War Heidegger ein Sith?

Die Macht war stark in ihm. Dieser Satz trifft nicht nur auf Anakin Skywalker zu, sondern auch auf Martin Heidegger. Zu Beginn der dreißiger Jahre schloss sich der deutsche Meisterdenker der nationalsozialistischen Bewegung an – und wurde so zum Darth Vader der modernen Philosophie. Wie im Falle Anakins war es die Angst vor der Endlichkeit, die Heidegger auf die dunkle Seite der Macht zog.

Von WOLFRAM EILENBERGER

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Darth Vader, in den Stein der National Cathedral in Washington gemeißelt.

Schon als Kleinkind soll er über besondere Fähigkeiten verfügt haben. Gering von Wuchs, doch mit wachem Verstand, trat er unter den Seinen deshalb früh als Anführer in Erscheinung. Obwohl er in einem kleinen Dorf in einer abgelegenen Provinz aufwuchs, weckte er als Wunderkind bald auch das Interesse heiliger Männer. Priester kamen, nahmen sich seiner Talente an, brachten ihn in die Stadt und ermöglichten ihm ein Studium an der Akademie. Binnen kurzer Zeit eilte ihm auch dort, von Meistern wie Schülern gleichermaßen bewundert, der Ruf eines „geheimen Königs“ voraus. Schließlich stieß er, zum Manne gereift, den eigenen Lehrer vom Thron, zwang ihn in die Verbannung und erlag, auf dem Höhepunkt seiner Fähigkeiten, gar dem Wahn, sich zum alleinigen Meister eines neuen Zeitalters aufzuschwingen, ja den „Führer selbst führen zu können“.

Klingt bekannt, nicht wahr? Doch war in den vorangegangenen Zeilen nicht etwa von Anakin Skywalker oder Darth Vader die Rede, sondern von dem Philosophen Martin Heidegger und damit von einem der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts. Denn genau wie Anakin vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxie, so verfiel auch Meisterdenker Heidegger einst der dunklen Seite der Macht – und zwar zu Beginn der dreißiger Jahre, als er in die NSDAP eintrat und die Gestalt Hitlers als das Erwachen einer neuen, weltrettenden Macht pries.

Hat man sich erst einmal auf das Experiment eingelassen, sind die biografischen Gemeinsamkeiten zwischen dem Fall Skywalker/Vader und dem Fall Heidegger so umfassend und passgenau, dass sie zu einer eigenständigen philosophischen Untersuchung anregen. Kein Zweifel: Die Macht, sie war stark in Heidegger. Zu stark, um sich allein auf die Durchleuchtung biografischer Gemeinsamkeiten zu beschränken. Vielmehr führen die Gründe von
Heideggers (Anakins) Weg auf die dunkle Seite der Macht direkt ins Zentrum seines Denkens, seiner Kultur, ja des Wesens der Philosophie selbst.

DIE MACHT ERWACHT

Der Zeitgeist der zwanziger Jahre, in dem Heidegger zum philosophischen Meister aufstieg, ist in Deutschland von dem Bewusstsein einer tiefen zivilisatorischen Krise bestimmt. Um es mit dem Vorspann der ersten „Star Wars“-Episode zu sagen: Die Weimarer Republik befindet sich „in einem chaotischen Zustand“. Ihr Parlament zeigt sich entscheidungsschwach und verliert sich in „endlosen Debatten“. Die Zweifel, ob das bestehende System in der Lage sei, die nicht zuletzt wirtschaftliche Krise zu beenden, werden immer lauter. Die Sehnsucht nach einem starken Führer füllt die Herzen vieler. Was tun? Wie zu einer neuen Ordnung, einem neuen Selbstverständnis finden?

