Welchen Fakten können wir trauen?

Der Boden der Tatsachen gerät derzeit ins Wanken. Dabei sind die Verfahren, mit denen wir Fakten überprüfen, seit Jahrhunderten bestens erprobt. Die Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston und der Investigativjournalist Georg Mascolo über die Krise der Wahrheit in der Ära Trump.

Das Gespräch führte Philipp Felsch

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Lorraine Daston

ist Direktorin des
Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte und Professorin an der Universität Chicago. Sie promovierte in Harvard und lehrte in Princeton und Göttingen. Daston widmet sich in ihrer Forschung einer Vielzahl von Gebieten innerhalb der Wissenschaftsgeschichte und publizierte u. a. zum Problem der Wunder in der modernen Wissenschaft. 2007 veröffentlichte sie das Buch „Objektivität“ (Suhrkamp)


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Georg Mascolo

Der ehemalige Chefredakteur des Spiegel ist seit 2014 Leiter des Rechercheverbunds NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung, der maßgeblich an den Veröffentlichungen der Panama Papers beteiligt war. Sein Bericht von der Ostseite des Berliner Grenzübergangs Bornholmer Straße über den Moment, als die DDR-Grenze ohne Befehl geöffnet wurde, gilt als Dokument der Zeitgeschichte und wurde von der UNESCO ins Weltdokumentenerbe aufgenommen

Der sonnige Vorfrühling hat eine trügerische Note. Die Nachrichten, die aus den USA zu uns gelangen, klingen nämlich gar nicht gut. Donald Trump hat einen Krieg gegen die Wahrheit angezettelt. Auch in Europa bricht sich ein die Grundlagen unseres Zusammenlebens gefährdender Zweifel Bahn. Lorraine Daston, die Direktorin des Berliner Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte, kennt diese Herausforderung. Seit Jahrzehnten erforscht sie die gesellschaftlichen und historischen Bedingungen von Wahrheit. Sie weiß, dass es Erschütterungen von Gewissheiten gibt, die lange Krisen nach sich ziehen. Auch Georg Mascolo ist angesichts der jüngsten Ereignisse alarmiert. Doch hält der Investigativjournalist, der als Chefredakteur des Spiegel die Daten von Edward Snowden veröffentlichte, seiner Gesprächspartnerin eine Zuversicht entgegen, die sich aus seiner Praxis speist. Ab wann wird Skepsis zum Problem? Und warum tut sie gerade heute not?

Philosophie Magazin: Noch nie war es leichter, sich über die Welt zu informieren. Und noch nie war der Zweifel an unseren Informationen so groß. Haben Sie eine Idee, warum das so ist?

Georg Mascolo: Durch das Internet übersteigt unser Zugang zu Informationen heute tatsächlich all unsere früheren Erwartungen. Wenn ich an die Anfänge meines Berufslebens zurückdenke, da konnte ich in die Stadtbücherei oder vielleicht in die Universitätsbibliothek gehen; dazu gab es die Tageszeitungen, die in meinem Heimatort zu bekommen waren, das Fernsehen und eine Handvoll Radiosender. Damals hätte sich niemand vorstellen können, etwa die New York Times oder wissenschaftliche Artikel aus Harvard oder Stanford zu lesen. Aus journalistischer Perspektive, was den Wissenszuwachs angeht, ist das Internet insofern eine große Errungenschaft.

Lorraine Daston: Allerdings sollten wir hinterfragen, was es bedeutet, informiert zu sein. Wir sind von Daten überflutet! Zwischen Daten und Tatsachen besteht jedoch ein großer Unterschied. Tatsachen sind das Ergebnis einer geregelten Untersuchung. Daten gibt es überall. Sie können überprüft oder nicht überprüft werden. Sie können komplex oder einfach sein. Wir ernähren uns von Daten – wir können aber auch darin ertrinken. Daher glaube ich, dass wir ein Vokabular brauchen, mit dem wir solche „Möchtegern-Tatsachen“ von echten Tatsachen unterscheiden können.

