Triumph oder Erniedrigung?

Ein Werbeplakat von „Elle“ bei den Filmfestspielen in Cannes
Bild: © CC-by-SA 4.0 Topkapi 017

In Paul Verhoevens atemberaubendem Film „Elle“ verläuft die Emanzipation eines Missbrauchsopfers anders als es die aktuelle Feuilleton-Debatte über das vermeintliche „Erlebnis“ Vergewaltigung vermuten lässt.

Von Christoph Paret

Christoph Paret

ist Lehrbeauftragter für Philosophie an der Universität St. Gallen und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Exzellenzcluster der Universität Konstanz

Komplimente sind gefährlich. Das musste unlängst eine Journalistin der Zeit erfahren, die Isabelle Huppert als „Galionsfigur des französischen Kinos“ pries, woraufhin diese erwiderte: „Weibliche Galionsfiguren hängen meistens mit halb entblößten Brüsten am Bug eines Schiffes. Ich glaube, ich komme besser klar, wenn ich einfach nur mich selbst repräsentiere“. Chapeau! Ähnlich gefährlich ist es, den Film zu loben, mit dem Huppert gerade im Kino brilliert. Manche haben Paul Verhoevens „Elle“ eine „Vergewaltigungskomödie“ genannt. Tatsächlich weiß man über lange Strecken hinweg nicht, ob das, was einem in der Kehle stecken bleibt, ein Schrei ist oder ein Lachen. Handelt der Film von den Erniedrigungen einer Frau oder von ihren Triumphen? Und repräsentiert Huppert damit nur sich selbst oder eine ungewohnte Form des Feminismus?

Es gibt eine zeitliche Überschneidung zwischen diesem Film und einer Debatte, die momentan im deutschsprachigen Feuilleton und im Netz stattfindet: Die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sandal, Autorin des Buches „Vergewaltigung – Aspekte eines Verbrechens“, schlug jüngst in der taz vor, bei Vergewaltigungen den Begriff „Opfer“ durch „Erlebende“ zu ersetzen. Eine Frau als „Opfer“ anzusehen, nagele sie auf eine wehrlos-passive Position fest und suggeriere, ihr gesamtes Dasein sei fortan von dem einen Vorkommnis überschattet. Vom „Erlebnis“ Vergewaltigung zu sprechen sei neutraler. Es eröffne den Betroffenen den Raum, auf unterschiedliche Weise mit dem Erlittenen („Erlebten“) umzugehen. Doch wer hat es sich schon ausgesucht, vergewaltigt zu werden? Täuscht die Rede vom „Erlebnis“ nicht eine Souveränität vor, die man nur um den Preis des blanken Zynismus mit Vergewaltigungen in Verbindung bringen kann? Ursula Scheer kritisiert in der FAZ: „Wo es keine Opfer mehr gibt, gibt es auch keine Täter mehr. Wo erlebt wird, wird nichts mehr erlitten.“ Allerdings entgeht Scheer damit auch das verstörend-betörende Moment, das in „Elle“ zu Tage tritt.

Sinnliche Kompromisslosigkeit

In diesem Film weigert sich die vergewaltigte Michèle, die Opferrolle einzunehmen. Und man kann darüber streiten, was beunruhigender anzusehen ist: Wie ein Unbekannter in Skimaske über sie herfällt oder wie sie sich noch am selben Abend ungerührt Sushi nach Hause bestellt? Wie der Vergewaltiger bedrohlich im Hintergrund lauert oder wie sie irgendwann wissentlich eine Affäre mit ihm eingeht, um die Vergewaltigung noch einmal nachzuspielen — diesmal jedoch in Eigenregie? In der ersten Szene sehen wir den Überfall durch den Blick einer Katze. Das Tier verfolgt fasziniert einige Sekunden lang das Geschehen, bis es sich abrupt abwendet. Der indirekte Bezug der Katze zur Vergewaltigung gleicht demjenigen Michèles. Unter deren Blick verwandelt sich der Täter in einen mitleiderregenden und begehrenswerten Schwächling. Wird hier die Tat verharmlost? Oder ist das als Hinweis darauf zu verstehen, dass auch die Emanzipation von einer solchen Tat nichts Harmloses an sich haben kann?

Wer sich, wie Scheer, damit begnügt, Opfer und Täter klar zu benennen, schreckt vor der unverfrorenen Sinnlichkeit zurück, die es Michèle erlaubt, den Spieß umzudrehen. Und auch Sanyals Position verblasst vor der Kompromisslosigkeit von „Elle“: Einerseits bemängelt Sanyal, dass man auf Zehenspitzen um „Opfer“ herumschleicht, als gestatte es deren mutmaßlich desolate Verfassung nicht, mit ihnen wie mit Erwachsenen umzugehen. Andererseits billigt Sanyal den Betreffenden nicht einmal jenes Mindestmaß an Stabilität zu, sich der Einordnung als „Opfer“ zu entziehen. Auch in Sanyals Augen ist die Vergewaltigte somit Opfer – weniger Opfer des Vergewaltigers als vielmehr dadurch, dass sie sprachlich als Opfer eingeordnet wird.

