Warum sollten Philosophen die Bibel lesen?

Raffaels Fresko Die Schule von Athen im Vatikan.
Bild : © CC-by-SA 3.0 Antoine Taveneaux


Was macht die Bibel für Philosophen interessant? Was kann uns ein mehrere tausend Jahre alter Text noch für die Gegenwart lehren? Susan Neiman ist überzeugt: Das Alte Testament ist nicht nur für das Verständnis unserer Kulturgeschichte wichtig, sondern wirft auch fundamentale ethische Fragen auf.

Das Gespräch führte Catherine Newmark.

Bild : © CC-by-SA 3.0 A. Savin

Susan Neiman

Die US-amerikanische Philosophin ist nach Stationen in Yale und in Tel Aviv seit 2000 Direktorin des Einstein Forums in Potsdam. Ihr aktuelles Buch „Warum erwachsen werden? Eine philosophische Ermutigung“, erschien 2015 bei Hanser.

Frau Neiman, warum sollten sich Philosophen mit der Bibel auseinandersetzen?

Ich weiß gar nicht, wie man die Geschichte des Westens sonst überhaupt verstehen sollte – weder die Kunst noch die Musik noch die Literatur noch die Philosophiegeschichte sind überhaupt begreifbar, wenn man die Bibel nicht kennt. Außerdem muss man sehen, wie absurd diese Frage noch vor 150 Jahren gewesen wäre – Philosophie war in ihrer Geschichte bis vor gar nicht langer Zeit immer auf Religion bezogen. Erst im 20. Jahrhundert hat man nicht nur die Philosophie strikt vom Glauben getrennt, sondern auch die Religion aus der Philosophiegeschichte herausgenommen. Man liest die Klassiker nur noch als Erkenntnistheoretiker. Aber für Descartes, sagen wir, oder für Kant, wäre es absurd gewesen, Philosophie bloß als Erkenntnistheorie zu verstehen. Erkenntnistheorie war für sie nur der methodische Anfang, um dann zu den wirklich wichtigen Fragen vorzudringen.

Was waren die?

Bis Ende des 19. Jahrhunderts ist die Theodizee-Frage das Herz der Philosophie. Also die Frage, was für einen Sinn es hat, in einer Welt zu leben, die nicht so ist, wie sie sein sollte. Warum die Schöpfung dermaßen unperfekt ist. Woher das Böse kommt. Das sind Grundfragen der Philosophie – und das sind auch Fragen, die in der Bibel, etwa im Buch Hiob, in an nichts fehlender Deutlichkeit formuliert werden. Natürlich muss man diese Fragen nicht im religiösen Kontext stellen, es gibt auch nichtreligiöse Antworten darauf. Aber wenn man sie nicht stellt, hat man die treibenden Kräfte der Philosophiegeschichte ausgelassen.

Sie lesen also die Bibel nicht nur als Philosophiehistorikerin, sondern auch als säkulare Philosophin von heute noch als philosophisches Werk?

Ja. In der Bibel werden viele sehr philosophische Fragen gestellt. Einige davon habe ich in meinem Buch „Moralische Klarheit“ zum Ausgangspunkt genommen, um über Ethik nachzudenken. Denn wenn man die Bibel wirklich liest, dann findet man darin nicht nur Anhaltspunkte für eine religiöse Überzeugung, sondern genauso auch die Ansätze zu philosophischen Debatten.

Ein Beispiel?

Alle kennen die Geschichte von Abraham und Isaak: Gott sagt zu Abraham, er solle seinen Sohn, den er liebt, opfern, also töten. Und Abraham packt seine Sachen, geht auf den Berg und schickt sich an, Isaak umzubringen. Erst im letzten Moment gebietet Gott ihm Einhalt und sagt: Das war nur ein Test. Diese sehr bekannte Geschichte besagt, dass zu glauben heißt, Gott absoluten Gehorsam entgegenzubringen. Sogar da, wo seine Befehle gegen die Ethik verstoßen, wie in diesem Fall, in dem er einen Mord befiehlt. Weit weniger bekannt ist die Geschichte ein paar Seiten davor, die Geschichte von Abrahams Debatte mit Gott über die Städte Sodom und Gomorrha. Gott sagt zu Abraham, er wolle Sodom und Gomorrha zerstören, weil darin böse Menschen wohnen. Aber Abraham nimmt das nicht einfach hin, sondern setzt sich zur Wehr, er protestiert und sagt zu Gott: Nein, Ethik geht vor. Du kannst nicht ohne Unterschied Gerechte und Ungerechte mit einem Schlag zerstören. Was, wenn in der Stadt 50 Gerechte wären? Die Geschichte ist interessant, weil man sieht, dass Abraham sehr genau denkt und versucht, mit Gott zu verhandeln. Er hat durchaus auch Angst, er weiß, dass er sich gegen Gott auflehnt. Aber letztlich gibt er Gott geradezu eine Lektion in Ethik.

