Wie berechenbar sind wir?

William Blake, Newton

Durch seine Digitalisierung ist unser alltägliches Leben auf neue Weise quantifizierbar geworden. Damit geht einher, dass Teile unseres Handelns für diejenigen, die über diese Daten verfügen, vorhersehbar werden. Was bedeutet dieser Fakt?

Von Wolfram Eilenberger

Bild: Trevor Good

Niemals wissen oder auch nur ahnen zu können, was er als Nächstes sagen würde, das war es, was die Schriftstellerin Virginia Woolf an ihrem Gatten Leonard ganz besonders schätzte. Selbst nach vielen Jahren des Zusammenlebens war er ihr am Frühstückstisch ein Quell unabsehbarer Einfälle und Thesen. Nur so, nur deshalb konnte sie ihn wahrhaft lieben. Wenn ich mir selbst – und anderen – erklären muss, was ich an einer Welt, in der sich das Verhalten jedes Menschen zu jeden Zeitpunkt im Prinzip treffsicher prognostizieren ließe, so schrecklich fände, kommt mir immer diese kleine Anekdote in den Sinn. Denn jeder spürt sofort, sie trifft eine tiefe Wahrheit über unser aller Dasein.

Platos Zirkel

Umso erstaunlicher, dass der Traum von einer total berechenbaren Wirklichkeit zu den ältesten unserer Art zählt. Eines der frühesten und eindrücklichsten Bilder für diese Utopie schuf Plato in seinem Dialog „Timaios“. Darin stellt Plato sich vor, der Demiurg habe im Moment der Schöpfung einen Zirkel an die Welt angelegt und damit alles, was existierte, nach exakten Maßen und Zahlen geschaffen. Genau diese Vision eines mathematisch lückenfrei durchdringbaren Weltgeschehens steht auch am Ursprung der modernen Welt und damit des Zeitalters, in dem wir bis heute leben. Für Forscher wie Kopernikus, Galilei oder Leibniz war unsere Wirklichkeit nicht etwa ein geheimnisvolles Buch mit sieben Siegeln, sondern eine zwar unvorstellbar komplexe, letztlich aber lösbare Rechenaufgabe. Und je erfolgreicher dieses moderne Projekt einer Mathematisierung der Welt voranschritt, umso fraglicher musste auch werden, welchen Platz dem Menschen als Wesen mit je eigenen Zielen und Wünschen darin wohl zuzusprechen wäre: War auch er nur ein weiterer Teil dieses letztlich vollends prognostizierbaren Naturgeschehens? Oder vielmehr selbst so etwas wie ein kleiner Schöpfergott, der über die unerklärliche Macht verfügte, allein mit der Kraft seines Willens tagtäglich ganz frisch in den Schöpfungsverlauf einzugreifen?

Von Gott zu Google

Für die letzten 400 Jahre galt dieses Problem – also die Frage nach dem freien Willen – als ein rein metaphysisches. Schließlich waren prognostische Mittel, diesen Grundzweifel in Bezug auf das menschliche Verhalten empirisch zu beantworten, schlicht nicht in Aussicht. Genau dies mag sich im Moment ändern. Die metaphysische Leerstelle, die einst der Begriff „Gott“ einnahm, um eine absolute Grenze des für uns Wissbaren zu markieren, wird heute zunehmend von dem real existierenden Unternehmen Google eingenommen. Das ist das eigentlich Neue, Bahnbrechende an unserer Epoche. Dank Big Data sind wir derzeit – ob wir es nun wollen oder nicht – zu aktiven Teilnehmern des spannendsten Experiments in der Geschichte unserer Art geworden. Dieses Experiment betrifft die Frage nach der faktischen Vorhersehbarkeit oder eben Unvorhersehbarkeit unseres Alltagsverhaltens.

