Hans Jörg Sandkühler: »Es hat uns nicht interessiert«

Bücherverbrennung der Nationalsozialisten, bei der auch Philosophen wie Alfred Baeumler unterstützende Reden hielten.
Bild: © CC-by-SA 3.0 Georg Pahl; Bundesarchiv


Die Gleichschaltung der deutschen Universitäten machte auch vor der Philosophie nicht halt. Unter den Philosophen, die nicht in die Emigration gingen, gab es kaum einen, der sich nicht dem nationalsozialistischen System angepasst hätte. Über Jahrzehnte verdrängte man nach dem Krieg die Tatsache, dass dieselben Personen, die sich in den 1930er Jahren noch zum Nationalsozialismus bekannt hatten, den Wiederaufbau der philosophischen Institute in der Bundesrepublik übernahmen.

Interview mit Hans Jörg Sandkühler von Catherine Newmark

Bild: © Isadora Tast

Hans Jörg Sandkühler

Hans Jörg Sandkühler promovierte 1967 bei Joachim Ritter und wurde nach seiner Habilitation Professor für Philosophie in Gießen, bevor er 1974 nach Bremen wechselte und dort bis 2005 lehrte. Von 2003 bis 2011 war Sandkühler Leiter der deutschen Abteilung „Menschenrechte und Kulturen“ des europäischen UNESCO-Lehrstuhls für Philosophie in Paris. Unter seinen zahlreichen Publikationen finden sich die Bücher ‚Philosophie im Nationalsozialismus‘ (2009) sowie zuletzt ‚Recht und Staat nach menschlichem Maß. Einführung in die Rechts- und Staatstheorie in menschenrechtlicher Perspektive‘ (Velbrück Wissenschaft, 2013).

Als die Universitäten 1933 gleichgeschaltet wurden – war da die Philosophie als Geschäft der Vernunft widerständiger als andere Fachbereiche? Und hat es in der Zeit von 1933 bis 1945 aus der Philosophie mehr Kritik, mehr kritisches Denken gegen­ über dem Nationalsozialismus gegeben als aus anderen gesellschaftlichen oder akademischen Kreisen?

Hans Jörg Sandkühler: Nein, man kann nicht sagen, dass die Philosophie widerständiger war. Die Gleichschaltung ging sehr schnell vonstatten. 1933 gab es in Deutschland 56 Professoren für Philosophie. Davon haben bis 1935 aufgrund der Rassengesetzgebung 22 ihren Lehrstuhl verloren, insgesamt 30 wurden ins Exil gezwungen. Unter ihnen Theodor W. Adorno, Ernst von Aster, Ernst Cassirer, Jonas Cohn, Hans Ehrenberg, Moritz Geiger, Fritz Heinemann, Dietrich von Hildebrand, Richard Hönigswald, Max Horkheimer, Richard Kroner, Helmut Kuhn, Arthur Liebert, Karl Löwith, Georg Misch, Helmuth Plessner, Hans Reichenbach, Paul Tillich und Edgar Wind, in Österreich Otto Neurath und Rudolf Carnap. Vielen von ihnen bleibt auch nach 1945 ihr Bürgerrecht in Deutschland versagt; ein großer Teil ist noch heute aus der Erinnerung verdrängt. Das zu erwähnen, ist auch ein Stück Erinnerungsarbeit. Was ich nach wie vor erstaunlich finde, ist, wie schnell das alles ging. 1932 haben drei Philosophen den Aufruf zugunsten der NSDAP unterschrieben. Zur Reichstagswahl 1933 waren es erst acht. Dem „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“ haben sich im November 1933 bereits 22 Philosophen angeschlossen, darunter Hans Freyer, Hans-Georg Gadamer, Arnold Gehlen, Joachim Ritter. Nach 1933 wurden 22 der Philosophen Mitglieder der NSDAP. Dann kam ein Aufnahmestopp, und 1937 traten weitere 18 der Partei bei. Und das bedeutet: Fast alle, die im Land geblieben waren, die nicht in die Emigration gezwungen worden waren, wurden 1933, spätestens 1937 Mitglied der NSDAP.

Also waren es nicht einige wenige, die sich dem Nationalsozialismus angepasst haben, sondern fast alle?

Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen. Einige katholische Naturrechtsphilosophen und Karl Jaspers, der mit einer jüdischen Frau verheiratet war – einer der wenigen Fälle, in denen ein deutscher Philosoph in so etwas wie ein „inneres Exil“ gegangen ist. Und wenn man sich die Biografien anschaut, ist das alles noch erstaunlicher: Joachim Ritter war ursprünglich Marxist, und Ernst Cassirer musste dessen Habilitation 1932 gegen Widerstände durchsetzen. Aber schon kurz nach 1933 hat Ritter seine politische Einstellung verändert. Die Ehefrau von Ernst Cassirer, Toni Cassirer, schreibt in ihren Lebenserinnerungen über ihn: „Er fiel nach kurzer Zeit um wie ein Zinnsoldat, der er wohl auch gewesen ist.“ Oder Hermann Noack, auch er Schüler und Assistent von Ernst Cassirer, ein weiterer Marx-Forscher, ein Verteidiger der Weimarer Republik; 1933 schaltet er komplett um. Und zwar im Unterschied zu Ritter mit deutlich rassistischen und antisemitischen Tönen.

Wie lässt sich dieser radikale, nicht nur politische, sondern auch philosophische Schwenk erklären? Dass eine philosophische Grundüberzeugung vollkommen zugunsten ihres Gegenteiles aufgegeben wird? Sind das alles unlautere Philosophen? Oder ist das eine Möglichkeit, die der Philosophie innewohnt, sich so in ihr Gegenteil zu verkehren?

Nicht so sehr der Philosophie, sondern eher allgemein der menschlichen Natur. Ich habe einmal ein Buch über Überzeugungen geschrieben und mich für die Frage interessiert, wer nach dem Scheitern der Revolution von 1848 seine Meinung wechselt, wer 1871 mit der Gründung des Kaiserreichs, wer 1919 mit der Deutschen Revolution, wer 1933, wer 1945, wer 1989 mit dem Fall der Mauer? Es sind immer viele. Einige zuvor hyperdogmatische Kollegen aus der DDR traten bereits im November 1989 in der Bundesrepublik mit Vorträgen auf, in denen sie zu verstehen gaben, dass sie nie Marxisten gewesen seien. Es scheint kein Problem zu sein, bei einer dramatischen politischen Wende plötzlich zu verdrängen, dass man ursprünglich demokratische, liberale oder kommunistische Überzeugungen hatte. Auffällig ist nach meinen eigenen historischen Forschungen, dass Menschen Prädispositionen dafür haben, Überzeugungen zu wechseln, allerdings auf eine bemerkenswerte Weise: Die Inhalte werden ausgewechselt, aber strukturell bleibt es sich gleich – gleich dogmatisch, gleich orthodox. Dies trifft auch auf 1933 zu.

Von den Philosophen, die sich dem NS angedient oder zumindest geöffnet und angepasst haben, sind nach 1945 nur wenige nicht wieder in Amt und Würden gekommen


 

Gibt es dafür besondere Voraussetzungen?

Es hat in Deutschland auf jeden Fall eine lange Vorbereitungszeit gegeben. Etwa bei Heidegger, der ja der bekannteste Fall ist, einen schon früh etablierten Antisemitismus. Er schreibt bereits 1916 an seine spätere Frau, dass die „Verjudung“ der deutschen Universitäten beendet werden müsse. Das findet sich aber auch bei anderen. Selbst jemand wie der politisch viel harmlosere Heinz Heimsoeth, der später an der Organisation des „Kriegseinsatzes der Geisteswissenschaften“ mitbeteiligt war, kritisiert bereits 1918 in einem Brief an Nicolai Hartmann, dass die Kant-Studien „verjudet“ seien. Das heißt, es hat bei diesem rapiden Überzeugungswandel sicher vorbereitende Faktoren gegeben. Und der Antisemitismus, der im deutschen Kaiserreich und auch nach 1919 in der Weimarer Republik weitgehend ungebrochen war, war eine Grundlage, um sich nun einer Bewegung anschließen zu können, die den Kampf gegen die Juden an die erste Stelle gesetzt hatte.

