Trumps dunkle Skepsis

Protest gegen die Einfalt.
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Welches Podium Trump heute auch immer betritt, wie wirr, desinformiert und selbstwidersprüchlich seine Auftritte auch sein mögen: Er verkörpert den lebendigen Tatbeweis, dass seine Vorbehalte gegen sämtliche Institutionen, die ihr Wirken im Zeichen der Wahrheit verstehen, eine gewisse Berechtigung hatten.
Wie soll man Trumps destruktiver Skepsis also begegnen?

Von Wolfram Eilenberger

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Wolfram Eilenberger ist Chefredakteur des Philosophie Magazins

Neuer Zweifel

Wahrscheinlich geht es Ihnen derzeit ähnlich. Fast täglich muss ich mir aufs Neue eingestehen, wie viel Falsches ich die letzten Jahre für wahr und absolut unumstößlich gehalten habe. Und wie zweifelhaft mir deshalb nun alle Annahmen geworden sind, die auf diesem Fundament aufbauten. Niemand, dessen Urteilskraft ich traute, hat den Brexit ernsthaft für möglich gehalten. Niemand die Wahl Donald Trumps. Und hätte mir ein kundiger Freund vor nur zwei Jahren prophezeit, dass im Frühjahr 2017 der Fortbestand der USA als liberaler Rechtsstaat ebenso ernsthaft infrage steht wie die Zukunft der EU, ich hätte ihn als unheilbaren Apokalyptiker belächelt. Auf die Frage, woran ich derzeit am meisten zweifle, vermag ich deshalb nur eine ehrliche Antwort zu geben: Ich zweifle an mir selbst. Nicht zuletzt frage ich mich, ob die wundersam stabile Weltordnung, in der ich als Westeuropäer meine gesamte bisherige Lebenszeit verbringen durfte, sich nicht nur als kurze Traumepisode erweisen könnte, aus der wir nun alle gemeinsam schmerzhaft erwachen müssen. Es sind Zweifel, die mich tief verunsichern. Nur allzu gern wüsste ich sie durch eindeutige Fakten, klärende Methoden oder auch nur glaubhafte Verheißungen zu befrieden.

Trumps dunkle Skepsis

Gezielt erschwert wird diese Suche von der neuen amerikanischen Regierung, die vom ersten Tag an einen machtvollen Großangriff gegen die Vorstellung unternahm, es gäbe überhaupt so etwas wie klar feststellbare Fakten, objektive Wahrheiten oder auch nur parteiübergreifend gültige Grundwerte. Nicht zufällig geht Trumps Bestreben, die Leitunterscheidungen unseres Wirklichkeitszugangs zu verwischen — also die Unterscheidungen zwischen „wahr“ und „falsch“; „gewusst“ und „gefühlt“ sowie zwischen „subjektiv“ und „objektiv“ —, mit dem Versuch einher, die Fundamente der amerikanischen Verfassung, insbesondere die Rolle unabhängiger Gerichtsbarkeit, Stück für Stück auszuhöhlen. Beides hängt natürlich untrennbar zusammen: Nur wenn wir als Gesellschaft das Erkenntnisideal objektiv feststellbarer Fakten wachhalten, ergibt die Idee unabhängiger Institutionen, die in klar geregelten Verfahren über deren Belastbarkeit entscheiden, überhaupt ihren demokratiesichernden Sinn. Es braucht deshalb weiß Gott nicht viel Scharfsinn, hinter Trumps aggressiv getwitterter Skepsis gegenüber „sogenannten“ Richtern, „Fake-Wissenschaftlern“ und natürlich „Fake-Medien“ Nietzsches dunklen Willen zur Macht zu erkennen. Denn der Zustand der totalen Faktenverwirrung übersetzt sich in freien Gesellschaften absehbar in den Zustand des öffentlichen Ordnungsverlusts. Und diese Dynamik dient letztlich vor allem dem, der gerade an der Macht ist — und diese weiter totalisieren will. Zu dem alten römischen Lehrsatz des „Teile und herrsche“ tritt deshalb gerade in modernen Mediengesellschaften ein zweiter autoritärer Imperativ hinzu: Verwirre und unterdrücke! Das ist das Drehbuch, dem Trumps dunkler Skeptizismus konsequent folgt und von dessen gesellschaftszersetzender Kraft auch die europäischen Demokratien zunehmend bedroht werden.