Das waren die Fragen, denen sich Hei­degger – wie die anderen Philosophen seiner Epoche auch – stellen musste. Sein Vorschlag zur Heilung der eigenen Kultur scheint zunächst voll und ganz auf der Seite der Jedi-Lehre zu liegen. Denn den Kern von Heideg­gers philosophischer Verfallsdiagnose bildet eine Unterscheidung, die man als die zwischen einer rein technisch instrumentellen Macht (in Heideggers Worten: „das Ge-stell“) und einer eher naturnahen und auch spirituellen Force im Sinne der Jedi beschreiben kann. Denker Heidegger sieht die gesamte abendländische Kultur einem zweckrationalen Gestell technischer Machbarkeit und ökonomischer Rationalisierung verfallen, das den Menschen als sinn­ suchendes Wesen von den eigentlichen Quellen seines Daseins entfremdet und entwurzelt. Seiner Überzeugung nach ist der moderne Mensch für den Ruf der wahren und eigentlichen Kraft im Zentrum aller Dinge stumm, taub und unempfindlich geworden. Der Massenmensch versteht deshalb weder sich noch die Welt, in der er lebt. Er befindet sich in einem gefährlichen Zustand der „Seinsvergessenheit“. In Heideggers Worten: „Das Wesen der Technik ist das Gestell, das Wesen des Gestells ist die Gefahr, das Gefährliche der Gefahr ist das sich verstellende Wesen des Seins selbst.“

Allein wenigen Weisen ist es in dieser dunklen Zeit vorbehalten, den Ruf des Seins und seiner wahrhaft welterneuernden Kraft zu vernehmen und diese Kraft zum Wohle aller nutzbar zu machen. Heideggers Schriften der späten zwanziger und dreißiger Jahre sind nun nichts anderes als verzweifelte Appelle, sich für die potenziell welterneuernde Kraft dieser anderen, poetischen und naturnahen Form der Force wenigstens offenzuhalten. Folgerichtig plädiert er – ähnlich wie viele Jedi – für das (antidemokratische) Ideal einer politischen Herrschaft eben jener Weisen, die in besonders engem Kontakt zur Force stehen.

Im Gegensatz zu den Lehren der
Jedi fordert Heidegger ausdrücklich dazu auf,
sich der Angst zu stellen, sie in sich wirken
und wachsen zu lassen.Wolfram Eilenberger

Als mächtigste Vertreter eines Zeitalters, das sich ganz der Macht der Technik und dem ökonomischen Zweckrationalismus verschrieben hat, sieht Heidegger im realpolitischen Kontext der dreißiger Jahre sowohl den amerikanischen Kapitalismus als auch den sowjetischen Stalinismus. Beide Systemangebote sind für ihn letztlich Ausdruck der gleichen Seinsvergessenheit, stehen gleichermaßen im daseinsverfehlenden Bann des Gestells der Technik. Zudem sieht Meister Heidegger, einer zeitraumtypischen Wahnvorstellung folgend, vor allem das Volk der Juden als paradigmatischen Vertreter einer Weltanschauung an, die sich ohne engeren Natur- und Heimatbezug ganz dem rechnenden Denken des Gestells verschrieben hat.

DAS FANAL DES TODESSTERNS

Als Denker befindet sich Heidegger zu Beginn der dreißiger Jahre deshalb in einer anakinhaften inneren Anfälligkeit. Er beklagt die Dysfunktionalität des bestehenden Systems, verfügt über eine eigenständige, denkbar tief greifende und durchaus Jedi-nahe Deutung für die wahren Gründe der Krise und gerät so in den Sog eines neuen Diktators (Hitler), der einen kompromisslosen Weg aus der Krise verspricht und zudem im Namen seines Volkes ein neues Zeitalter, gleichsam einen dritten, erdnahen Weg jenseits von Kommunismus und Kapitalismus ankündigt. Wer sich konkret vorstellen will, was für eine neue Welt sich Heidegger in seiner Schwarzwaldhütte zusammendachte – präzise ausbuchstabiert wird das in seinem Werk nie –, mag tatsächlich gut beraten sein, sich eine Mischung der beiden Völker auf Prinzessin Padmés Heimatplaneten Naboo vorzustellen: also eine Art mittelalterliche Ständegesellschaft eines edlen, homogenen Volkes mit einer nachhaltigen, organischen Technologie und Naturbeherrschung, wie sie die ebenfalls auf Naboo ansässigen Gungans des späteren Senators Jar Jar Binks kultivieren.