Von Heidegger ist bekannt, dass er sich – zumindest eine Zeit lang – wirklich mit dem Nationalsozialismus identifizierte. Wie ist es nun bei all den anderen, die, wie Sie sagen, auch NSDAP-Mitglieder wurden: Handelte es sich da nur um politische Lippenbekenntnisse, um Opportunismus, oder waren die tiefer in den Nationalsozialismus involviert?

Das ist eine ausgesprochen interessante Frage. Es gibt in der Literatur einige gute Klassifizierungen: etwa zwischen starken NS-Ideologen und bloß institutionell Angepassten, die in ihrer Philosophie nicht durchgängig nazistisch wurden, die sich aber, wie etwa zu meinem Erstaunen auch der Heidelberger Neukantianer Heinrich Rickert, zum Nationalsozialismus bekannt haben, auch in philosophischen Kontexten. Aber die größte Gruppe ist, wie oft gesagt wird, die der „Opportunisten“. Der Begriff ist nicht unproblematisch. Ist jemand, der 35 Jahre alt ist, zwei Kinder hat und kein Gehalt, Opportunist? Karrierist? Oder übernimmt er eine gewisse moralische Verpflichtung, für seine Familie zu sorgen, wenn er sich so weit anpasst, dass er mitschwimmen kann? Also etwa eine Funktion als nationalsozialistischer Blockwart übernimmt? Oder im NS-Kraftradkorps Mitglied wird, um sich möglicherweise nicht bei Schlimmerem engagieren zu müssen? Es gibt eine große diffuse Gruppe von Philosophen, die sich mehr oder weniger dem herrschenden Trend angepasst haben.

Sie unterscheiden also zwischen Angepassten, Opportunisten und echten Ideologen. Wer waren die Letzteren? Und wie viel Einfluss konnten sie im NS-Staat gewinnen?

Es gab einige, die sich bemüht haben, nationalsozialistische Staatsphilosophen zu werden. Der bekannteste Fall ist natürlich Heidegger. Oder auch Alfred Baeumler, der maßgeblich für die nationalsozialistische Nietzsche-Aneignung mitverantwortlich war. Auch andere haben sich anzudienen versucht. Jemand wie Arnold Gehlen etwa, der 1935 eine „philosophische Durchdringung der nationalsozialistischen Weltanschauung“ forderte. Das ist freilich allen misslungen. Zum einen, weil die von den Nazis ausgerufene „nationalsozialistische Wissenschaft“ nie real existiert hat. Zum anderen aber auch, weil es kein einheitliches System der Wissenschaftssteuerung gab. Es gab das Reichswissenschaftsministerium und daneben die viel einflussreicheren Institutionen der NSDAP. Das war einerseits das Amt Rosenberg, das für die gesamte weltanschaulich-ideologische Arbeit nicht nur innerhalb der Partei, sondern in Deutschland zuständig war; Baeumler war einer der Abteilungsleiter; zur ersten philosophischen Tagung, die er 1938 in Buderose veranstaltet hat, waren führende SS-Leute eingeladen und Philosophen wie Joachim Ritter, Eduard Baumgarten, Bruno Liebrucks, Karl Schlechta. Da hieß es dann, im Unterschied zur westlichen rationalistischen Aufklärung gebe es einen durch die Rasse verbürgten Typus von Wahrheit, das Nordische. Und es gab die SS-Organisation Ahnenerbe, für die Klaus Schilling an den Universitäten nach interessanten jungen Leuten Ausschau halten sollte.

Martin Heidegger ist der prominenteste Fall philosophischer Kollaboration im Nationalsozialismus, aber bei weitem nicht der einzige.
Bild: © CC-by 2.0 Renaud Camus


 

Heidegger und Baeumler kamen beide aufgrund ihres starken Engagements für den NS nach dem Krieg nicht zurück auf ihre Lehrstühle. Wie ist es mit den anderen Philosophen, die sich dem NS angedient oder zumindest geöffnet und angepasst haben? Wo sind sie nach dem Krieg verblieben? Als „Belastete“ dürften sie kaum weiter an den Hochschulen gelehrt haben.

