„Sprache ist nicht zum Kommunizieren gemacht“

Jeder Mensch trägt die Unendlichkeit in sich. Und zwar dank der sprachlichen Regeln, die wir alle tagtäglich befolgen. Für den Linguisten Noam Chomsky bildet die Sprachfähigkeit nicht nur die Basis von Kreativität und Freiheit, sondern auch das Fundament einer weltpolitischen Vision.

Das Gespräch führte Martin Legros
Bild: © CC BY-SA 1.0 Andrew Rusk.


Noam Chomsky ist kein gewöhnlicher Sprachwissenschaftler, sondern ein Denker, dessen Theorie der „generativen Grammatik“ die gesamte Linguistik tief greifend erneuert hat. Zugleich ist Chomsky, emeritierter Professor am renommierten MIT in Cambridge bei Boston, auch ein engagierter, von der Tradition des anarchistischen Sozialismus geprägter Intellektueller, weltweit bekannt für seine kritischen Stellungnahmen zum globalisierten Kapitalismus. Am erstaunlichsten ist jedoch, mit welcher inneren Ruhe und Klarheit der beinahe 90-Jährige an diesem Winternachmittag in Paris seine Thesen über die menschliche Natur, die Freiheit und den Zustand der Welt darlegt. Er verbindet in bemerkenswerter Weise Radikalität und Bescheidenheit. Das gilt auch für sein philosophisches Werk: Chomsky verteidigt den klassischen Gedanken einer unveränderlichen menschlichen Natur und angeborener mentaler Strukturen. In ihnen sieht er das zeitlose und kulturübegreifende Fundament unserer Freiheit. Wären wir ganz und gar formbar und hätten nicht die feste Grundlage der Natur, so seine Überzeugung, hätten wir auch nicht die Kraft, politischen, medialen und geistigen Mächten zu widerstehen – und uns auf das Wesentliche zu konzentrieren: unsere von klaren Regeln fundierte Freiheit.


Noam Chomsky
in sechs Daten

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7. Dezember 1928: Geburt in Philadelphia

1945: Beginn des Studiums der Philosophie und Linguistik an der Universität von Pennsylvania, USA

1961: Ernennung zum Professor an der Fakultät für moderne Sprachen und Linguistik am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, USA

1967: Chomsky profiliert sich als einer der schärfsten Kritiker der US-Außenpolitik. Er wendet sich gegen den Vietnamkrieg und unterzeichnet einen Aufruf, der für amerikanische Deserteure Partei ergreift

1988: Verleihung des Kyoto-Preises, einer der weltweit bedeutendsten geisteswissenschaftlichen Auszeichnungen; „Manufacturing Consent“, eine Studie über Propaganda und Demokratie, erscheint

2016: Verleihung der höchsten Auszeichnung der International Society of Philology in Paris

Bild: © CC BY-SA 2.0 Ducan Rawlinson

Sie sind einer der meistgelesenen amerikanischen Intellektuellen, vor allem aber der weltweit einflussreichste Sprachwissenschaftler der letzten Jahrzehnte. Sie wurden 1928 in Philadelphia geboren, Ihre Eltern waren Jahre zuvor aus Russland geflohen. Was war der Grund für diese Flucht?

Noam Chomsky: Mein Vater stammte aus einem Dorf in der Ukraine. Er floh als junger Mann 1913 aus Russland, um sich der Einberufung in die Armee zu entziehen – die einem sicheren Todesurteil gleichkam. Meine Mutter stammte aus einer Stadt im heutigen Weißrussland und kam noch als Kind 
in die Vereinigten Staaten. Ihre Familie floh vor Pogromen.

Als Kind besuchten Sie eine fortschrittliche, von den Ideen des Philosophen und Pädagogen John Dewey geprägte Schule. Gleichzeitig wuchsen Sie im jüdischen Einwanderermilieu auf. Was für ein Klima herrschte dort?

Die Muttersprache meiner Eltern war Jiddisch, dennoch habe ich bei uns zu Hause nie ein jiddisches Wort gehört. Unter den jüdischen Einwanderern bestand damals ein Konflikt zwischen den Anhängern des Jiddischen und des moderneren Hebräischen. Meine Eltern ergriffen für das Hebräische Partei, mein Vater unterrichtete es an einem College. Ich selbst habe es von ihm gelernt, indem wir die Bibel und hebräische Literatur lasen. Mein Vater interessierte sich auch für neue pädagogische Gedanken. So kam ich auf eine experimentelle Schule, die sich an Dewey orientierte.