Heidegger – und das eint ihn mit dem Fall Anakin – verfällt der dunklen Seite der Macht also in der Hoffnung, den Kern seiner Lehre zu schützen und zur vollen Geltung zu bringen. Schon bald und dennoch zu spät erkennt er, was auch Anakin begreifen muss: Der Führer, den er als Retter imaginierte, ist in Wahrheit der eigentliche und letzte Vollstrecker eben jenes Zeitalters der kalten, gewissenlosen und instrumentellen Technik und Machtpolitik, die es im Namen der Force eigentlich zu verhindern galt.

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Die „Schwarzen Hefte“ weisen Martin Heidegger als Denker der Dunklen Seite aus.

Die Figur des Todessterns, jener Wunderwaffe des neuen Imperators, die mit einem Schlag ganze Planeten auszulöschen vermag, steht in der „Star Wars“-Saga beispielhaft für den Siegeszug der Macht der Technik gegen die Macht der Jedi. (Sie ist von George Lucas als Autor der Saga ohne Zweifel als Anspielung auf Hitlers Streben nach der Wunderwaffe, also der Atombombe, gedacht.) Im Sinne Heideggers gesprochen stellt der Todesstern die denkbar klarste Verkörperung seines Albtraums vom Zeitalter der planetarischen Kraft der Technik dar, nämlich eine selbst zum Planeten gewordene Kriegs- und Lebensvernichtungsmaschine.

Die jüngst veröffentlichten „Schwarzen Hefte“, also die Denktagebücher Heideggers aus den dreißiger Jahren (insbesondere Band 94 und 95), legen dabei ein erschütterndes Zeugnis vom inneren Kampf Heideggers ab, der in diesen Jahren einerseits immer klarer erkennt, welch fatalem, ja todbringendem Missverständnis er mit seiner Unterstützung des Nationalsozialismus erlegen ist, andererseits aber doch nicht von der Hoffnung lassen kann, der von den Nazis angestrebte Weltenkampf werde letztlich eine Befreiung vom Gestell der Technik ermöglichen.

DIE ANGST ALS URGRUND DES BÖSEN

Ab dem Jahr 1935 bricht die biografische Analogie zwischen Heidegger und Anakin ab, denn anstatt sich wie Darth Vader mit Haut und Haaren der dunklen Seite zu verschreiben, geht Heidegger nach seinem gescheiterten Rektorat an der Universität Freiburg in eine Art Exil. Die Schwarzwaldhütte in Todtnauberg fungiert dabei als sein privates Dagobah-System, von wo aus er sich fortan in raunenden, Yoda-ähnlichen Prophezeiungen über den Weg des Menschen in einem Zeitalter planetarischer Verlorenheit ergießt: „Difficult to see the future is. Only now a God can save us …“

Doch erklären die kulturdiagnostischen Motive in Heideggers Werk wirklich ausreichend, wie und weshalb einer der größten Denker des 20. Jahrhunderts sich dem Nationalsozialismus anschließen, ihm zeitweise sogar verfallen konnte? Oder geht die innere Verbindung zwischen Politik und Philosophie noch weiter? Kann sie uns vielleicht bis heute etwas über das stets anfällige Wesen des Denkens lehren?

Tatsächlich entwirft Heidegger bereits in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ von 1927 eine ausgefeilte Theorie der emotionalen Urgründe, die ein menschliches Dasein auf den rechten (oder eben falschen) Pfad führen. Die alles bestimmende Grundbefindlichkeit ist für Heidegger dabei die Angst, also jene Emotion, die in der „Star Wars“-Saga als eigentlicher psychischer Angriffspunkt der dunkeln Seite benannt wird. Wenn Meister Yoda oder Obi-Wan Kenobi ihren Meisterschüler Anakin immer wieder ermahnen, seine „Gefühle zu kontrollieren“, so geht es ihnen dabei insbe sondere um das Gefühl der Angst. Bereits bei dem ersten Treffen zwischen Yoda und Anakin – Anakin wird durch Obi-Wan dem Jedi-Rat vorgestellt – erspürt Yoda ein besonders hohes Maß an Angst in dem Wunderkind. Später dann, im dritten Teil der Saga („Die Rache der Sith“), wird Yoda den zum Mann gereiften Anakin noch einmal ausdrücklich warnen, die Angst sei der Pfad zur dunklen Seite der Macht, insbesondere die Angst vor der Endlichkeit der menschlichen Existenz.