Nein, das stimmt nicht, es gibt nur wenige, die nicht wieder in Amt und Würden gekommen sind. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Arnold Gehlen, bereits 1933 Mitglied der NSDAP, wurde nach dem Krieg Professor in Aachen. Erich Rothacker, seit 1932 Mitglied des nationalsozialistischen Lehrerbundes und ein ausgesprochen rassistischer Anthropologe, blieb Professor in Bonn. Hermann Glockner behielt bis 1949 seinen Lehrstuhl in Gießen. Hermann Noack konnte an der Hamburger Universität als außerordentlicher Professor mit Pensionsansprüchen Vorlesungen halten. Wolfgang Cramer, schon 1932 Mitglied der NSDAP und des nationalsozialistischen Lehrerbundes, wurde 1962 außerordentlicher Professor in Frankfurt. Otto Friedrich Bollnow, seit 1933 Mitglied in Alfred Rosenbergs Kampfbund für deutsche Kultur, war schon 1946 wieder Professor in Mainz. Heinz Heimsoeth, NSDAP-Mitglied und Vorstandsmitglied der völkisch-konservativen Deutschen Gesellschaft für Philosophie blieb Professor in Köln und wurde 1949 Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. Bruno Liebrucks, der 1933 in die SA eingetreten und Rottenführer einer SA-Standarte war, publizierte in der NS-Zeit rassistische Schriften und wurde trotzdem 1959 Ordinarius in Frankfurt am Main. Karl Schlechta, ebenfalls 1933 in die NSDAP eingetreten und Mitglied in Rosenbergs Kampfbund für deutsche Kultur wurde 1946 Professor in Mainz, später in Darmstadt. Letzterer hat übrigens als einer von wenigen später ein Wort des Bedauerns über seine eigene Biografie gefunden: Als er von der Hebrew University eingeladen wurde, meinte er, Juden könne er mit seiner Biografie nicht mehr unter die Augen treten.

Gab es denn im Rahmen der Entnazifizierung keine Prüfung der Vergangenheit dieser Philosophen durch die Alliierten?

Die Frage war schlicht die nach einsetzbarem Personal. Man konnte sich die Professoren für die neuen Universitäten nach 1946 ja nicht bei Karstadt kaufen. Sie konnten nur aus dem Bestand kommen. Es gab eben fast niemanden, der nicht belastet war. Und was die Entnazifizierung betrifft: In der französischen Zone, in der ich aufgewachsen bin, ist die Entnazifizierung noch relativ hart durchgeführt worden. In der amerikanischen Zone wurde sie durch Erlass des Generals Clay abgebrochen und deutschen Spruchkammern übergeben, von denen schon bald Belastungsentscheidungen der alliierten Spruchkammern aufgehoben wurden. Aus Belasteten wurden Minderbelastete, aus Minderbelasteten Entlastete. Die Universitäten haben sich zum Teil durchaus schwer damit getan. Als Joachim Ritter 1946 nach Münster berufen wurde, musste er bis 1948 warten, weil die Briten ihn als belastet eingestuft hatten, bis ihn eine deutsche Spruchkammer entlastete. Das ist das eine. Ein zweiter wichtiger Faktor waren die Gutachter. Es waren oft dieselben, die während der NS-Zeit bescheinigt hatten, jemand sei ein aufrechter Nationalsozialist, die dann nach dem Krieg Entlastungserklärungen abgaben.

Also ein einziger Gutachtenkreislauf.

Oft ja. Der Berliner Historiker Jens Thiel hat das gut ausgedrückt: „Die Auseinandersetzungen um die NS-Vergangenheit waren vor allem Angelegenheit derjenigen, die sich mit dem Nationalsozialismus arrangiert hatten. ,Man‘ war im Prinzip unter sich, in der Solidargemeinschaft einer durch die Doppelerfahrung von ,Drittem Reich‘ und Entnazifizierung ,homogenisierten‘ Akademikerschaft.“ Was hier freilich wichtig ist zu erwähnen: Es hätte unbelastete deutsche Philosophen gegeben – nämlich alle diejenigen, die in die Emigration gezwungen worden waren. Aber die Emigrierten wurden in aller Regel nicht gefragt. Es gab sogar ein dezidiertes Interesse, den Emigranten nicht zu begegnen. Denn das waren ja die, die die Folie für ein notwendiges schlechtes Gewissen gewesen wären. Und es kamen ja auch sehr wenige zurück, und diejenigen, die zurückkamen, wurden oft gar nicht wieder in der Philosophie tätig. Horkheimer und Adorno kamen spät aus der Emigration zurück und errichteten zunächst das Institut für Sozialforschung, wurden also offiziell Soziologen. Dasselbe gilt für Helmuth Plessner: Als er aus der Emigration zurückkam, wurde er an der Universität Göttingen Professor für Soziologie.