Mascolo: In Timothy Garton Ashs Buch „Redefreiheit“ findet sich der Gedanke, dass das Internet ein Segen, zugleich aber auch die größte Kloake der Menschheitsgeschichte ist. Die Diskussion über Fake News, alternative Fakten und Lügenpresse, die wir in der Gegenwart erleben, ist Ausdruck einer neuen, radikalen Skepsis. Manches, vor allem das Wort „Lügenpresse“ ist eine Unverschämtheit, aber dennoch mag ich die Heftigkeit dieser Debatte. Ich mag auch, dass sich die großen amerikanischen Internetkonzerne endlich an ihr beteiligen, nachdem sie lange die Auffassung vertreten haben, die Bereitstellung der neuen Technologien führe automatisch zu einer besseren Welt. Die Verunsicherung, die die Wahl von Donald Trump ausgelöst hat, führt dazu, dass wir auf hören, unsere Diskussion auf Gadgets, Apps und die Frage, was das neue Smartphone kann, zu beschränken. Stattdessen fangen wir an, uns damit zu beschäftigen, welche kulturellen und politischen Herausforderungen mit den neuen Technologien tatsächlich verbunden sind.

Daston: Im 16. und 17. Jahrhundert, als sich der Buchdruck verbreitete, hat es ganz ähnliche Debatten gegeben. Die Informationen über neue Entdeckungen, neue Welten und neue religiöse Praktiken und Überzeugungen, die plötzlich zirkulierten, förderten die gesellschaftliche Polarisierung und trugen zur Erosion traditioneller Gewissheiten bei. Auch die Spaltung der Konfessionen und die europäischen Glaubenskriege muss man in diesem Kontext sehen. Die Flugblätter der Reformationszeit lassen sich mit einer Webseite wie Breitbart News vergleichen. Es hat über 200 Jahre, also bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts gedauert, bis Verfahren etabliert waren, mit denen sich wahre von falschen Informationen unterscheiden ließen. Ich hoffe, wir sind in der Lage, heute schneller an dieses Ziel zu gelangen.


 

Mascolo: Das ist sehr interessant, was Sie sagen, und lässt sich direkt auf die Situation der Medien in den USA beziehen. Wir können hier schon seit längerem beobachten, wie durch extreme Polarisierung beinah so etwas wie politische Paralleluniversen entstanden sind. Das begann mit dem konservativen Talk Radio der 1990er-Jahre und setzte sich anschließend im Schisma des Fernsehens fort. Obama hat einmal den wunderbaren Satz gesagt, wenn er vor Fox News säße, würde er sich auch nicht wählen. Wenn ich mir amerikanisches Fernsehen anschaue, habe ich oft den Eindruck, weder den Rechten noch den Linken geht es noch darum, auf eine gemeinsame Realität zu schauen und sie dann unterschiedlich politisch zu beurteilen. In den letzten 20 Jahren sind stattdessen zwei unterschiedliche Wirklichkeiten entstanden, was die politische Debatte so unversöhnlich, ja beinah unmöglich macht. Wir Journalisten müssen die Wirklichkeit begreifen und beschreiben. Ich will in diesem Zusammenhang nicht einmal von Wahrheit sprechen. Der Begriff der Tatsache scheint mir entscheidender zu sein. Wenn wir politische Debatten führen wollen, müssen wir uns auf einen Mindestbestand an Tatsachen einigen können. Sie sind der Fels, der unseren Entscheidungen zugrunde liegt.

