Risiken und Nebenwirkungen der Liebe

Streetart in Lisabon Bild: © CC-by 2.0 r2hox

Als Paar zu verschmelzen bedeutet meist, dass die Frau die Fleißarbeit macht. Doch Liebe kann auch an den eigenen Bedürfnissen festhalten. Ins Politische gewendet heißt das nichts anderes als: Solidarität

Von Margarete Stokowski

Bild: privat

Margarete Stokowski

Margarete Stokowski studierte Philosophie und Sozialwissenschaften in Berlin. Seit 2009 schreibt sie als freie Autorin, seit 2015 als Kolumnistin für Spiegel Online. Im letzten Jahr erschien ihr Buch „Untenrum frei“ (Rowohlt, 2016)

„Love is not the answer to everything“, singt die Schweizer Musikerin Sophie Hunger. Liebe ist nicht die Antwort auf alles – aber dann zumindest auf manches? Und da, wo die Liebe eine Antwort ist, wüssten wir doch immerhin, dass sie eine gute ist. Denn wer könnte schon gegen die Liebe sein – oder? Leider ist es nicht so einfach. Liebe kann eine Antwort, eine Rettung sein, aber wenn sie dabei mehr sein soll als die Alternative zu einem einsamen Abend auf dem Sofa, ja wenn sie vielleicht sogar eine Lösung für ein viel größeres Problem darstellen soll, ein gesellschaftliches oder politisches, dann müssen wir schon etwas genauer fragen: welche Liebe eigentlich?

Die romantische Liebe wird oft als Rückzugsort aus der Geschichte verstanden: Da draußen mag die Welt untergehen, aber wir halten zusammen: against all odds, wir zwei gegen den Rest der Welt. Das ist zwar eine irgendwie schöne, aber zugleich auch hoffnungslose Idee von Liebe. Denn zum einen ist der Rest der Welt vermutlich doch immer stärker als zwei Menschen. Und ist es zum anderen nicht auch unfair gegenüber der Liebe? So zu tun, als sei sie zwar gut genug im Kleinen, aber inkompatibel mit dem großen Ganzen?

Gibt es also eine Möglichkeit, die Idee der Liebe ins Politische zu übersetzen – ohne in all die potenziellen Fallen zu tappen? Mit der Aufforderung „Make love, not war“ etwa können viele Dinge gemeint sein. Die Tatsache, dass der Satz aus der Friedensbewegung stammt, lässt vermuten, dass damit nicht nur gemeint ist, ein paar Mal öfter Sex zu haben, sondern etwas Größeres. Immerhin soll es ja einen Krieg ersetzen – und das geht, so weit wird man sich einig sein, nur durch politische Lösungen, nicht durch ein bisschen mehr Intimität. Auf der anderen Seite lauert in einer politischen Idee der Liebe die scheußliche Vorstellung vom „geliebten Führer“, der, ob in Nazideutschland oder Nordkorea, einen Personenkult betreiben lässt und damit definitiv eine Variante von „Liebe“ bemüht, die niemals gut sein kann. Sprechen wir von der Liebe im Politischen, meinen wir also hoffentlich keines dieser beiden Extreme: weder den Rückzug noch die Unterwerfung.

Notwendiges Wagnis

Trotzdem gibt es gute Gründe, die Liebe auch im Politischen zu verorten. Viele ergeben sich bereits schlicht aus der Gegenüberstellung der beiden Begriffe. Denn diese zeigt, dass sich beide in ihrem Wesen eigentlich sehr nah sind. In der Liebe wie in der Politik entsteht aus einzelnen Individuen ein neues Wir. „Die Liebe“, schreibt die Soziologin Eva Illouz in ihrem Essay „Das Verlangen nach Anerkennung“, „bezieht ihre Macht aus der Tatsache, dass sie qua Natur das Ego steigert.“ Das macht politisches Handeln ebenfalls: Menschen tun sich zusammen und werden Teil von etwas Größerem. Sie vermehren sich – ob im biologischen oder im übertragenen Sinne. Durch solchen Zusammenhalt entsteht etwas Neues, etwas, das ein einzelner Mensch alleine nie schaffen könnte. Das mögen Revolutionen oder Kinder sein. So oder so ist es immer ein Wagnis, kann aber gleichzeitig auch berauschend wirken wie gute Drogen.

