Was macht Fußball schön?

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Bild: „Millerntor“ © CC-by deggert07


In Frankreich findet in diesen Wochen die Fußball-Europameisterschaft statt, mit der die populärste Sportart unserer Zeit breite Schichten des Kontinents fasziniert. Doch worin liegt die besondere ästhetische, spielerische und emotionale Attraktivität des Spieles?

Man mag es kaum noch glauben. Aber es gab auch eine Welt ohne Fußball. In weniger als 150 Jahren eroberte ein Freizeitvergnügen für englische Internatsschüler den gesamten Erdball. Heute wirkt es als globales Medium der Völkerverständigung, ist Zentrum nationaler Selbstverständnisse, bildet den Lebensinhalt ganzer Familien. Auf der phil.cologne 2013 drangen Volker Finke und Gunter Gebauer gemeinsam in die Tiefen des Spiels vor und legten für uns die verborgenen Schönheiten des „simple game“ frei.

Der langjährige Bundesligatrainer Finke und der Sportphilosoph Gebauer im Dialog über die Ästhetik des Kurzpasses, androgyne Helden und die falsche Dogmatik des Jogi Löw.

Das Gespräch führte Wolfram Eilenberger

Bild:© CC-by_SA 3.0 Igor Snisarenko

Volker Finke

begann seine Trainerkarriere beim TSV Stelingen. Von 1991 bis 2006 trainierte der studierte Mathematiker sehr erfolgreich und stilprägend den SC Freiburg. Nach Stationen in Japan und als Sportdirektor beim 1. FC Köln war Finke von Mai 2013 bis Oktober 2015 Trainer der Nationalmannschaft Kameruns, mit der er bei der Weltmeisterschaft in Brasilien 2014 in der Vorrunde ausschied.

Herr Gebauer, Milliarden Menschen auf der Erde begeistern sich für Fußball, wobei für alle, die dieses Spiel betreiben oder ihm aufmerksam folgen, eine Beobachtung unabweisbar scheint: Das allermeiste im Fußball gelingt nicht, sondern es scheitert und verfehlt sein Ziel. Was ist eigentlich so faszinierend daran, jungen Menschen beim Scheitern zuzusehen?

Gebauer: Wir berühren hier gleich eine Wurzel des Fußballs, man könnte sogar sagen, seine ganz eigene Existenzphilosophie. Scheitern ist in unserem Leben der Normalfall. Wir scheitern sogar alle definitiv, weil wir irgendwann einmal sterben. Das Scheitern ist für den Fußball als Mannschaftssport konstitutiv, ganz anders als im Handball oder Basketball, wo ein gelungener Spielzug eigentlich immer oder zumindest sehr häufig zum Erfolgserlebnis führt. Im Fußball dagegen sind in der gesamten Partie nur ein, zwei, maximal drei Spielzüge wirklich von Erfolg gekrönt. Das liegt an der Differenz von Hand und Fuß. Die Kontrolle eines Balles ist mit der Hand ungleich höher. Im Fußball nun muss man das Tor mit dem Fuß oder Kopf erzielen, darf es aber mit der Hand verhindern. Eine geniale Asymmetrie, die das Spiel unglaublich spannend hält.

Finke: Das ist auch aus meiner Sicht als Trainer das wichtigste Einverständnis, das es mit den eigenen Spielern zu erzielen gilt: Niederlage und Scheitern sind ein wesentlicher Teil des Fußballs. Wichtig ist, dies zu einer mentalen Stärke werden zu lassen, in dem Sinne, dass man zum Beispiel bei einem Rückstand keinesfalls beginnt auszusteigen. Das sind die Schlüsselmomente. Da geht es um den Esprit, den Mannschaftsgeist, zu sagen: Wir können verlieren, aber wir versuchen alle unsere Stärken aufzubringen. Die Unverfügbarkeit, die sich aus dem Spiel mit dem Fuß ergibt, ist schon etwas, was den Fußball abhebt. Sein Drehbuch wird ganz im Moment geschrieben, es gibt nichts, was vorher drinsteht, eine grundsätzlich offene Situation also.

Gibt es denn eine philosophische Ästhetik, die sich zur Beschreibung der Schönheiten des Fußballs besonders eignete?

