingtes ist – eben als konkrete Antwort auf einen formulierten oder zumindest wahrgenommenen Anspruch –, wirken globale Kommunikationstechniken als moralische Megaverstärker unseres Verantwortungsgefühls. Jedes leidende Antlitz an jedem Ort dieser Welt fordert heute als potenziell wahrnehmbares eine helfende Antwort ein. Eine menschheitsgeschichtlich einmalige Situation, die aufseiten der so zur Verantwortung Gerufenen nicht selten konkret handlungshemmend, ja zynismusbefördernd wirkt. Sie verschließt unsere Herzen, anstatt sie zu weiten. Die präzisierte Frage nach dem „Wo“ – sei sie zeitlich, räumlich oder sozial gefasst – löst also die Grenzparadoxien der Verantwortung nicht, sondern fördert sie nur noch klarer zutage. Könnte es damit sein, dass der Begriff der Verantwortung, wie auch das mit ihm einhergehende grundmenschliche Gefühl, schlicht wesensgemäß überschüssig und übergriffig ist (siehe Dialog zwischen Bernhard Schlink und Ludger Heidbrink)?

Gefangen im Widerspruch?

Zumindest Immanuel Kant, dessen gesamte Philosophie im Zeichen begründbarer Grenzen und auch Entgrenzungen besteht, erschien es so. Denn in seiner gesinnungsethischen Moralphilosophie spielt der Begriff der „Verantwortung“ – anders als der der „Pflicht“ oder der „Achtung“ – keine grundlegende Rolle. Gleiches gilt auch für die zweite große moralische Schule der abendländischen Philosophie, also die Glücks- und Tugendethiken in der Folge des Aristoteles. In Wahrheit ist der Begriff der „Verantwortung“ als Kern moralischer Argumentation und Rechtfertigung keine 200 Jahre alt (siehe für zentrale zeitgenössische Ansätze die sechs Urszenen). Und es spricht vieles dafür, dass sich sein kometenhafter Aufstieg gerade der Tatsache verdankt, als moderne Menschen permanent in Handlungszusammenhängen zu stehen, die so komplex und vielfältig vernetzt sind, dass wirklich trennscharfe Schuld-, Zuständigkeits- und Wirkungszuschreibungen unmöglich sind. So gesehen stünde der Aufschwung des „Prinzips Verantwortung“ – wie Hans Jonas es mit seinem gleichnamigen Buch einflussreich nannte – nicht etwa für die Lösung einer moralischen Grundlagenkrise, sondern wäre vielmehr deren sichtbarstes Symptom. Die Stichhaltigkeit dieses Verdachts zeigt sich am klarsten am Beispiel der „politischen Verantwortung“. Denn wann immer ein/e gewählter Politiker/in (Vorstand, Chef, Trainer), wie es so schön heißt, die „Verantwortung übernimmt“, ist damit ja auch mitgesagt und mitgewusst, dass der Vorgang, für den er oder sie da einsteht und gegebenenfalls „persönliche Konsequenzen“ zieht, seine eigentliche personale Steuerungsmacht unendlich weit überschritt (Flughafen, Manipulationen, Abkommen, Liga-Abstiege). Anders gesagt: Gerade weil die Zurechenbarkeit so ungeheuer komplex ist, gerade weil klare Grenzen des eigenen Handelns und Steuerns – je näher man hinsieht – verschwimmen oder gar imaginär werden, muss einer oder eine die Verantwortung übernehmen. Besonders gerecht ist das selten.

Ist der Aufschwung des ‚Prinzips Verantwortung‘ womöglich nicht die Lösung, sondern das Symptom einer moralischen Krise?


 

Leidenschaft und Augenmaß

So ist es durchaus kein Zufall, dass der Begriff der „Verantwortungsethik“ zum ersten Mal in einem Vortrag des Soziologen Max Weber aus dem Jahre 1919 verwendet wird, der den Titel „Politik als Beruf“ trägt. In diesem Vortrag kreisen Webers Gedanken anlässlich des verlorenen Weltkriegs und damit verbundener Schuldzuschreibungen um die Frage, nach welchen Begriffen und Eigenschaften politisches Handeln sich zukünftig ausrichten sollte. „Man kann sagen, dass drei Qualitäten vornehmlich entscheidend sind für den Politiker: Leidenschaft – Verantwortungsgefühl – Augenmaß.“ Aber „das Problem ist eben“, präzisiert Weber, „wie heiße Leidenschaft und kühles Augenmaß miteinander in derselben Seele zusammengezwungen werden können“. Das ist, mit anderen Worten, das moralische Problem verantwortlicher Selbstbestimmung. Es gibt gerade heute keine erkennbaren Gründe, weshalb Webers Idealbeschreibung auf Berufspolitiker beschränkt bleiben sollte. Vielmehr gilt sie der Sache nach für jeden Menschen, der Verantwortung für andere trägt: also uns alle.

Freiheit für den Übergriff

Die Schwierigkeit liegt, wie Webers Verweis auf das „Augenmaß“ andeutet, nun darin, dass die jeweiligen Grenzen dieser Verantwortung in einer konkreten Situation niemals präzis anzugeben und zu begründen sind. Und dies nicht zuletzt deshalb, weil diese Grenzen mit jeder getroffenen Entscheidung, jedem konkreten Eingriff und auch Unterlassen, erneut in Bewegung geraten und sich verändern. Eine alltagspraktische Lösung des Verantwortungsparadoxes mag für jeden Einzelnen von uns deshalb darin liegen, die faktische Unmöglichkeit einer Grenzziehung nicht etwa als hemmende Einschränkung, sondern gerade als ermöglichende Bedingung der eigenen Moralität zu verstehen. Genauer gesagt, als eine Bedingung unserer situativen Freiheit, fest gezogene Grenzen und Regeln eigenmächtig zu überspringen und durch unser Handeln herauszufordern (siehe Svenja Flaßpöhlers Essay „Freiheit über Verantwortung“). Der Aufenthaltstitel für Reem Sahwil und ihre Familie wurde – als Folge des Bürgerdialogs – übrigens bis 2017 verlängert. Im Angesicht von Zehntausenden Zurückgewiesenen in absolut vergleichbarer, ja wesentlich bedrückenderer Lage, deren Verzweiflung und Tränen wir nicht konkret zu Gesicht bekamen, eigentlich eine unverantwortliche Entscheidung. Oder gerade nicht? Urteilen Sie selbst. Mit Augenmaß. Und moralischer Leidenschaft.

Dieser Beitrag wurde in der Ausgabe Nr. 4 / 2016 veröffentlicht.

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