Utopia on Stage

Zur Grammy Verleihung stellen wir im aktuellen Philosophie Magazin die Popikonen unserer Zeit vor – und damit die Archetypen, die sie verkörpern. In einer nicht nur aus musikalischen und ästhetischen Gründen umstrittenen Entscheidung wurde dabei Adele vielfach anstelle von Beyoncé ausgezeichnet.

Eine Typologie von Florian Werner

 

Beyoncé

Amerikanische Exzeptionalistin

Im Kosmos der Superstars bewohnt Beyoncé ein eigenes, besonders leuchtstarkes Sonnensystem. Als Solokünstlerin hat sie über 100 Millionen Tonträger verkauft, mit ihrer Gruppe Destiny’s Child noch einmal 60 Millionen mehr. Die Zeitschrift People kürte sie zur „schönsten Frau der Welt“ und das Time Magazine nimmt sie regelmäßig in seine Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten auf. Beyoncé wurde für mehr Grammys nominiert als jede andere Künstlerin, sie sang bei der zweiten Amtseinführung Barack Obamas die Nationalhymne und diente als Namenspatin für eine neue Pferdebremsenart (scaptia beyonceae), da diese angeblich genauso schöne goldene Haare hat wie die Sängerin.

Neunmal nominiert wurde Beyoncé nur mit zwei Grammys ausgezeichnet.
Bild: © CC-by-SA 4.0 Rocbeyonce

Florian Werner

Der Schriftsteller widmete sich schon in seiner Promotion „Rapocalypse“ (transcript, 2007) den Schnittstellen zwischen Mythologie und Popkultur. Für Deutschlandradio Kultur verfasste er die Kolumne „Florian Werner liest Musik“
Bild: Johanna Ruebel

Vom Literaturnobelpreis und der Seligsprechung zu Lebzeiten einmal abgesehen, hat Beyoncé so ziemlich alles erreicht, was man als Popstar erreichen kann. Fans nennen die Sängerin ehrfurchtsvoll „Queen Bey“, sich selbst bezeichnen sie als „Bey Hive“, also als „Bienenstock“ oder „Schwarm von Beyoncé-Schwärmern“. Das Wortspiel macht sich die Homophonie zwischen dem Spitznamen der Sängerin und dem englischen Wort für Biene zunutze – doch birgt es eine tiefere Wahrheit. Bekanntlich wird bei Bienen schon im Eizellstadium entschieden, ob es sich bei dem künftigen Tier um eine Königin handeln wird oder um eine einfache Arbeiterbiene. Wird das Ei in einer Königinnenzelle abgelegt und die Larve mit Gelée royale gefüttert, entwickelt sich diese zur Königin – wenn nicht, nicht. Anders gesagt: Aus einer Arbeiterin kann nie eine Königin werden. Nur die Bienenkönigin kann Eier legen. Sie ist das einzige Tier im Stock, das sein Potenzial je voll verwirklicht. Für die anderen, normal­ sterblichen Bienen bleibt sie unerreichbar.

Eine ähnliche Sonderrolle nimmt Bienenkönigin Beyoncé innerhalb unserer Gattung ein. Mit einem altmodischen Begriff wie Genie wird man ihren überirdischen Fähigkeiten als Sängerin und Tänzerin nicht gerecht – aber allein durch harte Arbeit sind sie auch nicht zu erklären. Beyoncés aktuelles Album „Lemonade“, das die Sängerin mit einem einstündigen begleitenden Film veröffentlichte, ist atemberaubend in seiner Komplexität und Verweisdichte: In einem Moment sampelt Beyoncé die britischen Altrocker Led Zeppelin, im nächsten zitiert sie Verse der somalisch-britischen Lyrikerin Warsan Shire, dann inszeniert sie eine Performance der schweizerischen Künstlerin Pipilotti Rist nach, bevor sie sich vor der queeren afroamerikanischen Subkultur von New Orleans verneigt. Im Video zu „Situation“ verkörpert sie wenigstens ein Dutzend verschiedener afroamerikanischer Frauentypen, als wäre sie das Prinzip Weiblichkeit schlechthin.

Alles hier signalisiert: Gesamtkunstwerk, alles schreit: Perfektion, alles sagt: Ich kann das – ihr könnt das nicht. Suchte man nach einem Vorbild für diese Ausnahmekünstlerin, so würde man in der griechischen Mythologie, bei der bildschönen Göttin Athene fündig: So wie diese den Stadtstaat Athen und damit das Zentrum der antiken Welt verkörperte, ist Beyoncé die Schutzpatronin der USA. Sie verkörpert die Vorstellung des amerikanischen Exzeptionalismus, den Glauben also, dass die USA eine historische Sonderrolle innerhalb der Welt einnehmen.