 

Der wahre Fake

So weit, so an sich klar. Wäre da nicht die unleugbare Tatsache, dass die Wahl von Donald Trump sämtliche Prognosen, Einschätzungen und Expertisen unserer Wissenseliten in einer Weise Lügen strafte, die selbst Anlass zu größter Skepsis und Verunsicherung geben muss. Welches Podium Trump heute auch immer betritt, wie wirr, desinformiert und selbstwidersprüchlich seine Auftritte auch sein mögen: Er verkörpert den lebendigen Tatbeweis, dass seine Vorbehalte gegen sämtliche Institutionen, die ihr Wirken im Zeichen der Wahrheit verstehen (Wissenschaft, Medien, Gerichte), eine gewisse Berechtigung hatten. Ihr wisst es eben nicht besser! Ihr seid der wahre Fake! Denn wenn ihr es wirklich besser wüsstet, dürfte ich gar nicht hier stehen. Ich stehe aber hier! Und zwar als rechtmäßig gewählter Präsident des mächtigsten Staates auf Erden! Das ist der Grund, weshalb das Phänomen Trump mehr bedeutet als nur eine missliche demokratische Komplikation. Vielmehr erschüttert dieser Mann unser Weltvertrauen, indem er die Grundlagen unseres Zusammenlebens ebenso zielsicher wie erfolgreich infrage stellt. Solch eine fundamentale Verunsicherung des Weltverhältnisses ist durchaus nicht ohne historischen Vorläufer (und durchaus nicht auf die Zivilisationsbrüche des 20. Jahrhunderts begrenzt). Nicht zuletzt prägte der philosophische Kampf gegen die lebens- und gesellschaftszersetzende Kraft der dunklen Skepsis den Übergang vom 16. zum 17. Jahrhundert. Und damit die eigentliche Geburtsepoche unseres modernen Zeitalters.

der Deutschen würde sagen, dass der Begriff „Lügenpresse“ gerechtfertigt ist. 72 Prozent halten den Begriff für unzutreffend.
der Deutschen geben an, dass ihr Vertrauen in die Medien in den letzten Jahren gesunken sei.
der Befragten stimmten in einer Umfrage folgender Aussage zu: „Die Politiker sind den Herausforderungen der Zeit immer weniger gewachsen.“ In ländlichen Gebieten mit Ortschaften unter 5000 Einwohnern sind es sogar 66 Prozent.
der amerikanischen Forscher teilen die Meinung, dass der Klimawandel maßgeblich vom Menschen gemacht sei. In der Bevölkerung glauben das nur 50 Prozent.

Anatomie der Verunsicherung

Diese Achsenzeit war eine Phase, in der die Entdeckung und Eroberung der Neuen Welt einen ersten umfassenden Globalisierungsschub bedeutete und damit das Selbstverständnis der Alten Welt im Herzen Europas stark verunsicherte. Der intensive Kontakt mit den genuin fremden Völkern der Americas zog die eigenen politischen wie religiösen Glaubensfesten in Mitleidenschaft. Befeuert wurde diese Verunsicherung durch eine mediale Revolution — des Buchdrucks —, die die gesamte Wissensökonomie des Zeitalters aus den Fugen hob und grundlegend neue Weisen der Informationsverarbeitung und auch -kontrolle erforderte. Die radikale Demokratisierung des Schriftzugangs führte zu einem schleichenden Autoritätsverlust der politischen wie religiösen Institutionen. Und bald auch zur Entstehung neuer Fundamentalismen und Glaubensspaltungen, die sich unversöhnlich und gewaltbereit gegenüberstanden. Nicht zuletzt vertrieben neue astronomische Erkenntnisse den eigenen Planeten aus dem Zentrum des Universums, wie enorme Fortschritte in den Bereichen der Medizin und Biologie Zweifel an der moralisch sichernden Gottesebenbildlichkeit des Menschen nährten.

An wen sich wenden?