Gebauer: Ich glaube ja, und das ist die kantische Ästhetik, denn Kant betont darin vor allem das freie Spiel der Einbildungskräfte. Dies spielt beim Fußball eine große Rolle. Gerade wenn Abläufe eingebildet, im Sport würde man sagen, antizipiert werden, um dann doch ganz anders einzutreten. Außerdem betont Kants Ästhetik das spielerische Moment einer Zweckmäßigkeit ohne Zweck. Das ist für Mannschaftssportarten besonders wichtig.

Aber der Zweck ist doch ganz klar: Der Ball muss rein, das Spiel gewonnen werden.

Gebauer: Klar, ein Spiel besteht ja auch wesentlich aus lauter extrem zweckmäßigen Handlungen: Pässen, Grätschen, Sprints … Nur: Das alles hat gar keinen Zweck, jedenfalls keinen, der außerhalb des Spieles selbst läge! Das Tor bedeutet nur, dass es 1:0 steht. Das führt dann auch auf den kantischen Begriff des interesselosen Wohlgefallens in der ästhetischen Erfahrung. Natürlich heften sich an den Fußball heute jede Menge Interessen, vor allem wirtschaftlicher Art. Aber der Grundimpuls ist ja nicht „Du kriegst eine Million Euro, wenn wir gewinnen“, sondern es funktioniert zunächst einmal als Spiel. Die zweckmäßigen Fußballhandlungen erzeugen im Betrachter wie im Athleten – im freien Spiel der Einbildungskräfte – ein Wohlgefallen, und damit auch gewaltige Emotionen: So ließe sich das mit Kant reformulieren.

Fußball bedeutet Kontingenz: sich dem Zufall hinzugeben, sich für ihn offenzuhalten


 

Herr Finke, und wenn Sie bei der Kabinenansprache nächstes Mal sagen: Jungs, denkt an das freie Spiel der Einbildungskräfte, worum es eigentlich geht, ist das interesselose Wohlgefallen, der Rest findet sich dann von selbst …

Finke: (lacht) Die würden sich wahrscheinlich fragen, was man dem Trainer heute in den Tee getan hat. Aber im Ernst, ich trainiere ja derzeit die Nationalmannschaft von Kamerun, und da gibt es bereits in der konkreten Spieleransprache und Motivation Elemente, die nicht das Spiel selbst betreffen. In Kamerun wird es so aufgefasst, dass die Nationalspieler einen Ehrenvertrag mit dem Land haben. Es geht dann darum, diesen Vertrag mit der Heimat auf dem Platz zu erfüllen, gegenüber der Bevölkerung, ihren Familien. Da ist man zunächst sehr weit weg von Kant. Wobei es schon so ist, da würde ich Herrn Gebauer zustimmen, ihren „Vertrag“ können die Spieler natürlich nur dann wirklich erfüllen, wenn sie auf dem Platz ihre ganze Spielfreude zeigen, alle ihre Talente in das Spiel einbringen.

Gebauer: Genau, diese Freude, die spontan aufspringt, das meine ich mit interesselosem Wohlgefallen, und es entsteht aus der koordinierten Interaktion von zehn Feldspielern. Das ist unglaublich attraktiv.

Die Ästhetik des Fußballs hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Und ein taktischer Pionier dieser Veränderung waren Sie, Herr Finke, denn Sie haben bereits vor 20 Jahren in Freiburg mit großem Erfolg ein Spielideal verfolgt, das dem heute taktisch dominierenden Kurzpassstil des FC Barcelona und der spanischen Nationalmannschaft – dem sogenannten Tiki-Taka – sehr ähnlich war.

Finke: Also, da halte ich mich gerne zurück. Aber wahr ist, konsequentes Kurzpassspiel, dieses heute gerühmte Spiel in der Nähe des Balles – immer ein Mann mehr in der Balleroberung und auch bei Ballbesitz –, das ist etwas, was ich in Deutschland sehr früh entwickelt habe, angeregt durch den Mittelmeerfußball, der damals schon ballorientiert und nicht, wie in Deutschland, mannorientiert spielte.