Es hat nur wenige gegeben, die sich nicht zumindest aus Karrieregründen in irgendeiner Weise dem Nationalsozialismus angepasst haben.


 

Wie haben sich denn die rehabilitierten Nationalsozialisten zu ihrer Vergangenheit verhalten?

Zunächst einmal gar nicht. Oder aber im Sinne der Verheimlichung. Zum Beispiel der bereits mehrfach erwähnte Arnold Gehlen, der hochgradig belastet war. Alle seine Werke aus der Nazizeit sind nach 1945 wieder aufgelegt worden – alle von ihm selbst bereinigt. Die Generation derer, die um 1950 angefangen haben, Philosophie zu studieren und Gehlen zu lesen, bekam gar keinen Hinweis mehr darauf, wie nationalsozialistisch, wie rassistisch Gehlen in den Werken, die jetzt neu aufgelegt wurden, ursprünglich war. Er hat konsequent jeden Anklang an die nationalsozialistische Ideologie getilgt. Diese Bücher sind auch heute noch in dieser bereinigten Form auf dem Markt. Und er war nicht der Einzige – die nationalsozialistisch orientierten Philosophen haben bei Neuauflagen die rassistisch-völkischen Passagen zum größten Teil getilgt.

Und es gibt niemanden, der damit in irgendeiner Weise einen offenen Umgang gepflegt hätte? Oder anders gefragt: Wurden die bundesdeutschen Denkschulen alle von Nazis aufgebaut?

Sie waren ja keine Nazis mehr. Das mag sarkastisch klingen, aber es ist wahr. Viele, die 1933 geradezu von einem Tag auf den anderen ihr Mäntelchen in einen neuen Wind gehängt haben, konnten dies auch nach 1945. Und manche mussten auch nicht alles dementieren, was sie früher gesagt hatten. Joachim Ritter zum Beispiel blieb der Heidegger-Kritiker, der er bereits vor 1933 und noch bis 1934 war. Viele andere nahmen Themen wie Fortschritt, Menschheit, Gattungsentwicklung wieder auf, entlastet von zuvor nationalsozialistischen Tönen.

Aber trägt sich das nationalsozialistische Denken dann nicht doch in irgendeiner Tiefendimension weiter?

Diese Tiefendimension wirkt sich in der Regel in einem strammen Konservatismus aus. Ich kenne niemanden, der intensiv mit den Nazis verbandelt war und anschließend zum liberalen Demokraten geworden wäre. Nach 1945 machte sich ein konservativer Geist breit, der das europäische Abendland retten wollte, der unter der Modernisierung, vor allem unter der modernen Technologie litt. Das betrifft nicht nur Heidegger und seine Technikkritik, sondern viele. Dass die Geisteswissenschaften dazu berufen seien, das, was in der europäischen Kultur verloren gegangen sei, aufzubewahren, dass sie die Tradition bewahren müssten, war eine der konservativen Antworten.

Und nach der nationalsozialistischen Vergangenheit der Philosophen hat niemand gefragt?

Zunächst nicht. Es gab vor 1968 keinen politischen Diskurs an den Universitäten. Und vergessen Sie nicht den Kalten Krieg – schon 1950 forderte Theodor Litt als Präsident der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland ein Bekenntnis zum Antikommunismus. Dieses Bekenntnis konnten die meisten der zuvor Belasteten ohne jedes Problem ablegen … In diesem Zusammenhang muss man aber auch auf die besondere Mentalität in der unmittelbaren Nachkriegszeit hinweisen. Es gab ja die Legende von der „Stunde null“ – alles steht auf Neubeginn. Und das hieß gleichzeitig aber auch: Schlussstrich unter die Vergangenheit. Wir brauchen keine „Katastrophenphilosophie“, wir brauchen eine „Wiederaufbauphilosophie“, wir brauchen den Neubau über den Trümmern. So hat das beispielsweise Eduard Spranger als Ehrenpräsident beim deutschen Philosophiekongress 1954 formuliert.