Wodurch zeichnete sich diese Schule aus?

Geistige Stimulation durch Experimentieren, kritisches Denken, Kreativität. Es gab keine Bewertung und keine Konkurrenz unter den Schülern. Erst als ich mit zwölf auf eine reguläre Schule wechselte, wurde mir klar, dass ich ein guter Schüler war – vorher war ich nie benotet oder geprüft worden. Aber der Wechsel in das klassische Schulsystem mit seiner Konkurrenz war dennoch sehr unangenehm. Das Klima in unserem Viertel wiederum war ambivalent. Wir waren die einzige jüdische Familie unter irischen Katholiken und deutschen Nazianhängern. Darüber sprach man zu Hause nicht – damals erzählten Kinder nicht, was sie draußen erlebten. Aber das Eigenartigste war, dass die anderen Kinder, die von ihren jesuitischen Lehrern hemmungslos antisemitisch indoktriniert wurden, das alles vergaßen, wenn wir uns am Wochenende zum Baseballspielen trafen.

Sie haben sich schon sehr früh für Politik interessiert – Ihren ersten Zeitungsartikel schrieben Sie als Elfjähriger.

Das war 1939, während der Besetzung Barcelonas durch Francos Truppen. In dem Artikel ging es um die Ausbreitung des Faschismus in Europa. Später entwickelte ich ein leidenschaftliches Interesse am Spanischen Bürgerkrieg, der zeigte, wie die Kommunisten die Anarchisten zermalmten, bevor der Faschismus sich durchsetzte. Ich las die linke Presse und verstand, dass einige westliche Mächte, darunter Amerika, heimlich Franco unterstützten. Ab meinem zwölften Lebensjahr verbrachte ich viel Zeit an anarchistischen Treffpunkten in New York, in Buchläden, wo viele Immigranten verkehrten, und gleichzeitig nahm ich an Diskussionen eines Teils meiner Verwandtschaft teil, der zur radikalen jüdischen Arbeiterklasse gehörte. Mein Onkel hatte einen Zeitungskiosk.

Es muss uns etwas eingepflanzt sein, das es uns möglich macht, Sprache zu erlernen


 

Und dieser Kiosk war sozusagen Ihre erste Universität?

Ja, in diesem Milieu erhielt ich meine politische Bildung. In den 1930er-Jahren herrschte eine ganz andere Atmosphäre als heute. Objektiv war es schlimmer – es gab viel mehr Armut und Leid –, aber psychisch war es eine Zeit voller Optimismus und Hoffnung. Alle Blicke richteten sich auf die Zukunft. Der Sozialstaat war weniger entwickelt, aber die Regierung stand Forderungen aus der einfachen Bevölkerung wohlwollend gegenüber und musste auf sie eingehen – ein Kontrast zum heutigen Klima von Enttäuschung und Wut. Außer vielleicht bei Jugendlichen ist das vorherrschende Gefühl heute eines der Ohnmacht.

Warum wurde Sprache das große Thema Ihres Lebens?
Weil Sie in einem mehrsprachigen Milieu groß geworden sind?

Aus einem wesentlichen Grund, der mir sehr früh klar wurde und mich seitdem immer beschäftigt hat: Es gibt einen Wesenszug der Sprache, der lange übersehen wurde, obwohl er deutlich hervortritt, sobald man sich mit dem Phänomen des Sprechens befasst. Jeder Sprechende, Sie und ich, hat ein begrenztes System von Regeln verinnerlicht, mit dem er Sätze bilden kann. Aber mit diesem begrenzten System lässt sich eine unbegrenzte Zahl von Bedeutungen ausdrücken. Das ist der Kern von Sprache und macht sie zu einer einzigartigen und spezifischen Eigenschaft des Menschen. Hier liegt der Ursprung aller Kreativität, zu der wir imstande sind, ein konkreter Ausdruck unseres Menschseins. Mitte des 20. Jahrhunderts brachte die Revolution der Informatik neue intellektuelle Werkzeuge hervor, mit denen man diese unendliche Kombination einer endlichen Zahl von Elementen begreifen konnte. Ich habe versucht, den Gedanken der rechnerischen Kombinatorik auf das zentrale Problem von Sprache und Geist zu beziehen. Und ich werde Ihnen etwas gestehen: Ich glaube, dass man in den letzten 30 Jahren mehr über Sprache begriffen hat als in der gesamten Geschichte der Philosophie.