Mag ja sein, dass auch eine heutige Virginia von ihrem heutigen Leonard niemals ahnen kann, was er als Nächstes sagen und ansprechen wird. Aber vielleicht könnte es Google. Weshalb das Unternehmen der guten Virginia das (mutmaßlich kostenpflichtige) Angebot unterbreiten könnte, ihr jeden Morgen direkt nach dem Aufstehen eine E-Mail zu senden, in der prognostiziert wird, über welches Thema sich ihr Leonard in welcher Form am Frühstückstisch wohl auslassen wird. Womöglich würde Google mit seinen Leonard-Prognosen so gut wie jeden Morgen richtig liegen, wie auch für alle Dinge und Entscheidungen ihres geteilten Lebens: Und je breiter und tiefer die gesammelte Datenbasis, desto treffsicherer.

Wir alle sind derzeit aktive Teilnehmer eines Experiments, das die Vorhersehbarkeit unseres Alltagsverhaltens betrifft


 

Das ist, heruntergebrochen auf alltäglichste Situationen, die Utopie der Berechenbarkeit, an der in den großen Digitalzentren dieses Planeten derzeit mit Hochdruck und unvorstellbarem Kapitaleinsatz gearbeitet wird. Ob sie jemals verwirklicht werden kann? Angesichts des derzeitigen Fortschrittstempos erscheint dies als eine Frage, deren abschließende Beantwortung durchaus noch in unsere eigene Lebensspanne fallen mag. Wiese die Antwort klar in Richtung Ja, bedeutete sie nicht nur das Ende der uns bisher bekannten menschlichen Lebensform, sondern auch das Ende des Philosophierens. Denn die Frage, wie man eigentlich leben soll, stellt sich so dann nicht mehr. Und auch nicht die, wo die prinzipiellen Grenzen des Wissens über uns selbst liegen. Wir stünden dann alle – und zwar für alle absehbare Zukunft – fest im Bannkreis von Platos Zirkel.

Ein Rätsel für Leonard

Schaut man sich die Dinge allerdings nur ein wenig genauer an, hat es auch dieser mutmaßliche Fortschritt an sich, viel größer zu wirken, als er tatsächlich ist. Wie wenig sich menschliches Verhalten tatsächlich voraussagen lässt und wie wenig es faktisch bedarf, von einem vollkommen berechenbar scheinenden Handlungsmuster in ein völlig irrationales auszurasten, haben gerade die letzten Monate wieder in aller Schmerzhaftigkeit vor Augen geführt. Was anderes verbirgt sich hinter der traurig einschlägig gewordenen Rede von einer „spontanen Selbstradikalisierung“ als das psychoprognostische Eingeständnis, „wir konnten das so nicht kommen sehen“. Man ersetze in jeder gegebenen Sicherheitspressekonferenz den Begriff „Selbstradikalisierung“ durch „keinen datenbasierten Schimmer weshalb“ und erhält faktisch denselben Informationswert.

Bislang wissen wir einfach nicht – nichts und niemand auf dieser Welt weiß es! –, was irgendein beliebiges menschliches Individuum zu irgendeinem gegebenen Zeitpunkt als Nächstes denken und/oder tun wird. Nicht in den großen, fatalen Ausbrüchen der uns radikal Fremden und Unbekannten, nicht in den kleinen Dingen und Gesten am Frühstückstisch mit uns Nächsten und Vertrautesten.

Sollten wir wirklich wünschen, dass es anders sei? Oder sind die unbestreitbaren Enttäuschungen, Schrecken und Gräuel, die mit unserer Unvorhersehbarkeit füreinander tagtäglich einhergehen, bei klarer Sicht nichts anderes als der Preis, den wir dafür zahlen müssen, andere Menschen und nicht zuletzt uns selbst wirklich lieben und bejahen zu können? Wäre dem so, bestünde die eigentlich große kulturelle Leistung, die uns noch bevorsteht, nicht in der datengestützten Austreibung des Unvorhersehbaren aus unserer Lebenswelt. Sondern vielmehr in der tagtäglichen Versöhnung mit ihm.

Dieser Beitrag wird in der Ausgabe
Nr. 6 / 2016 veröffentlicht.

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