Wie sich der Wert Neymars wirklich erklärt

Teuerster Spieler der Welt: Für 222 Millionen Euro wechselte der Brasilianer Neymar von Barcelona nach Paris
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Der Spielermarkt im Fußball erreicht absurde Dimensionen. Er folgt einer Ökonomie, deren Rationalität nichts mehr mit dem Leistungsgedanken zu tun hat.

Von Wolfram Eilenberger


Bild: Trevor Good

Wolfram Eilenberger ist Chefredakteur des Philosophie Magazins

Bereits die Zahl selbst wirkt in ihrer schnapsnahen Sequenzialität wie geschaffen zur Bildung eines neuen Mythos. Für exakt 222 Millionen Euro eiste der Emir von Katar, als Eigentümer des französischen Fußballvereins Paris Saint-Germain, diesen August den brasilianischen Ausnahmestürmer Neymar vom FC Barcelona los. Er stieß damit in Transferdimensionen vor, die bis dato kein Proficlub auch nur annähernd erschlossen hatte. Unweigerlich rief das Ereignis intellektuelle Großdeutungen der überwiegend kulturkritischen Art hervor: Ist das noch Fußball – oder schlicht Außenpolitik mit anderen Mitteln? Ist das noch Fairplay – oder staatlich subventionierte Wettbewerbsverzerrung? Ist das noch sportlich leistungsbezogen – oder PR-pervertiert? Umso mehr, als der Emir nur Wochen danach mit Kylian Mbappé für 180 Millionen Euro ein weiteres Supertalent erwarb.

Die Frage, wie und woraus sich der spezifische Wert einer Ware erklärt, gehört bis heute zu den tiefsten Rätseln unserer Lebensform. So verschiedene Denker wie Aristoteles, John Locke oder Karl Marx arbeiteten sich vergeblich an ihrer Lösung ab. Zumindest soweit es extrem rare und damit distinktionsfördernde Güter betrifft, legte der norwegische Ökonom und Soziologe Thorstein Veblen zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts eine Theorie vor, die sich direkt auf die käuflich zu erwerbenden Dienste des Fußballprofis Neymar anwenden lässt. In seinem Werk „Theorie der feinen Leute“ untersucht Veblen Phänomene des von ihm so genannten „demonstrativen Konsums“. Dieser Konsum hat es an sich, dass die Nachfrage nach einem gewissen Gut durch dessen astronomischen Preisanstieg nicht etwa nachlässt, sondern im Gegenteil besonders angefacht wird. Besteht der alles entscheidende Punkt des demonstrativen Konsums nach Veblen doch darin, „dass die Ausgaben, sollen sie das Ansehen des Konsumenten auch wirklich erhöhen, überflüssig sein müssen. Nur Verschwendung bringt Prestige. Dem Verbrauch des unbedingt Notwendigen kommt nicht das geringste Verdienst zu.“

Die Ökonomie der Boomregion Katers beruht einzig und allein auf der extremen Logik des neidvollen Vergleichens


 

Mit anderen Worten: Je absurder überteuert ein Gut ist, umso begehrter ist es für Clubbesitzer wie den Emir von Katar, dem es in seinem demonstrativen Konsumdrang weder um sportliche noch finanzielle Rationalität zu tun ist, sondern mit Veblen vorrangig darum, „neidvolle Vergleiche“ anzuregen und damit das eigene Ansehen zu erhöhen. Auch das sportlich, klimatisch, finanziell wie kulturell tief absurde Bestreben des Emirs, die Fußball-WM 2020 in Katar stattfinden zu lassen, fällt in diese Kategorie.

Ja, man kann sogar sagen, dass die gesamte Ökonomie der Boomregion Katars sowie der Vereinigten Emirate mit ihren superlativen Wolkenkratzern, Luxus-Shopping-Malls und gefranchisten Museumsprojekten einzig und allein auf der extremen Veblen-Logik des neidvollen Vergleichens beruht. Wenn es dort eine Blase gibt, ist sie eine des pervertierten Anerkennungsstrebens. In ihren dunklen Strudel zeigt sich nun auch der Fußball endgültig mit hineingerissen. Der in der Tat hoch talentierte Beachboy Neymar ist – sowohl auf wie neben dem Feld – die derzeit paradigmatischste Verkörperung dieser Entwicklung. Insofern erscheint sein Transfer auch in dieser Höhe absolut sinnvoll und systemlogisch.

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 6 / 2017

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