Sie behaupten, dass Sprache eine universelle, durch die Natur des Menschen gegebene Struktur ist, deren Funktion nicht darin besteht zu kommunizieren, sondern die eigenen Gedanken auszudrücken. Können Sie diese These erläutern?

Wodurch erkennen wir, dass eine Reihe von Worten ein „korrekter“ Satz ist? Als ich anfing, mich mit diesen Fragen zu beschäftigen, galt ein Satz nur dann als grammatikalisch, wenn er Sinn ergab. Aber das ist vollkommen falsch! Nehmen wir als Beispiel zwei Sätze, die keinen Sinn ergeben: „Farblose grüne Ideen schlafen wütend.“ „Wütend Ideen schlafen grün farblos.“ Jeder wird zustimmen, dass der erste Satz korrekt ist, obwohl sein Sinn dunkel bleibt. Der zweite dagegen ergibt nicht nur keinen Sinn, sondern ist vor allem falsch, unzulässig. Was kennzeichnet also einen Satz als zulässig, wenn es nicht der Sinn ist? Meine Antwort: Die Tatsache, dass er der Gesamtheit von Grundsätzen und Regeln der Satzkonstruktion entspricht, über die jeder verfügt, der die jeweilige Sprache spricht.

Wie gelangt man von der jeder Sprache eigenen Grammatikalität zu dem spekulativeren Gedanken, dass die Sprache eine universelle, jedem menschlichen Geist von Natur aus gegebene Struktur ist?

Wenn ich sage: „John meint, dass er intelligent ist“, kann sich „er“ ebenso gut auf John wie auf jemand anderen beziehen. Sage ich dagegen: „John hält ihn für intelligent“, muss jemand anderes als John gemeint sein. Ein fünfjähriges Kind versteht das sofort. Kinder verstehen, dass die Regeln der Sprache strukturell voneinander abhängen, und halten sich an sie, ohne dass man es ihnen ausdrücklich beigebracht hätte. Es muss uns also etwas genetisch eingepflanzt sein, wodurch wir selbst in der Lage sind, diese Regeln zu verstehen und zu übernehmen.

Sie nennen das die Universalgrammatik. Wie definieren Sie diese?

Als die Gesamtheit der unveränderlichen Prinzipien unseres Geistes, die es uns ermöglichen, Sprachen zu sprechen und zu lernen. Sie existiert konkret als eine Vielzahl von Sprachen, die jeweils spezifische Optionen im Kern dieser Universalgrammatik darstellen.

Ausgewählte Werke von Noam Chomsky


  • Strukturen der Syntax
    (de Gruyter, 1973)

In Abgrenzung zu strukturalistischen Modellen reformiert Chomsky die Linguistik grundlegend. Er entwirft eine naturwissenschaftliche Sprachtheorie, in deren Mittelpunkt eine generative Grammatik steht, durch die sich eine unendliche Zahl von Sätzen in einer beliebigen Sprache erzeugen lässt.

  • Reflexionen über die Sprache
    (Suhrkamp, 1977)

Seit Platon fragen sich Philosophen, wie der Mensch trotz seiner begrenzten Erfahrung komplexe Wissenssysteme entwickeln konnte. Essayistisch beschreibt Chomsky unsere physischen Prädispositionen.

  • Profit over People. Neoliberalismus und die globale Weltordnung
    (Europa, 2000)

Im neoliberalen Zeitalter steht ökonomischer Eigensinn über dem Wohl der Masse, der freie Markt über demokratischer Kontrolle. Chomsky rekonstruiert, wie die westlichen Staaten ihre Macht auf Kosten von Minderheiten missbrauchen.

  • Was für Lebewesen sind wir?
    (Suhrkamp, 2016)

Chomsky begibt sich auf die anthropologische Suche nach dem Wesen des Menschen. Unsere Sprache begrenzt unser Denken und weist zudem Lücken auf. Dennoch ist für den Menschen Freiheit nicht unmöglich.

 

Der Gedanke, dass Sprache zunächst ein inneres Phänomen ist, hat Sie zu der These geführt, dass sie nicht oder nur sehr ungenügend der Kommunikation dient.