Wenn ein Vergewaltigungsopfer vor Gericht gegen seinen Peiniger gewinnt, dann als diejenige, der etwas angetan wurde.


 

Empathischer Sadismus

Dass die Hauptfigur des Films dermaßen abgebrüht auf die Vergewaltigung reagiert, versetzt die Zuschauer in ein Dilemma: Einerseits ist man versucht, Michèles sensible Unverwüstlichkeit zu preisen. Doch zieht man dadurch nicht den Vorwurf auf sich, der Vergewaltigung ihren Schrecken zu nehmen („So schlimm ist es nicht gewesen“)? Streicht man umgekehrt die Verwerflichkeit dieser Tat heraus, wirkt das, als wolle man geradezu, dass es Michèle schlimm ergeht – wie zum Beweis der Bosheit der Tat. Beide Positionen würden dem Täter zupasskommen: Im einen Fall redet man ihn klein, lässt ihn gewähren, im anderen zelebriert man Michèles Opferstatus, an dem sich nicht zuletzt der Täter selbst genüsslich weidet – mit jenem „empathischen Sadismus“, den der Literaturwissenschaftler Fritz Breithaupt in seinem neuen Buch beschreibt.

Durch ihre Weigerung, Opfer zu sein, verwandelt Michèle den Bösewicht in einen Wicht. In Kontrast dazu steht die sich langsam herausschälende Geschichte vom Amoklauf ihres Vaters. Der metzelte vor Jahrzehnten in einem unerklärlichen Blutrausch 27 Nachbarn nieder: Dort der monströse Täter, mit dem sich noch 40 Jahre später Fernsehdokumentationen beschäftigen, während die Erinnerung an seine Opfer längst verblasst ist. Hier die zart-harte, unergründliche Heldin der Gegenwart, die dem Täter jetzt schon den Nimbus nimmt.

Chauvinistische Schonungslosigkeit

Vergewaltiger und ihre Verteidiger haben die Tendenz, das Geschehene zu beschönigen und den Opfern einen Teil der Schuld zuzuschieben. Dagegen beharrt man zurecht darauf, dass die Betroffene gar nichts gemacht habe. Das hat jedoch einen tragischen Effekt. Wenn ein Vergewaltigungsopfer vor Gericht gegen seinen Peiniger gewinnt, dann als diejenige, der etwas angetan wurde. Wie könnte sie ihre Souveränität zurückerobern, indem sie derart ihre Passivität unterstreicht? Vielleicht pocht Michèle deshalb nicht auf ihre Unschuld: Sie wird als egoistische, scham- und rücksichtslose Person dargestellt. Sie ist laut ihrer Mutter ein „Miststück“, betrügt ihre beste Freundin mit deren Ehemann und steht einer Firma vor, die sexistische, blutrünstige Computerspiele herstellt. Ihre Souveränität ist hier wichtiger als jede Klage und Anklage, so berechtigt diese wären. Michèle ist nicht die verfolgte Unschuld, sondern eher die Böse, der alle folgen.

Abgesehen von der anfänglichen Vergewaltigung kann einem die Bandbreite an Sexismus, mit dem Michèle im Verlauf des Films zu kämpfen hat, den Atem verschlagen. Skandalöser als das abwertende Verhalten der recht jämmerlichen Männerfiguren ist jedoch, dass es von deren Anerkennung, ja Bewunderung, kaum zu trennen ist: Indem sie wenig zimperlich mit ihr umspringen, bezeugen sie, wie robust Michèle in ihren Augen ist: „Die hält was aus“. Die Errungenschaft, dass Frauen immer weniger als „schwaches Geschlecht“ gelten, hat hier einen paradoxen, hässlichen Nebeneffekt: Je stärker die Frau, desto weniger lässt man ihr gegenüber Rücksicht walten. Gehen der Siegeszug des Feminismus und chauvinistische Schonungslosigkeit Hand in Hand?

Michèle ist die Königin des Films. Meist stellt sie ihr Gelangweiltsein zur Schau, darüber erhaben, irgendjemanden zu beeindrucken. Mit Vergnügen (und zum Vergnügen des Zuschauers) tritt sie in jedes Fettnäpfchen. Wenn nötig, schaltet sie blitzschnell auf Angriff um. In wenigen, kostbaren, Momenten erlebt man sie ganz versonnen. Wir müssen uns diese angegriffene, gedemütigte, geschlagene und vergewaltigte Frau als autonomen Menschen vorstellen. Indem der Film schlicht „Elle“, also „Sie“, heißt, sagt er: Alle Frauen könnten sein wie diese. Das ist eine Zumutung. Oder ist es eine Ermutigung? •

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„Elle“ — Ein Film von Paul Verhoevens mit Isabelle Huppert
© 2016 SBS Productions, Twenty Twenty Vision Filmproduktion, France 2 Cinéma & Entre Chien et Loup