Eine neue Philosophie ruft alles in Zweifel / (…) die Sonne ist verloren, wie die Erde, und keines Menschen Verstand vermag zu sagen, wonach sich jetzt zu richten wäre / (…) Alles liegt in Stücken, jeder Zusammenhalt verloren / (…) denn jeder Mann glaubt / selbst ein Phönix sein zu müssen / und dass niemand so einzigartig sein kann, wie gerade er“, fasste der Dichter John Donne den verlorenen Zeitgeist dieser Epoche in seinem Poem „Anatomie der Welt“ (1611) zusammen. Zeilen, die auch für unsere Situation ungemein treffend scheinen. Wen darf es wundern? Ist nicht auch unsere Zeit von den sich wechselseitig destabilisierenden Dynamiken der Globalisierung, des kulturellen Relativismus, informationstechnischer Revolutionen, religiöser Fundamentalismen, rasender wissenschaftlicher Innovationen (gerade im moralisch hochsensiblen Bereich der Genetik und damit Eugenik) sowie einem ekstatischen Individualismus geprägt, der jeden Einzelnen dazu ermuntert, sich multimedial wie ein Phönix auszustellen und zu preisen? (Siehe den Dialog zwischen Lorraine Daston und Georg Mascolo im Heft auf S. 58.) Wie anders ist die derzeitige Sehnsucht nach starken, vergangenheitsbesessenen Führern und deren allzu einfachen, das heißt komplexitätsreduzierenden Lösungsvorschlägen zu begreifen, als aus der tiefen Verunsicherung eines Zeitalters, das in seiner radikalen Beschleunigungslogik keinen Überzeugungsstein auf dem anderen zu lassen droht? Was tun? An wen sich halten? Es trifft sich, dass aus genau dieser Übergangszeit vom 16. zum 17. Jahrhundert zwei Zeugnisse des Kampfes gegen die Kräfte des dunklen Skeptizismus vorliegen, die bis heute einen gangbaren Weg aus unserer Beklemmung weisen.

Wie Montaigne auch ohne letzten Halt stets die Haltung zu wahren, ist das Gebot der Stunde


 

Die Rede ist von Michel de Montaignes Essay „Apologie für Raymond Sebond“ und René Descartes’ „Meditationen“. Beide Werke beginnen mit dem sehr persönlichen Eingeständnis der Autoren, sich als Kinder ihres Zeitalters selbst in einem Zustand höchster Verwirrung zu befinden. Und beide wählen zum Kampf gegen diesen Zustand die konsequente, unnachgiebige und ergebnisoffene Prüfung der eigenen Überzeugungen. Die Ergebnisse, zu denen sie dabei gelangen, könnten hingegen kaum gegensätzlicher sein.

Zwei moderne Wegweiser

Für Montaigne, der in besagtem Essay die gesamte Breite der theologischen, wissenschaftlichen und moralischen Wissensansprüche seiner Zeit prüft und in ihrer offenen Widersprüchlichkeit freilegt, ergibt sich letztlich das Bild des Menschen als eines grundlegend fehlbaren, verleitbaren Wesens, dessen endlichem Erkenntnisvermögen letzte und absolute Gewissheiten versagt bleiben müssen. Diese skeptische Diagnose führt ihn jedoch keineswegs zu einer Haltung des Nihilismus oder der ethischen Beliebigkeit. Vielmehr bildet sie für Montaigne die eigentliche Grundlage für politische Toleranz, alltägliche Bescheidenheit und neugierige Irrtumsbereitschaft: „Zumindest sollten wir uns in Anbetracht unserer Fehlbarkeit bei unseren Meinungsumschwüngen bescheiden und zurückhaltend aufführen“, schreibt er und verbindet diese Hoffnung zugleich mit einem emphatischen Bekenntnis für die große, generationenübergreifende Gemeinschaft der Wissenschaften: „Nachdem ich durch Erfahrung gelernt habe, dass das (…), was dem einen über Jahrhunderte unbekannt war, das nächste aufgeklärt hat und dass die Wissenschaften und Künste nicht rundum fertig aus Gussformen kommen, sondern sich durch ständige Überarbeitung (…) erst herausbilden (so wie die Bären ihre Jungen erst langsam in die rechte Form lecken), höre ich nicht mehr auf, alles zu sondieren und zu prüfen, was sich meiner Erkenntniskraft verschließt.“ Das skeptische Sehnen nach letzten, göttlich festen Gewissheiten wird von Montaigne durch die tätige, stets widerspruchsoffene Freude am ganzen Erfahrungsreichtum unserer endlichen Existenz geheilt.