Wir gebrauchen die Sprache ständig zum Kommunizieren, aber dafür ist sie gar nicht geschaffen. Ihre Struktur ist so angelegt, dass sie die Voraussetzungen einer effizienten Kombination erfüllt, einer sinnhaften Anordnung von Elementen, aber die Voraussetzungen einer effizienten Kommunikation ignoriert sie. Es gibt sehr viele Beispiele für den Konflikt zwischen diesen beiden Funktionen, einen Gedanken auszudrücken und ihn zu kommunizieren, und jedes Mal wird die zweite geopfert. Das liegt daran, dass die Sprache ein System von Regeln ist, das der Geist frei verwendet. Nehmen wir eine so simple Frage wie: „Was liest du?“ Gewöhnlich wird der Angesprochene sofort verstehen, dass gemeint ist: „Welches Buch liest du?“ Aber das setzt voraus, dass sein Geist die Lücken zwischen „Was“ und „liest du?“ füllt. Letztlich versteht er: „Welches Buch liest du?“ – denn was er tatsächlich hört, ist nur eine Leerstelle. Wenn solche Lücken missverstanden werden, können sie die Kommunikation beeinträchtigen, aber eben das hat Gründe, die der Sprache immanent sind. Das innere kombinatorische System, das mir die Bildung des Satzes ermöglicht, macht ihn zugleich für meinen Gesprächspartner mehrdeutig.

Wenn Sprache ein kombinatorisches System ist, werden Computer dann eines Tages sprechen können?

Computer tun buchstäblich gar nichts. Was etwas leistet, ist das Programm, also eine in den Computer implementierte Theorie. Die muss wie jede andere Theorie beurteilt werden. Aber von allein tut sie gar nichts.

Aber heißt es nicht, dass Programme der künstlichen Intelligenz Gespräche zwischen Mensch und Maschine ermöglichen?

Bei diesen Fragen herrscht beachtliche Verwirrung. Nehmen wir zum Vergleich die Kommunikation unter Bienen, ihre berühmte Tanzsprache. Man könnte Millionen von Videos von fliegenden Bienen analysieren und versuchen, auf einer statistischen Grundlage ihr Verhalten vorherzusagen. Aber einen Zugang zur Sprache der Bienen würde man dadurch nicht bekommen. Aufgabe der Wissenschaft ist es nicht, sich Phänomenen auf der Basis von Statistiken zu nähern. Das ist so, als würde man sagen: Die Physik brauchen wir nicht mehr, wir können Millionen von Videos von fallenden und steigenden Körpern analysieren und dann das Verhalten von Körpern vorhersagen. Das Eigenartige ist, dass man diesen statistischen Ansatz bei der menschlichen Sprache ernst nimmt, während man ihn bei der Bienensprache oder in der Physik ablehnen würde. Google Translate kann ein nützliches Hilfsmittel sein, bringt aber genauso wenig eine sprachliche Produktion hervor wie die Annäherung an die Kommunikation der Bienen.

Sie behaupten auch, dass Sprache nicht Dinge, sondern Bedeutungen bezeichnet. 
Also bezieht sich Sprache gar nicht auf die Objekte „da draußen“ in der Welt?

Die einzige Sprache, die sich direkt auf Objekte bezieht, ist eigenartigerweise die Tiersprache. Tiere haben Zugang zu Symbolen, verwenden sie aber wie Signale: Ein bestimmter Schrei eines Affen, begleitet von bestimmten Bewegungen, wird von allen seinen Artgenossen eindeutig als Alarmsignal verstanden. Und alle fliehen. Hier bezieht sich das Zeichen tatsächlich auf reale Ereignisse oder äußere Objekte. Man muss nicht wissen, was im Kopf des Affen vor sich geht, um zu verstehen, wie das funktioniert. Der menschlichen Sprache fehlt diese Eigenschaft, sie ist grundsätzlich nicht referentiell.

Sprache, sagen Sie, ist eine geistige Produktion. Dennoch lehnen Sie die Auffassung ab, dass Sprachen je nach ihrem Wortschatz die Welt unterschiedlich erfassen. Wie berücksichtigen Sie dann die Differenzen zwischen Sprachen, etwa dass die eine zwischen Rot und Rosa unterscheidet, die andere nicht?

Bei näherer Betrachtung sind die Unterschiede zwischen Sprachen oft oberflächlich und man entdeckt überall einen Kern gemeinsamer Strukturen. In Sprachen, die kein spezifisches Wort für die Farbe Rot haben, gibt es zum Beispiel den Ausdruck „wie Blut“. Das Wort „Fluss“ deckt auf Japanisch und Swahili ein breites Spektrum ab, das Englische dagegen unterscheidet zwischen river (Fluss), brook (Bach) und stream (Strom). Aber im Kern ist der Sinngehalt von „Fluss“ in allen Sprachen gleichermaßen gegeben. Und das muss auch so sein, aus einem einfachen Grund. Kinder brauchen nicht alle Arten von Flüssen oder alle Unterscheidungen in ihrer Sprache kennengelernt zu haben, damit sich ihnen dieser Sinngehalt bereits sehr früh erschließt. Er gehört zu ihrer Natur und ist deshalb in allen Kulturen gleichermaßen vorhanden.