Daston: Ich stimme Ihnen zu, möchte aber zu bedenken geben, dass solche „nackten“ Tatsachen keine intuitive oder selbstevidente Kategorie darstellen. Wir sind eine Spezies, die von Narrativen lebt. Unsere Art und Weise, mit der Realität umzugehen, besteht darin, unsere Wahrnehmungen und Informationen in Erzählungen, also in Kontexte einzubetten. Dagegen sind Tatsachen das Ergebnis einer radikalen Dekontextualisierungsarbeit. Wir haben schon davon gesprochen, dass die Tatsache historisch ein Kind der Krise oder besser: der Katastrophe ist. Ihre Anfänge gehen ins 17. Jahrhundert, also in eine Zeit zurück, in der beinah ganz Europa in blutige Konflikte verwickelt war. Das traumatische Ereignis sind die Glaubenskriege, denen nicht nur religiöse, sondern auch politische, soziale und wissenschaftliche Konflikte zugrunde liegen. In dieser Situation können Sie beobachten, wie Descartes einen neuen, radikalen Zweifel in die Philosophie einführt, indem er alle äußeren Gewissheiten infrage stellt, um neue, unerschütterliche Gewissheiten zu schaffen. Die Kategorie der Tatsache, die wenig später in den Wissenschaften und im entstehenden Journalismus auftaucht, ging aus dem- selben Klima der Skepsis und des erbitterten Streits hervor. Angesichts des Verlusts traditioneller Wahrheiten stellte sie den Versuch dar, zumindest einen minimalen Konsens zu erreichen – der allerdings mit dem Verzicht auf Erklärungen verbunden war.

PM: Herr Mascolo, können Sie als Journalist bestätigen, dass Tatsachen im Gegensatz zu Daten auf harter Arbeit beruhen?
Mascolo: Nehmen wir das Beispiel der sogenannten Panama Papers. Das ist ein Datensatz, von dem wir bis heute nicht sagen könnten, dass wir ihn tatsächlich vollständig durchdrungen und verstanden hätten. Die Entscheidung bestand darin zu sagen, auf die Tatsache der globalen Steuerhinterziehung und Steuervermeidung reagieren wir mit einer globalen Recherche. An der Arbeit waren fast 400 Journalisten aus mehr als 70 Ländern beteiligt. Im ersten Schritt musste geklärt werden, ob die Aufzeichnungen tatsächlich von den angeblichen Banken und Betroffenen stammten. Erst dann konnten wir davon ausgehen: Wir haben es mit einem Ausschnitt der Realität zu tun. Als Nächstes ging es darum, mit den in den Dokumenten auftauchenden Personen selbst ins Gespräch zu kommen. Das ist ein Grundsatz des investigativen Journalismus: Sie müssen die Betroffenen mit den Fakten konfrontieren, die sich aus dem Material zu ergeben scheinen. Der Prozess der allmählichen Erhärtung einer Tatsache stellt sich als Annäherung an die Wirklichkeit dar.

Daston: In Ihrem Beispiel wird eine wichtige Eigenschaft von Tatsachen deutlich: Sie sind eine Errungenschaft des kollektiven Empirismus, das heißt sie können nicht im Alleingang hergestellt werden. Deshalb waren sie im 17. Jahrhundert auch dazu geeignet, der zerstrittenen Scientific Community einen neuartigen Zusammenhalt zu verleihen. Hier zeigt sich die konstruktive Dimension von praktizierter Skepsis – wenn man die Tatsache als so etwas bezeichnen will.

Tatsachen müssen mühsam erarbeitet werden. Die Wahrheit ist kein Fertighaus, das man über Nacht errichten kann — Lorraine Daston


 

PM: Wo kommt der merkwürdige Begriff des Faktums oder der Tatsache eigentlich her?

