Deutschland, Zukunftsland

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Photo: „Kein Platz für Dügida“ © CC-by Rene Dana

Lesen Sie weitere Artikel aus unserem Dossier zur Flüchtlingskrise in der aktuellen Ausgabe des Philosophie Magazin. Titelbild:


Welches sind die Erfolgsindikatoren, die uns in 20 Jahren sagen lassen könnten: „Ja, wir haben das geschafft“?

© CC-by-SA Martin Kraft

Harald Welzer

Der Soziologe ist Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg und Direktor der Stiftung FUTURZWEI.
Er ist Mitinitiator der bundesweiten Debattenaktion: „Die offene Gesellschaft – Welches Land wollen wir sein?“ Zuletzt von ihm erschienen (mit M. Pauen): „Autonomie“ (Fischer, 2014)

Bild: © CC-by-SA Martin Kraft

Für eine erfolgreiche Integration von Zuwanderern und Flüchtlingen gibt es eigentlich keinen anderen Indikator als die erfolgreiche Integration von Zuwanderern und Flüchtlingen. Das heißt: Im Erfolgsfall merkt man gar nichts. Schließlich ist es ein Merkmal von funktionierenden Einwanderungsgesellschaften, dass die Herkunft und Migrationsgeschichte der Gesellschaftsmitglieder im Alltag keine Rolle spielt – im Unterschied zu Gesellschaften, deren Selbstbild stark an eine (vermeintlich) biologische Identität gekoppelt ist. Um es einfach zu sagen: Auf die Idee, dass jemand, der aus Anatolien eingewandert ist, kein Amerikaner sei, würde ein Amerikaner nicht kommen. In Deutschland, das sich lange geweigert hat, das Selbstbild eines Einwanderungslandes anzunehmen, gilt dagegen noch dessen Enkelin als eine Person „mit Migrationshintergrund“. Dabei zeigt die idiotische Formulierung das Nichtselbstverständliche des Umgangs mit Zugewanderten an, das aber wahrscheinlich etwas ist, das sich im Lauf der nächsten 20 Jahre verloren haben wird.

Also: Der Erfolg wird darin bestehen, dass man ihn nicht bemerkt. Ebenso wie die sukzessive Aufhebung des Demografieproblems, das ja Generationen von Wissenschaftlern und Sozialpolitikern in Atem gehalten hat. Dass die Deutschen immer älter würden und damit unabsehbare Probleme auf die Sozialsysteme zukommen würden, galt ja lange Zeit als in Marmor gemeißelter Sachverhalt. Ab 2015, mit der Ankunft der Flüchtlinge, stellt sich das alles aber plötzlich als weitgehend gegenstandslos dar, denn hier kommen überwiegend junge Menschen ins Land, die die Alterspyramide wieder auf einen stabileren Sockel stellen.
Vielleicht sollte man diese Korrektur eines Systemfehlers durch Zuwanderung von außen zum Anlass nehmen, robustere Strukturen im Sozialsystem einzuführen, da die Kopplung der Versorgungssysteme an Einkommen aus Erwerbsarbeit ohnehin nicht mehr zeitgemäß ist. Viel zukunftstauglicher ist der Einbezug aller Einkommensarten in die Finanzierung der Sozialsysteme, die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens und damit ein Rückbau teurer Bürokratie.

Der Erfolg wird darin bestehen, dass man ihn nicht bemerkt


 

Die dadurch frei werdenden Mittel lassen sich wunderbar in Integrationskonzepte überführen: nämlich in den sozialen Wohnungsbau, der bislang katastrophal vernachlässigt wurde, in eine gezielte Durchmischung von Wohnbevölkerungen, um die Entstehung von Parallelgesellschaften von vornherein zu vermeiden, in gezielte Ausbildungsförderungen und anderes mehr.
Darüber hinaus sollte man endlich aufhören, Gegenwarten in Zukünfte hochzurechnen. Gesellschaften sind nie stabil und soziale Entwicklungen nie linear. Um Demokratie widerstandsfähig zu machen, muss man aufhören, jegliches unerwartetes Geschehen als „Krise“ zu deuten, und stattdessen mit einem permanenten Gestaltwandel der Gesellschaft und damit auch einem Wandel der jeweiligen Anforderungen zu rechnen lernen. Gerade das legt jeweils die Wahl robuster Strukturen nahe und lässt Moden als das erscheinen, was sie sind: Moden nämlich. Ein Erfolgsindikator für eine stabile Demokratie in 20 Jahren wäre mithin, wenn Bürgergesellschaft wie Politik der Maxime folgen: „Don’t believe the hype!“

Dieser Beitrag wurde in der Ausgabe Nr. 2 / 2016 veröffentlicht.

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