Es gilt heutzutage vor allem, eine Politik der Aufmerksamkeit zu entwickeln


 

Ist Ihnen bewusst, dass Sie einer der letzten Philosophen sind, die den Gedanken einer menschlichen Natur vertreten?

Es steht außer Zweifel, dass eine menschliche Natur existiert. Wir sind weder Affen noch Katzen noch Stühle. Also haben wir eine Natur, die uns unterscheidet. Wenn es keine menschliche Natur gäbe, gäbe es keinen Unterschied zwischen mir und einem Stuhl – eine absurde Vorstellung. Und eines ihrer grundlegenden Elemente ist das Sprachvermögen. Es wurde im Lauf der Evolution erworben, ist aber eine Eigenschaft der Gattung, und alle verfügen gleichermaßen darüber: Man kennt keine menschliche Gruppe, deren Sprachvermögen anderen unterlegen wäre. Die individuellen Abweichungen wiederum sind marginal. Wenn Sie ein kleines Kind aus einem amazonischen Stamm nehmen, der seit 20 000 Jahren keinen Kontakt zu anderen Menschen hatte, und es nach Paris umsiedeln, wird es sehr schnell dazu gebracht werden, Französisch zu sprechen. Das Sprachvermögen kennt keine Abstufungen. Alle Forschungen der Paläoanthropologie und der Neurowissenschaften bestätigen heute diese Auffassung.

Paradoxerweise sehen Sie im Besitz angeborener Sprachstrukturen ein Argument zugunsten der Freiheit.

Es handelt sich dabei um einen notwendigen Zusammenhang. Es gibt keine Kreativität ohne ein System von Regeln. Sie können kreativ sein, indem Sie ein mittelalterliches Gemälde malen, das bestimmten religiösen Konventionen folgt, oder indem Sie Sonette schreiben.
Aber es braucht immer einen Rahmen.

Sie sind nicht nur Sprachphilosoph, sondern vor allem auch kritischer Intellektueller: Warum, glauben Sie, identifiziert sich ein Teil der amerikanischen Bevölkerung mit Trump? Gibt es eine Regel, die das erklären könnte?

Mehrere Jahrzehnte neoliberaler Politik haben für die große Mehrheit der Arbeiter einen stagnierenden oder sinkenden Lebensstandard zur Folge gehabt, während sich der Reichtum in den Händen einer Minderheit konzentriert. Die Arbeiter werden weltweit in Konkurrenz zueinander gesetzt und ihre Wut wird auf noch schwächere Menschen gelenkt, die angeblich für ihre Situation verantwortlich sind. Sie haben das Gefühl, schon lange in der Schlange anzustehen, gearbeitet und die amerikanischen Werte verteidigt zu haben. Dass über ihnen, in den abgehobenen Sphären der New Economy, eine sehr reiche Minderheit entsteht, stört sie nicht, das gehört zum amerikanischen Traum. Aber dass Neuankömmlinge, die in der Schlange noch hinter ihnen kommen, Hilfe von der Regierung erhalten und manchmal an ihnen vorbeiziehen, das erregt ihren Unmut.

Beruht die amerikanische Politik derzeit auf dem Prinzip der Lüge?

Sagen wir, dass sie viele Lügen einschließt. Und dass es kritischen Geistern selten gelingt, kollektive Lügen platzen zu lassen. Denken wir nur an die Geistesgeschichte: Wer musste den Schierlingsbecher trinken? Sokrates! Der Mann, den man wegen Verführung der Athener Jugend verurteilt hatte, weil er zu viele Fragen stellte. Aber die Dinge können sich ändern. Das hängt von uns ab – wir müssen uns auf die wirklichen Probleme konzentrieren, nicht auf die Twitter-Nachrichten von Donald Trump. Es kommt auf die intellektuelle Debatte an, und die kann man ändern. Die Dinge liegen offen zutage. Es gilt, eine Politik der Aufmerksamkeit zu entwickeln. •

Aus dem Französischen von Felix Kurz

Dieser Beitrag wurde in der Ausgabe Nr. 3 / 2017 veröffentlicht.