Neues wird möglich, aber ebenso notwendig. Auch darin ähneln sich Politik und Liebe. Sie müssen immer wieder neu erfunden, immer wieder auf die Zukunft hin entworfen werden. Beziehungen können in Gewohnheiten ersticken, während politisches Handeln stets auf neue Herausforderungen reagieren muss. Weder für die Liebe noch für die Politik gibt es eine schicksalhafte Form, in die sich alles fügt, sobald wir einander gefunden haben. Man könnte auch sagen: Dann geht es erst richtig los. Wo wollen wir hin, was sind unsere Ziele, und wer wird auf dem Weg dahin welche Aufgaben übernehmen? Das klingt womöglich etwas unromantisch, aber selbst wenn man zusammen ins Kino geht, muss man klären, wer die Tickets kauft.

Wenn wir eben diese Form von Liebe, die ohne Selbstaufgabe auskommt, ins Politische übertragen können, führt uns das mitten in die Revolution.


 

Liebe als Serviceleistung

Wie alles, was helfen kann, hat auch die Liebe Risiken und Nebenwirkungen. Gerade weil sie so etwas wahnsinnig Schönes ist, müssen wir aufpassen, was sich unter ihrem Etikett in unsere Vorstellungen schmuggelt. Denn es ist nicht immer klar, was Liebe eigentlich ist, nicht einmal zwischen zwei Menschen, die sich sehr nah sind. In „There is a war“ singt Leonard Cohen: „Well I live here with a woman and a child / the situation makes me kind of nervous / Yes, I rise up from her arms, she says ,I guess you call this love‘; / I call it service.“

Liebe als Serviceleistung, das scheint zunächst absurd, aber wenn wir genauer hinsehen, ist es ein Gedanke, an den viele sich längst gewöhnt haben. Die Aufgaben, die in heterosexuellen Beziehungen meist Frauen übernehmen, können als reproduktive Tätigkeiten und emotionale Arbeit beschrieben werden. Das ist zum einen das gesamte Feld der Hausarbeit, Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen. In Deutschland, so hat es jüngst wieder eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung ergeben, leisten Frauen in diesen Bereichen 60 Prozent mehr unbezahlte Arbeit als Männer. Sprechen wir von emotionaler Arbeit, ist zum anderen der gesamte Bereich des „Darüber-Redens“ gemeint: sich einfühlen, nachfragen, Probleme ansprechen, Konflikte lösen. Natürlich tun Männer das auch. Aber wenn es darum geht, von wem es traditionell erwartet wird, landen wir schnell bei der Frau als „guter Seele des Hauses“ – die zufällig kein Hobby hat. Im schlimmsten Fall funktioniert Liebe dann so, dass Frauen sie herstellen und Männer sie essen.

Es mag hart wirken, das so deutlich zu sagen, da Liebe gemeinhin doch etwas Verschmelzendes sein soll, also etwas, wo nicht haarklein auseinandergefrickelt wird, wer was tut. Doch auch wenn es sich bei dieser „Arbeit aus Liebe“ um etwas handelt, das Frauen bisweilen auch gerne tun, haben wird es dennoch mit Aufgaben zu tun, die von Kapitalismus, Staat und Patriarchat strukturell so gewollt sind. Aber es geht auch anders. „I feel I can give you everything without giving myself away“, schreibt Maggie Nelson in ihrem Buch „The Argonauts“ an den Menschen, den sie liebt. Es gibt Hingabe, die nicht zugleich zur Selbstaufgabe wird. Liebe ist dann nicht nur der Zusammenhalt zwischen zwei Menschen, sondern hält auch sie selbst, jeden für sich, zusammen.

Wenn wir eben diese Form von Liebe, die ohne Selbstaufgabe auskommt, ins Politische übertragen können, führt uns das mitten in die Revolution. Es handelt sich dann nicht mehr um eine Liebe zwischen Zweien, sondern um jene Art anonymer Liebe, die wir auch unter einem anderen Begriff kennen: Solidarität. Es ist der Zusammenhalt, der nicht duldet, dass auf dem Weg zu gemeinsamen Zielen sinnlos gelitten wird. „Eine Welt muss umgestürzt werden“, schrieb Rosa Luxemburg, „aber jede Träne, die geflossen ist, obwohl sie abgewischt werden konnte, ist eine Anklage.“ •

Diesen Beitrag finden Sie in
der Ausgabe
Nr. 4 / 2017.