Gebauer: Eine wesentliche Veränderung betrifft die Passlänge, von deren Schönheit man ja gerade zu den großen Zeiten des deutschen Fußballs – Netzer, Beckenbauer, Overath – immer schwärmte. In diesen langen Pässen lag sozusagen eine kontemplative Schönheit. Man hatte viel Zeit, dem Flug des Balles zu folgen. Der Ball war so etwas wie eine Luftpost, eine geheime Botschaft an den anderen, vielleicht ein Liebesbrief. Das war zwar schön, ist aber heute einfach nicht mehr erfolgreich. Der Erfolg bleibt im Fußball ein wesentlicher ästhetischer Aspekt. Das heutige Kurzpassspiel, vor allem der Spanier, erfährt seine Schönheit aus der unglaublichen Beherrschung des Balles, die er zur Schau stellt, aber auch der räumlichen Beherrschung des Gegners. Obwohl dieses Kontrollideal vielleicht seine ästhetische Grenze erreicht hat und im Exzess durchaus Langeweile erzeugt, sodass man Ausrufen möchte: „Mein Gott, könnt ihr nicht mal ein bisschen mehr Ereignisse schaffen!“

Finke: Kurzpass ist kein Selbstzweck, es ist deswegen gut und erfolgreich, weil man an jeder Stelle des Platzes versucht, sich freizuspielen für die eigentlich beschleunigende Situation. Darin liegt für mich die Schönheit dieses Systems – die kreative Lösung unter enormem zeitlichen wie räumlichen Druck. Die 40-Meter-Pässe eines Netzer waren damals möglich, weil er Zeit hatte, sich den Ball zurechtzulegen, weit auszuholen, diese Zeit oder besser diesen Raum hat man heute im Mittelfeld nicht mehr. Der Ball darf bei der Annahme keine zehn Zentimeter weit wegspringen, sonst ist er weg.

Perspektiven auf Fußball

Bild : © CC-by-SA 4.0 Daniel Roßbach


 

Gebauer: Das Kurzpassspiel scheint gegenwärtig zu einem Dogma zu verkommen – gerade in Deutschland, wo man sich diese Spielweise von der spanischen Nationalmannschaft und Barcelona abgeguckt und die Tendenz hat, eigene Stärken gering zu schätzen. In Interviews verbittet sich Jogi Löw jegliche Alternative zu dieser Fußballauffassung. Eine beharrende Taktik ist allerdings durchschaubar und setzt sich Gefahren aus, Dortmunds lange Pässe sind ein gutes Beispiel.

Finke: Ich glaube auch, dass wir demnächst, insbesondere bei hoch stehenden Abwehrreihen, wieder vermehrt den langen Pass als taktisches Mittel sehen werden.

Welches sind die wesentlichen Innovationen, die in Zukunft Einfluss auf die Schönheit des Spieles haben werden?

Gebauer: Der Stadionbau ist ganz wichtig. Die neuen engeren Arenen mit steilen, wandartigen Tribünen emotionalisieren das Spiel ungeheuer, das Dortmunder Westfalenstadion ist das beste Beispiel. Das Zweite betrifft die elektronischen Übertragungsmedien. Da war der Wandel in den vergangenen 40 Jahren überwältigend und hat unsere Wahrnehmung des Spieles grundlegend verändert. Damals hatte man drei Kameras – zentral, rechts, links – heute sind es gut und gerne 32, an Kränen, aus Zeppelinen, das ergibt fast eine Bergfilm-Anmutung. Dann natürlich Superzeitlupen, so werden medial ganz eigene Narrationen geschaffen und damit ein Ablauf, der im Wahrnehmenden eine enorme innere Spannung erzeugt und die tatsächliche Dramatik auf dem Spielfeld oft stark überlagert.

Sie meinen, wir sehen am Fernseher ein Spiel, das so gar nicht stattfindet?

Gebauer: So kulturkritisch würde ich da nicht rangehen. Das ist nichts rein Virtuelles. Ohne dazugehörige Realität funktioniert das nicht.

Finke: Aus Trainersicht gibt es die Innovation der Tracking-Systeme, die jeden gelaufenen Meter jedes Spielers dokumentieren. Da geht es nicht um banale Geschichten wie „Der und der hat 13 Mal aufs Tor geschossen“, sondern ganz detailliert um jedes Bewegungsprofil, mit dem jeweiligen Lauftempo … Richtig ausgewertet sind das ganz wichtige Informationen für die Trainingsarbeit, aber es kann auch zu einer gefährlichen Verschiebung der Bewertungskriterien auf das rein Quantitative führen, nach dem Motto: Der Spieler ist nur neun Kilometer gelaufen, war also „faul“. Die Medien haben diese Daten ja auch und nutzen sie dann für solche Zwecke. Diese Innovationen wirken nicht zuletzt auf das Verhältnis Trainer-Spieler zurück, denn die Spieler fordern diese Informationen von mir ein. Sie sind in diesem Sinne mündiger und anspruchsvoller geworden.