Sie haben jetzt schon mehrfach Joachim Ritter erwähnt. Ritter ist aus mehreren Gründen interessant: Zum einen war er ja einer der einflussreichsten Nachkriegsphilosophen überhaupt – aus der sogenannten Ritter-Schule kommen sehr viele Philosophen in Deutschland, bis in die allerjüngste Zeit. Und zum anderen war er ja auch Ihr Lehrer, Sie wurden von ihm promoviert. Das heißt, Sie haben ihn in den frühen 1960er-Jahren selber erlebt. Nochmals: Wurde die NS-Vergangenheit der Lehrer in Ihrer Studienzeit gar nicht thematisiert?

Nein, das war kein Thema. Die ältere Ritter-Schule hat sogar an Legenden gestrickt. Eine der Legenden hieß, Ritter habe in der Zeit des Nationalsozialismus Berufsverbot gehabt. Eine zweite lautete, er habe sich geweigert, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen und auf einer Parzelle in Hamburg-Ohlsdorf überlebt. Nichts davon ist wahr, denn seine jüdische Frau war schon 1928 bei einem Verkehrsunfall gestorben, und Ritter hat durchaus Karriere gemacht in der NS-Zeit. Hermann Lübbe geht noch in jüngster Zeit gegen eine Aufarbeitung der NS-Zeit an, wenn er 2004 in Joachim Ritter zum Gedenken schreibt, die Unterstellung eines Verschweigens der Zeit von 1933–1945 entstamme „der Neigung, ja der politischen Absicht späterer Jahre, die Gründungsgeschichte der zweiten deutschen Demokratie moralisch zu delegitimieren“. Das entspricht der Absicht, ein Kapitel deutscher Philosophiegeschichte nicht aufzuschlagen. Dass ich, obwohl als Doktorand mit Ritter relativ eng verbunden, erst Anfang der 1990er-Jahre durch äußeren Einfluss überhaupt auf die Idee gekommen bin, mich zu fragen, was seine Vergangenheit war, ist ganz typisch. Bis 1968 und teilweise auch weit darüber hinaus haben wir nichts von der Vorbelastung unserer Lehrer gewusst.

Sie wussten nichts, oder Sie wollten nichts wissen?

Es hat uns nicht interessiert. Das hat aber auch etwas Zeitspezifisches. Meine Studienzeit fällt in die Adenauer-Ära, die Ära der Restauration. Es gab die Amnestiegesetze von 1948 und von 1954, und es gab 1951 das Gesetz entsprechend dem Artikel 131 des Grundgesetzes, das besagte, dass alle, die nicht schwer belastet waren, wieder in Beamtenverhältnisse übernommen werden konnten. Dazu kam die Schlussstrichmentalität der Adenauer-Politik; es gab Reden Adenauers im Deutschen Bundestag, in denen er Ehrenerklärungen nicht nur für die Wehrmacht, sondern auch für die Waffen-SS abgab. Nicht wenige Bundestagsabgeordnete, vor allem der FDP, waren Altnazis. Die Philosophie ist keine Insel, sondern passt auf die eine oder andere Weise zur Gesellschaft ihrer Zeit. Ein wichtiger Punkt, um zu verstehen, warum wir nicht nachgefragt haben, waren in der akademischen Philosophie starke Lehrer-Schüler-Verhältnisse. In den 1950er- und 1960er-Jahren war die Philosophie in Deutschland viel stärker als heute in Schulen organisiert. Die Gadamer-Schule und die Ritter-Schule waren die institutionell wichtigsten; sie haben einen Großteil der Lehrstühle in Deutschland mit ihren Schülern besetzt. In diesen Schulzusammenhängen gab es auch das, was Ludwik Fleck einen „gemeinschaftlichen Denkstil“ genannt hat. Man war eingebunden in eine bestimmte Denkweise, man war stolz, dazuzugehören. Auf die Idee, etwas zu hinterfragen, kam man daher zunächst gar nicht.