Daston: Besonders das deutsche Wort macht deutlich, dass es sich bei Tatsachen um Taten handelt. Wie wir an Redewendungen wie ex post facto oder an der Unterscheidung von de facto und de jure bis heute ablesen können, waren Fakten ursprünglich eine juridische Kategorie. Descartes’ Zeitgenosse Francis Bacon forderte im frühen 17. Jahrhundert eine Reform der Naturphilosophie. Wenn er von Fakten redet, klingt das meistens, als ob er von Verbrechen spricht. Bei einem Juristen wie Bacon sollte einen das nicht wundern. Das matter of fact, wie man auf Englisch sagt, verwandelte sich damals von einem juridischen in einen wissenschaftlichen Begriff. Zum Beispiel behauptete Isaac Newton in „The New Theory of Light and Colours“ von 1672, dass sich das weiße Licht aus einem farbigen Spektrum zusammensetzt. Die Wissenschaftler stritten über seine Theorie – und sogar über die Ergebnisse seiner Experimente. Ähnlich wie ein Gericht beschränkte sich die Royal Society of London, die 1660 gegründete englische Akademie der Wissenschaften, in dieser Situation darauf, die Tatsachen festzustellen und von den theoretischen Spekulationen und Deutungen zu trennen, um einen Konsens herzustellen. Das gelingt nie hundertprozentig. Das ist ein Ideal. In einem jahrhundertelangen Prozess haben sich seither Verfahren wie das Laborexperiment und Institutionen wie die wissenschaftlichen Akademien herausgebildet, die diesem Ideal verpflichtet sind.

PM: Ist dieses Ideal im sogenannten „postfaktischen“ Zeitalter in Gefahr?

Mascolo: Der Begriff der post truth politics, über den wir neuerdings so viel diskutieren, ist mir zum ersten Mal in den 1990er-Jahren in den USA begegnet. Damals ging es um den Klimawandel. Bei denjenigen, die davon überzeugt waren, dass es diesen Wandel nicht gab – vielleicht sollte man besser sagen: die daran interessiert waren, dass es ihn nicht geben sollte –, ließ sich schon damals die Strategie beobachten, gegenüber dem Geltungsanspruch der Naturwissenschaften einen fundamentalen Zweifel zu artikulieren. Es ging darum, die amerikanische Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass es sich bei den Erkenntnissen der Klimaforscher, die behaupteten, dass CO2-Ausstoß und Klimawandel zusammenhingen, nicht um harte Tatsachen, sondern eher um Meinungen oder Hypothesen handelte.

Daston: In ihrem Buch „Merchants of Doubt“ (dt.: Händler des Zweifels) haben sich die Wissenschaftshistoriker Naomi Oreskes und Erik M. Conway eine ganze Reihe solcher Fälle angesehen. Eine Handvoll Naturwissenschaftler, die von konservativen Stiftungen unterstützt und teilweise von der Tabakindustrie finanziert wurden, versuchte in den 1970er-Jahren, den wissenschaftlich erwiesenen Zusammenhang von Rauchen und Krebs öffentlich in Zweifel zu ziehen: „Wir wissen nicht genug, wir brauchen mehr Forschung!“ Dieselben Wissenschaftler benutzten diese Rhetorik des Zweifels auch, um den Klimawandel und die Existenz des Ozonlochs infrage zu stellen. Entscheidend ist, dass die Strategie nicht darin bestand, die Tatsachen, die man in den medizinischen und wissenschaftlichen Fachzeitschriften nachlesen konnte, zu leugnen, sondern zu behaupten, sie könnten zwar stimmen, aber ebenso auch irrtümlich sein. Obwohl es sich nicht einmal um Krebs- oder Klimaspezialisten handelte, gelang es diesen Wissenschaftlern, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Hier sieht man, wie leicht strategische Skepsis zu Zwecken der Gegenaufklärung genutzt werden kann.

PM: Solche Beispiele werfen die Frage auf, welche Möglichkeiten wir überhaupt haben, um „gute“ von „schlechten“ Fakten zu unterscheiden. Institutionen scheinen dafür unumgänglich. Ist die Krise der Wahrheit im Kern eine Institutionenkrise?