Dennoch scheint es ja nach wie vor so zu sein, dass Fußball in seinem Verlauf, ganz im Gegensatz etwa zu Baseball oder Basketball, statistisch schwer zu erfassen und vor allem auch zu steuern ist.

Gebauer: Der Fußball ist zu sehr zufallsabhängig, um ihn statistisch in den Griff zu bekommen. Das ist ganz anders als beim American Football etwa, wo das Ei getragen und mit der Hand geworfen werden kann und das Spiel zudem in einzelne, abgetrennte Sequenzen zerteilt ist – also Spielzüge detailliert geplant und ausgeführt werden können. So viel Rationalität und Steuerung ist im Fußball nicht möglich. Deswegen ist es auch das Lieblingsspiel Europas und Afrikas, mittlerweile auch Asiens, weil es auf der Bereitschaft beruht, sich dem Zufall hinzugeben, sich für ihn offenzuhalten. Diese Kontingenzerfahrung ist in Nordamerika kulturell ganz allgemein weniger erwünscht.

Der Fußball besitzt seine eigene Vernunft, seine eigenen Regeln, das macht ihn so überzeugend


 

Finke: Das sieht man auch am Baseball, dort definieren Statistiken den Marktwert der Spieler. Aber wenn wir von der mittlerweile globalen Ausbreitung des Fußballs sprechen, darf man nicht vergessen, mit wie vergleichsweise wenigen Mitteln er auskommt. Ein Ball genügt, dann eins gegen eins, oder zwei Kinder gegen die Mutter, und der Papa steht im Tor, im Hof, auf der Straße, ein Garagentor oder eine Wand reicht. Das führt zu einer ganz natürlichen Verankerung des Spieles im Alltag. Und bei all dem bleibt die Aufgabe doch wahnsinnig komplex und vielfältig, weil man den Ball eben mit dem Fuß beherrschen muss.

Gebauer: Vielleicht kann man es mit dem Tanzen vergleichen, dieses Spielerische aus den Füßen, Hüpfen, Beschleunigen, Verlangsamen … Ich denke, Tanzkulturen haben in gewisser Hinsicht ein bisschen Vorteile beim Fußball, an Brasilien sieht man das, auch in Afrika dürfte es eine gewisse Rolle spielen. Wir in Deutschland sind ja, wenn überhaupt, eher Gesellschaftstänzer.

Finke : Es betrifft ja auch den Körperkontakt. Es ist schon schön zu sehen, wie Jugendliche und auch erwachsene Männer gerade bei Erfolgserlebnissen körperlich miteinander umgehen: der Jubelberg, die Spielertraube, das Abklatschen, das Umarmen, das Küssen! Das alles sind wichtige Komponenten für die Frage, ob ein Spieler sich in der Gruppe wohlfühlt.

Gebauer: Aber es gibt ja nicht nur das Miteinander, sondern auch das Gegeneinander, das Zusammenprallen der Leiber! Hier kann Gegnerschaft innerhalb eines bestimmten Regelspielraums richtig ausgelebt werden, was gerade unter Jugendlichen eine wichtige Rolle spielt. Und vergessen wir nicht: Kampf ist auch sexy! Da werden unterschiedlichste Energien freigesetzt. Es gibt reihenweise sexuelle Bezüge, auch aus der Fußballersprache, die einem sofort einfallen: ballern, donnern, den Ball reinwichsen. Das Tor, wo der Ball rein muss, ist ja eine Art jungfräulicher, unberührter Rasen auf dem Feld. Diese Bezüge sind einfach nicht zu leugnen.

Bild : © CC-by-SA 3.0 StagiaireMGIMO

Gunter Gebauer

ist emeritierter Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin. Sportphilosophie ist neben Ästhetik und Sozialphilosophie einer seiner Forschungsschwerpunkte. Publikation zum Thema: „Poetik des Fußballs“ (Campus, 2006)

Was die Schönheit des idealen Fußballerkörpers angeht, scheint ein neuer Typus dominant geworden zu sein. Den neuen Superstars wie Mario Götze, Lionel Messi oder dem Brasilianer Neymar eignet ja etwas durchaus Knabenhaftes.

