Unsere Verantwortung

Röszke

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Hat Deutschland im Rahmen der Flüchtlingskrise eine besondere historisch bedingte Verantwortung?

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Aleida Assmann

ist Professorin für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Gemeinsam mit Jan Assmann begründete sie das Konzept des „kulturellen Gedächtnisses“. Buch zum Thema: „Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur“ (C. H. Beck, 2013)
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Während viele Deutsche nach 1945 einen Schlussstrich forderten, der ihnen nach der Nazizeit einen Neubeginn ermöglichen sollte, ist seit den neunziger Jahren in Deutschland eine Erinnerungskultur aufgebaut worden, die die Funktion eines Trennungsstrichs hat. Wir stellen uns der Last dieser Vergangenheit, erkennen die Leiden der Opfer an und übernehmen Verantwortung für die Verbrechen, die im Namen unseres Landes begangen worden sind. Erinnert wird dabei an die Vertreibung, Verfolgung und Ermordung der Juden und anderer ausgegrenzter Minderheiten. Dieser mörderische Plan konnte nur umgesetzt werden, weil die deutsche Mehrheitsgesellschaft damals weggeschaut hat, als die jüdischen Nachbarn gedemütigt, verfolgt, aus ihren Häusern geholt, deportiert wurden und für immer verschwunden sind. Weil den Deutschen über Jahrhunderte hinweg eingeprägt worden war, dass Juden radikal anders sind und eine Bedrohung darstellen, kam es zu diesem unfasslichen kollektiven Aussetzen von Mitgefühl.

Der Inhalt unserer Erinnerungskultur wird oft auf die Formel gebracht: „Auschwitz darf sich nicht wiederholen!“ Dass sich Auschwitz noch einmal wiederholt, ist extrem unwahrscheinlich. Die Lehre aus der Geschichte kann aber auch heißen: „Nie wieder ein solcher Mangel an Mitgefühl gegenüber Menschen, die am Nullpunkt ihrer Existenz angekommen sind und auf unsere Unterstützung hoffen!“ Weil wir genau wissen, wozu es führen kann, Menschen als „fremd“ zu etikettieren und ihnen unsere Empathie zu entziehen, geht die Reaktion vieler Deutscher heute in der Flüchtlingskrise in die entgegengesetzte Richtung.
Wir achten weniger auf das, was uns trennt, als auf das, was wir mit den Flüchtlingen gemeinsam haben.

Viele deutsche Familien mussten nach dem Krieg ebenfalls aus dem Osten in den Westen fliehen.

Wir wissen, wohin es führen kann, Menschen als „fremd“ zu etikettieren


 

Sie haben damals nicht gerade eine Willkommenskultur erlebt, aber es wurde ihnen eine „neue Heimat“ (wie die große Baugesellschaft damals hieß) angeboten. Solche Erinnerungen werden jetzt wieder wach und helfen, Ähnlichkeiten zu entdecken und Unterschiede zurückzustellen.
Die Erinnerung an die NS-Zeit weist also nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft. Die Frage, die sich für die Deutschen heute stellt, lautet: Zu was für einer Nation möchte man gehören: zu einer, die verzweifelte Menschen abweist und sich vor ihrer Not verschließt, oder einer, die mit ihnen die gemeinsame Aufgabe einer neuen Zukunft angeht? Darüber zu entscheiden, sind zurzeit alle Deutschen aufgerufen.

Dieser Beitrag wurde in der Ausgabe Nr. 2 / 2016 veröffentlicht.