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VERSKLAVUNG ODER TOR ZUR FREIHEIT?

Die Betonung der Angst bildet, wie gesagt, auch den existenziellen Kern von Heideggers „Sein und Zeit“. Anders als die Jedi-Meister erkennt Heidegger in der Angst allerdings nicht das Tor in die Dunkelheit, vielmehr preist er sie ausdrücklich als Bedingung der Möglichkeit einer wahrhaft selbstbestimmten Existenz: „Der durch die Angst gestimmte Ruf ermöglicht dem Dasein allererst den Entwurf seiner selbst auf sein eigenstes Seinkönnen.“ („Sein und Zeit“) Die Möglichkeit, sich im Zeichen der Angst auf sich selbst zu besinnen, steht dabei nach Heidegger im Prinzip immer offen: „Die ursprüngliche Angst kann jeden Augenblick im Dasein (als reine Angst) erwachen.“ („Was ist Metaphysik?“) Im genauen Gegensatz zu den Lehren der noblen Jedi um Meister Yoda und Obi-Wan Kenobi fordert der mit der Macht des Denkens reich beschenkte Heidegger ausdrücklich dazu auf, sich der Angst zu stellen, diese Angst in sich wirken und wachsen zu lassen. Besonders deutlich wird dies anlässlich der berühmten Davoser Disputation zwischen Heidegger und Ernst Cassirer im Jahr 1929. Im Verlauf dieses Streitgesprächs werden die beiden damals führenden Köpfe der deutschsprachigen Philosophie von einem Studenten ganz direkt auf die Bedeutung der Angst für das Philosophieren angesprochen. Die Frage – wir können sie uns leicht auch als Frage eines „Jedi-Anwärters“ in der Jedi-Akademie vorstellen – lautete: „Wie weit hat die Philosophie die Aufgabe, frei werden zu lassen von der Angst? Oder hat sie nicht die Aufgabe, den Menschen radikal der Angst auszuliefern?“

Es lohnt sich in diesem Kontext, die Antworten der beiden disputierenden Meister im Wortlaut zu zitieren.

Meister Cassirer antwortete: „Die Philosophie hat den Menschen so weit frei werden zu lassen, so weit er nur frei werden kann.“ Frei von der Angst.

Meister Heidegger entgegnete: „Der Mensch soll die Angst des Irdischen nicht von sich werfen; er soll in der Furcht des Todes bleiben.“

Wenn es einen Satz gibt, der Heideggers Anfälligkeit für die dunkle Seite der Macht offenbart, dann ist es dieser. Um es in der Diktion der „Star Wars“-Saga zu sagen: Mit seiner Aufforderung an die Studenten, unbedingt „in der Furcht vor dem Tode zu bleiben“ und die „Angst nicht von sich zu werfen“, gibt sich Heidegger bereits im Jahr 1929 als dunkler Denker, als Sith der Philosophie zu erkennen. Aus Jedi-Sicht verwendet er die Sprache der dunklen Seite par excellence: Die Versklavung durch die eigenen Ängste wird von Heidegger als eigentliches Tor zur Freiheit gepriesen, die Dominanz der dunkelsten Affekte als Weg zum Kern des eigenen Selbst.

Bis heute sind die Schlüsselfragen einer jeden Jedi-Ausbildung auch die Schlüsselfragen der Philosophie geblieben: Wie hältst du es mit der Angst? Soll unsere Schulung zu einer Befreiung von ihr führen? Oder vielmehr zu einer Vertiefung in sie? Kann sich das Dasein mit seiner eigenen Endlichkeit versöhnen?

Heideggers Antworten sind klar. Genauso waren es auch die Anakins. Ihre todbringenden Beispiele sollten uns bis heute eine Mahnung sein, wenn es darum geht, den richtigen Pfad im eigenen Leben und Denken zu wählen. Möge die Kraft dazu mit uns sein. •

Dieser Beitrag wurde in der Sonderausgabe Star Wars veröffentlicht.