Finke: Man könnte auch Mesut Özil als Superbeispiel nennen. Dieser Trend hat im Wesentlichen etwas mit dem tieferen Körperschwerpunkt dieses Typus zu tun, der bei den neuen Spielanforderungen des – überall auf dem Platz auf engstem Raum – Sich-Lösens in Sachen Wendigkeit, Geschmeidigkeit und Ballbeherrschung klare Vorteile bringt. Das ist nicht mehr das traditionell männlich Kraftvolle, 1,90 Meter plus Muckibude und so, das geht mehr ins Androgyne, verlangt nach Feingliedrigkeit.

Gebauer: Und doch müssen auch diese Spieler eine gewaltige Kraft haben, wenn sie schießen beispielsweise. Ich würde es nicht androgyn nennen, denn so ganz mädchenhaft sind die nicht. Eher eine andere Art von Männlichkeit, beweglicher, raffinierter, ein mit Listen ausgestatteter Körper, den wir früher so nicht hatten. Er ruft heute viel stärker erotische Assoziationen hervor als bei früheren Mannschaften. Vielleicht ist er sogar zu einer Projektionsfläche von Begehren geworden – bei Frauen und wohl auch bei Männern, was die Diskussion über die Tabuisierung von Homosexualität im Fußball beleuchtet. In diesem Zusammenhang muss man auch anmerken, dass die Spieler auf dem Topniveau immer jünger werden, Götze, Neymar, Draxler – die sind ja alle mit 20 an der Spitze, was eigene Risiken mit sich bringt. Sie haben großartige Verträge mit Gott weiß wie vielen Millionen, konnten den Beweis ihres Wertes aber noch gar nicht antreten. Darin sehe ich eine der größten Gefahren für die Entwicklung des Spieles. Die Gefahr für diese Spieler ist, dass die Fremdidentifizierung der Medien zur Selbstidentifizierung wird. Mit 19 glaubt man ja alles, was über einen erzählt wird, das Gute wie das Schlechte.

Finke: Die Alten sind manchmal noch sensibler als die Jungen, also, da gibt es keine Regel, wie mit dem Druck von außen umgegangen wird. Andererseits gibt es, und das kann man auch empirisch rausfiltern, gewisse Standorte, an denen Spieler auf die ganze Karriere besehen ihre schlechtesten Leistungen bringen, Vereine, in denen es aufgrund äußerer, medialer Einflüsse knüppelschwer ist, seine Leistung zu finden.

Gebauer: Würden Sie den Einfluss der Berichterstattung als konkrete Gefahr für die Zukunft des Spieles beschreiben?

Finke: Nein, obendrüber hat der Fußball seine eigene Vernunft, seine eigenen Regeln, und auch wenn das jetzt ein bisschen doof klingt, es ist dann einfach so, dass man auf dem Platz die Gruppe doch irgendwie zusammenkriegt und einen Kreis bildet, und sagt: „Alles was da draußen ist, das vergessen wir jetzt, wir kümmern uns nur um den Fußball, den wir spielen wollen.“ Auch gesellschaftlich hat der Fußball schon so vieles überlebt, hat sich ohne größeren Schaden letztlich erhalten, gerade in Ländern, in denen die Bedingungen weniger erstrebenswert sind. Deswegen ist der Fußball auch überzeugend als Möglichkeit, immer wieder an allen Stellen der Welt Kommunikation zu stiften. Auch und gerade dort, wo es besonders schlecht läuft, da gilt es nicht wegzubleiben, sondern ins Gespräch zu kommen.

Gebauer: Es kann aber auch sein, dass im Fußball die gesellschaftlichen Probleme eines Landes hochkommen. Im Umfeld des Confederations Cup entzündeten sich die drängendsten sozialen Fragen Brasiliens – ausgerechnet im Fußball, hat man gesagt. Aber das ist nicht verwunderlich: Die Spiele und die Kommunikation drum herum sind in Brasilien der Ort, an dem alle Interessen des Landes konvergieren. Die WM im nächsten Jahr wird einen gewaltigen Einfluss auf das Selbstbild des Landes und auf seine Politik haben. Man kann, wenn man ein Freund Brasiliens ist, nur hoffen, dass seine Nationalmannschaft gewinnt.

Finke: Also, wenn Kamerun im Halbfinale ausgeschieden ist (lacht), werden es Deutschland, Spanien und Brasilien unter sich ausmachen.

Dieser Beitrag wurde in der Ausgabe Nr. 6 / 2013 veröffentlicht.