Daston: Eine Institutionenkrise – und auch eine Krise der Autorität. Die Pariser Académie Royale des Sciences wurde 1666 zu dem Zweck gegründet, „wahr“ von „falsch“ zu unterscheiden, und zwar im Dienst der französischen Regierung, von der sie dazu ein königliches Privileg bekam. Unser Peer-Review-Verfahren geht wiederum auf die wissenschaftlichen Kommissionen des 18. Jahrhunderts zurück. Anders als solche hierarchischen Formen der Wahrheitsfindung versprach das Internet zunächst eine wahrhaft demokratische Wissensproduktion. Doch inzwischen sehen wir, welche Probleme sich aus der Unterhöhlung institutioneller Autorität ergeben. Genau wie in der Kunst gibt es auch in den Wissenschaften die Legende vom Einzelnen, der von den etablierten Institutionen ignoriert wird, aber am Ende doch recht behält. Denken Sie etwa an den Mathematiker Évariste Galois, dessen bahnbrechende Entdeckungen in der Gruppentheorie mehrfach von der Académie des Sciences abgelehnt wurden, bevor er mit zwanzig bei einem Duell umkam. Diese romantische Mythologie gibt es spätestens seit dem 19. Jahrhundert. In der Gegenwart profitiert sie von der Mythologie des Internets. In Wirklichkeit können wir auf Institutionen, die für Tatsachen garantieren, nicht verzichten. In den meisten Fällen kommt die Wahrheit nämlich nicht durch Geniestreiche ans Licht. Stattdessen muss sie mühsam erarbeitet werden – und dazu tun Institutionen, Methoden und Beweismittel not. Die Wahrheit ist kein Fertighaus, das man über Nacht errichtet. Sie ist, wenn ich das etwas pathetisch formulieren darf, eine Kathedrale.

Dass die amerikanischen Medien nicht in der Lage waren zu erspüren, wie weit sich viele Amerikaner von der Politik entfremdet hatten, muss man als eines ihrer größten Versäumnisse bezeichnen — Georg Mascolo


 

Mascolo: Um Ihrer Skepsis entgegenzutreten, möchte ich daran erinnern, dass wir gegenwärtig aber auch eine Form des Zweifels erleben, die ich als aufklärerisch empfinde. Der Soziologe Niklas Luhmann hat einmal gesagt, dass wir so gut wie alles, was wir über die Welt wissen, aus den Medien wissen, dass wir aber über die Medien zu viel wissen, um ihren Informationen zu trauen. Ein vergleichbares Reflexionsniveau erkenne ich heute tatsächlich bei einer größeren Anzahl von Mediennutzern wieder. Auf der einen Seite scheint es tatsächlich diejenigen zu geben, die wir kaum noch erreichen, weil sie meinen, dass wir vorsätzlich die Wahrheit verbiegen wollen. Eine weitaus größere Gruppe ist aber auf eine Weise kritischer geworden, die ich als mündiger bezeichnen würde: Sie zieht die Autorität der traditionellen Medien in Zweifel und fragt, nach welchen Kriterien wir eigentlich arbeiten. „Was sind eure Quellen, wie trefft ihr eure Entscheidungen? Korrigiert ihr eure Fehler? Legt ihr an euch und euer Handeln die gleichen Maßstäbe an, die ihr an alle anderen anlegt?“ Als Journalist würde ich auf solche Nachfragen niemals beleidigt reagieren. Es gehört zu den Aufgaben des Journalismus, Menschen mit einem kritischen Blick gegenüber all denjenigen auszustatten, die Einfluss haben und Macht in unserer Gesellschaft ausüben. Insofern kann man sagen, dass wir die Menschen überhaupt erst zu der Art von Skepsis erzogen haben, die uns heute als problematisch erscheint.

PM: Wir haben viel über Journalismus geredet. Welche Rolle spielen dagegen die Geisteswissenschaften? Spätestens seit der Trump-Wahl gibt es eine Debatte darüber, ob eine an Nietzsche geschulte postmoderne Kulturwissenschaft die Vorstellung einer verbindlichen Wahrheit untergraben hat.