So wie die griechische Göttin Athene das Zentrum der antiken Welt verkörperte, ist Beyoncé die Schutzpatronin der USA“


 

Andere demokratische Nationen mögen ihr nachstreben – sie werden doch nie so werden wie sie. Zurück zum Pop: Wenn es eine der zentralen, von TV‐Formaten wie„Deutschland sucht den Superstar“ transportierten Verheißungen ist, dass jede und jeder zum Popstern werden kann, dann erinnert uns Beyoncé schonungslos daran, dass es auch Utopien geben muss, die unerreichbar sind. Sie führt uns vor Augen, dass die Stars – und die Sterne – eben doch verdammt weit weg sind.

Adele

Britischer Common Sense

Vor zehn Jahren war sie noch ein einfaches Arbeiterkind aus Südlondon, das bei ihrer alleinerziehenden Mutter lebte und Lieder von Destiny’s Child mitsang. Dann veröffentlichte ein Freund drei ihrer Demo-Aufnahmen bei MySpace. Inzwischen – drei Alben später – hat sie über 100 Millionen Tonträger verkauft, einen James-Bond-Titelsong verantwortet, einen Oscar dafür eingeheimst und ist die schärfste Konkurrentin ihres ehemaligen Kindheitsidols Beyoncé bei den im Februar verliehenen Grammy Awards. Einer Umfrage zufolge gilt sie bereits als British cultural icon, zusammen mit Shakespeare, den Beatles und der Queen.

Adele, die fünf Grammys erhielt, zerbrach denjenigen für das beste Album um eine Hälfte davon an Beyoncé weiterzugeben, die ihn für Lemonade mehr verdient habe.
Bild: © CC-by 2.0 Kristopher Harris

 

Die Sängerin, Musikerin, Komponistin Adele verkörpert eine der zentralen Verheißungen der Popkultur: Nämlich dass jede und jeder es an die Spitze der Charts schaffen kann, wenn sie beziehungsweise er es nur will. Man muss dafür weder eine Figur wie ein anorektisches Fotomodel haben noch sich durch den Irrsinn einer Castingshow nach oben gequält haben, sondern nur ganz, ganz tief in sich hineinhorchen und die Töne, die man dort vernimmt, wahrheitsgetreu wiedergeben – idealerweise mit einer umwerfenden Soulstimme. You can get it if you really want. Adele verkörpert die ganz normale Genialität, die uns allen potenziell zu Gebote steht. Als solche ist sie eine echte Tochter der Romantik. Zum einen sind ihre Themen, im weiteren wie engeren Wortsinn, „romantisch“: Liebe, Leiden, Enttäuschung, Bitterkeit – das ganze Spektrum der Kübler-Ross-Trauerphasen von Denial bis Acceptance. Zum anderen erfüllt ihr Œuvre den Tatbestand der „Universalpoesie“, wie ihn der Romantiker Friedrich Schlegel im „Athenäums-Fragment“ Nummer 116 formulierte: Die progressive Universalpoesie, so der Philosoph, solle „die Poesie lebendig und gesellig und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen (…). Sie umfaßt alles, was nur poetisch ist, vom größten (…) Systeme der Kunst bis zu dem Seufzer, dem Kuß, den das dichtende Kind aushaucht in kunstlosem Gesang.“

Seit ihrem ersten Album arbeitet Adele daran, ihr eigenes Leben zur Kunst zu machen: jeden Seufzer, Kuss und Haucher, der ihr entfährt, schonungslos zu dokumentieren. Folgerichtig sind sämtliche bisherigen Alben nach dem Lebensalter der Sängerin benannt, in dem die darauf versammelten Songs entstanden: „19“ thematisiert die emotionalen Wirren eines Teenagers. „21“ die erste große schmerzhafte Trennung (angeblich führte der erste Song, den Adele für das Album geschrieben hatte, zum Zerwürfnis – mit den übrigen verarbeitete sie es). „25“ schließlich die Jahre danach, die verpassten Chancen, Erinnerungen an Menschen, mit denen man gern mal wieder sprechen würde, die aber einfach nicht ans Telefon gehen. „Hello?“

Telefonieren, schrieb Franz Kafka einmal, sei ein „Verkehr mit Gespenstern“, da er stets zwischen Abwesenden stattfindet; da er die Illusion einer Nähe vermittelt, die sich einer konstitutiven Ferne verdankt. Adele kommuniziert andauernd mit Geistern der Vergangenheit, nicht nur in ihrem Überhit „Hello“, auch in ihrer Durchbruchssingle „Rolling in the Deep“, die sich an das Gespenst eines Verflossenen richtet. Wie im Video zu „Hello“ sieht man die Sängerin in einem verlassenen Haus sitzen (der romantische Schauertopos schlechthin), die Sitzmöbel sind mit Folien abgedeckt, die Bilder mit Tüchern verhangen – was darunter lauert, wird man nie erfahren, die Szenerie ist im besten freudianischen Sinne „unheimlich“: Das Heimische, das un-heimisch geworden ist. Das macht die Größe Adeles aus: Sie ist nicht nur normal genial. Sie besingt auch die Dämonen, die unter dem Schleier unserer Normalität lauern.

Dieser Beitrag erschien, mit Portraits von drei weiteren die Popkultur prägenden Frauen, in Ausgabe Nr. 2 / 2017.

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