(37,2 Prozent), der Trump unterstützte, wurde laut einer Studie der Oxford University nach der ersten TV-Debatte des US-Walhkampfs von einem Software-Roboter abgesetzt. Bei Hillary Clinton lag der Bot-Anteil „nur“ bei 22,3 Prozent.
gab Twitter zu, dass ca. 5 Prozent aller Profile des Kurznachrichtendienstes Fake-Accounts seien. Externe Schätzungen sprechen von 20 Prozent.
am Tag lügen wir, glaubt die Wissenschaft. Bei einer durchschnittlichen Wachzeit von 16 Stunden gehen wir also etwa alle fünf Minuten mit der Wahrheit, sagen wir mal: ein wenig kreativ um.

„Ich zweifle, also bin ich.“

Ganz anders Descartes, der sich auf der Suche nach einem unbezweifelbaren Fundament aller Erkenntnis willentlich in einen Zustand deliriert, in dem er die gesamte sichtbare Welt — ja, den gesamten Raum menschlicher Erfahrungen! — unter den Verdacht stellt, das Werk eines übelwollenden, allmächtigen Dämons zu sein, der uns anstatt der wahren Fakten immer und überall nur Fake-Fakten präsentiert (quasi als eine Art allmächtiger „Lügenpresse“ avant la lettre). Was, wenn überhaupt, fragt sich der Philosoph, wäre dann noch unbedingt gewiss? Was schlicht unbezweifelbar? (Siehe hierzu den Text von Yves Bossart im Heft auf S. 44.) Descartes’ Meditationen begegnen dieser radikalen Skepsis mit einem Rückzug in die Geborgenheit des eigenen, denkenden Bewusstseinsstroms, an dessen faktischer Gegebenheit gerade im Zustand des absoluten Zweifels schlicht nicht gezweifelt werden kann, stellt dieser Bewusstseinsstrom doch klarerweise die Bedingung der Möglichkeit des Zweifelns selbst dar: „Ich zweifle, also bin ich.“ Weitaus überzeugender als die konkrete inhaltliche Lösung ist die Art und Weise, wie Descartes auf dieses Ergebnis kommt. Er verpflichtet sich selbst auf die denkbar schärfsten Untersuchungsstandards: Nur klare und eindeutig bestimmbare Tatsachen werden zugelassen. Die Argumentation muss lückenlos und logisch einwandfrei sein, ihre Schlussfolgerung damit für jedes andere Verstandeswesen transparent und nachvollziehbar. Ein Ideal der reinen Untersuchung, das Descartes in seinem „Diskurs über die Methode“ bald auch für die empirischen Wissenschaften — und damit die bis heute weitgehend gültigen methodischen Grundlagen der modernen Naturwissenschaften — formulierte.

Die eigene Verunsicherung ernst nehmen

Es mag nun letztlich eine reine Charakterfrage sein, welches dieser beiden Angebote einem im Umgang mit der eigenen Tiefenverunsicherung als das gangbarere und heilsamere erscheint: Montaignes maßvolle Selbstbescheidung und seine beispielhaft menschenfreundliche Fähigkeit, auch ohne letzten Halt stets die Haltung zu wahren. Oder aber Descartes’ rigoroses Ideal der reinen Untersuchung, geleitet von wahrheitsfördernden Erkenntnisstandards, die für jedes Vernunftwesen mit gleicher, unbedingter Verbindlichkeit gelten. Vor allem aber geben uns diese modernen Leitgestalten bis heute ganz konkrete Kriterien dafür an die Hand, die echte und damit welterschließende philosophische Skepsis von ihren zynisch machtlüsternen Schwundstufen zu unterscheiden. Trumps gesamtes Auftreten vergeht sich dabei tagtäglich an beiden produktiven Stämmen unserer zweifelnden Moderne: Die selbstherrliche Aggressivität seiner Beschuldigungen und Erfindungen weckt stärkste und hässlichste Emotionen. (Siehe dazu den Essay im Heft auf S. 56.) Getragen sind sie von dem offenbaren Widerwillen, sich an eben jene Standards, die er von anderen mit aller Vehemenz einfordert, auch nur im Entferntesten selbst zu halten. (Siehe dazu den Text von Phlipp Hübl, der sich im Heft auf Seite 50 befindet.)

Für die wahren Skeptiker unter uns gilt deshalb heute mehr denn je, sich in der schwierigen Kunst zu üben, die eigenen Zweifel ernst zu nehmen, ohne sich dabei im Nebel der totalen Verunsicherung zu verlieren. Das Dossier der aktuellen Ausgabe bietet dafür hoffentlich wesentliche Haltegriffe.•

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe Nr. 3 / 2017

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