Daston: Der Gedanke, dass amerikanische Kongressabgeordnete Nietzsche lesen, ist leider absurd und eine wilde Überschätzung des gesellschaftlichen Einflusses der Geisteswissenschaften. Für das, was wir als post truth bezeichnen, halte ich weniger das Klima an amerikanischen Universitäten als eine Veränderung im Stil der Berichterstattung verantwortlich, die man selbst bei so respektablen Medien wie der New York Times und in Deutschland genauso wie in den USA beobachten kann: Ich meine den Trend, immer weniger von Gründen und immer mehr von Gefühlen zu sprechen. Soweit ich sehe, ging das im Sportjournalismus los. Die Idee, dass Emotionen die verlässlichste Wahrheit, nämlich Authentizität, darstellen, kann man bis Rousseau zurückverfolgen. Weil Gefühle dazu geeignet sind, Geschichten farbiger und anschaulicher zu machen, hat sich dieses Muster auch in der politischen Berichterstattung durchgesetzt. Im amerikanischen Wahlkampf ist im letzten Jahr zum Beispiel nur wenig über Gründe, dafür aber viel über Emotionen berichtet worden. Statt die Wähler auf die Kriterien für ihre Entscheidung anzusprechen, wurden sie nach ihrer Zu- oder Abneigung für die Kandidaten gefragt. Das suggeriert, dass es legitim ist, nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Bauch an der Politik teilzunehmen. Vor allem aber hat es dazu beigetragen, dass wir meinen, in einer Welt zu leben, in der unsere unterschiedlichen Perspektiven nicht mehr unbedingt vermittelbar sind.

Mascolo: Da muss ich Ihnen widersprechen. So wichtig Fakten und Tatsachen sein mögen, so glaube ich, dass die Fähigkeit, Gefühlslagen und Stimmungen zu erspüren, in meinem Beruf eine genauso große Bedeutung hat. Die Wut und Enttäuschung, die Trump, soweit wir das beurteilen können, viele seiner Wähler zugeführt haben, mögen von realen ökonomischen Entwicklungen verursacht oder nur ein subjektives Gefühl gewesen sein. Aber dass die amerikanischen Medien nicht in der Lage waren zu erspüren, wie weit sich viele Amerikaner von der Politik entfremdet hatten, muss man als eines ihrer größten Versäumnisse bezeichnen. Und ich bin der Meinung, dass das mit Abstrichen auch hier in Deutschland gilt. Es ist evident, dass wir in vielen Situationen nicht mehr in der Lage sind, die bestehenden Stimmungen richtig vorauszusagen. Deshalb haben wir den Brexit für unmöglich gehalten. Deshalb haben wir erst den Präsidentschaftskandidaten und dann den Präsidenten Trump für unmöglich gehalten.

PM: Müssen wir uns, so wie im 17. Jahrhundert, von unseren vertrauten Gewissheiten verabschieden? Oder gibt es etwas, für das Sie auch in der jetzigen Situation Ihre Hand ins Feuer legen würden?

Daston: Genau wie die empirischen Wissenschaften des 17. Jahrhunderts den Anspruch absoluter Gewissheit zugunsten eines bloß wahrscheinlichen Wissens aufgeben mussten, müssen auch wir im 21. Jahrhundert lernen, Beweise gegen Beweise abzuwägen und Wahrscheinlichkeiten einzuschätzen. Zu sagen, dass wir Sterbliche selten absolute Gewissheit erreichen können, heißt nämlich längst nicht, dass alle Behauptungen gleich ungewiss sind.

Mascolo: Ich bin mir nur in einem sicher: dass es anders kommt, als wir heute erhoffen oder befürchten. Die Zukunft sieht immer anders aus, als sie in der Gegenwart vorausgesagt wird. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe Nr. 3 / 17

Skepsis