Sie sagten ja bereits, dass nur wenige der Emigrierten zurück­ kehrten. Adorno und Horkheimer kamen aber schon zurück, zwei sehr kritische Geister. Und ihre Frankfurter Schule hatte auch eine gewisse Macht. Wie war das Verhältnis zwischen Altnazis und Zurückgekehrten? Wie ist man miteinander umgegangen?

Natürlich hat man miteinander gesprochen, aber häufig sehr polemisch. Distanz und Misstrauen haben die Situation eher geprägt als Offenheit und Vertrauen.

Es gibt auch interessante und seltsame Verbindungen. Jürgen Habermas, zweite Generation der Frankfurter Schule, fast der letzte heute verbliebene deutsche Großintellektuelle, wurde von Erich Rothacker promoviert, von jemandem also, der in den 1930er-Jahren krude Rassentheorien geschrieben hatte!

Ja. Auch Karl-Otto Apel wurde von Rothacker promoviert. Aber das hat weder Habermas noch ihn belastet. Der Rothacker nach 1945 war nicht mehr der der Rassenlehre.

Noch ein Wort zu Hans-Georg Gadamer, den Sie schon mehr­ fach erwähnt haben und der neben Joachim Ritter eine der auch universitätspolitisch einflussreichsten Figuren nach dem Krieg war. Heidegger-Schüler, auch nach dem Krieg deutlich konservativer Denker, während der NS-Zeit 1933 Mitunterzeichner des „Bekenntnisses der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“, aber nicht NSDAP-Mitglied. Wie belastet war Gadamer?

Ich glaube, Gadamer ist viel weniger belastet, als bestimmte Leute ihm nachweisen zu können glauben. Gereon Wolters aus Konstanz, der viel dazu geforscht hat, hält Gadamer für ein Paradebeispiel für äußere Kompromisse. Gadamer schreibt in seinen Philosophischen Lehrjahren: „Ich wollte zwar meine akademische Existenz in Deutschland retten, aber auf der anderen Seite keine politischen Konzessionen machen, die mich das Vertrauen meiner Freunde aus der äußeren oder inneren Emigration kosten konnten. Daher kam für mich ein Eintritt in eine Parteiorganisation nicht in Betracht. Schließlich fand ich einen Weg, mit dem ich am Ende Erfolg hatte. Es gab damals eine Art politischer Schulungskurse für angehende Privatdozenten, die für jede Habilitation verlangt wurden. Ich meldete mich für meine ,Rehabilitation‘ freiwillig zu einem solchen ,Lager‘, Dozentenakademie genannt, und kam im Herbst 1936 einige Wochen nach Weichselmünde bei Danzig.“ Und ich selbst habe in seinen Schriften nie etwas gelesen, wo ich gesagt hätte: Wenn da jetzt nicht Bereinigung stattgefunden hätte, dann hätte das einen Anschlusspunkt zu einer nationalsozialistischen Formulierung gegeben.

Gibt es von ihm aber nicht auch ziemlich völkisch angehauchte Vorträge in Paris über Herder und die deutsche Nation aus den 1940er-Jahren?

Die Vorträge in Paris waren vom Auswärtigen Amt organisiert, nicht von der NSDAP. Und wenn auch Gadamer in dieser Zeit Völkischem Tribut gezollt haben sollte, würde es mich nicht wundern. Mein Punkt ist, dass es nur wenige gegeben hat, die sich nicht zumindest aus Karrieregründen in irgendeiner Weise dem Nationalsozialismus angepasst haben.

Nach all dieser Verdrängung – ab wann setzt so etwas wie Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit der deutschen Philosophie ein?

Erst in den 1980ern. Das große Verdienst kommt Wolfgang Fritz Haug und der Zeitschrift Das Argument zu; mit ihm wurde eine Arbeitsgruppe aktiv, aus deren Forschungen 1986–1989 drei Bände über Philosophie im Nationalsozialismus entstanden sind. Dies war ein wichtiger Anstoß für viele Arbeiten, die später publiziert worden sind. •

Dieser Beitrag erschien in der Sonderausgabe Nr. 3 „Die Philosophen und der Nationalsozialismus im Januar 2015.

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