Wir sind … Taylor

Der Campus der Regina University ist eines der Symbole für kanadischen Mulitkulturalismus
Bild: © CC-by-sa 2.0 Daryl Mitchell

Ist Stolz auf das eigene Volk ein kerngesundes Naturgefühl oder aber sicheres Zeichen ideologischer Verblendung? Wie verhält sich die Forderung nach einer Leitkultur zu Multikulti-Idealen? Unter anderem diese Fragen stellen sich beim Nachdenken über Identität. Im Dossier der aktuellen Ausgabe präsentiert Wolfram Eilenberger dazu vier Quellenangebote aus älterer und neuerer Philosophie für ein klareres Selbstverständnis vorgestellt. Eines davon stützt sich auf den kanadischen Philosophen Charles Taylor.

 
In Zukunft nur noch Multikulti!

„Der Ansatz für Multikulti ist gescheitert, absolut gescheitert“, verkündet Kanzlerin Angela Merkel in ihren Parteitagsreden seit Jahren. Sie vertritt diese Überzeugung bis heute. Oder heute wieder. Doch was ist das eigentlich für ein Ansatz, Multikulti? Inwiefern ist er in Deutschland gescheitert? Oder könnte es gar sein, dass er hierzulande bisher noch gar nicht versucht wurde? Tatsächlich trifft Letzteres eindeutig zu. Zumindest, sofern man sich bei der Verwendung des Begriffs auf die Gründungsdokumente dieses Ansatzes bezieht und damit die Schriften des kanadischen Philosophen Charles Taylor (geb. 1931). Die Politik des Multikulturalismus hält zunächst die Gegebenheit verschiedener Volksgruppen innerhalb eines Staates fest. Und ist, davon ausgehend, „aktiv bestrebt, Angehörige dieser Gruppe zu erzeugen, indem sie zum Beispiel dafür sorgt, dass sich auch künftige Generationen mir dieser Volksgruppe identifizieren“. Eine solche Politik duldet verschiedenste Volksgruppen also nicht nur im Sinne einer liberalen Verfassung, sondern sie befördert deren Fortbestand aktiv durch gezielte Privilegierung (insbesondere sprachliche Sonderrechte und religiöse Ausnahmeklauseln).

So zum Beispiel in Kanada, Taylors Heimat. Kanada ist seit Bestehen ein mehrsprachiges Einwanderungsland. Die englischsprachigen Kanadier waren und sind, bezogen auf die Gesamtbevölkerung, quantitativ klar dominant. Die Frankokanadier sind vorrangig in einer einzigen Provinz verankert (Quebec), und die unter dem Sammelbegriff „First Nations“ adressierten indigenen Stämme befinden sich fast ausnahmslos in einer kulturell wie wirtschaftlich äußerst prekären Lage. Greift der Staat als Gesetzgeber nicht ein, um den Bestand der beiden letztgenannten Volksgruppen aktiv zu fördern, argumentierte Taylor zu Beginn der 1980er-Jahre, werden sie unter den Dynamiken moderner Marktgesellschaften nicht überleben – werden sie ihre Identität absehbar verlieren. Deshalb gilt es „bestimmte Formen der Gleichbehandlung abzuwägen gegen die Wichtigkeit des Überlebens einer Kultur“.

Eine multikulturell verfasste Gesellschaft schränkt den fundamentalen Gleichheitsgrundsatz gruppenbezogen ein.


 

Es ergibt sich damit, bezogen auf die politische Philosophie, folgende Spannung: Eine liberal verfasste Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie alle Individuen gleich behandelt und ihnen gleiche Rechte einräumt – unabhängig von ihrer jeweiligen kulturellen Zugehörigkeit. Eine multikulturell verfasste Gesellschaft schränkt diesen fundamentalen Gleichheitsgrundsatz gruppenbezogen ein, sofern dies dazu dient, das Überleben einzelner Volksgruppen und deren kultureller Eigenheiten in einer freien Gesellschaft zu sichern (etwa durch Gesetze, die englische Muttersprachler, die nach Quebec gezogen sind, dazu zwingt, ihre Kinder auf französischsprachige Schulen zu schicken).

Es ist nun leicht zu sehen, wie dieses grundsätzliche Argument zur Aufhebung des liberalen Gleichheitsgrundsatzes sich auch auf andere, historisch lang diskriminierte Kollektive ausweiten lässt. Der eigentlich springende Punkt für unser aller Zukunft liegt mit Taylor aber in folgender Einsicht: Es lässt „sich sagen, dass heute immer mehr Gesellschaften multikulturell werden, insofern sie mehr als eine kulturelle Gemeinschaft umfassen, die überleben will“. Auch für Deutschland trifft diese Diagnose mittlerweile zu. Nur mit dem Multikulturalismus tut man sich hierzulande allein verstandesmäßig offenbar noch absolut schwer.

Literatur: Charles Taylor, „Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung“ (Suhrkamp, 2009)

Lesen Sie mehr zum Thema in Ausgabe Nr. 2 / 2017.

2-17