In den drei großen Religionen gibt es immer auch die rationalistische Tradition, die die Vernunft mindestens gleichwertig neben den Glauben stellt.


 

Also ist in der Bibel schon die Debatte, das Verhandeln mit Gott angelegt. Mithin so etwas wie Selberdenken und damit: Philosophieren?

Ganz genau. In diesen beiden Abraham-Geschichten spiegeln sich meiner Meinung nach zwei Grundströmungen, die man in allen drei großen monotheistischen Religionen findet – Abraham ist ja auch der Vater von allen dreien, Judentum, Christentum und Islam erkennen ihn gleichermaßen an. In der einen Strömung heißt es: Was Gott oder seine Vertreter befehlen, das gilt, da muss man gehorchen. Das entspricht der Abraham-und-Isaak-Geschichte, die für Muslime dann auf Ismael bezogen ist. Die andere Strömung, für die die Sodom-und-Gomorrha-Geschichte steht, ist der Auffassung: Gott hat uns unsere Vernunft gegeben, und er ist der Meinung, wir sollten sie nutzen, gerade auch wenn etwas aus der Religion kommt, das ethisch problematisch ist. Letztlich geht Ethik vor Religion.

Ist das nicht eine sehr neuzeitliche Lesart?

Natürlich ist das auch eine aufklärerische Vorstellung, ganz im Sinne Kants: Religion ist gut, wenn sie die Ethik stärkt, aber die Ethik und die Vernunft müssen vor der Religion stehen. Man findet aber auch schon in der Bibel selbst diese Debatte, diese Reflexion über das Verhältnis des Menschen zu Gott – und über dasjenige zwischen Vernunft und Glauben. Und auch in jeder theologischen Tradition. In den drei großen Religionen gibt es immer auch die rationalistische Tradition, die die Vernunft mindestens gleichwertig neben den Glauben stellt. Denken Sie an die großen mittelalterlichen Rationalisten aus allen drei Religionen, Maimonides, Thomas von Aquin, Averroës …

Und an diese rationalistische Tradition einer vernunftorientierten Bibellektüre können wir auch als heutige Philosophen anschließen?

Ja, unbedingt! Nicht zuletzt deshalb, weil es doch auch darum gehen muss, den Graben zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen zu überwinden. Wir können, gerade angesichts der Entwicklungen der letzten 25 Jahre, nicht mehr davon ausgehen, dass Religionen einfach aussterben, dass sie im besten Fall unvernünftig, im schlimmsten Fall gefährlich sind. Ein in dieser Weise radikal säkulares Denken ist nicht klug. Da ist etwas, das wird auf absehbare Zeit Teil unserer Kultur bleiben, und damit müssen wir uns auseinandersetzen.

Wenn wir die Bibel und die Denktraditionen, die von ihr ausgehen, ernst nehmen, dann können wir in eine vernünftige Debatte mit religiösen Menschen treten und müssen nicht im Gegensatz religiös versus säkular verharren?

Natürlich. Abgesehen davon gibt es meiner Meinung nach postmoderne, säkulare Denker, die viel näher an Fundamentalisten dran sind als gemäßigt religiöse Sozialdemokraten … Oder denken Sie daran, welche wirklich interessante und vernünftige Unterscheidung unser Papst gemacht hat. Ich sage „unser“, obwohl ich Jüdin bin, weil ich finde, Franziskus hat einen ganz wichtigen philosophischen Punkt berührt. Im Grunde hat ja jede Religion zwei Hauptstränge. Der erste hat mit Sex zu tun: wer mit wem schlafen darf und wann, wer seinen Körper wie bedecken sollte und so weiter. Der andere Strang ist an sozialer Gerechtigkeit interessiert: wie wir mit Witwen und Waisen umgehen, welche Pflichten der Wohltätigkeit wir haben und so weiter. Und diese beiden Stränge sind traditionellerweise so eng miteinander verwoben, dass man sie kaum trennen kann. Franziskus hat nun ganz eindeutig gesagt: Was wichtig ist, ist die soziale Gerechtigkeit. Das mit dem Sex ist nicht so zentral. „Wer bin ich, darüber zu urteilen?“, wie er so schön formulierte. Und das, obwohl er sich sonst mit starken Urteilen nicht zurückhält! Franziskus hat ganz klargemacht, dass der Kern der Religion die Sozialethik ist. Und das wäre in jeder Religion befreiend. Wenn jemand wie der Papst sagt: Ich verstehe, dass euch Sex und die Fragen darum herum wichtig sind, aber der Kern der Religion ist ein anderer. •

Dieser Beitrag erschien in der 7. Sonderausgabe.

„Die Bibel und die Philosophen“

(November 2016)

Bibel